Universität Bremen
Studiengang: Geographie
Fachbereich 8
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HAUSARBEIT
Martin Runkel
WiSe 2002/03
Ergänzung zur Vorlesung : „Soziologie des Wohnens“
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,,Zeige mir wie Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist". Dieses Sprichwort könnte als Motto vor einer rein soziologischen Analyse des Wohnens und der Wohnung stehen, kann doch, im Sinne Norbert Elias’, ,,der Niederschlag einer sozialen Einheit im Raume, der Typus ihrer Raumgestaltung eine handgreifliche, eine - im wörtlichen Sinne - sichtbare Repräsentation ihrer Eigenart" 1 sein. Die Beschreibung des Wohnens der Gesellschaft ließe demnach Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Organisation zu, über die Verteilung des Reichtums, über den Grad der Urbanisierung, über familiäre Strukturen und viele andere, ähnlich disparate Themenbereiche.
Wohnen ist ein existentielles Grundbedürfnis des Menschen und in einem ständigen Wandel. Als eine mögliche Definition sei folgende angeführt: ,,Wohnen als elementare Erscheinungs-und Ausdrucksform menschlichen Seins umfasst alle die Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die regelmäßig an einem bestimmten Ort stattfinden" 2 . Die Wohnung, das „Dach über dem Kopf“, hat zunächst sowohl physische, als auch soziale und sozialpsychologische Schutzfunktion: vor Witterungseinflüssen, vor Gefahren aller Art, vor Mitmenschen - gleichgültig ob Freund oder Feind, vor neugierigen Blicken usw. Doch gerade dieser Aspekt des Wohnens als Grundbedürfnis kann nicht im Zentrum einer soziologischen Analyse stehen, vermag er doch die historischen, interkulturellen und innergesellschaftlichen Differenzen der Wohnweisen der Menschen eben nicht zu erklären, sondern verweist lediglich darauf, dass alle Menschen wohnen, was banal ist. Eine Analyse, die sich auf neuartige Tendenzen in Wohn- und Lebensweise bezieht, muss daher die historischen Bedingungen der jeweiligen Gesellschaften notwendig mit einbinden.
Themenstellung dieser Arbeit ist daher vor allem die soziologische Perspektive, die aber auch die ökonomischen und vor Allem die demographischen Bedingungen des Wohnens, in der gegenwärtigen Situation, mit einbeziehen muss. Der wohnungswirtschaftliche Sektor hat eine Reihe von Besonderheiten, die zur These des Marktversagens führen: ,,Der Markt kann jedoch eine angemessene Wohnungsversorgung für alle Bevölkerungsgruppen, insbesondere für die einkommensschwächeren und die Bevölkerungsgruppen, die sozialen Diskriminierungen ausgesetzt sind, nicht gewährleisten" 3 . Aus diesem Grunde, ist neben der sozialpolitischen,
auch die ökonomische Komponente zu beachten. Der Staat ist in der VR]LDOHQMarktwirtschaft
1 Elias, 1983, S. 70
2 Spiegel, 1991, S.41
3 Eichener / Heinze, 1994, S.3
3
Deutschlands verantwortlich für eine angemessene Versorgung der Gesellschaftsmitglieder mit nicht substituierbaren Versorgungsgütern - in diesem Falle mit dem Wohnraum. Er greift also soweit in das Marktgeschehen ein, wie es nötig erscheint, um allen ein Minimum zu sichern, ohne dabei aber den Marktmechanismus außer Kraft zu setzen! Er steht bei seinen sozialpolitischen Eingriffen also im Spannungsfeld zwischen sozialpolitischer Verantwortung und ordnungspolitischer Zurückhaltung. Wie wird sich der Sozialstaat in Zukunft diesen Aufgaben gerecht werden können?
