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,QKDOWVYHU]HLFKQLV
1. Einleitu ng Seite 3
2. Prolegom ena zum Werk Kästners Seite 4 2.1. „Kurzgefaßter Lebenslauf“ bis 1933 Seite 4 2.2. Weim arer Rep u blik - Versu che, eine Gesellschaft zu änd ern Seite 5 2.3. N eu e Sachlichkeit Seite 6 2.4. Kästners Gebrau chslyrik Seite 7 2.5. Die vier Ged ichtbänd e Seite 10
3. Au seinand ersetzu ng m it d em Militarism u s Seite 11 3.1. Op fer Seite 12
3.1.1. Lost Generation - überlebend e Opfer Seite 12
3.1.2. Stim m en au s d em Massengrab - tote Op fer Seite 15 3.2. Täter Seite 17
3.2.1. „Verlaßt Eu ch nie au f Gott u nd seine Leu te!“ Seite 17
3.2.2. Staatliche Institu tionen (Schule, Militär) u nd ihre m ilitaristischen Vertreter Seite 18 3.2.3. Ansprache an Millionäre Seite 19
3.2.4. H änd e an d ie H osennaht! - Die Untertanen Seite 21 3.3. Zusam m enfassung Seite 25
4. Gebrau chslyrik ohne Gebrau chsw ert? Seite 26 4.1. Wirku ng u nd Wirkungslosigkeit - Kritikerstim m en Seite 26 4.2. Der „Kästnerton“ Seite 29 4.3. Die Weltsicht Kästners in d er Lyrik Seite 31 4.4. Die Weltsicht Kästners in d er Militarism uskritik Seite 34
5. Zu sam m enfassu ng Seite 35
6. Literatu rverzeichnis Seite 36
3
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„ Kennst d u d as Land , w o d ie Kanonen blühn?“ Es ist d as Land Goethes u nd Lessings, Fried rich d es Großen und Wilhelm II., jenes Land , in d em Geist u nd Untertanengeist in ew iger Rivalität zu stehen scheinen. Nach d em Ersten Weltkrieg hofften d eu tsche Intellektu elle, d ass d er Geist d er Weim arer Repu blik d en Untertanengeist d es Wilhelm inischen Reich ablösen könnte. Dazu m u sste d ie Intelligenz jed och aus ihrem elitären Zirkel herau s, u m m assenw irksam zu w erd en. Kaum ein p olitischer Dichter d er Weim arer Repu blik vollzog d iesen Parad igm enw echsel konsequ enter als Erich Kästner. Er „ w agte es, gleich und im m er zu sagen, w orauf es ihm ankam . Unzählige Leser w aren ihm d afü r d ankbar; nur d aß viele Kritiker es ihm nicht verzeihen w ollten.“ 1 Denn kau m ein p olitischer Dichter d er Weim arer Repu blik w u rd e so vehem ent von allen p olitischen Lagern kritisiert. Wurd e kritisiert, w as Kästner p op ulär m achte? Was m achte seine Lyrik pop u lär, w ie entw ickelte sie sich? Unter w elchen Wirku ngsbed ingu ngen schrieb Kästner Ged ichte? Da Kästners Werk von au tobiograp hischen Eind rü cken 2 geprägt ist, soll in d en einleitend en 3UROHJRPHQD ]XP :HUN .lVWQHUV Determ inanten seines Schreibstils u ntersu cht
w erd en: seine Sozialisation, d ie kultu rellen Wirku ngsbed ingungen in d er Weim arer Repu blik, d ie „ Neu e Sachlichkeit“ . Im Unterkap itel 2.4. w ird d ie von d iesen d rei Einflu ssfaktoren gep rägte Gebrau chslyrik Kästners vorgestellt. Dabei w ird kurz au f d en Einflu ss Lessings u nd H eines auf Kästners Schreibstil eingegangen. In Kästners vier Ged ichtbänd en d er Weim arer Rep u blik +HU]DXI7DLOOH (H T), /lUPLP 6SLHJHO (LS), *HVDQJ]ZLVFKHQGHQ6WKOHQ (GS) und (LQ0DQQJLEW$XVNXQIW (MA) kristallisiert sich d ie Kritik am Kasernenhofd enken als ein H aup tthem a heraus. In d er $XVHLQDQGHUVHW]XQJ PLW GHP 0LOLWDULVPXV sollen d ie H au ptkritikp u nkte in Kästners antim ilitaristischer Lyrik
festgestellt w erd en. Wen od er w as m acht d er Autor fü r d en Militarism us verantw ortlich? Welche Lösu ngsvorschläge bietet er d em Rezip ienten? Mit w elchen Strategien versu cht er d em Militarism u s entgegenzu w irken?
