Inhalt
I. Einleitung. 3
1. Der Dichter als poetischer Kommunikator 4
2. Die Natur als Spiegel der Seele. 6
2.1 Natur als weibliche Metaphorik 7
3. Die Moderne als Spannungsfeld der Poetisierung Heinrichs 8
4. Träume als Initiation einer poetischen Subjektivierung 9
5. Konstruktion einer poetischen Identität 10
5.1 Poetische Identitätsstiftung durch die Liebe. 11
II. Schlussbetrachtung 14
III. Literaturverzeichnis 17
2
I. Einleitung
Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg wird bis heute in der Forschungsliteratur als der Dichter der (Früh-)Romantik angesehen. Viele seiner romantischen Theorien finden sich im Heinrich von Ofterdingen 1 wieder. Trotz der kurzen Entstehungszeit bleibt der Roman mit dem frühen Tod von Novalis 2 am 25. März 1801 im Alter von nur 29 Jahren Fragment. Ganz bewusst als Gegenentwurf zu Goethes Wilhelm Meister angelegt, fand Novalis - wie von Hardenberg sich nach einem Zweig seiner Vorfahren nannte - auf einer Reise in den Chroniken über „Heinrich von Afterdingen“ den passenden Stoff. Mit der Verlegung der Bildungsreise ins Innere des Protagonisten wollte Novalis die Erkenntnis seines Helden durch eine kritische Poesie transzendental werden lassen.
Immer wieder finden sich im Ofterdingen Kommunikationssituationen, die dem Protagonisten auf seiner Bildungsreise des inneren Ichs den Weg zur poetischen Subjektwerdung ermöglichen. Begleitet von geistigen Mentoren durchläuft Heinrich eine innere Reflexion, die sich mit einer zunehmend gefestigten poetisierten Identität nach außen kehrt. Die so gewonnene innere Reife dient ihm dazu, den für ihn vorherbestimmten Weg zum vollendeten Dichter zu beschreiten. Doch wie hat Novalis diese Poetisierung des Subjekts in Novalis’ Heinrich von Ofterdingen ausgestaltet? Die folgende Arbeit wird mit Fokus auf dem Primärtext die identitätsstiftende Poetisierung des Subjekts im Heinrich von Ofterdingen von Novalis untersuchen. Es soll dabei gezeigt werden, wie die vielschichtig angelegte Selbstreflexion des Protagonisten - mit Initiation von innen und außen - die mentale Reife auslöst, welche eine poetisierte Interaktion innerhalb des Geschehens als identitätsstiftende Selbstfindungsgrundlage etabliert.Dabei werden gezielt Textstellen herangezogen, die den kommunikativen Charakter verdeutlichen. Unterstützende Aspekte wie die Betrachtung von Natur und Technik, sowie die Betrachtung der Traumerfahrung des Protagonisten stellen zielorientierte Teilbereiche dar, die die Ausgestaltung eines kommunikativen Charakters zur poetischen Subjektwerdung Heinrichs deutlich beeinflussen. Denn gerade im Ofterdingen finden sich eigene philosophische Überlegungen wie auch zeitgenössische Theorien anderer im Roman eingewoben.
1 Im Folgenden werden unter Angabe von Paginierung und Vers alle Textpassagen aus dem Primärtext nach dieser Ausgabe zitiert: Frühwald, Wolfgang (Hrsg.): Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Ein Roman. Reclam 8939. Stuttgart 1987.
2 Novalis = lat. für „der Neuland Bestellende“.
3
1. Der Dichter als poetischer Kommunikator
Die Literatur im 18. Jahrhundert wurde durch die Einflüsse und Gedanken der Französischen Revolution stark geprägt. Die gesellschaftspolitischen und sozialen Einschnitte der Revolution veränderten das damalige Gesellschaftsbild radikal. Mit der schweren Erschütterung der alteuropäischen Ordnung wurde der Optimismus auf eine „Aussöhnung der Welt“ verdrängt. Diesen Teil der Weltgeschichte empfanden gerade die Frühromantiker als fortschreitende Zerstörung der gesellschaftlichen Werte. Der Glaube, dass der Mensch stets auf eine höhere Vollkommenheit zustrebt, wird mit der Utopie einer solchen Vollkommenheit in unerreichbare Ferne gerückt. Aus der Gesellschaft lösen sich die Subjekte in ihre individuellen Identitäten auf. Historische Prozesse sind damit nicht länger mehr nur eine Emanzipation des Subjekts, sondern werden als die eigene Entfremdung empfunden. Ein Sinnverlust ist die Folge, dem sich die Frühromantiker radikal ausgeliefert sahen.
