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1. Einleitung:
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage: Was ist soziale Ungleichheit bzw. soziale Schichtung? Soziale Ungleichheiten haben in unserer Gesellschaft eine weit umfassendere Bedeutung, als oft angenommen wird. Ungleichheiten beeinflussen eine breite Palette sozialer Phänomene. So hat z.B. eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin mit dem Titel "Mangel im Überfluß" im Dezember 1996 einen starken Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Ernährungsgewohnheiten ergeben: Bei ärmeren Personen überwiegen oft süße und schnell sättigende Speisen, sowie fettreiche Fertiggerichte; Obst und Gemüse kommen hingegen seltener vor(Vgl. Der Standard vom 27.12.´96, S.6). Krankheiten, wie Herzinfarkt, Krebs, Diabetes oder Lungenentzündung kommen unter Arbeitern öfter vor (Vgl. Waitzkin, 1986).
Pierre Bourdieu erkannte in seinem Werk "Die feinen Unterschiede" die weitreichenden Zusammenhänge zwischen Schichtzugehörigkeit einerseits, und Geschmack und Lebensstil andererseits. Er unterschied grob drei Geschmacksstile: den legitimen, den mittleren und den populären Geschmack. Die Schichtungsstruktur spielt also in viele Forschungsbereiche der Soziologie hinein.
Aufgrund der notwendigen Kürze dieser Proseminararbeit mußte ich bei der Auswahl der behandelten Themenbereiche einige Kürzungen vornehmen. Einige relevante Aspekte, wie z.B. vertikale Mobilität oder die Armutsproblematik, müssen daher in dieser Arbeit leider unberücksichtigt bleiben, da ansonsten der Rahmen von 10 Seiten gesprengt werden würde. Das Thema Armut wurde zudem bereits in unserem Referat genauer behandelt (Gruppenarbeit).
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2. Begriffsdefinition: Was ist soziale Ungleichheit?
Stefan Hradil definiert soziale Ungleichheit als "bestimmte vorteilhafte und nachteilige Lebensbedingungen von Menschen, die ihnen aufgrund ihrer Position in gesellschaftlichen Beziehungsgefügen zukommen"(nach Korte/Schäfers, S.147 ). Anthony Giddens definiert den Begriff als "strukturierte Ungleichheiten zwischen verschiedenen Gruppierungen von Menschen"(Giddens 1995, S.230). Es geht daher um Ungleichheiten zwischen sozialen Gruppen, die folgende zwei Merkmale aufweisen: a. Es handelt sich um gesellschaftlich strukturierte, systematisch verteilte Ungleichheiten; also keine Ungleichheiten aufgrund rein individueller oder biologischer Merkmale (z.B. Körpergröße) bzw. keine zufällig verteilten Ungleichheiten (z.B. ein Lottogewinn). b. Diese Ungleichheiten dürfen nicht lediglich "Andersartigkeiten" sein, wie z.B. politische Überzeugung oder Lebensstile, sondern sie müssen mit Vor- und Nachteilen in den Lebensbedingungen verbunden sein (unterschiedlicher Zugang zu Ressourcen). Es existiert also eine "hierarchische" oder vertikale Ungleichheitsstruktur. Bei der Analyse von sozialer Schichtung soll zwischen 4 Strukturebenen differenziert werden: a. Ursachen sind die Gründe, welche zu einer Schichtungsstruktur in unserer Gesellschaft führen (z.B. wirtschaftliche Ausbeutung, Machtverhältnisse). b. Determinanten sind die Kriterien und Merkmale, aufgrund derer ein
Individuum zu einer bestimmten Schicht gehört. Sie stellen jedoch selbst noch keine Vor- und Nachteile dar (z.B. Beruf, Bildung oder familiäre Herkunft) c. Dimensionen sind die Bereiche in denen Vor- und Nachteile aufgrund sozialer Ungleichheit bestehen. Das sind v.a. die wirtschaftlich-finanziellen Bedingungen, soziales Ansehen und Macht. d. Auswirkungen sind die Folgen sozialer Ungleichheit und bestehen v.a. in den Lebensverhältnissen(z.B. Wohnverhältnisse), sowie in Mentalitäten und Verhaltensweisen.
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3. Historische Entwicklung der Schichtungssysteme:
a) Sklaverei:
Sklaven sind Leibeigene ohne eigene Rechte. In der griechischen und römischen Antike entstanden Sklaven in der Folge von Kriegen: Die Krieger der unterlegen Stadt konnten sich dem Sieger bedingungslos ergeben und retteten dadurch ihr Leben, im Gegenzug dazu verzichteten sie auf jegliche Rechte. Die materiellen Lebensbedingungen der antiken Sklaven waren manchmal nicht so schlecht. Sie waren aber in jedem Fall von politischer Tätigkeit und vom Militärdienst ausgeschlossen. Den Sklaven standen die "Bürger" einer Stadt gegenüber. Das antike Schichtungssystem beruhte v.a. auf gesetzlichen Vorrechten und Pflichten, sowie auf Vererbung.