Versu cht Kästner überhaup t entgegenzu w irken? Od er u nterliegt seine Kritik d er Massenw irksam keit? Mit H ilfe zeitgenössischer und heutiger Kritiken w ird im Kap itel 4 d er „ Gebrauchsw ert“ Kästnerscher Lyrik u ntersucht. Die in d iesem Zu sam m enhang w ichtige Frage nach d er Weltsicht d es Autors w ird in d en Unterkap iteln 4.2. u nd 4.3. versu cht zu klären.
1 Reich-Ranicki: Der Dichter der kleinen Freiheit. 1974.
2 „ Viele seiner Gedichte, Romane, Dramen, Träume und Visionen liefern Details aus seinem privaten Leben.“ (Kesten: Erich Kästner. 1999. S. 198.)
4
3UROHJRPHQD]XP:HUN.lVWQHUV
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Als Klassenprim us voller guter Eigenschaften, jed och ohne erkennbares p olitisches Interesse, w u chs Kästner in kleinbü rgerlichen Verhältnissen in Dresd en au f. Durch d ie p ositiven Erfahrungen m it d en zu r Unterm iete w ohnend en Lehrern reifte bei ihm d er Entschlu ss au ch Lehrer zu w erd en. Ab 1913 besuchte er d eshalb d as Freiherrlich von Fletscher’sche Lehrersem inar in Dresd en. Seine Unzufried enheit m it d em Wilhelm inischen Drill in d er Schule u nd Lehrerau sbild ung verarbeitet er in d er .OHLQH>Q@ )KUXQJ GXUFK GLH -XJHQG (H T,
41)
Mit Beginn d es Ersten Weltkriegs w urd en au ch Sem inaristen zu m Kriegsd ienst eingezogen. Bereits 1915 3 setzte sich Kästner literarisch m it d em Tod seiner Mitschü ler au seinand er. In d er m ilitärischen Ausbild u ng, an d er Kästner ab 1917 teilnehm en m u sste, w ird er von einem sad istischen Au sbild er nam ens Wau rich so geschu nd en, d ass er m it einem schw eren H erzleid en ins Lazarett ü berw iesen w ird . Kästner blieb vom Fronteinsatz verschont, d er Krieg p rägte trotzd em sein Leben. Er verlor Mitschüler u nd w u chs u nter d en Einflü ssen d es Ersten Weltkriegs zu m Mann.
Der Drill im Lehrersem inar, d er Tod seiner Mitschüler u nd seine Erfahrungen als Rekrut haben d em bisher u np olitischen Kästner einen lebenslangen H ass au f d en Militarism us und alle seine Au sw ü chse eingeim p ft.
Während seiner Stu d ienjahre in Leip zig begann Kästner als Red akteu r zu arbeiten. Der Schreibstil u nd d ie Them atik d es „ lyrischen Rep orters seines Zeitalters“ 4 w u rd en w esentlich d u rch d ie Zeitu ngsarbeit gep rägt. Im m er w ied er find en sich in d en Ged ichten p ublizistische Stilelem ente: „ raffend es Erzähltem po, seine Erzähld istanz als Berichterstatter u nd seine […] m anchm al kom m entierend en u nd and ere Male zu sam m enfassend en Ged ichtschlü sse.“ 5 Um d as Zeitungsged icht konku rrenzfähig zu m achen, m u sste es Au fsehen erregen u nd verständ lich sein. Die zu vor in Zeitu ngen pu blizierten Ged ichte w u rd en 1928 in einem ersten Sam m elband (+HU] DXI 7DLOOH) veröffentlicht. Im Abstand von jew eils einem Jahr erschienen /lUPLP6SLHJHO und (LQ 0DQQJLEW$XVNXQIW. 1932 erschien sein letzter Ged ichtband d er Weim arer Rep ublik - *HVDQJ ]ZLVFKHQ GHQ 6WKOHQ. Neben d en
3 Bisher wurden die frühesten Publikationen auf 1919 datiert. 1999 wurden drei frühe Gedichte in der Bibliothek des Dresdner Stadtarchivs entdeckt, die Kästner als Schüler in dem „ Fletscheranerboten“ publizierte. Kästner
widmete u.a. gefallenen Freunden das Gedicht +HOGHQ (1915), drei Jahre später erschien -XQJVHLQKHLW6WHUEHQ 0VVHQ. (Vgl. Sterbende Helden. FAZ 1999). 4 Becker: Wider die „ Grossisten der Intuition“ . 1998. S. 210. 5 Brendel: Gebrauchslyrik. 1975. S. 123.
