2
Es lohnt sich, einmal die Eignung der beiden zuerst im Titel genannten Begriffspaare 5 für die Festlegung der Grenzscheide zwischen “konventioneller” und “moderner” Lyrik zu überprüfen. Diese zielen nämlich ausdrücklich darauf, wie in Lyrik gesprochen wird, und nicht darauf, worüber. „Vielschichtigkeit“ zeichnet alle bedeutende Lyrik seit Goethe aus, zumindest „Erlebnislyrik“ (im Gegensatz zur „philosophischen„ oder „Gedankenlyrik“. Der Begriff “Schicht” zeigt nur an, dass es in derartiger Lyrik immer neue Dimensionen (Schichten) zu entdecken gibt, dass neue Interpreten neue Sinngebungen „finden“ (nicht „erfinden“), die den früher gefundenen nicht widersprechen, sondern diese vielmehr unterstützen, unterbauen, tiefer begründen (deshalb die Schichtenmetapher. So ist es etwa, wenn in der Wahl eines Weltausschnitts oder im Metapherngebrauch eines Dichters über den vordergründigen Sinn hinaus (besser: „hinter“ diesem) eine weltanschauliche oder gar “tiefenpsychologische“ Dimension (wieder eine räumliche Metapher) entdeckt wird. „Einschichtige“ Lyrik (etwa sogen. „Gelegenheitsdichtung“ im einfachen, nicht im goetheschen, Sinne) würden wir wohl zumeist als „banal“ einstufen.— Die Sprache selbst in ihrer Durchsetztheit mit konventionalisierten Metaphern verleitet uns fortwährend zum Sprechen auf mehreren Ebenen {„Schichten“), wie ja der Schichtenbegriff selbst auf einer solchen Metapher „fußt“ (schon wieder eine konventionalisierte Metapher. - Wir können vermuten, dass man umso mehr Schichten in einem Gedicht entdecken wird, je komplexer es ist, dass jedoch ein vielschichtiges Gedicht im Prinzip einmal „ausinterpretiert“ werden könnte, wie Wolfgang Kayser 6 sich einmal ausdrückte. „Vieldeutigkeit“ dagegen kennzeichnet ein Gedicht, dessen Sinn sich selbst nach sorgfältigster Interpretation nicht eindeutig festlegen lässt, dessen „Deutungen“ bzw. „Sinngebungen“ durch verschiedene Interpreten sich deshalb - je nach deren Voraussetzungen- widersprechen können. Der Begriff “Sinngebung“ passt deshalb gut, weil ein solches Gedicht selbst keinen verbindlichen Sinn besitzt bzw. mitteilt und dieser vom Interpreten nicht im Gedicht „gefunden“ werden kann sondern diesem erst „gegeben“ werden muss. - Daraus ergibt sich, dass über die Zugehörigkeit eines Gedichtes zu einer dieser beiden Gruppen nicht die Intention des Autors 7 entscheidet sondern die Rezeption der Leser. Denn der Autor könnte sich ja einbilden, sich ausreichend klar mitgeteilt zu haben, in seinem Bemühen um eine möglichst originelle (oder verkürzte) Sprachgestaltung dieses Ziel jedoch verfehlt haben.