So versucht auch Novalis, der sich mit seinem Bildungsroman Heinrich von Ofterdingen an einer idealisierten Vergangenheit orientiert, eine Annäherung an das Ziel der idealen Zukunft zu schaffen. Die Triade der vollendeten Vergangenheit, der entfremdeten Gegenwart und der idealen Zukunft prägen also auch seine Gedankenwelt. Mit der kriegerischen Zerstörung der Gegenwart wurden Ideal und Realität des „Goldenen Zeitalters“ 3 gespalten.
In den Augen der Frühromantiker war mit der Französischen Revolution das goldene Zeitalter in weite Ferne gerückt. Die Götter hatten die Erde verlassen; die Welten waren entzweit. Heinrichs Vater sagt daher: „In dem Alter der Welt, wo wir leben, findet der unmittelbare Verkehr mit dem Himmel nicht mehr statt.“ (S. 13, V. 4f.) Mit dieser Trennung herrscht ein Ungleichgewicht zwischen Diesseits und Jenseits. Mit dem stetigen Streben nach einer erneuten Vereinigung dieser Splitter der „Weltenseele“ kann nur in einer idealisierten Zukunft die Einheit der Welt mit ihren Subjekten wieder hergestellt werden.
Mit Blick auf diese Erlösungshoffnung nimmt Novalis den Leser im Ofterdingen mit auf die Reise ins Innerste des Protagonisten, um dort die eschatologische Vollendung
3 Novalis verwendet diesen Begriff erstmals um 1790 in seinen Schriften. Immer wieder durchzieht dieser Begriff seine Werke. Das berühmte Motiv des „Goldenen Zeitalters“ mit seinen fünf großen Traditionslinien hat vor allem Hans-Joachim Mähl mit seiner Forschungsarbeit „Über die Idee des Goldenen Zeitalters“ (1965) aufgezeigt. Mähl zeigt dabei, dass bei Novalis vor allem das Ineinander der mythisch-zeitlosen Erfahrung einer „höheren Welt“ seine geschichtsphilosophische Zukunftserwartung geprägt haben.
4
Heinrichs im Dichtertum zu zeigen. Das reflektierte Beobachten dieser Poetisierung des heinrich’schen Subjekts soll dabei auch als kommunikative Initiation auf den Rezipienten wirken. Statt aufgeklärter und klarer Erleuchtung stellt Novalis die Erkenntnis aber in eine romantische Dämmerung mit dem zarten Schleier des Zwielichtes:
„Das Leben und die Welt ist mir klarer und anschaulicher durch sie geworden. Es dünkte mich, sie müssten befreundet mit den scharfen Geistern des Lichtes sein, die alle Naturen durchdringen und sondern, und einen eigentümlichen, zartgefärbten Schleier über jede verbreiten.“ (S. 85, V. 4-9)
Immer wieder haben einige Forscher Novalis als Fichteaner interpretiert, der die Transzendentalphilosophie weder magisch, noch mystisch-religiös, noch hegelianisch übersteigert. Manfred Frank vertritt dabei in seiner „Einführung in die frühromantische Ästhetik“ (1989) sogar die Ansicht, dass Novalis das „absolute Ich“ überwindet. Seiner Ansicht nach gehört damit „… die frühromantische Philosophie […] nicht in den Rahmen des deutschen Idealismus.“ 4 Aus Franks Erläuterungen und Interpretationen zum Ordo inversus entwickelt schließlich Herbert Uerling in „Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis“ (1991) die brillante Kurzformel der hardenberg’schen Philosophie, die er als „… narrative Konstruktion immanenter Transzendenz …“ 5 bezeichnet:
„Etwas Gesuchtes, Gewünschtes oder Vorauszusetzendes wird ’gesetzt’, ’als ob’ es gefunden, erreicht/erreichbar, wahr oder wirklich sei. […] Konstruiert wird nicht das transzendente Absolute, sondern Konstruktion ist die Bewegung, die ais dem unaufhebbaren ’Mangel an Sein’, aus der immer nur negativ möglichen Erkenntnis des Absoluten entsteht. […] Unternommen wird der Versuch einer sich selbst durchstreichenden Reflexion der Reflexion, die Darstellung der Wechselreaktion von Gedanke und Gefühl.“ 6
Und auch Uerling teilt mich Frank die Auffassung, dass „… Novalis mit der Fundierung des Selbstbewusstseins im transreflexiven Sein die Wissenschaftslehre verlasse …“ 7 und heute niemand mehr behaupten könne, „… Hardenberg sei Fichteaner …“ 8 gewesen.
4 Vgl. hierzu Manfred Frank: Einführung in die frühromantische Ästhetik. S. 222 und S. 259.
5 Uerling, Herbert: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. Werk und Forschung. Stuttgart 1991, S. 230.
6 Ebd. S. 230.
7 Vgl. Bernward Loheide: Fichte und Novalis. S. 174.
8 Uerling, Herbert: Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis. S. 136.
5
Arbeit zitieren:
Master of Arts Alexander Monagas, 2007, Novalis’ "Heinrich von Ofterdingen", München, GRIN Verlag GmbH
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