5
Ged ichtbänd en w ar Kästner ständ ig vertreten in Zeitu ngen und Anthologien u nd erlangte Weltru hm m it seinem 1928 veröffentlichten Kind erbu ch (PLOXQGGLH'HWHNWLYH
Trotz seiner Zu sam m enarbeit m it vielen linksintellektu ellen Schriftstellern blieb Kästner konsequ enter Ind ivid u alist. Er schloss sich keiner Partei od er Schutzvereinigung an, d a er befü rchtete, seine Meinu ng u nterord nen zu m üssen. 7 Während sich and ere Schriftsteller in Schu tzverbänd en einreihten, „ sang“ Kästner bis zu m 30. Janu ar 1933 „ zw ischen d en Stü hlen“ . 8 Nach d er Machtü bernahm e H itlers w u rd en Kästners Schriften m it d en Worten „ gegen Dekad enz u nd m oralischen Verfall“ d em Feu er übergeben. 9
Die Ju gend erlebnisse p rägten Kästners Sichtw eise au f d ie Weim arer Rep ublik. Zw ei Erfahrungsbereiche d es ju ngen Kästners lassen sich feststellen:
1. Kästner sah trotz seines Erfolges d ie unerfüllten Träum e d er Menschen au s Sicht d es Sohnes von Kleinbürgern.
2. Kästner erlebte d ie Macht u nd Willkür au toritärer Institu tionen (Bild u ngseinrichtu ngen, Militär).
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Wie viele Au toren d er Weim arer Rep u blik verarbeitete d er ju nge Pu blizist Kästner seine Ju gend erlebnisse u nd m achte sich so zu m Sprecher einer Generation, d ie d u rch eine sehr ähnliche Sozialisation gep rägt w u rd e. Das ku rzzeitige Machtvaku um , entstand en d u rch d as p olitisch-ökonom ische Chaos, beflü gelte d ie Intellektu ellen d er Weim arer Rep u blik, end lich d as geistige Deu tschland an d ie Macht zu bringen. Intellektu elle u nd Staat, Geist u nd Macht sollten in d er neu en Repu blik ihre Synthese find en. „ In ihrer Rolle als ‚u niverselle Intellektu elle’ (Michel Fou cau lt) boten sie [d .i. d ie Literaten] d em Volk Deu tu ngsm uster an, m it d eren H ilfe d ie sonst u nverständ liche Welt sinnhaft au sgelegt w erd en konnte.“ 10 Das ku lturelle Leben in d er Weim arer Rep u blik w urd e von d en politischen u nd sozialen Sp annungen geprägt. Die Vielfalt an p olitischen Meinungen u nd ihren Vertretern
6 Vergleicht man Kästner mit den oft drittklassigen Kinderbuchautoren seiner Zeit, so ist sein Wirken geradezu revolutionär anzusehen. Das Ideal des gehorsamen Kindes des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde abgelöst von selbstständigen, zupackenden Helden, die in (zuvor verpönter) Alltagssprache ihr Leben in die Hand nahmen.
7 Vgl. dazu auch .OHLQH5HFKHQDXIJDEH (GS, 93): „ Allein ging jedem alles schief. / Da packte sie die Wut. / Sie bildeten ein Kollektiv / und glaubten, nun sei’s gut. // […] // Addiert die Null zehntausendmal! […] // Zum Schluss kommt Null heraus.“
8 Sein Ausspruch über Tucholsky galt auch für ihn: „ Er war bereit, dem arbeitenden Volk […] alles hinzugeben, nur eines niemals: die eigene Meinung.“ (Kästner: Begegnung mit Tucho. In: Erich Kästner lesen. 1999. S. 157). 9 Kästner musste übrigens im Oktober 1965 ein zweites Mal miterleben, wie seine Schriften verbrannt wurden. Diesmal von der Düsseldorfer Jugendgruppe entschiedener Christen. 10 Kaes: Weimarer Republik. 1998. S. 26819.
