Universität Hamburg
Literaturwissenschaftliches Seminar
Seminar II: Max Frischs Romane
SoSe 2001
Titel der Arbeit:
'DV3KlQRPHQGHUPlQQOLFKHQ(LIHUVXFKWEHL0D[)ULVFK
Name: Dagmar Wallkusch
Überschrift
(LQOHLWXQJ
'LH(LIHUVXFKWLP/HEHQYRQ0D[)ULVFK XQGGLH3DUDOOHOHQLQVHLQHQ:HUNHQ
$VSHNWHGHU0lQQHUXQG)UDXHQELOGHULQGHQ:HUNHQ
3.1 Männerbilder----------------------------------------------------------------------------------------5 3.1.1 Die selbstbewussten Männer----------------------------------------------------------------------5 3.1.2 Die an sich selbst zweifelnden Männer----------------------------------------------------------7 3.2 Frauenbilder-----------------------------------------------------------------------------------------9 3.2.1 Die komplizierten Frauen------------------------------------------------------------------------10 3.2.2 Die komplizierten und mädchenhaften Frauen------------------------------------------------13
:LHNRPPWHV]XU(LIHUVXFKW"
4.1 Fazit-------------------------------------------------------------------------------------------------17
8PJDQJPLWGHU(LIHUVXFKW
5.1 Fazit------------------------------------------------------------------------------------------------23
(LQVWHOOXQJGHU3URWDJRQLVWHQ]XU(LIHUVXFKW
'LH5HDNWLRQHQGHU(KHIUDXHQDXIGLH(LIHUVXFKWGHU(KHPlQQHU
7.1 Fazit------------------------------------------------------------------------------------------------27
6FKOXVVEHWUDFKWXQJ
/LWHUDWXUYHU]HLFKQLV
1
(LQOHLWXQJ
Das Phänomen der Eifersucht im Bereich zwischen Mann und Frau spielt in nahezu allen
Werken von Max Frisch eine Rolle. Er selbst definiert die Ä(LIHUVXFKW DOV $QJVW YRU GHP 9HUJOHLFK³ 1 , d.h. als Angst vor dem Gefühl des Mangels und des Ungenügens, denn der Eifersüchtige ist immer ÄHLQ0RKUDOVRHLQ0HQVFKDXVYHUDFKWHWHU5DVVH³ 2 .
Diese Arbeit soll der Frage nachgehen, wie es zum Gefühl der Eifersucht kommt und welche Reaktionen diese bei den Betroffenen auslöst. Dabei wird zu überprüfen sein, ob die in den Werken vorgenommene Typisierung der Männer- und Frauenfiguren, den Ausbruch der Eifersucht und deren Umgang beeinflusst. Ein wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang wird die Selbsteinschätzung des Mannes sowie das Bild, welches er sich von der Frau macht, sein.
Es schien ratsam, zunächst die Eifersucht in der Biographie von Max Frisch darzustellen, da sie die Grundlage für die Literarisierung in seinen Werken bildet. Nicht nur der Roman „Mein Name sei Gantenbein“ 3 gilt als Reaktion auf die Beziehung mit Ingeborg Bachmann, 4 sondern auch in anderen Werken fällt auf, dass Frisch oftmals Äußerungen seiner Lebensgefährtinnen 5 den weiblichen Romanfiguren in den Mund legt. 6 Doch auch seine eigenen, im Privatleben getätigten, Aussagen finden sich in seinen literarischen Werken wieder. Ferner soll aufgezeigt werden, inwiefern Parallelen zwischen den untersuchten Werken und Frischs jeweiliger Beziehungssituation ersichtlich sind. Als Grundlage für die Beschreibung der „Eifersucht im Leben von Max Frisch“ dienten das „Tagebuch 1946-1949“, die Monographie von Volker Hage 7 , die Biographie von Lioba Waleczek sowie die Erzählung „Montauk“ 8 . Anschließend wird die Eifersucht anhand der Romane „Stiller“ 9 , „Mein Name sei Gantenbein“ und der Erzählung „Blaubart“ 10 näher beleuchtet.
