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Marburg, den 21.09.1998
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1.1 Deterministische Anthropologien -Folge der sozialen Veränderungen vor 1933
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1.2 Über Wirkungen des „kulturkritischen“ Denkens auf die Erziehungstheorien im präfaschistischen Deutschland
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1.3 Die Grundlagen nationalsozialistischer Erziehung
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7HLO=XU6LWXDWLRQGHU+HLOUHVSHNWLYH6RQGHUSlGDJRJLNLP1DWLRQDOVR]LDOLVPXV 2.1 Vorbemerkungen
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2.2 Ideologien der Heilpädagogik im Kaiserreich und der Weimarer Republik
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2.3 Hilfsschule bzw. Heilpädagogik im Nationalsozialismus
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2.4 Sonderpädagogische Fürsorgeeinrichtungen und ihre Bestimmung im Dritten Reich am Beispiel der Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein
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Resümee`
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Literaturangaben
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Die vorliegende, in zwei Teile untergliederte Ausarbeitung, beschäftigt sich mit der historischen Entwicklung der nationalsozialistischen Erziehung unter besonderer Berücksichtigung der Heil- respektive Sonderpädagogik im Dritten Reich. Während der erste Abschnitt unter anderem die Grundlagen nationalsozialistischer Pädagogik skizziert, werden insbesondere und explizit die infolge des gesellschaftlichen Umschwungs im Kaiserreich sowie der Weimarer Republik entstandenen geistigen Strömungen, beziehungsweise deren Auswirkungen auf die Erziehungsvorstellungen jener Zeit, thematisiert. In diesem Zusammenhang zeigt sich nämlich, dass die Prinzipien nationalsozialistischer Pädagogik keineswegs neu oder eine Erfindung des Hitler-Regimes waren, sondern ihre Genese bereits in der Wilhelminischen Ära, genauer den Weimarer Jahren fanden. Die im faschistischen Deutschland propagierten Erziehungstheorien dürfen deshalb gerade nicht, wie in der erziehungswissenschaftlichen Literatur der 50er und 60er Jahre überwiegend geschehen, gänzlich isoliert, vielmehr ausschließlich die Jahre 1933 bis 1945 tangierend, betrachtet werden.
Jenes gilt übrigens synonym für die Heil- und Sonderpädagogik, eine Teildisziplin der allgemeinen Pädagogik, deren Funktion während des Nationalsozialismus im zweiten Teil der Arbeit minutiös erörtert wird. Das Thema Heilpädagogik plus Faschismus wurde ebenfalls lange tabuisiert, gleichsam auf zwölf Jahre beschränkt, obgleich die sonderpädagogische Klientel im Dritten Reich hauptsächlich der Sterilisation obendrein Tötung zum Opfer fiel. Wie die Ausführungen deutlich machen, kann die heilpädagogische Geschichte vor 1933 bei der Illustration der nationalsozialistischen Sonderpädagogik gleichfalls nicht außer Acht gelassen werden. Führende Vertreter der Heilpädagogik im Nachkriegsdeutschland machten häufig das sonderpädagogische Personal mehrheitlich zu Opfern, vielmehr bloßen Befehlsempfängern der Nazis. Thesen solcher Art werden mittels der vorhandenen Arbeit widerlegt, präziser, Heilpädagogen waren in der totalitären deutschen Epoche weitgehend Mitläufer, gar Überzeugungstäter im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie.
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1.1 'HWHUPLQLVWLVFKH$QWKURSRORJLHQ±)ROJHGHUVR]LDOHQ9HUlQGHUXQJHQYRU
Die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Deutschland aufgrund des Missverhältnisses von fortgeschrittener ökonomischer Modernisierung und nicht gelungener sozialer sowie politischer Demokratisierung entstandene „Kulturkritik“ beeinflusste viele gesellschaftliche Bereiche, unter anderem die Pädagogik, respektive wirkte auf intellektuelle zugleich bürgerliche Kreise der Wilhelminischen Zeit und später der Weimarer Republik. 1 Jene Kulturkritiker versuchten, einer wegen der Industrialisierung erheblichen sozialen Veränderung oder Komplexität bzw. damit einhergehenden Notlage der Industriebevölkerung, mit „Mythologisierung“ vielmehr gesellschaftlicher Vereinfachung entgegenzuwirken. Besser gesagt, Denkmuster wie „der Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum“, „die Deutschtums- sprich Germanenideologie als Ablösung abstrakter Humanitätsideale“, oder der Vorrang des „völkischen Willens“ vor der „heimatlosen Intelligenz“, rückten immer stärker in den Mittelpunkt. 2 Führende Autoren dieser kulturkritischen Auffassungen waren u. a. Chamberlain, Lagarde und Spengler, in deren Schriften gerade der mythologische „Schicksals- und Rassebegriff“ besondere Relevanz bekam. „:DVHLQ0HQVFKOHW]WOLFKLVWXQGZLUGYHUGDQNWHUGHUVFKLFNVDOKDIWHQ%OXWV]XJHK|ULJNHLW (U]LHKXQJ %HJDEXQJ XQG /HUQHLIHU JHLVWLJVLWWOLFKH $QVWUHQJXQJ VLQG ]ZHLWUDQJLJ GLH HQWVFKHLGHQGHQ$VSHNWHGHU/HEHQVEDKQHQVLQGVWULNWYRUJHJHEHQQXUPDUJLQDOH4XDOLWlWHQ N|QQHQQRFKGXUFK(LJHQOHLVWXQJYHUlQGHUWZHUGHQ“ 3 Entsprechend äußerte Oswald Spengler
in seiner Veröffentlichung „Untergang des Abendlandes“: „'XUFKGDV%OXWGHU$KQHQVWHKHQ ZLU LQ HLQHP XQDXVZHLFKOLFKHQ 6FKLFNVDOV]XVDPPHQKDQJ 'DV LQGLYLGXHOOH +DQGHOQ LVW QLHPDOV$XVGUXFNYRQ%HJDEXQJ/HUQHQXQG$QVWUHQJXQJ'LH5DVVHEHKHUUVFKWXQGIRUPW GDV JHVDPWH %HJUHLIHQ 5DVVH EHGHXWHW QLFKWV 6WRIIOLFKHV VRQGHUQ HWZDV .RVPLVFKHV XQG *HULFKWHWHVJHIKOWHU(LQNODQJHLQHV6FKLFNVDOVJOHLFKHU6FKULWWXQG*DQJLPKLVWRULVFKHQ 6HLQ“ 4 Für Chamberlain erschien das Germanentum als Maß aller Dinge: „'HU*HUPDQHLVW GLH 6HHOH XQVHUHU .XOWXU (U LVW GHU HLJHQWOLFKH 7UlJHU GHU :HOWJHVFKLFKWH“ 5 Chamberlain
unterschied bereits zwischen Ariern und Nichtariern.
