Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik?
Ein Vergleich zwischen der Bedeutung von Franz Kafkas Figur des Offiziers In der Strafkolonie und Octave Mirbeaus chinesischem Folterer in Der Garten der Qualen als Quelle für Kafka. _________________________________________________________________________
Vorwort
Die Aufnahme von Ideen und Motiven aus literaturgeschichtlich früheren oder zeitgenössischen Werken ist aus der Literatur gar nicht wegzudenken. Dabei werden die Vorlagen in der Regel eigenständig umgearbeitet und in das entsprechende Weltbild bzw. die Aussageabsicht des Autors integriert. Aus den entlehnten Elementen entsteht also in einem Umformungsprozess etwas völlig Neuartiges.
Franz Kafka beweist die Fähigkeit, übernommene Quellen in seine ganz eigene Welt zu übertragen und dabei sowohl in ästhetischer als auch inhaltlicher Sicht weit über diese hinauszugehen. Ausgehend vom Quellentext Der Garten der Qualen von Octave Mirbeau untersucht die vorliegenden Arbeit, welche Elemente Kafka für seine Erzählung In der Strafkolonie daraus übernommen hat und wie er diese verwendet bzw. umformt, um sie für sein eigenes Schaffen fruchtbar zu machen.
Die Analyse beleuchtet den Themenkomplex der konservativen Kulturkritik, der in beiden Texten zum Tragen kommt, führt dann aber weiter zu kulturellen und philosophischen Strömungen der Jahrhundertwende (um 1900) und mündet in einer Vielzahl an Lesarten, die auf den Kafka-Text angewandt werden können und diesen als Text der Moderne ausweisen.
Dorit Heike Gruhn, M.A. ist seit 1993 Lehrkraft für Deutsch als Fremdsprache an der Benemérita Universidad Autónoma de Puebla in
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Ein Vergleich zwischen der Bedeutung von Franz Kafkas Figur des Offiziers In der Strafkolonie und Octave Mirbeaus chinesischem Folterer in Der Garten der Qualen als Quelle für Kafka. _________________________________________________________________________
Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik? Ein Vergleich zwischen der Bedeutung von Franz Kafkas Figur des Offiziers In der Strafkolonie und Octave Mirbeaus chinesischem Folterer in
4 1. Quellen als Grundlage für literisches Schaffen: Plagiat oder Inspiration?
6 2. Gemeinsamkeiten der Vergleichsstellen
9 3. Kafkaeske Momente bei Mirbeau? Was Kafka an dem Quellentext interessiert.
12 4. Analyse der konservative Kulturkritik bei Mirbeau 4.1 Erzähltechnik 12
4.2 Folterkultur als Schönheits-, Todes- und Liebeskult 13
5. Analyse der konservativen Kulturkritik bei Kafka 18 5.1 Erzähltechnik 18
5.2 Das Verfahren des Offiziers als altes System 20
5.3 Das Verfahren des Offiziers als Grometapher für 26
gegenwärtige Zustände. Mögliche Interpretationsansätze 5.3.1 Sado-Masochismus 27
5.3.2 Der Bürokratie-Komplex in Anlehnung an Alfred Weber 28
5.3.3 Der allgegenwärtige Vater 30
5.3.4 Sozialisation des Menschen
5.3.5 Die Wertfreiheit des Wissenschaftlers nach Max Weber
35 6. Der offene Text als Kennzeichen der Moderne
36 Bibliographie
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Ein Vergleich zwischen der Bedeutung von Franz Kafkas Figur des Offiziers In der Strafkolonie und Octave Mirbeaus chinesischem Folterer in Der Garten der Qualen als Quelle für Kafka. _________________________________________________________________________
1. Quellen als Grundlage für literisches Schaffen: Plagiat oder Inspiration?
In der Literaturgeschichte gibt es unzählige Fälle, in denen sich ein Autor nachweislich auf andere literarische oder nicht-literarische Texte als Grundlage für sein Schaffen stützt. Dies kann ihm in unserem Jahrhundert zum Verhängnis werden, nämlich dann, wenn er des Plagiats bezichtigt wird, das heit, wenn er fremde Werke oder Teile daraus kopiert und als seine eigene Schöpfung ausgibt. Auch namhafte Autoren sind vor dieser Anklage nicht gefeit, so wurde z.B 1994 ein Text mit dem Titel "Günter
Grass ein Plagiator? 1 " veröffentlicht und auch Carlos Fuentes, einer der bekanntesten mexikanischen Schriftsteller, ist des nämlichen Übels schon bezichtigt worden. Natürlich schmälert es den Wert eines Werkes ungemein, wenn ein Autor sogar seitenweise von einem anderen abschreibt, wie es etwa Elmar Peter Schilhab getan hat, dessen Buch Ein Mann in Chiapas wie eine billige Copie und Zusammenstellung mehrerer Bücher Travens
erscheint 2 .
