7LPR/XNV
Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
Magister Geschichte / Politikwissenschaft
Hauptseminar: „Fürsorgewesen und Sozialpolitik im 18. und 19. Jahrhundert“
Hauptseminararbeit im Fach Geschichte, eingereicht von Timo Luks:
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a) Entstehung und Begriff
b) Repressive Exklusion: Gesetz, Asymmetrie, Gewalt und Blut
c) Öffentlich Marter und Recht des Schwertes
d) Probleme und Krisen
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a) Entstehung und Begriff
b) Normative Integration: Norm und Gesellschaftsvertrag
c) Menschlichkeit und Besserung
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a) Entstehung und Begriff
b) Produktive Disziplin: Omnipräsenz, Individuen, Ordnung und Detail
c) Gefängnis und Delinquenz
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a) Entstehung und Begriff
b) Leben, Bevölkerung, Tod und Rassismus
c) Produktivität, Sexualität und Normalisierung
d) Freiheit
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In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit der von )RXFDXOW konzipierten Machtanalytik beschäftigen. Auch wenn sich die vorliegende Arbeit mit Fragen beschäftigt, die sich um
den Begriff „Macht“ zentrieren lassen, so heißt das nicht, )RXFDXOW einzig und allein als Machttheoretiker zu präsentieren. Es geht auch nicht um eine möglichst authentische und/oder
umfassende )RXFDXOWinterpretation oder um das Herauskristallisieren eines vermeintlich universalen Leitgedankens. Vielmehr werde ich lediglich einige mir interessant und ergiebig erscheinende Ideen aus der foucault´schen Werkzeugkiste herausgreifen. Die komplexen Verknüpfungen der Machtthematik mit diskurstheoretischen Überlegungen, d. h. die Wechselwirkungen zwischen Macht und Wissen/Wahrheit werden nicht untersucht. Ich verzichte ebenfalls auf eine Konkretisierung der Rolle des Subjekts in diesem Feld. Aufgrund des theoretisch-analytischen Schwerpunkts dieser Arbeit erfolgt keine Prüfung der konkreten Umsetzung und historischen Anwendung der foucault´schen Kategorien. Die Evidenz einzelner Ergebnisse oder „empirischer Unzulänglichkeiten“ werden nicht diskutiert. Innerhalb des so abgesteckten Rahmens kann auch der Bereich der Sozialphilosophie und politischen Theorie mit den dazugehörigen Fragen nach normativem Gehalt, ethischen Programmen und politischen Handlungsanweisungen nicht berücksichtigt werden. Darüber hinaus werden erkenntnistheoretische und methodologische Fragen vernachlässigt oder wie die anderen genannten Bereiche nur sporadisch bearbeitet, obwohl sie an vielen Punkten die von mir gewählte Thematik tangieren. $XIEDXGHU$UEHLW
Im ersten Teil der Arbeit stelle ich die abstrakten analytischen Grundlagen und methodi-
schen Vorkehrungen vor, d. h. ich werde versuchen, )RXFDXOWs Machtanalytik inhaltlich und begrifflich näher zu bestimmen. Im zweiten Teil beschäftige ich mich mit den konkreten Machtformen und -typen. Dabei geht es vornehmlich um die verschiedenen historischen Formationen, die aus der im ersten Teil beschriebenen allgemeinen Funktionsweise von Macht hervorgingen, einander ablösten und zusammenwirkten.