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sp iegelte sich in d er Vielfalt p u blizistischer Organe w id er. Etw a 3400 Tageszeitungen bild eten d ie w ichtigste Inform ationsquelle für d ie Bevölkeru ng. Allerd ings fü hrte d ie Lebensu nsicherheit d er Inflationszeit zu einem gesteigerten Bed ürfnis nach Vergnü gen u nd leichter Unterhaltung. „ Überd ru ss am Geist geht von rechts nach links, keiner von uns, d er es nicht erlitten u nd em pfund en hätte“ , schim p fte Klau s Mann 1927 11 . Die entsprechend en Massenm ed ien fü hrten zu einer Am erikanisieru ng, aber au ch Uniform ierung d es Geschm acks. Das hieß vor allem , d ass d ie Ku ltu r u nter Verkaufszw ang stand . Ku nst ohne Käu fer w ar u nvorstellbar. Alfred Döblin ford erte angesichts d ieser neu en Situ ation in seinem Essay 'HU 6FKULIWVWHOOHU XQG GHU 6WDDW (1922) einen neuen Typ us d es Schriftstellers, d er „ m it d iesem zu
ihm d rängend en Volk zu fü hlen lernt, an ihm lebend ig w ird u nd ihre Art au fw eckt. Es w ird bald d ie Zeit kom m en, w o w ir einfacher w erd en m ü ssen, viel einfacher, verständ licher u nd d aru m lebensvoller als w ir jetzt sind “ . 12
1HXH6DFKOLFKNHLW
Döblins Ford erung entsp rach d er d om inierend e Stil d er Weim arer Repu blik, d ie N eu e Sachlichkeit. Trotz aller literatu rw issenschaftlichen Kontroversen 13 w erd en d ie H inw end u ng zu r Alltagsw elt u nd d er veristische Stil als Grund eigenschaften d er Neu en Sachlichkeit akzep tiert. Du rch d en Abbau von Rhetorik und Bild lichkeit nahm d ie Literatur p ublizistische Zü ge an. Oft w urd e Lyrik (so auch von Kästner) sogar aus Tagesanlässen für d ie Zeitu ng od er d as Kabarett geschrieben.
„ Stiltyp ologisch verstand en m eint [N eu e Sachlichkeit] d ie d em Jou rnalism u s verw and te Tend enz zu r Berichterstattu ng u nd Inform ationsverm ittlu ng, w as in Gattu ngsbegriffe w ie ‚Gebrau chslyrik’, ‚Tatsachenrom an’ u nd ‚Zeitstück’ als Bed eu tu ngskom ponente m it eingeht.“ 14
Vor allem d er Begriff d er „ Gebrauchslyrik“ im p liziert, d ass sie aktuell und hand lu ngsanleitend sein m ü sse. Die Dichter sollten sich von d er „ hohen Kunst“ abw end en u nd d en d irekten Kontakt m it d em Pu bliku m suchen.
Die Merkm ale d es „ Neuen“ in d er Neu en Sachlichkeit sollen noch einm al exp lizit au fgezählt w erd en, d a sie sich ausnahm slos in Kästners Lyrik find en lassen 15 .
11 Zitiert nach: ebd. S. 26830.
12 Ebd. S. 26835.
13 Vgl. Werke von H. Bayerdörfer, A. Kaes, K. Petersen, U. Stadler-Altmann. 14 Petersen: Neue Sachlichkeit. 2000. S. 699.
15 Erstaunlicherweise wurde Kästner zum Teil dem Expressionismus zugeordnet (Clemens Heselhaus nahm Kästner 1956 in seine Anthologie expressionistischer Dichter auf: Die Lyrik des Expressionismus, Deutsche
7
- neu er Denkstil (sachlich, objektiv, beinahe w issenschaftlich)
- d esillusionierte, gefü hlskalte H altung
- neu e Generation („ lost generation“ 16 , Kriegsju gend )
- neu e soziale Gru p pen (Angestellte, Arbeitslose)
- neu es ü berind ivid u elles Verständ nis d es Su bjekts
- neu e Um w elt (Großstad t, Technik, Massenm ed ien), d ie au ch bejaht w ird
Der Au tor d er Texte sollte sich als Sprecher d er neu en Generation verstehen und sein Publiku m ansp rechen. Form al 17 und inhaltlich sollte d ie neu e H altu ng erkennbar sein.