Auch Franz Kafkas Erzählung In der Strafkolonie 3 stützt sich auf Vorlagen,
wobei die literaturwissenschaftliche Forschung gleich drei Quellen zutage gefördert hat, die Kafka bei der Abfassung seiner Erzählung entschieden
beeinflusst haben, und zwar Octave Mirbeaus Der Garten der Qualen 4 , Friedrich Nietzsches Zur Genealogie der Moral 5 und Alfred Webers Der Beamte 6 .
1 Rarisch, Klaus M.: Günter Grass ein Plagiator? Hamburg: Robert Wohlleben Verlag 1994 (Meiendorfer Druck 30), 16 unpaginierte Seiten, unaufgeschnitten und ohne Umschlag.
2 vgl. Rall, Dieter: Literatura y etnología: los indios de Chiapas como tema en la narrativa alemana y mexicana. In: Letras Comunicantes. Hg. v. Marlene Rall und Dieter Rall. México, D.F.: UNAM 1996. S. 66.
3 Kafka, Franz: Ein Landarzt und andere Drucke zu Lebzeiten. Originalfassung. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag GmbH 1998, S. 159-195.
4 Mirbeau, Octave: Der Garten der Qualen. Ungekürzte Originalausgabe. München: Wilhelm Heyne Verlag: 1974.
5 Nietzsche, Friedrich: Zur Genealogie der Moral. In: Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Hg. von Karl Schlechta, Bd. 2. München: 1977.
6 Weber, Alfred: Der Beamte. In Die neue Rundschau, XXI ter Jahrgang der freien Bühne, 1910, Band 4. S. 1321-1339.
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Vor allem die Arbeiten von Hartmut Binder 7 haben belegt, dass Kafka auf Grund seiner psychologischen Konstitution sehr stark auf Vorlagen angewiesen war. Vielfältige und oft bis ins Detail gehende Entsprechungen seiner Werke mit denen von Vorgängern untermauern dies. Doch bedeutet das Umsetzen von Quellentexten immer schon Plagiat? Die Antwort lautet natürlich "nein". Die Aufnahme von Ideen und Motiven aus literaturgeschichtlich früheren oder zeitgenössischen Werken ist aus der Literatur gar nicht wegzudenken. Kein Autor kann die von ihm erschaffenen fiktiven Welten ganz allein aus sich heraus schöpfen; immer ist er auf literarische, geschichtliche oder sonstige Vorbilder angewiesen, denen er sein Material entnimmt und von denen er sich inspirieren lässt. Dabei werden die Vorlagen in der Regel eigenständig umgearbeitet und in das entsprechende Weltbild bzw. die Aussageabsicht des Autors integriert. Aus den entlehnten Elementen entsteht also in einem Umformungsprozess etwas völlig Neuartiges. Denken wir nur an die verschiedenen Bearbeitungen des Faust-Stoffes, oder aber an Plenzdorfs Einflechtung des Werther-Motivs in Die neuen Leiden des jungen Werther.
Ebenso verhält es sich mit Franz Kafka. Er beweist die Fähigkeit, die übernommenen Quellen in seine ganz eigene Welt zu übertragen und dabei sowohl in ästhetischer als auch inhaltlicher Sicht weit über diese hinauszugehen. "Kafka's power of transmutation" nennt Wayne Burns diesen Sachverhalt, und er fügt bezüglich Kafkas literarischen Anleihen hinzu: "Close and numerous as they are, they do not in any sense lessen his
artistic achievement [...]" 8 .
Ausgehend vom Quellentext Der Garten der Qualen von Octave Mirbeau werden wir in der vorliegenden Arbeit untersuchen, welche Elemente Kafka für seine Erzählung In der Strafkolonie daraus übernommen hat und wie er diese verwendet bzw. umformt, um sie für sein eigenes Schaffen fruchtbar
7 vgl. Lange-Kirchheim, Astrid: Franz Kafka: "In der Strafkolonie" und Alfred Weber: "Der Beamte". In: Germanisch-Romanische Monatsschrift, hg. von Heinz Otto Burger, Neue Folge, Band XXVII 1977, S. 220.