Im 18. Und 19. Jhdt. gab es Sklavenhaltung in den Südstaaten der USA, in Südamerika und in Westindien. Dabei handelte es sich um Schwarze, welche aus den Kolonien Afrikas geholt wurden und die auf Plantagen Zwangsarbeit verrichten mußten. Ihre Lebensbedingungen waren extrem schlecht und es kam immer wieder zu Sklavenaufständen. Heute gibt es nur noch sehr selten Sklavenarbeit.
b) Die Ständegesellschaft:
Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit war die europäische Gesellschaft nach Ständen strukturiert. Es gab drei Stände: Die Aristokratie (hoher/niederer Adel), der Klerus und die "Gemeinen", also Bürger- und Bauernstand (freie/ unfreie Bauern). Das Ständesystem beruhte auf rechtlichen und auch gewohnheitsrechtlichen Vorrechten bzw. Verpflichtungen. Es hatte seine Ursachen im mittelalterlichen Feudalismus, der Fürstenherrschaft bzw. in der Grundherrschaft. Die Bauern mußten Leistungen, Robot und Zehent, erbringen, von denen die Adeligen lebten. Das Ständewesen beruhte auf Vererbung. Die Vererbung von Herrschaft wurde oft auch religiös begründet. Das Ständewesen ermöglichte jedoch auch eine gewisse individuelle Mobilität, so konnte man z.B. zum Ritter geschlagen werden oder sich auch Adelstitel erkaufen; auch der Abstieg zum Tagelöhner, Wanderarbeiter oder Bettler war möglich. Durch das Aufkommen von Handel und Bürgertum ab ca. 1500 wurde die Adelsherrschaft und damit das Ständewesen stückweise unterhöhlt. Das Bürgertum löste die Aristokratie als herrschende Schicht schön langsam ab, was besonders in der Französischen Revolution zum Ausdruck kam.
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Mit der Industrialisierung ging die Ständegesellschaft endgültig zu Ende und die Klassengesellschaft entstand. Damit beschäftigt sich das nächste Kapitel.
4. Die industrielle Klassengesellschaft:
Die Industrialisierung brachte eine grundlegende Umwälzung der menschlichen Beziehungen mit sich, die sich keineswegs nur auf die Schichtungsstruktur beschränkten. Generell ist der Wohlstand durch die industrielle Produktionsweise stark gestiegen, jedoch führte die Industrialisierung auch zu einer starken Ungleichverteilung des Wohlstands. Während in der Ständegesellschaft die Machtbeziehungen persönlicher Natur waren (Fürst-Bauer, Bürger-Gesell), entstanden mit der Industrialisierung unpersönliche Machtstrukturen zwischen großen Gruppen von Menschen. Karl Marx beschrieb diese Gruppen als "Proletarier" und "Bourgeoisie", sie unterscheiden sich durch ihren materiellen Besitz. Die industrielle Produktionsweise erfordert umfangreiche Produktionsmittel(Maschinen, Fabriken, etc.), über welche nur vermögende Personen verfügen. Diese setzen ihr Vermögen als Kapital zur Industrieproduktion ein und werden dadurch zu Kapitalisten. Wer kein Kapital besitzt, muß als Proletarier in den Fabriken der Kapitalisten für Entlohnung arbeiten. Daraus ergibt sich eine Ausbeutungsbeziehung, da der Kapitalist dem Arbeiter weniger bezahlt, als dessen Produkte auf dem Markt wert sind. Die Differenz zwischen den Lohnkosten für ein Produkt und seinem Marktpreis behält der Unternehmer als Gewinn für sich selbst ein. Marx bezeichnete diese Differenz als Mehrwert.
Es stehen sich also nach Marx zwei Klassen mit gegensätzlichen Interessen gegenüber: Die Kapitalisten haben ein Interesse daran, daß die Arbeiter einen möglichst hohen Mehrwert produzieren und wollen infolgedessen die Lohnkosten niedrig halten. Die Proletarier hingegen haben ein Interesse an besseren Lebensbedingungen, welche sie nur durch höhere Löhne erreichen können. Es muß daher unweigerlich zu Konflikten zwischen diesen zwei Klassen kommen: Marx nannte diesen Konflikt Klassenkampf. Aufgrund der stark steigenden Produktivität würde sich nach Marx die Beschränkung des Wohlstands auf wenige als nicht tragfähig erweisen und unweigerlich der Übergang zur klassenlosen Gesellschaft stattfinden.
Arbeit zitieren:
Thomas Paster, 1998, Soziale Schichtung und soziale Ungleichheit moderner Gesellschaften, München, GRIN Verlag GmbH
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