1 Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1950 (Lizenzausgabe für den Bertelsmann
Lesering), S. 401.
2 Vgl. ebd., S. 403.
3 Frisch, Max: Mein Name sei Gantenbein. Roman. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1975.
4 Vgl. Waleczek, Lioba: Max Frisch. Hrsg. von Martin Sulzer-Reichel. München 2001 (dtv Portrait), S. 96.
5 Es handelt sich dabei meistens um ehemalige Lebenspartnerinnen.
6 Die gleichen Äußerungen finden sich häufig in mehreren Werken wieder. So lässt Frisch z.B. den Satz
Ingeborg Bachmanns: „ Wenn sich zwischen uns etwas ändert, so werde ich es dir sagen.“ (Frisch, Max:
Montauk. Eine Erzählung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1981, S. 149.), welchen sie auf seine Frage nach einem
anderen Mann erwidert auch Lila, Antoinette sowie Jutta, die siebte Frau Felix Schaads, aussprechen.
7 Hage, Volker: Max Frisch. Hrsg. von Kurt und Beate Kusenberg. Reinbek bei Hamburg 1995 (Rowohlts
Monographien).
8 Ich habe „ Montauk“ in meiner Arbeit als autobiographisches Werk betrachtet, da es mir für meine Zwecke als
durchaus legitim erschien, vgl. dazu auch das dazugehörige Vorwort.
9 Wobei ich hier nur auf die Ehe von Rolf und Sibylle Bezug nehme. Frisch, Max: Stiller. Roman. Frankfurt
a.M.: Suhrkamp 1981.
10 Frisch, Max: Blaubart. Eine Erzählung. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1982.
2
Die Grundlage für die Beschreibung der Daseinsentwürfe der Figuren bildeten die Werke von Iris Block 11 , Doris Fulda Merrifield 12 und Ursula Haupt 13 . Im Anschluss soll aufgezeigt werden, wie sich Frischs Einstellung zur Eifersucht mit zunehmendem Alter, erkennbar an der Reaktion seiner männlichen Protagonisten in der Chronologie seiner Spätwerke, verändert und wie die Frauenfiguren der Werke auf die Eifersucht der männlichen Protagonisten reagieren.
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In Anbetracht der Tatsache, dass die Art und Weise, wie die Protagonisten in vielen Werken mit der Eifersucht umgehen, sich stark ähnelt bzw. sogar gleich ist, scheint es angebracht, Frischs Grundeinstellung zur Eifersucht unter Bezugnahme seine Biographie zu klären. Aus seiner ersten Ehe (1942-1954/1959) mit Gertrud Constanze von Meyenburg ist über Eifersucht noch nicht viel bekannt. Allerdings schien Frisch selbst weniger von einer monogamen Eheführung zu halten, er lebte scheinbar eher nach seinem eigenen Treueverständnis. 14 Aufgrund dieser Tatsache lässt sich darauf schließen, dass der Roman „ Stiller“ (1954) einen Einblick in Frischs erste Ehe gewährt, denn auch der Staatsanwalt Rolf
lebt nach seiner eigenen Theorie von freiheitlicher, gleichberechtigter Ehe. 15
In der Zeit von 1958-1962 führte er eine Beziehung mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, welche er „ als einen vier Jahre währenden `Sturzflug´“ bezeichnete. 16 Wie Ikarus, der sich mit seinen wächsernen Flügelschwingen zu nah an die Sonne gewagt hatte, habe er sich emotional zu stark auf Ingeborg Bachmann eingelassen, denn aufgrund ihres großen Unabhängigkeitsdranges, der auch intimen Kontakt mit anderen Männern nicht ausschloss, 17
fand Max Frisch sich in einem Zustand quälender Eifersucht wieder: Ä,KUH)UHLKHLWJHK|UW]X LKUHP*ODQ]'LH(LIHUVXFKWLVWGHU3UHLVYRQPHLQHU6HLWHLFKEH]DKOHLKQYROO³ ¢ ¡
schreibt er einige Jahre später in „ Montauk“ . Genau wie Ingeborg Bachmann verlangt auch Lila in dem Roman „ Mein Name sei Gantenbein“ (1964) nach der in einer Ehe größtmöglichen Freiheit, die sich darin äußert, dass sie liebt, wen sie will. Der Protagonist
11 Block, Iris: „ Daß der Mensch allein nicht das Ganze ist!“ : Versuche menschlicher Zweisamkeit im Werk Max
Frischs. Diss. Hrsg. von Eberhard Mannack. Frankfurt a.M. 1998 (Beiträge zur Literatur und
Literaturwissenschaft des 20. Jahrhunderts; Bd.17).