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)RXFDXOWs zentrale Prämisse bei der Konzeption seines Machtbegriffs lautet: 'LH Macht existiert nicht. 0DUWLs Vorwurf, )RXFDXOW verwende trotz dieser mehrmals artikulierten Absicht immer noch den Begriff GHUMacht als „ zentrale Instanz“ , ließe sich entgegenhalten, daß „ die Macht“ bei )RXFDXOW „ konkret-historische Macht-Techniken und -Dispositive“ meint. Im Rahmen einer systematischen Funktionsanalyse verschiedener historischer Machtpraktiken
richtete sich )RXFDXOW gerade gegen herkömmliche Machtheorien und deren Frage nach dem Inhalt und der Substanz von Macht. Er fragte mit seinem analytischen Zugang, nach dem „ Wie?“ der Machtausübung. 1
)RXFDXOW sah die Überwindung existierender Machtmodelle als Voraussetzung für die angestrebte Analytik an. Er wollte sich von Konzepten absetzen, die Macht wesentlich juristisch
und repressiv interpretieren. )RXFDXOW versuchte dadurch, Macht nicht primär in den Gegensätzen legitim und illegitim oder Kampf und Unterwerfung zu bearbeiten, sondern diese zu erweitern und ihre Schwerpunkte zu verlagern. Diese Beschränkung auf Grenzziehung, Beherrschung und Gehorsam (in den meisten Fällen in Bezug auf Recht und Gesetz) würde, sofern man sie als alleinige Mechanismen der Macht betrachtet, die komplexen Funktionen von Macht unzulänglich beschreiben. 2
Juridisch und repressiv geprägte Machtkonzepte gingen von einer homogen wirkenden Zentralinstanz aus, die ihre Ziele hierarchisch von oben nach unten durchsetzt und den rechtlichen Code von Verboten nutzt. Rechtssubjekte, (imaginär) zwischen ihnen geschlossene Verträge, Souveränität und die Legitimität von Herrschaft standen im Mittelpunkt. Darüber hinaus behauptete das repressive Modell, Macht ginge in Unterdrückung und Verbot auf. Dabei wurde immer ein zu unterdrückendes Positives, sei es Sexualität, sei es die Arbeiterklasse oder seien es ganz allgemein Wissen und Wahrheit, vorausgesetzt. Häufig wurde im Anschluß
daran einfach nur die Befreiung der unterdrückten Elemente gefordert. )RXFDXOW lehnte diese Vorstellungen ab, leugnete aber keineswegs die Existenz von Repression überhaupt. Er wehr-
1 Foucault;Seitter, S. 29; Marti, S. 103; Brieler, Historizität, S. 428; Dreyfus; Rabinow, S. 184; ebd., S. 188;
Kögler, S. 98; Cousins; Hussain, S. 225; ebd., S. 227. [In den Fußnoten werden alle Titel verkürzt zitiert, für die
vollständigen Angaben siehe Literaturverzeichnis am Ende der Arbeit. Fußnoten werden i. d. R. am Ende eines
Abschnitts gesetzt. Dort finden sich dann alle Nachweise in der Reihenfolge ihres Erscheinens gesammelt wie-
der. Hervorhebungen, soweit nicht anders vermerkt, im Original].
2 Foucault, Dispositive, S. 73f.; ders., Wille, S. 102ff.
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te sich lediglich gegen die Subsumption aller Machtwirkungen und Praktiken unter diese Ka-tegorie. 3
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Im Anschluß an die Darstellung der Prämissen und Abgrenzungen widme ich mich nun
dem konkreten Inhalt foucault´ scher Machtanalytik. )RXFDXOW sprach, wie gesagt, nicht von GHU Macht, sondern von vielfältigen Machtverhältnissen. 'LH Macht existiert nicht, man kann ihr weder einen konkreten Raum noch eine genaue Zeit oder einen spezifischen Inhalt zuwei-
sen, d. h. man kann sie nicht substantiell fassen. )RXFDXOW setzte Macht mit der „ Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen [gleich], die ein Gebiet bevölkern“ . Diese Definition schließt es explizit aus, Macht als „ Regierungsmacht, als Gesamtheit der Institutionen und Apparate“ zu beschreiben, unter ihr „ eine Unterwerfungsart“ zu verstehen oder sie als „ allgemeines Herrschaftssystem“ im Dienste einer Seite gegen eine andere zu interpretieren. Allgemeiner gesagt: Macht ist „ keine rohe Tatsache, keine institutionelle Gegebenheit, auch nicht eine Struktur, die besteht oder zerbricht“ . „ Die Macht hat kein Wesen, sie ist operativ. Sie ist kein Attribut, sondern ein Verhältnis“ . Macht beschreibt in diesem Kontext also eine allgemeine Matrix von Kräfteverhältnissen und deren konkrete historische Ausprägungen. 4 Macht als Kräfteverhältnis zu fassen bedeutet, zu verneinen, daß sie besessen werden kann. „ Die Formel: `Sie haben die Macht` mag politisch ihren Wert haben, zu einer historischen Analyse [der Machtverhältnisse] taugt sie nicht“ . Macht ist kein feststellbares Vermögen, das einem Individuum oder einer sozialen Gruppe „ als vertraglich vereinbarter oder gewaltsam
angeeigneter Besitz zugerechnet“ werden kann. Da Macht von )RXFDXOW generell nicht ökonomisch, d. h. in Begriffen von Besitz, Aneignung, Veräußerung oder Tausch beschrieben wurde, ging er auch nicht von einer stabilen Klassenmacht, d. h. Macht als Besitz einer und nur einer Klasse aus. Damit leugnete Foucault Klassen(-kämpfe) zwar nicht insgesamt, interpretierte sie aber auch nicht als Konfrontationen einer homogenen Gruppe der Machthaber mit der Klasse der Machtlosen, sondern beschrieb sie als komplexere Machtverhältnisse. Macht ist „ niemals voll und ganz auf einer Seite“ , niemals monolithisch und „ sie wird nie völlig von nur einem Gesichtspunkt aus kontrolliert“ . Macht läßt sich nicht in einem aktiv-passiv Schema analysieren, denn es gibt nicht „ auf der einen Seite diejenigen [...], die die Macht ha-ben und auf der anderen die, die sie nicht haben“ . Mit diesen Überlegungen zielte )RXFDXOW
3 Fink-Eitel, in: Kittler, S. 58; Cousins; Hussain, S. 238f.; ebd., S. 240f., vgl. Kammler, S. 139f. u. Honneth, S.
173; Fink-Eitel, S. 81; Foucault, Maschen, S. 23f.; Dreyfus; Rabinow, S. 129f. Detel, S. 41, vgl. Kammler, S.
