„Das Schreiben zählt zu den großen Leistungen des menschlichen Geistes, in denen sich seine Freiheit ausdrückt. (...) Es ist eine Quelle der Freude, ein Weg, auf dem es vieles zu entdecken gibt. (...)“
(Stafford, in: Rico, Gabriele: Garantiert schreiben lernen, S. 14-15) Die in unserer weitgehend von Schriftlichkeit geprägten Kultur alltäglichen gesellschaftlichen Prozesse bzw. die Teilhabe daran erfordern ein hohes Maß an Kompetenz, sich schriftlich mitteilen zu können. Dabei geht mit dem Begriff „Schreiben“ eine Vielzahl an Bedeutungen einher. Die fachdidaktische Literatur, zusammengefasst bei Rainer Bohn in Henrici/Riemer (Hg.), Einführung in die Didaktik des Unterrichts Deutsch als Fremdsprache, bestimmt ihn als „Schriftsprachenbeherrschung, Formulieren, Schriftäußerung, schriftliches Sprechen, schriftlicher Ausdruck, Rechtschreibung, Fixieren von Sprache durch graphische Zeichen, schriftlicher Sprachvollzug, problemlösende Erkenntnistätigkeit, Schreibe vs. Rede, schriftliche Kommunikationsfähigkeit, Schriftzeichenerlernung“.
In „Schreiben als System“ (Jasmin Merz-Grötsch) erfahren wir, daß Schreiben der produktive Umgang mit Schriftzeichen ist, „angefangen von der einfachen Fixierung zur Gedächtnisentlastung wie Notizzettel u. ä. bis hin zur Verfassung von komplexeren Texten auf der Ebene umfassender Text- und Sprachhandlungskompetenz“, wie z. B. der schriftstellerischen Tätigkeit. Die Schreibfähigkeit eines Menschen zeigt sich also darin, daß er die Fähigkeit besitzt, Buchstaben, Wörter, Sätze oder Texte schriftlich zu fixieren, Gedanken und Gesprochenes festzuhalten oder, wie Helmut Glück in Schrift und Schriftlichkeit feststellte: „Es genügt nicht, das Lesen und Schreiben technisch zu beherrschen, um am Schriftlichkeitsprozeß umfassend teilhaben zu können.“ Sie (die Schreibfähigkeit) stellt darüber hinaus einen sprachanalytischen Vorgang dar zur Ordnung und Strukturierung von Ideen sowie zur Bewusstmachung sprachlichen Denkens. Dies setzt beim Schreiber Basiskompetenzen voraus, die speziell für den Fremdsprachenunterricht bzw. den DaF-Unterricht im Rahmen der Kommunikationsfähigkeit „oberstes Lehr- und Lernziel“ sind, so Günther Storch in Deutsch als Fremdsprache - Eine Didaktik. Hier werden die sogenannten kommunikativen Fertigkeiten nach zwei Dimensionen gegliedert: Zum einen nach dem Medium, in dem die Kommunikation stattfindet, gesprochene vs. geschriebene Sprache, zum anderen nach der kommunikativen Grundhaltung, die ein Handelnder einnehmen kann, d. h. rezeptiv (Entnahme von Informationen) vs. pro-
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duktiv (Vermittlung von Information), wobei zwischen diesen vier Fähigkeiten enge Zusammenhänge bestehen. Weil die produktiven die rezeptiven Fertigkeiten voraussetzen, ist beim sprachlichen Handeln das Sprechen immer mit dem Hören, das Schreiben mit dem Lesen verbunden; „durch das automatische Mithören bzw. Mitlesen übt der Sprecher/Schreiber die Kontrolle über seine Sprachproduktion aus“, so Günther Storch in „Deutsch als Fremdsprache - Eine Didaktik“. Im Alltag treten diese Fertigkeiten jedoch nicht isoliert, sondern zusammenhängend auf, so daß die Bezeichnung „vier Fertigkeiten“ (lange Zeit galt das Übersetzen als fünfte Fertigkeit, wurde aber weitgehend aus den heutigen Lehrbüchern verbannt, so Günther Storch) der Kommunikationsrealität nur teilweise entspricht. Dies deshalb, weil beispielsweise in einem Gespräch ein permanenter Rollentausch stattfindet, in dessen Verlauf die Sprecher-Hörer-Rolle in schneller Abfolge gewechselt wird, was vom reinen Hörverstehen und Sprechen unterschieden und im Unterricht mit anderen methodischen Verfahren geschult werden muß. Außerdem erfährt das Hör- und Leseverstehen einen beständigen Bedeutungsverlust in unserer heutigen „Informationsgesellschaft“, dominiert von den Medien. Das gesprochene Wort geht einher mit Kino, Fernsehen oder Video u. v. m., und in der geschriebenen Sprache gewinnt das Bild (Werbung, illustrierte Magazine, Comics) stetig an Größe. Wo aber bleibt dann das Schreiben? Dessen Rolle soll folgender Exkurs zeigen: A, Schriftspracherwerb bei Kindern