12 Merrifield, Doris Fulda: Das Bild der Frau bei Max Frisch. Freiburg im Breisgau 1971.
13 Haupt, Ursula: Weiblichkeit in Romanen Max Frischs. Diss. Frankfurt a.M. 1996.
14 Vgl. Waleczek: Frisch, S. 100.
15 Vgl. Frisch: Stiller; S. 209.
16 Vgl. Waleczek: Frisch, S. 96.
17 Vgl. ebd., S. 101.
18 Frisch: Montauk, S. 149.
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Gantenbein ermöglicht ihr diese Freiheit, indem er die Rolle eines Blinden übernimmt und auf diese Weise vorgibt, ihre heimlichen Liebschaften nicht zu sehen. Doch Frisch litt nicht nur unter Ingeborg Bachmanns ausgeprägtem Freiheitsbedürfnis,
sondern auch unter ihrer
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viele Bereiche ihres Lebens verwehrte: Ä6LH KDW PHKUHUH 'RPlQHQ³ Gantenbein haben viele Geheimnisse voreinander, doch Gantenbein konstatiert: ÄHUVW GDV *HKHLPQLVGDV>0DQQXQG)UDX@YRUHLQDQGHUKWHQPDFKWVLH]XP3DDU³ ¤ ¦
Die Vorstellung Frischs, in Ingeborg Bachmanns Leben gäbe es einen anderen Mann, und die
daraus resultierende Eifersucht veranlassten ihn zur folgenden Reaktion: Ä(LQPDO KDEH LFK JHWDQ ZDV PDQ QLFKW WXQ GDUI LFK KDEH %ULHIH JHOHVHQ GLH QLFKW DQ PLFK JHULFKWHW VLQG %ULHIHYRQHLQHP0DQQVLHHUZlJHQGLH(KH³ ¤ § ¤
Als Frisch Bachmann zur Rede stellte, stritt sie nichts ab, sondern schrieb: Ä:HQQ VLFK ]ZLVFKHQ XQV HWZDV lQGHUW VR ZHUGH LFK HV GLU VDJHQ³ Genau wie Frisch, so hat auch ¤ © ¨
Gantenbein aus Eifersucht die Schublade von Lilas Sekretär aufgebrochen, um an ihre Post zu gelangen, 24 und genau wie Ingeborg Bachmann versichert Lila Svoboda ihrem Ehemann, dass sie ihn über jegliche Änderung in ihrer Beziehung rechtzeitig informieren werde. 25 Seine Erfahrung mit der zum Teil rasenden Eifersucht sowie der problematischen Beziehung, in der Trennung und Wiederzusammenfinden manchmal nur innerhalb kürzester Zeit einander ablösten, literarisierte Frisch später im „ Gantenbein“ .
1968 heiratete er die 28 Jahre jüngere Marianne Oellers. 1979 wurde diese Ehe wieder geschieden. Er beschrieb die Zeit mit der Frau, die im Alter seiner Tochter aus erster Ehe ist,
als ÄVHFKV-DKUHRKQH=HUZUIQLVRKQH(LIHUVXFKWRKQH=HUPUEXQJ³ ¤ . Aber Frisch gestand
auch ein, dass Marianne ihn ein Jahr lang betrogen hatte, ohne ihm davon zu berichten.