140f.; Cousins; Hussain, S. 234.
4 Ders.; Seitter, S. 34; Foucault, Dispositive, S. 126; ebd., S. 111; ders., Wille, S. 113; ders.; Seitter, S. 42; De-
leuze, S. 42f., vgl. Schmid, S. 79.; Dreyfus; Rabinow, S. 186.
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gleichzeitig gegen Versuche, Macht und Herrschaft in einer strikten Herr-Knecht-Dialektik zu fassen. 5
Macht stellt kein Eigentum dar und wird nicht besessen, sondern sie zirkuliert ununterbrochen in der Gesellschaft und ist „ niemals hier und dort anzutreffen“ , d. h. sie läßt sich nicht
dauerhaft und eindeutig lokalisieren. )RXFDXOW beschrieb Macht als Bewegung, die sich augenscheinlich von oben nach unten vollzieht, sich aber genauso in der Gegenbewegung von unten nach oben realisiert. Weder der Staat mit seinen Institutionen, noch die ökonomischen Verhältnisse oder irgendein unabhängiger Wille individueller oder kollektiver Akteure sind
der „ privilegierte[...] Ort als Quelle der Macht“ . )RXFDXOWs dezentrales Modell von Macht begreift Staatsapparate und Institutionen nur als durch bestimmte Machtverhältnisse bedingt. Machtverhältnisse gehören zwar zu den konstitutiven Elementen von Produktionsweisen (oder auch Staatsapparaten), die Aufrechterhaltung derselben ist jedoch nicht ihre primäre Aufgabe. Macht dient nicht der Ökonomie oder dem Staat als Garant und ist diesen nicht unterge-ordnet. 6
Macht ist bei )RXFDXOW keine Substanz, Struktur, Institution oder Person und kann nicht auf einen bestimmten Ort beschränkt werden. Sie kommt vielmehr von überall her. Macht ist ein allgegenwärtiges Verhältnis, das „ immer schon da“ ist und kein Außen 7 hat. Es gibt keinen machtfreien sozialen Raum, weil die Beziehungen zwischen Subjekten bereits notwendig Machtverhältnisse darstellen. Selbst Widerstand, der i. d. R. als gegen Macht gerichtet ange-
sehen wird, ist bei )RXFDXOW ein machtinternes Phänomen. „ Wo es Macht gibt, gibt es Wider-stand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht“ . Machtverhältnisse können nur kraft existierender Widerstandspunkte bestehen. Wi-derstand ist immer im Machtnetz präsent und dient Macht als Gegner, Zielscheibe, Stützpunkt und Einfallstor. Es gibt „ nicht den einen Ort der Großen Weigerung. [...] Sondern es gibt einzelne Widerstände“ , die aber nicht zur Überwindung von Macht überhaupt führen. „ Ich sage einfach: sobald es ein Machtverhältnis gibt, gibt es eine Widerstandsmöglichkeit“ . Wider-stand geht Macht nicht voraus, ist aber auch nicht nachgeordnet. Beide wirken gleichzeitig
und funktionieren als einander notwendige Gegenüber in identischer Weise. )RXFDXOW formulierte seine Überlegungen ausgehend von Widerstandsmöglichkeiten, die er aber als spezifi-
sche Kämpfe gegen die alltäglichen )RUPHQ der MachtDXVEXQJ (nicht gegen die Existenz
5 Foucault, Mikrophysik, S. 114; Honneth, S. 173f.; Kammler, S. 142f.; Foucault, Mikrophysik, S. 115; ders.,
Maschen, S. 41f.; Cousins; Hussain, S. 244.
6 Foucault, Vorlesungen, S. 38f., ders., Dispositive, S. 129f.; Deleuze, S. 40f., vgl. Foucault, Mikrophysik, S.
115f.; Kögler, S. 94f.; Foucault, Mikrophysik, S. 116f., vgl. Deleuze, S. 41f.
7 systemtheoretisch gesprochen, könnte man evtl. formulieren, daß Macht immer auf Macht verweist und nicht
auf Nichtmacht.
Arbeit zitieren:
Timo Luks, 2001, Michel Foucault und die Disziplinarmacht. Aspekte einer Analytik der Macht, München, GRIN Verlag GmbH
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Die Disziplinarmacht. Der Machtbegriff von Michel Foucault.
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