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6
'LH1DFKWLP.RQWH[WURPDQWLVFKHU1DWXUSKLORVRSKLH6
1lFKWOLFKH(UIDKUXQJHQ(LFKHQGRUIIV 6
2.1 Romantische Nachtsicht S. 7 2.1.1. Sehnsucht S. 9 2.1.2 Zwielicht S. 13 2.2 Christliche Nachtsicht S. 16 2.2.1 Der Einsiedler S. 18 2.2.2 Der stille Grund S. 20
6FKOX 6
/LWHUDWXUYHU]HLFKQLV 6
2
(LQOHLWXQJ
Die Nacht, jene dunkle Tageszeit, fasziniert seit jeher Menschen in allen Kulturkreisen. Sie ist Symbol für alles Chaotische, Ungeordnete und Unbekannte. Vor allem aber ist sie jener Raum, aus dem alles entstand. So
heißt es in der Genesis: Ä8QGGLH(UGHZDUZVWXQGOHHUXQGHVZDUILQVWHUDXI GHU 7LHIH>@³ 1 Und laut alten orientalischen Überlieferungen war im Anbeginn ÄDOOHV JOHLFK HLQHP 0HHUH RKQH /LFKW³ Man setzt die Nacht gleich mit dem
Dämonischen, mit dem Unwissen, sieht sie als von feindlichen Mächten bevölkerten Raum. Doch nicht nur Bedrohung geht von ihr aus, die Nacht kann auch eine wohltuende und beruhigende Erfahrung sein. Die Nacht als sinnliche Erfahrung war es, die Joseph von Eichendorff so sehr anzog, so sehr beeindruckt hat. Die Nacht war für ihn eine ambivalente Erfahrung. Erlebte er sie einerseits als tröstlich und schützend, so war sie ihm doch andererseits eine Unheimliche, eine Schaurige und Beängstigende. Bei Neunzig findet sich dazu folgende Stelle:
Ä>@ HUGHUGLHJOFNOLFKVWH.LQGKHLWKDWWHGLHVLFKGHQNHQOlWNDQQWH GLH 6FKZHUPXW NDQQWH GLH 9HUORFNXQJ VLFK IDOOHQ]XODVVHQ GLH /XVW VLFK]XYHULUUHQ'DV'lPRQLVFKHZDUIULKQQLFKWQXUHLQ:RUW:HULQ GHU /DJH LVW GLH 'LQJH XQG GLH 1DWXU VSUHFKHQ ]X ODVVHQ LVW QLFKW QXU WDVWVHOLJ XQG JHVFKHLW HU KDW GLH 6FKDWWHQ GHV 8QKHLPOLFKHQ JHVHKHQ³ ¡
Die Ambivalenz, mit der Eichendorff dem Motiv der Nacht begegnete, soll Thema dieser Arbeit sein. Dabei muß unterschieden werden zwischen seiner christlichen und seiner romantischen Nachtanschauung, die er häufig auch untrennbar miteinander verband. Im folgenden möchte ich an einigen ausgewählten Beispielen zeigen, wann Eichendorff der mythisch-romantischen Nachtsicht verhaftet bleibt und wann er seinen Rezipienten einen neuen, den christlichen Weg des bedingungslosen Gottvertrauens anbietet.