Anstatt ihr jedoch Vorwürfe zu machen, suchte er die Schuld bei sich selbst:Ä(V LVW VHLQ )HKOHUHLQ0DQQGHUHVQLFKWPHUNWGDVVGLH)UDXDXVHLQHPDQGHUQ%HWWNRPPWLVWNHLQ ]lUWOLFKHU0DQQ³ ¤
19 Frisch: Montauk, S. 147.
20 Ebd.
21 Ders.: Mein Name sei Gantenbein, S. 97.
22 Ders.: Montauk, S. 149.
23 Ebd.
24 Vgl. ders.: Mein Name sei Gantenbein, S. 171f.
25 Vgl. ebd., S. 202.
26 Ders.: Montauk, S. 99.
27 Ebd., S.123.
4
Er hatte zwar eine Verwandlung an ihr bemerkt Ä=X GLHVHU =HLW LVW VLH VHKU JOFNOLFK GDV VLHKW MHGHUPDQQ DXFK HU³ ¤ © ¡ , doch er wollte seine Gefühle nicht wahrhaben und aus der Vergangenheit lernen, darum hat er sich jede Eifersucht versagt.
Ä(UKDWUHLFKOLFKEHU(LIHUVXFKWJHVFKULHEHQ6FKRQGHVZHJHQKDWHUVLFKLQGHQOHW]WHQ -DKUHQMHGH(LIHUVXFKWYHUVDJW(VZlUHNHLQHQHXH(UIDKUXQJIULKQZHQQHUZLHGHULQ (LIHUVXFKWYHUILHOHHVILHOHLKPDOV6FKULIWVWHOOHUGD]XQLFKWVHLQQLFKWV1HXHV³ Das ihm doch noch etwas Neues eingefallen ist, wird durch die Erzählung „ Blaubart“ (1982), in der Frisch einen Ausweg aus der quälenden Eifersucht vorschlägt, deutlich, denn indem Rosalinde und ihr Ex-Ehemann Schaad zu Kameraden werden - Kameraden haben keine Geheimnisse voreinander -, ist er nicht mehr auf Vermutungen angewiesen und braucht daher nicht mehr eifersüchtig zu sein.
Ungefähr zehn Jahre später fasste Frisch seine Grundeinstellung über das Verhältnis von Männern und Frauen in einem Interview mit Philippe Pilliod folgendermaßen zusammen:
„ 'HU0DQQÄIRUPH³GLH)UDXQDFKVHLQHU9RUVWHOOXQJXQGEHJUHLIHVLHGDKHUDXFKDOVVHLQ (LJHQWXP(EHQGHVKDOEUHDJLHUHHLQ(LIHUVFKWLJHUQLFKWDQGHUVDOVHLQ%HVWRKOHQHU³ ¨ ¥
Die Formbarkeit des Weiblichen hat er bereits in seinem ersten Tagebuch beschrieben:
Ä'DV:HLELVWVFKDXVSLHOHULVFKYRQ1DWXU>@GDVVFKHLQEDU8QHLJHQHGHV:HLEHVGDV VLFKIRUPHQOlVVWYRQMHGHPGHUGDNRPPWGDV:LGHUVWDQGVORVH8IHUORVH:HLFKHXQG :LOOLJHGDVGLH)RUPHQGLHGHU0DQQLKPJLEWLP*UXQGHQLHPDOVHUQVWQLPPWXQG LPPHUIlKLJLVWVLFKDQGHUVIRUPHQ]XODVVHQGDVLVWHVZDVGHU0DQQDOVGDV+XUHQKDIWH EH]HLFKQHWHLQ*UXQG]XJZHLEOLFKHQ:HVHQVGDV:HLEOLFK(LJHQHGHPHUQLHPDOV EHLNRPPW³
Aus dieser Vorstellung vom Weiblichen kann nur die Eifersucht resultieren, eine Zwangsläufigkeit, die der Protagonist Gantenbein - wie es zu zeigen gilt - recht schnell zu spüren bekommt. Der Mann, der seiner geliebten Partnerin gegenüber diese Einstellung vertritt, kann nur dem Misstrauen verfallen, da die Annahme, dass die Frau grenzenlos formbar, anpassungsfähig und schauspielernd sei, jeder Beziehung die Glaubwürdigkeit nimmt. Der männliche Partner kann in diesem Falle nie sicher sein, dass seine Geliebte nicht gerade aus den Armen eines Rivalen kommt, in denen sie genauso glücklich gelegen haben könnte, wie jetzt in den seinen. Er muss stets argwöhnen, dass er jederzeit auswechselbar ist, da er durch die widerstandslose Formbarkeit und Anpassungsfähigkeit der Frau nie wissen kann, ob sie der Beziehung die gleich Wichtigkeit beimisst wie er selbst.