Was tut der Interpret eines solchen „dunklen“ Gedichtes? - Wo er die inhaltlichen Ambiguitäten 8 nicht aufhellen kann, stellt er dies selten ehrlich fest. Normalerweise wird er solche Lyrik gar nicht
3
erst zur Interpretation auswählen. Häufig aber projiziert er seine eigenen, oftmals spekulativen Deutungen in den Text, schreibt also praktisch sein eigenes Gedicht. Die Rezeptionsgeschichte 9 „moderner“ Literatur ist voll von widersprüchlichen Deutungen, in denen die Interpreten hauptsächlich ihr jeweils eigenes weltanschauliches Anliegen verfolgt und angeblich „gefunden“ haben. - Natürlich gibt es zwischen den abstrakten Positionen, „vielschichtig“ und „vieldeutig“, Zwischenstufen, wenn etwa ein Gedicht nur teilweise „dunkel“ ist. 10 Man könnte jedoch gegen diese Unterscheidung grundsätzlich einwenden, dass unsere Sprache uns ja nicht nur zur „Vielschichtigkeit“ zwingt (wie gesagt, hauptsächlich durch ihren metaphorischen Charakter 11 ), sondern auch -in ihren Homonymen- zur „Vieldeutigkeit“. Max Bense 12 beutete dies in seinen vom Computer zusammengestellten Gedichten aus, die er „Wortfelder“ nannte. In diesen wird jegliche syntaktisch-semantische Verknüpfung vermieden. Zusätzlich schreibt er grundsätzlich alle Wörter klein, sodass wir die Orientierung verlieren und nicht mehr wissen, ob wir es mit Substantiven, Verben oder anderen Wortarten zu tun haben (sog, wand, sein, strich, schritt etc.).-Hier aber kommt, anders als bei der Metaphernhaftigkeit der Sprache, das Moment des Kontextes 13 ins Spiel. Wenn der Dichter überhaupt verstanden werden will, kann er mehrdeutige Worte in einen Kontext setzen, der ihre Bedeutung klar macht. Ihr „Doppelsinn“ wirkt dann allenfalls wie die oben beschriebene „Vielschichtigkeit“. Denn natürlich sind in Dichtung Worte nicht ohne ihr semantisches Feld 14 an Assoziationen (Heißenbüttel nennt es „Bedeutungshof“ 15 ) einsetzbar. Zu dem eben besprochenen Begriffspaar, “vielschichtig - vieldeutig”, in dem für viele nur der erste Begriff einen unbezweifelbaren Wert darstellt 16 , gibt es ein entsprechendes: „Transparenz“ und „Offenheit“. Bezeichnenderweise wurde in der Germanistik vor den Sechziger Jahren, die sich am liebsten auf die Dichtung vor Brecht beschränkt hätte, häufig von der „Transparenz“ lyrischer Gedichte gesprochen, während man seit Brecht 17 mit Vorliebe von „Offenheit” spricht. - Der erste Begriff ist wiederum mit der Schichtenmetapher verbunden. Er bedeutet, dass „hinter“ einer Schicht der literarischen Gestaltung, z. B. der Handlung oder Dialogführung oder auch der Metaphernwahl, eine „tiefere“ aufleuchtet, z. B. eine psychologische oder weltanschauliche. Besonders häufig bezeichnen wir mit “Transparenz“ den exemplarischen Charakter von Dichtung, die
allgemeinmenschliches Erleben gestaltet und nacherlebbar macht. 18
Das neuerdings viel gebräuchlichere Wort „Offenheit“ 19 lässt sich auf Literatur vor Bertolt Brecht und Franz Kafka nur selten anwenden. 20 Es ist jedoch missverständlich. Wir müssen fragen, wofür
4
Literatur „offen“ sein kann.- Zweifellos ist mit dem Begriff gemeint: für die Deutung des Rezipienten 21 . - Nun wäre weiter zu fragen: für jede beliebige, willkürliche? Oder eine vom Dichter doch indirekt nahegelegte, in der Gestaltung suggerierte, jedoch nicht ausgesprochene? - Kann aber die letzte Möglichkeit noch „offen“ genannt werden? Sollten wir in diesem Falle nicht lieber sagen, dass die Vordergrundsgestaltung (etwa einer Handlung in den Brechtstücken) “transparent” für weltanschauliche, politische oder sonstige Gehalte und Aussagen wird? - Die Ironie ist, dass bei dem Dichter, für dessen Werke der Begriff „offene Form“ hauptsächlich geschaffen wurde, gerade das letztere der Fall ist. Offene Form verwendet Brecht zwar fast durchgängig; offene Auslegungen lässt er jedoch nicht zu. Und darin unterscheidet er sich etwa von Kafka oder Trakl. Er stellt seine Fragen so, dass sie nur eine Antwort zulassen. 22 Der auf den Gehalt zielende Begriff „Offenheit“ ist also gerade auf Brecht nicht anwendbar.