Jenen kulturkritischen, höchst pseudowissenschaftlichen deterministischen Anthropologien, welche, wie anhand vorheriger Zitate verdeutlicht, den Vorzug des Deutschtums vor dem
1 Vgl. Keim, Wolfgang (Hrsg.): „ Erziehung unter der Nazi-Diktatur, Band 1: Antidemokratische Potentiale, Machtantritt und Machtdurchsetzung“ , Darmstadt 1995, S. 20f
2 Vgl. Oelkers, Jürgen; Herrmann, Ulrich (Hrsg.): „ Pädagogik und Nationalsozialismus“ , Weinheim und München 1989, S. 87ff 3 Ebenda S. 91 4 Ebenda S. 93 5 Ebenda S. 92
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Menschentum sowie eine mythologische Schicksalszugehörigkeit rühmten, waren rein wissenschaftliche Erkenntnis und Verstandesdenken logischerweise fremd, genauer, die Kulturkritiker erklärten die Ratio zu ihrem Feind. „ 2EMHNWLYLWlW LVW /JH 3DUWHLOLFKNHLW LVW $XIULFKWLJNHLWXQGJRWWJHJHEHQH*HVLQQXQJ:LVVHQVFKDIWLVWLQWHOOHNWXHOOEULOODQWDEHUQLFKW ]XVWlQGLJ XQG EOLQGH 5KHWRULN“ 6 Humanität und Gefühlsduselei wurden als Gegner der
„ germanischen Rasse“ , die sich angeblich im erbitterten Kampf um Sein oder Nichtsein befand, diffamiert. Das inhumane Verhalten traf zunächst die Juden, welche den verbalen Antisemitismus insofern bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert verspürten. Mit der Rassenideologie oder nationalen rassischen Wertgefühlen verbanden sich schnell Begriffe wie Rassenhygiene und Eugenik, zumal die „ Reinheit“ des deutschen Volkes, gleichsam dessen Existenz, gefährdet schien. Erbbiologische Ideen, nach denen nur gesundes Erbgut für die Fortpflanzung, besser „ Aufartung“ der Rasse eingesetzt werden durfte, existierten somit längst im Kaiserreich und fanden in der Weimarer Republik eine Verschärfung, gerade aufgrund der Kriegsniederlage. Ebenfalls utilitaristische Motive, den Wert des Menschen ausschließlich an seinem Nutzen für die Gemeinschaft messend, für die späteren nationalsozialistischen Erziehungstheorien wesentlich, waren mit der Rassenideologie verwoben bzw. tauchten schon in der Wilhelminischen Ära auf und erhielten bis zum Ende der Weimarer Jahre immer breitere Zustimmung. Welchen Einfluß nahm das den humanistischen Geist der Aufklärung zersetzende, kulturkritische, weiterhin gesellschaftsmodifizierende Gedankengut nun auf die Erziehungsvorstellungen des ausklingenden 19. Jahrhunderts.
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Adolf Hitler und sein Regime waren mitnichten Erfinder der Prinzipien der nationalsozialistischen Erziehung oder Pädagogik, sondern deren Ursprünge fanden sich im Wilhelminismus nach 1870. Christentum, Aufklärung und Neuhumanismus prägten die deutsche Erziehung bis ins Kaiserreich. Mündigkeit sowie die Freiheit des Einzelnen genossen oberste Priorität, wobei man von der allseitigen Entwicklungsmöglichkeit eines jungen Menschen ausging. 7 Gemäß der europäischen Bildungstradition mußte pädagogisches Handeln innere Freiheit fördern und Abhängigkeit in Selbständigkeit verwandeln helfen. Diese humanistischen Denkmuster innerhalb der deutschen Pädagogik wandelten sich mit
6 Ebenda S. 105
7 Ebenda S. 87ff
Arbeit zitieren:
Timo Grund, 1998, Die Entstehungsgeschichte der nationalsozialistischen Erziehung unter besonderer Berücksichtigung der Heil- und Sonderpädagogik im faschistischen Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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