28 Frisch: Montauk, S. 123.
29 Ebd., S. 121.
30 Ders. Gespräche im Alter. Ein Videofilm von Philippe Pilliod . Zürich 1987.
31 Ders.: Tagebuch 1946-1949, S. 302f.
5
Im „ Gantenbein“ -Roman wird schließlich die Unmöglichkeit einer glücklichen Beziehung zwischen einem dieser Theorie von der Formbarkeit der Frau verhaftenden Mann und einer von ihm geliebten Frau aufgezeigt.
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In den folgenden Kapiteln soll das Phänomen der Eifersucht in den Werken „ Stiller“ 32 , „ Mein Name sei Gantenbein“ und „ Blaubart“ näher erläutert werden. Hierfür erschien es ratsam, zunächst die Entwürfe der Männer- und Frauenbilder darzustellen, um aus den Aspekten der Typisierung auf die Motive der Eifersucht und der daraus resultierenden Reaktionen zu schließen.
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Die männlichen Protagonisten der für diese Arbeit untersuchten Werke lassen sich in zwei Grundtypen unterteilen: die selbstbewussten Männer, zu denen der Staatsanwalt Rolf und der Architekt Frantisek Svoboda zählen, und die an sich selbst zweifelnden Männer, die durch den „ scheinblinden“ Theo Gantenbein und den Internisten Felix Schaad repräsentiert werden. Die selbstbewussten Protagonisten zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen erfolgreichen Beruf ausüben, was sich positiv auf ihr Selbstwertgefühl auswirkt. Außerdem sind diese sich ihrer Partnerin sehr sicher. 33 Dem Gefühl der Eifersucht unterliegen sie erst, wenn sie Gewissheit darüber erlangen, dass ihre Ehefrau für einen anderen Mann genauso bzw. mehr empfindet als für sie selbst.
Die unsicheren Hauptfiguren dagegen zweifeln an ihrer eigenen Männlichkeit und sind daher von Grund auf eifersüchtig. Sie haben stets den Verdacht, dass ihre Ehefrau sie betrügt und entwickeln daher Strukturen zur Eifersuchtsvermeidung.
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Der Staatsanwalt Rolf , ein immer sehr beherrschter, immer überlegener und anerkanntermaßen kühler Kopf, 34 ein Mann der Tat, wie er auch genannt wird, lebt nach
32 Hierbei soll nur auf die Eifersucht in der Beziehung Rolf/Sibylle eingegangen werden, denn die
Berücksichtigung der Beziehung Stiller/Julika würde den Rahmen dieser Hausarbeit sprengen.
33 Dies trifft besonders auf Rolf zu.
34 Vgl. Frisch: Stiller, S. 228.
6
seiner eigenen Theorie von freiheitlicher, gleichberechtigter Ehe, um der Monotonie einer langfristigen Beziehung entgegenzuwirken. 35 Er verbittet sich die Eifersucht seiner Partnerin auf die Rendezvous mit anderen Damen während seiner Geschäftsreisen, gesteht ihr jedoch die gleichen sexuellen Freiheiten zu. Sein Selbstvertrauen ist so ausgeprägt, dass er glaubt, Sibylle würde ihn niemals für einen anderen Mann verlassen.