8 Burns, Wayne: 'In the Penal Colony': Variations on a Theme by Octave Mirbeau. In: Accent 17 (1957), Heft 2, S. 49.
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zu machen. Dabei interessiert uns insbesondere der Themenkomplex der konservativen Kulturkritik, der in beiden Texten zum Tragen kommt, bei Mirbeau in der Weltanschaung des chinesischen Henkers, bei Kafka in der des Offiziers. Als ersten Schritt werden wir also diejenigen Textstellen vergleichen, die dieses Gedankengut entwickeln und uns dabei sowohl auf erzähltechnische als auch inhaltliche Aspekte stützen. Angesichts der Tatsache, dass Kafka weit über seine Vorlage hinausgreift und die Thematik der Kulturkritik in sehr komplexem Licht erscheinen lässt, sehen wir uns allerdings in einem zweiten Schritt gezwungen, besonders im Fall der kafkaschen Erzählung zwecks einer vielseitigen Beleuchtung der Fragestellung über die einschlägige Textstelle hinauszugehen und die Gesamterzählung mit einzubeziehen, ebenso wie werktranszendente Betrachtungsweisen, das heit auerliterarische Faktoren, die in dieses eingeflossen sind bzw. in ihm reflektiert werden.
2. Gemeinsamkeiten der Vergleichsstellen
Sehen wir uns zunächst einmal die Stellen an, die wir bei Mirbeau und Kafka vergleichen wollen. Es handelt sich (hauptsächlich, einige Details werden auch aus frühren oder späteren Textstellen entnommen) um die Seiten 105 bis 118 von Im Garten der Qualen, die der Beschreibung und dem Monolog des chinesischen Folterers gewidmet sind, sowie die Seiten 177 bis 178 aus In der Strafkolonie, in denen der Offizier ebenso monologartig dem Forscher seine Weltsicht ausbreitet. Die Parallelen zwischen beiden Textstellen sind augenfällig. In beiden Fällen ist die Handlung in einen fremden, exotischen Schauplatz verlegt worden. Wird hier die grausame Folterei anderen, auereuropäischen Völkern unterstellt oder wird die Kritik an heimischen Zuständen auf diese Weise nur verfremdet, wie es z.B. in der französischen Klassik üblich war? Beide Male sind es Ausländer (der europäische Forscher bei Kafka, die Engländerin Clara und der französische Ich-Erzähler bei Mirbeau), die die
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einheimische Figur motivieren, ihre Weltsicht und ihr Leid in recht redseliger Weise auszubreiten. Und dabei wird jedes Mal die Sprache der Ausländer gesprochen (Französisch bei Kafka, Englisch bei Mirbeau), d.h. die einheimische Figur ist mit der europäischen Kultur vertraut. Eine weitere Entsprechung sind die klimatischen Verhältnisse. Auf beide Folterstätten brennt eine glühend heie Sonne nieder und es herrscht eine starke Helligkeit.
Kommen wir nun zu den inhaltlichen Aspekten der jeweiligen Monologe. Sowohl der Offizier bei Kafka als auch der chinesische Folterer bei Mirbeau beklagen sich über den Niedergang der Folterkultur. Sie sind jeweils der letzte Vertreter einer untergehenden Tradition, die von ihren Landsmännern zwar noch toleriert wird, aber auf zunehmendes Unverständnis stösst und keine Unterstützung mehr erfährt. Das Foltern wird dabei in beiden Fällen mit Kunst gleichgesetzt. Der Chinese vergleicht sie mit den Töpfereien, Seidenstickereien und schönen Bildern, die man ebenfalls nicht mehr so wie früher würdige: "Die Kunst, Mylady, besteht darin, dass man zu töten versteht, und zwar nach den Riten der Schönheit, deren göttliches
Geheimnis wir Chinesen allein kennen" 9 , erklärt er Clara. Auch der Klang der Glocke (die allerdings in dieser Passage nicht angesprochen wird) ist sanft und schön. Kafkas Offizier erinnert sich, dass früher "kein Miston" die Arbeit der Maschine störte und die Schrift auf dem Körper des Gemarterten bezeichnet er als "Verzierung". In beiden Texten ist die Folterzeremonie ein quasi religiöser Akt. Der Chinese spricht von "göttlichem Geheimnis" (ein Buddha schmückt den Garten der Qualen), In der Strafkolonie sind Anspielungen auf die Kreuzigung Christi unübersehbar ("Ausdruck der Verklärung von dem gemarterten Gesicht") und die Hinrichtung gleicht überhaupt einem rituellen Fest, an dem das ganze Volk teilnimmt: "Nun, und dann kam die sechste Stunde! Es war
9 Mirbeau 1974, S. 109.
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Arbeit zitieren:
Magister Artium Dorit Heike Gruhn, 1999, Untergang der Folterkultur als konservative Kulturkritik?, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Schuld des Josef K. in Franz Kafkas "Der Proceß"
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