1 1 Mos, 1, 2
2 vgl. Lurker, Lemma Finsternis
3 Neunzig, S.223
3
'LH1DFKWLP.RQWH[WURPDQWLVFKHU1DWXUSKLORVRSKLH
Die Schriftsteller der Romantik hatten es sich zum erklärten Ziel gemacht, die
„aufgeklärte“ Welt des 18. Jahrhunderts im Sinne ihrer ÄSURJUHVVLYHQ 8QLYHUVDOSRHVLH³ zu verändern. Dazu gehörte auch, die eigene Umwelt, die ¢
Natur nicht mehr bloß zu betrachten und zu beschreiben, sondern sie mit allen Sinnen zu erleben. Die empirische Naturwissenschaft der Aufklärung trat in den Hintergrund; es ging nicht mehr um ein rein wissenschaftliches Erleben der Natur. Den jungen Vertretern der deutschen Romantik war es wichtig, das geheimnisvolle und rätselhafte Wesen der Natur zu entschlüsseln. In diesem Sinne wurde sie personifiziert und so zu einem eigenständigen Wesen umgedeutet. Die Nacht als wohl geheimnisvollstes Naturerlebnis war es, welche die Schriftsteller der Romantik besonders faszinierte; jene „mondbeglänzte Zaubernacht“, die den Schauenden die alltägliche Dingwelt in einem buchstäblich anderen Licht sehen läßt. Das sinnliche Erfassen der Nacht war aber nur der Einstieg, hauptsächlich ging es um eine Darstellung der geistigen und seelischen Erfahrungen, der fremden Wirklichkeit, die eine Mondnacht evoziert 5 . Hierzu Leopolseder:
Ä'LH1DFKWZLUG]XHLQHPJHLVWLJHQ3ULQ]LSXQG]XP5DXPLQGHPVLFK GDV8QEHZXWHRIIHQEDUHQNDQQ³ £
Gerade Novalis trug Entscheidendes zu ihrer Deutung bei. Für ihn ist die Nacht eine doppelte Erscheinung:
Ä'LH 1DFKW LVW ]ZHLIDFK LQGLUHNWH XQG GLUHNWH $VWKHQLH -HQH HQWVWHKW GXUFK%OHQGXQJEHUPlLJHV/LFKWGLHVHDXV0DQJHODQKLQOlQJOLFKHP /LFKW³ ¤
Aus dieser Feststellung entwickelt er seine Vorstellung von der inneren und der äußeren Nacht. Die äußere, physisch-endliche Nacht, die durch den Mangel an Licht bestimmt ist, meint lediglich den Zustand der Dunkelheit. Die innere, die metaphysisch-unendliche Nacht aber meint eine göttliche Nacht, der alles Wesen entspringt. Bei Lurker lesen wir dazu:
4 F. Schlegel zitiert nach ebnd., S.7
5 vgl. Leopolseder, S.43
6 ebnd.
7 Novalis zitiert nach ebnd., S.44
4
Ä(LQ RUSKLVFKHU +\PQXV IHLHUW GLH 1DFKW DOV GHU *|WWHU XQG 0HQVFKHQ *HElUHULQ *RWW VHOEVW NDQQ VLFK LP 'XQNHO RIIHQEDUHQ µ1DFKWJHVLFKWH¶ GHV3URSKHWHQ6DFKDUMD6DFK>@,QGHU'XQNHOKHLWNDQQVLFK GLH7LHIHGHV0\VWHULXPVHU|IIQHQGDUXPVSULFKW1RYDOLVYRQGHU1DFKW DOVµGHU2IIHQEDUXQJIUXFKWEDUHU6FKR¶³ ¥
Nicht nur Novalis sah die Nacht als Erlöserin, das Licht als Ä)HVVHO³ ¦ , als
Ä*HZDOW GHV ,UGLVFKHQ³ § © ¨ . Auch im Kontext der romantischen Naturphilosophie betrachtete man die Tagwelt als eine den äußeren Sinnen zugehörige, die Nachtwelt aber als eine Zeit, die in dem Menschen eine andere, neue Welt hervorruft: die innere Nachtwelt. Man war der Ansicht, daß die Kräfte des Taglebens dem Nachtleben entspringen, daß sich nachts die wahre Wirklichkeit
enthüllt. Somit kann man die Romantiker als ÄZDKUH (QWGHFNHU GHV 8QEHZXWHQ³ § § ansehen. Denn das Bedürfnis der Romantiker in das unbewußte und deshalb unverfälschte Nachtleben der Menschen einzudringen steht in direkter Wechselwirkung mit der medizinischen Entwicklung der Epoche. Schubert, Schelling und Fichte waren nur einige Vertreter, die das
Ä8QEHZXWH HUVWPDOV ]XP WUDJHQGHQ 8QWHUJUXQG HLQHV JHVDPWHQ SKLORVRSKLVFKHQ6\VWHPV³ 12 machten und der Ansicht waren, alles Leben leite sich aus der Ä3RWHQ]LHUXQJ GHV 8QEHZXWHQ³ § ¡ ab. Die vielfältigen Zustände
des Unbewußten, so die damals gängige Meinung, werden aber erst durch die Nacht hervorgerufen. Das besondere Interesse der romantischen Schriftsteller liegt daher auch im Traum, bzw. im Traumzustand, in dem auf natürliche Weise eine innere höhere Welt betreten wird. Im Traum, so die Vorstellung, offenbare sich dem Träumenden eine Bilder- und Hieroglyphensprache, der mystisches und göttliches immanent sei. Das Original dieser Sprache aber sei die Natur, aus der all jene Hieroglyphen entlehnt sind 14 .Diese Vorstellung geht konform
mit Florens’ Feststellung in Eichendorffs großem Jugendroman $KQXQJ XQG *HJHQZDUW:
8 Lurker, Lemma Finsternis
9 Novalis zitiert nach Schwarz, S.25
10 ebnd.