Rolf ist ein selbstgerechter Mann, der seine Partnerin unterwirft und sich eigentlich nie entschuldigt. 36 Er ist bürgerlich, rational und seiner Frau gegenüber zurückhaltend. Dazu ist er stets äußerlich gefasst und zu keinerlei Äußerung seiner Emotionen bereit. 37 Erst als Rolf erfährt, dass seine Ehefrau ihn mit einem anderen Mann betrügt, den sie genauso liebt wie ihn selbst, wird er durch die Qual der Eifersucht an seine eigenen Grenzen gestoßen und erkennt sich in seinem Leid und seiner Sentimentalität kaum wieder. Plötzlich begreift er
ÄVHLQH 8QIlKLJNHLW HLQH )UDX ]X OLHEHQ ZHQQ HU QLFKW LKU *|W]H ZDU ]X OLHEHQ RKQH $QVSUXFKDXI'DQNDXI5FNVLFKWXQG%HZXQGHUXQJXQGVRZHLWHU³ ¨ § ¡ und somit seine eigene
Unfähigkeit, nach der von ihm selbst entworfenen Ehetheorie zu leben, sobald nicht er, sondern Sibylle sich die von ihm gepredigten Freiheiten nimmt. Der Architekt Svoboda, ebenfalls ein selbstbewusster Mann, wird als baumlanger Böhme
beschrieben, der auf Frauen kräftig und furchterregend Ä/LODKDW$QJVWYRULKPREVFKRQHU VLHQRFKQLHJHVFKODJHQKDW³ , aber auch attraktiv wirkt, wobei er nicht versteht, ÄZDVGLH ¨ § £ )UDXHQDQLKPILQGHQ³ . Er ist sich allerdings bewusst, dass er im Smoking ÄHUJUHLIHQG³ ¥
wirkt, was bedeutet, dass er um seine Anziehungskraft auf Frauen weiß. Ebenso wie Rolf findet er sich in der Rolle des betrogenen Ehemanns wieder und gelangt aufgrund seiner demütigenden Eifersucht, die ihn zu irrationalen Handlungen zwingt - worauf noch näher eingegangen werden soll - zu einer Auffassung über den Unterschied zwischen Mann und Frau, nach der „ der Mann eine naturbedingte Berechtigung zur Eifersucht hat, die der Frau umgekehrt nicht zukommt“ 42 . Diese Auslegung basiert wiederum auf der Grundannahme, dass die Frau grenzenlos formbar sei - die bereits im 2. Kapitel erläutert worden ist - und daher nicht um seine Liebe bange, wie er um die ihre:
Ä'HUQDWXUKDIWHXQGGXUFKNHLQH*OHLFKEHUHFKWLJXQJWLOJEDUH8QWHUVFKLHG]ZLVFKHQ0DQQXQG)UDXEHVWHKH GDULQGDHVLPPHUGHU0DQQLVWGHULQGHU8PDUPXQJKDQGHOW(UEOHLEWHUVHOEVWXQGGDVZHLGLH)UDX VLHNHQQWLKQ6LHZLOOJDUQLFKWZLVVHQZDVVLHHUUDWHQNDQQ8PJHNHKUWZHLGHU0DQQNHLQHVZHJVZLHHLQH
35 Vgl. Frisch: Stiller, S. 209.
36 Vgl. ebd., S. 284.
37 Vgl. ebd., S. 279f.
38 Ebd., S. 211.
39 Ders.: Mein Name sei Gantenbein, S. 212.
40 Ebd.
41 Ebd.
42 Block: „ Daß der Mensch allein nicht das Ganze ist!“ , S. 223.
Arbeit zitieren:
Dagmar Wallkusch, 2001, Das Phänomen der männlichen Eifersucht bei Max Frisch, München, GRIN Verlag GmbH
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