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Kästner bekannte sich zur Verw end barkeit von Lyrik, ind em er d as Brechtsche Schlagw ort vom „ Gebrau chsw ert“ 18 au fgriff u nd in d er 3URVDLVFKHQ =ZLVFKHQEHPHUNXQJ (LS, 51ff.) einen
Parad igm enw echsel anm ahnte. Statt Originalitätssucht d es Au tors w äre d ie Verständ lichkeit d er Inhalte w ichtig, statt Intu ition d ie hand w erklichen Fertigkeiten d es Au tors. Im ergänzend en Aufsatz in d er Weltbü hne 'LDUUKRH GHV *HIKOV 19 verhöhnte Kästner
nam hafte Schriftsteller, d ie m it ihren „ göttlichen Konzessionen“ prahlten. Kästner zählte sich zu d en Gebrau chsp oeten, „ d ie w ie natü rliche Menschen em p find en u nd d ie Em p find ungen
Texte 5.) oder in der Neuen Sachlichkeit ignoriert. Da das expressionistisch Pathetische und Prophetische für Kästner jedoch vollkommen uncharakteristisch und seine Sprache, wie bereits dargestellt, sehr sachlich ist, kann er nicht dem Expressionismus zugeordnet werden. Mittlerweile wird er von literaturwissenschaftlichen Referenzen (z.B. Wilpert) als Vertreter der Neuen Sachlichkeit verstanden.
16 Der Begriff „ lost generation“ wurde von Hemingway popularisiert. Gertrude Stein wurde mit ihm Zeuge einer Auseinandersetzung, in der ein junger Mann zurechtgewiesen wurde: „ Ihr seid alle eine génération perdue.“ Als „ verloren“ wurde die „ Generation“ bezeichnet, die noch vor Ende der Schulzeit zum Kriegsdienst verpflichtet wurde und das Leben im Krieg kennen lernten. Der Unschuld beraubt, kamen sie ins Nachkriegsdeutschland, dessen überfüllter Arbeitsmarkt der Weltwirtschaftskrise keine Verwendung für sie hatte. Viele hielten ihr Leben für nutzlos und begingen Selbstmord. Dieser Nährboden aus Angst und Hoffnungslosigkeit ließ die Keime der massiven nationalsozialistischen Propaganda sprießen.
17 Zwar lassen sich alle anderen stiltypologischen Merkmale in Kästners Lyrik finden. Vorausgreifend soll hier schon festgestellt werden, dass Kästner in der Form auf traditionelle Lyrik zurückgreift.
18 Als Preisrichter bei einem Lyrikwettbewerb der /LWHUDULVFKHQ:HOW wies Brecht in seinem .XU]HQ %HULFKWEHU YLHUKXQGHUWMXQJH/\ULNHU alle Einsendungen als sentimental, unecht und weltfremd, als Nachahmung reiner Lyrik eines Rilke oder Stefan George zurück. Stattdessen zeichnete er das nicht eingesandte Gedicht +H +H7KH,URQ0DQ von Hannes Küpper über den Sechs-Tage-Champion Reggie MacNamara aus, das in einer Radsportzeitung erschienen war. Dieses würde ein dokumentarischer Wert auszeichnen, denn „ gerade Lyrik muß zweifellos etwas sein, was man ohne weiteres auf den Gebrauchswert untersuchen können muß.“ (Zitiert nach: Kaes: Vom Expressionismus zum Exil. 1998. S. 286f.).
19 Ein Wiener Professor wollte wissen, wie Dichtung entstehe, und lud sich namhafte Schriftsteller ein. „ Und nun legen [… ] diese männlichen, vom Größenwahn befallenen Backfische, gründlich los. Sie reden dem Vollbart ein, daß sie ein intimes Verhältnis mit dem Heiligen Geist hätten und bei der Ausgießung jedes Mal die doppelte Portion kriegten. Ernst von Wolzogen renommiert mit dem ‚seligen Schauer des Entrücktseins’ . Wildgans schreibt ‚wie nach einem mystischen Diktat’ . Ginzkey gerät aus beruflichen Gründen in Trance [… ] Und so sitzen denn der Herr Professor zum Schluß da und reden mit Zittern in der Stimme vom Unbewußten, anstatt den angesammelten Quatsch ins Feuer zu werfen, da wo der Ofen am tiefsten ist.“ (Zitiert nach: Bemmann: Humor auf Taille. 1983. S. 144f.).
Arbeit zitieren:
Christian Vorein, 2002, Kennst du das Land wo die Kanonen blühn - Militarismuskritik in der Lyrik Erich Kästners, München, GRIN Verlag GmbH
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