Noch aus einem weiteren Grund lässt sich das Thema nicht eindimensional betrachten. Neben der Frage nach den Bauformen im Rahmen einer historisch-komparativen Analyse geht es stets um die räumliche Anordnung und Einbindung der Gesellschaft in den Wohnraum auf der Mikroebene von Wohnhäusern und Wohnungen. 4
Obwohl der moderne Typus des kleinfamiliären und privaten Wohnens das Produkt einer langen Entwicklung ist, lässt sich diese, in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts manifestierte, Wohnform nicht ohne weiteres auf die heutige Zeit projizieren. Bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts lässt sich eine Verengung der Wohnweisen ausmachen, die sich in der Folgezeit permanent ausdifferenziert haben. Diese, keineswegs abgeschlossene Entwicklung zu neuen Wohntypen und -weisen soll in dieser Hausarbeit aufgezeigt werden. Aus der Themenbeschreibung ergibt sich der Aufbau dieser Arbeit: Am Anfang steht eine kurze Beschreibung der historischen Entwicklung des Wohnens und der Wohnung, an die sich die Darstellung eines sozialen, politischen und ökonomischen Wandels der Wohnweisen, ausgehend von der gegenwärtigen Situation, anschließt. Abschließend sollen mögliche politische Konsequenzen aus den aufgezeigten Befunden gezogen werden
Worpswede, im Dezember 2002 Martin Runkel
Ein herzlicher Dank geht an meinen Bruder, der an der Gestaltung des Titelbildes maßgeblich beteiligt war!
4 Lichtenberger, 2002, S. 188
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Vorwort 2
1. Die Herausbildung modernen Wohn- und Lebensweise. 5
2. Wohnen und Arbeiten 8
3. Individualisierung im Privaten 10
4. Neue Haustypen. 12
5. Zwischen Bindungslosigkeit und Differenzierung 16
6. Politisch-soziologische Konsequenzen 19
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Historische Prozesse sind äußerst komplexe bzw. ambivalente Vorgänge, bei deren Beschreibung notwendigerweise verkürzt und vereinfacht wird, um Entwicklungen analytisch herauszuarbeiten. Einen Zugang zum Thema bietet Aristoteles, der für die Errichtung von Wohnräumen in der griechischen Polis vier wesentliche Gründe und Vorraussetzungen angab 5 :
• Die FDXVDILQDOLV, der Zweck zu dem ein Haus gebaut wird, steht an erster Stelle. Hier-mit wird die zukünftige Funktion des Hauses (zukunftsweisend) in einen aus der Generationenabfolge resultierenden Zeitbegriff eingebunden.
• Die FDXVDHIILFLHQFLD umfasst den angemessenen Einsatz von Kapital und Arbeitskräf-
ten, die zum Bau eines Hauses notwendig sind.
• Die FDXVDIRUPDOLV, umfasst den Bauplan, sowie die
• &DXVDPDWHULDOLV , die Baustoffe.
Erweitert man dieses Beispiel durch die Einführung einer sich ändernden Gesellschaftsstruktur, so können sich Zwecke, Mitteleinsatz und damit auch die Funktion des Wohnens ändern. Dieser Argumentationslinie folgt auch Weber, der zwei Idealtypen des Wohnens gegenüberstellt: Zum einen den des vormodernen Wohnens, des sogenannten „ganzen Hauses“, zum anderen denjenigen des modernen Wohnens. Der Idealtypus ist hier weder normatives noch statistisches Konstrukt, sondern eine abstrahierende Verdichtung, die das Besondere einer Epoche im Unterschied zur anderen herausarbeitet 6 . Er ist auch kein Instrument, das eine chronologische Abfolge beschreiben will, wo offensichtlich keine ist: die beiden Wohnformen sind zeitlich nicht klar voneinander zu trennen, sondern gehen, differenziert u.a. nach räumlichen Kriterien (wie Stadt - Land) und schicht- oder klassenspezifischen Gesichtspunkten (etwa bäuerliche vs. bürgerliche Haushalte), ineinander über. Es handelt sich beim Übergang von der einen zur anderen Form um einen vieldimensionalen, mannigfaltigen Prozess. Die
Idealtypen sind also PHWKRGLVFKH.RQVWUXNWH, sind Analyseinstrumente.
• Das vormoderne „ganze Haus“
Das ursprüngliche Konzept des ganzen Hauses, wie es von Otto Brunner beschrieben wurde, beinhaltet die Idee eines Haushaltes, der sowohl in sozialer als auch in ökonomischer Hinsicht
5 Lichtenberger, 2002, S. 188
6 Spiegel, 1991, S.43
Arbeit zitieren:
Martin Runkel, 2002, Der Wandel des Wohnens, München, GRIN Verlag GmbH
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