11 Leopolseder, S.47
12 ebnd.
13 ebnd., S.50
14 vgl. ebnd., S.54
5
Ä'DV /HEHQ DEHU >@ PLW VHLQHQ EXQWHQ %LOGHUQ YHUKlOW VLFK ]XP 'LFKWHU ZLH HLQ XQEHUVHKEDU ZHLWOlXILJHV +LHURJO\SKHQEXFK YRQ HLQHU XQEHNDQQWHQODQJHXQWHUJHJDQJHQHQ8UVSUDFKH]XP/HVHU³ §
Die später von C. G. Jung und Sigmund Freud entwickelten Archetypen des Traums finden hier ihre frühe Entsprechung. Wie Leopolseder treffend feststellt
ist es nur logische Konsequenz, daß ÄGXUFK GLHVHV 2IIHQEDUZHUGHQ GHV *|WWOLFKHQ LQ GLHVHU LQQHUHQ :HOW [...] GHP 7UDXP XQG 1DFKWEHZXWVHLQ HLQH HQWVFKHLGHQG WLHIHUH %HGHXWXQJ ]XJHVSURFKHQ [wird] DOV GHP :DFK XQG 7DJEHZXWVHLQGHU0HQVFKHQ³ § £
1lFKWOLFKH(UIDKUXQJHQ(LFKHQGRUIIV
Auch Joseph von Eichendorff ist von der durch die Nacht offenbarten mythischen Welt fasziniert. Zwar spielen die Tageszeiten in seinem Werk
generell eine entscheidende Rolle, die Nacht aber, die in ÄHUQVWHU 3UDFKW³ § ¤
heraufsteigt, ist ihm ein besonderes Anliegen. Das dämmernde Zwielicht, die Schwelle zwischen Nacht und vergehendem Tag ist für ihn die wunderbarste Zeit 18 . Der Tag ist viel zu streng und klar, zu wenig geheimnisvoll um die
Stimmungen und Gefühle wiederzugeben, die eine Ä0RQGQDFKW³ § © ¦ hervorrufen
kann. Überhaupt ist der Motivkreis des Morgens zumeist auf den Hintergrund
christlicher Weltanschauung bezogen. Der Ä7LHINODUH+LPPHOVGRP³ ¨ suggeriert
beinahe immer Aufbruchsstimmung, die häufig auch durch Attribute wie „funkelnd“ und „klar“ unterstrichen wird. Am Morgen zeigt sich das bekannte, das vertraute und angenehme Gesicht der Welt. Oder, wie der Dichter es selbst formulierte:
Ä1LFKWVLVWVRWUELQ1DFKWJHVWHOOW 'HU0RUJHQOHLFKWPDFKW¶VZLHGHUJXW³ §
Es verwundert also nicht, daß sich Eichendorff in seiner Lyrik vor allem mit der dunklen Tageszeit beschäftigte. Er sah die Nacht als eine Zeit, in der sich die
15 Ahnung und Gegenwart, S.26
16 Leopoldseder, S.54
17 Gedichte, S.152
18 vgl. Faßbinder, S.112
19 Gedichte, S.83
20 ebnd., S.25
6
Arbeit zitieren:
Julia Irsch, 2000, Zum Motivkreis der Nacht in Eichendorffs Lyrik, München, GRIN Verlag GmbH
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Zubeir Nagy
HALLOOOOO!!!!:)
am Sunday, January 08, 2012-