Bei Gabriele Pommerin, Kreatives Schreiben, ist zu erfahren, daß der Schritt vom Sprechen zum Schreiben Kindern große Schwierigkeiten bereite, weil er „eine völlig ungewohnte Sprachsituation“ darstelle. Gesprochene Sprache verbinden Kinder mit der Äußerung von Bedürfnissen, Interessen und Wünschen, was sie dagegen beim Schreiberwerb nicht vordergründig sehen. So antworteten befragte Schulanfänger auf die Frage, warum sie lesen lernten: „damit ich gescheit werde“, „damit ich mit Papa Zeitung lesen kann“, „weil ich dann ins Gymnasium komme“, „damit ich weiß, was im Fernsehen kommt“. Auf die gleiche Frage in Bezug auf das Schreiben lauteten die Antworten wie folgt: „damit ich mir einen Merkzettel schreiben kann“, „damit ich einen Einser kriege“, „weil ich eben in der Schule bin“. Ich erkenne hieran, daß erstgenannte Argumente deutlich Wünsche und Fähigkeiten zum Ausdruck bringen, die bisher verwehrt waren, wohingegen letztgenannte eher die Einsicht in die Not-
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wendigkeit, verbunden mit einem eher geringen Enthusiasmus bezüglich des „Erlernenwollens“ erkennen lassen. B, Schriftspracherwerb im DaF-Unterricht
Das Lehrwerk Kontaktschwelle Deutsch als Fremdsprache handelt die Bedeutung des Erwerbs der Schreibfertigkeit wie folgt ab: „Die Lernzielbestimmung für das Schreiben geht von der Annahme aus, daß die überwiegende Mehrheit der Zielgruppe nur eine sehr limitierte Schreibfertigkeit braucht, beschränkt auf einige wenige Muster: Ausfüllen von Anmeldeformularen, (….), kurze persönliche Mitteilungen, Grußpostkarten (….). Für die beiden letzten Formen genügt ein `Schreiben, wie man spricht`.“ Sigrid Holzer nennt in ihrem Aufsatz Schreiben auf der Anfänger- und Mittelstufe diese Einstellung dem Schreiben gegenüber geradezu „achtlos“ und berichtet von einer Erhebung unter 324 Deutschlehrern aus 24 Ländern, auf den Stellenwert des Schreiberlernens in ihrem Unterricht befragt: 170 messen „einen geringen“, 53 einen „sehr geringen“, 22 messen „überhaupt keinen“ bei mit den Begründungen - „kommunikativer Sprachunterricht verlangt vor allem Fähigkeiten im Sprechen und verstehenden Hören“ - „Schreiben ist nur für Spezialisten wichtig“ - „geeignete Übungsmaterialien für die Entwicklung des Schreibens fehlen“ - „Schreiben ist Zeitvergeudung“ - „Schreiben kann weitgehend selbst erlernt werden“.
Sigrid Holzer beklagt weiter, daß die Einbettung von Schreibanlässen in kommunikative Situationen quasi zum Scheitern verurteilt sei, da sich die Lehrwerke außer schon genannten Schreibanlässen nur ergänzen lassen um „Glückwunschkarten, Einladungen, Dank- und Beileidsschreiben, Postkarten und Telegramme“. Briefe oder Tagebücher kämen seltener vor, das Ausfüllen von Formularen bereite auch den Muttersprachlern Probleme, so daß auch dieses nur kurz abgehandelt werde. Übrig blieben „Erinnerungszettel, Kontrollisten, Einkaufszettel, eventuell Kochrezepte, und im beruflichen Kontext Bewerbungsschreiben und Lebensläufe.“ Damit sei das Repertoire bezüglich des Schreibfertigkeitserwerbs auch schon am Ende.
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Arbeit zitieren:
Diplomgermanistin Dorothee Noras, 2005, Teilfertigkeit Schreiben in kommunikativ-pragmatischen Ansätzen für den DaF-Unterricht , München, GRIN Verlag GmbH
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