Es hat immer Kunstrichtungen gegeben, die sich eine vollständige Abbildung der Wirklichkeit gar nicht erst vornahmen, sondern eher deren Gegenteil: die Reduktion des Darzustellenden auf ein Minimum das eben noch notwendig ist, um das Vorstellungsvermögen des Rezipienten zum Ergänzen des Ausgesparten zu führen; und zwar innerhalb gewisser Grenzen, nicht zu einem, willkürlichen Ergänzen, sondern zu einem „geleiteten“. Diese Kunstrichtungen gebrauchen die verschiedensten Techniken der „Andeutung“ und „Aussparung“, des Weglassens des nicht unbedingt Notwendigen. In der Literatur denken wir sofort an gewisse Formen der Lyrik (etwa des japanischen Haiku). Schon aus technischen Zwängen (u.a. des Raumes) ist das Phänomen der Aussparung überall in der Kunst zu finden. Es ist an sich wertneutral. Je mehr ausgespart ist, desto mehr muss vom Rezipienten ergänzt werden. Das geht normalerweise beim Kunstwerk ähnlich vor sich wie im täglichen Leben. Denn dort erwirbt der Rezipient die Fähigkeit, im Vordergrund Hintergrundsschichten zu erkennen. Wir schließen spontan und relativ schnell von z.T. unbewusst wahrgenommenen Einzelheiten (des Vordergrunds) durch Assoziation (Erinnerung an Ähnliches, früher Erlebtes) auf größere Zusammenhänge, die bereits „tiefer“ liegenden Schichten angehören, etwa psychologische Konstanten oder gar weltanschauliche Gehalte. Dieser Vorgang ist durchaus ein synthetischschöpferischer. Man könnte ihn als „gelenkte Assoziation“ bezeichnen, im Unterschied zu „freier Assoziation“. Gelenkte Assoziation wird als lustvoll empfunden, weil sie schöpferische Kräfte (vor allem unser Vorstellungs- und Kombinationsvermögen) in uns aktiviert, ohne dass uns der Autor dabei im Stiche lässt. - Sobald der Dichter uns nicht mehr durch ein Minimum von Angaben „leitet“,
Arbeit zitieren:
Dr. Wolfgang Ruttkowski, 1989, Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, Transparenz und Offenheit in *moderner Lyrik*, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Karl August Lingner - Leben und Werk eines sächsischen Großindustriell...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Forschungsarbeit, 125 Seiten
Zweite Moderne oder Postmoderne?
Ein Architektur–Diskurs
Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Fachbuch, 77 Seiten
Was heißt hier schon gläubig - Standortbestimmung eines kritischen Kat...
Fachbuch, 133 Seiten
Versunkene Kulturen der Welt - das Kompendium
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Forschungsarbeit, 118 Seiten
Zur semantischen Beschaffenheit literarischer Sachbegriffe
Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik
Wissenschaftlicher Aufsatz, 13 Seiten
Die Integration Schwedisch-Pommerns in den preußischen Staatsverband
Transformationsprozesse innerh...
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Doktorarbeit / Dissertation, 297 Seiten
Zweitstimme ist Kanzlerstimme - Die Abhängigkeit der Kanzlerpräferenz ...
Eine zeitreihenanalytische Unt...
Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation
Doktorarbeit / Dissertation, 303 Seiten
Die Navigation in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Experimentelle Untersuchung zu...
Doktorarbeit / Dissertation, 68 Seiten
Wolfgang Ruttkowski's Text Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, Transparenz und Offenheit in *moderner Lyrik* ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Wolfgang Ruttkowski hat den Text Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, Transparenz und Offenheit in *moderner Lyrik* veröffentlicht
Wolfgang Ruttkowski hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare