Inhaltsverzeichnis
1. Dörfliche Heiratspolitik und voreheliche Sexualität im 18. Jahrhundert 2
1.1. Dörfliche Heiratspolitik 2
1.2. Das Kapital der Frau 3
1.3. Feste und die Initiation von Beziehungen 3
1.4. Die Spinnstube - ein Frauenraum 4
2. Die Anti-Onanie-Bewegung des 18. Jahrhunderts 5
2.1. Zusammenfassung der Auswirkungen und thesenhafte Ursachensuche 5
2.2. Zeitliche Eingrenzung der Ursachensuche 6
2.3. Entstehung der moralischen Ablehnung der Onanie 7
2.4. Erste theologische Meinungen zur Onanie 8
2.5. Spätere wissenschaftliche Argumentationen 10
2.6. Die Argumentation Tissots 11
2.7. Fazit 13
3. Sexualität im 20. Jahrhundert zwischen erstem Weltkrieg und 68er-Bewegung 14
3.1. Die Emanzipation der Frau in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 14
3.2. Sexualität in der Nachkriegszeit 15
3.3. Gegenströmungen in den 50er und 60er Jahren 15
4. Die sexuelle Revolution der 1960er 17
4.1. Grundlagen und Gründe der sexuellen Revolution 17
4.2. Interpretation der sexuellen Revolution anhand von Theorien 18
5. Die 70er und 80er Jahre 19
5.1. Großrhythmen der Wechsel der Grundhaltungen 19
5.2. Grobianisierte und vergiftete Sexualität bei 3 Milliarden Perversen 19
6. Von den 90er Jahren bis heute 20
6.1. Fallende Hüllen und entstehende Gegenbewegungen 20
6.2. Moderne Sexualwelten und der Sexualkonsens 22
6.3. Die Sichtweise der neosexuellen Revolution 23
Quellenverzeichnis 26
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1. Dörfliche Heiratspolitik und voreheliche Sexualität im 18. Jahrhundert
Einführend sollen Heiratspolitik und voreheliche Sexualität auf dem Lande im ausgehenden 18. Jahrhundert, die traditionell ein wichtiges Thema der Volkskunde und der späteren empirischen Kulturwissenschaft sind, behandelt werden. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass die Praxis vorehelicher Beziehungen, wie wir sie heute als selbstverständlich und ungebunden ansehen, in ein kompliziertes, für die Beteiligten unumgängliches Regelsystem eingebunden war. Konkrete Auswirkungen davon waren, dass die vorgegebenen Regeln und Verhaltens-normen die Möglichkeiten zweier potentieller Ehe- oder Geschlechtspartner, sich zu treffen, zu sprechen oder Unternehmungen zusammen zu machen, stark bestimmten. Das ist weniger weltfremd, als es uns heute erscheinen mag, wenn man weiß, dass dies primär zum Schutz des Rufes der Frau geschah. Die Offenheit des Mannes für Beziehungen aller Art und seine dabei geringere Beachtung seines Rufes war den Menschen damals nicht weniger bekannt als heute, doch sollten die Bestimmungen die für Zurückhaltung offenere Frau ansprechen und dazu motivieren, sich selbst und ihren Ruf gegebenenfalls mit Bezug auf die Regeln aktiv schützen zu können.
1.1. Dörfliche Heiratspolitik
Die Parallelen zur Moderne werden umso klarer, wenn man weiß, dass Männer und Frauen vor der eigentlichen Ehe durchaus mehrere Verhältnisse eingehen konnten und dies in der Praxis auch taten. Dies diente unter anderem der eigenen Vergewisserung, dass man für eine Ehe geeignet war. Besonders in dörflichen Gemeinschaften war eine sozial wie wirtschaftlich unabhängige Existenz außerhalb der Ehe speziell für die Frau undenkbar, jedoch auch für einen Mann kein Endziel. Ledig zu sein war zu dieser Zeit ein Synonym für wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit vom Elternhaus oder dem Haushalt des Dienstherrn, der jedoch das umgekehrte Interesse wie sein Schützling hatte und dessen Alleinsein als Basis für bessere, weniger abgelenkte Arbeitskraft ansah.
Ehen wurden grundsätzlich nur zwischen den Angehörigen der gleichen sozialen Schichten geschlossen. Verhältnisse zwischen zwei Personen mit großem Standesunterschied waren unerwünscht, ebenso der persönliche Umgang einer unverheirateten mit einer verheirateten Person des anderen Geschlechts. Die Dorfgemeinschaft zeigte großes Interesse an jeder einzelnen Hochzeit, was in ihrem Interesse an der Bewahrung der sozialen wie ökonomischen Stabilität des dörflichen Sozialsystems begründet war. Aus diesem Grunde war es für die Frau auch so wichtig, vor der Ehe ihren Ruf zu bewahren, um das dörfliche Interesse nicht unnötig
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zu schüren und eventuelle Einsprüche gegen die zünftige Ehe zu ermöglichen oder sich gar auf der sozialen Reichweite des endgültigen Ehepartners zu bringen. Dieses Prinzip des „Alle Türen Offenhaltens“ sowie der Vermeidung jeglicher öffentlicher Aufmerksamkeit ist wiederum die Parallele zum Verhalten moderner Lediger heute, und ist primär bei der Frau zu erkennen, jedoch zumeist in engem Zusammenhang mit Konservativität oder Religiosität und in den letzten Jahren immer geringer.
1.2. Das Kapital der Frau
Als wichtigstes Kapital der Frau im ausgehenden 18. Jahrhundert ist die Mitgift zu nennen. Während ihres Gesindedienstes, also ihrer Dienstbotenschaft für einen Grund- oder Gutsherrn, musste sich die Frau ihre Mitgift für die spätere Ehe selbst zusammensparen, sie erhielt selten ein wenig Mitgift von ihren Eltern. Neben den materiellen Gütern spielten die häuslichen Qualifikationen der Frau eine wichtige Rolle für einen Ehemann. Deshalb wurden die Arbeitsfähigkeiten und auch die Arbeitsbereitschaft der Frau bereits von den anderen Knechten und Mägden des Dienstherrn oder der Eltern sowie von aufmerksamen Nachbarn sehr genau beobachtet und bewertet, was sich in der Dorfgemeinschaft schnell verbreitete. Der allgemeine Umgang einer Frau mit Männern in ihrer Umgebung erhielt besondere Aufmerksamkeit bei den „Beobachtern“, ebenso ihre anderen Umgänge, ihre Gewohnheiten, speziell mit Geld oder Kindern umzugehen. Aus dem Bild, das die anderen Dorfbewohner von der Frau entwickelten, entstand ein neben der Mitgift entscheidendes Kapital: ihr Ruf. Verschlechterte sich ihr Ruf, oder verlor sie gar ihre Ehre gänzlich, bedeutete das für eine Frau eine einschneidende Veränderung und Einschränkung ihrer Handlungs- und Lebensmöglichkeiten. Eine Frau, die ihren guten Ruf oder gar (zumindest im Glauben des Dorfes) ihre Ehre verloren hatte, wurde zum „Freiwild“ für die Männer. Sie wurde mit Nachrufen traktiert und hatte ihr Ansehen bei den anderen Frauen verloren, die durch engeren Kontakt mit ihr ihren eigenen Ruf gefährdet hätten.
1.3. Feste und die Initiation von Beziehungen
Um ein Zusammentreffen eines Mannes mit einer Frau zu ermöglichen, waren damals wie heute Feste beliebte Gelegenheiten. Feiern und Tänze waren für die ledige Jugend ein Ausdruck ihrer Kultur und geeigneter Raum, sich einerseits nach potentiellen Partnern umzusehen oder sich in der Gemeinschaft der anderen über sie zu informieren, andererseits seinen eigenen Ruf zu verbessern. Der symbolische Akt des „Bier Bezahlens“ spielte beim Zusammentreffen eines Mannes mit einer Frau eine wichtige Rolle für den Mann. Mit Hilfe eines Ge-
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tränks, nicht zwangsläufig eines Bieres, bestand die Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen und sich einen ersten persönlichen Eindruck voneinander, abseits der allgemein dorfweit bekannten Gerüchte, zu verschaffen. Das anschließende Bezahlen des Bieres wurde dabei zur Bewahrung der eigenen Ehre vom Mann übernommen und war ein Symbol für die Freude, die ihm das Gespräch mit der Frau gemacht hatte. Hatte auch die Frau Gefallen am Gespräch ge-funden, überreichte sie dem Mann einen Ring oder ein anderes Schmuckstück als Pfand. Dies war vorausschauend dazu gedacht, um im Falle einer späteren Schwangerschaft den Mann zu einer Heirat zu zwingen. Im Extremfall wurden solche Fälle sogar vor Gericht verhandelt, wenn sich ein Mann weigerte, die Frau zu heiraten oder seine Beteiligung an der Schwangerschaft zuzugeben. In der Regel ermöglichte das Schmuckstück es dem Mann aber erst, die folgenden Schritte zu unternehmen.
Die Aufgabe der Organisation von Tänzen sowie die Aufforderung zum Tanzen, die traditionell ein Initiationspunkt für eine Beziehung sein konnte, fiel der männlichen Jugend zu. Eine Frau, die mit einem Mann tanzen wollte, konnte sich durch entsprechende Positionierung nahe der Tanzfläche zum Tanz anbieten, jedoch selbst nicht zum Tanz auffordern. Nach einem Tanz oder einer Feier oblag es dem Mann, die Frau nach Hause zu begleiten. Mit dem Angebot des Geleitens nach Hause gab der Mann der Frau ein Chiffre, ein geheimes und doch allen bekanntes Zeichen, das sie annehmen oder ablehnen konnte. Nahm sie es an, verließ das Paar die Gesellschaft und war zum ersten Mal unter sich. Da der Heimweg für gewöhnlich im Dunkeln stattfand, entfiel zumindest die optische gesellschaftliche Kontrolle - alles konnte nun zwischen den beiden passieren, was ihnen in der Öffentlichkeit ihres beiderseitigen Rufes wegen nicht möglich war.
1.4. Die Spinnstube - ein Frauenraum
Der Begriff der Spinnstube bezeichnet keinen fest stehenden Raum, sondern einen Brauch, der vor allem auf dem Lande verbreitet war. Die Spinnstube wurde abwechselnd auf den Höfen oder in den Wohnhäusern der verschiedenen Teilnehmer abgehalten und war ein geselliges Beisammensein bei der Handarbeit des Spinnens, was aber hauptsächlich der Unterhaltung der Teilnehmer diente. Besonders an langen Winterabenden war neben dem Erzählen von Geschichten, wobei oft auch noch männliche Personen anwesend waren, die Rufproduktion zwischen den Frauen ein Hauptpunkt der Gespräche. Die Spinnstuben waren, sobald die Frauen unter sich sein konnten, ein Brennpunkt ihrer weiblichen Macht, den Ruf aller außerhalb des Raumes befindlichen Personen, ob männlich oder weiblich, nachhaltig zu verändern.
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Die Spinnstuben waren also kurz gesagt ein Zentrum des dörflichen Klatsch und Tratsch, hatten jedoch neben der gemeinschaftlichen Perspektive auch ein produktives Ziel. Die Spinnstubengemeinschaft produzierte kollektiv einen Rock oder ein Kleid als Geschenk für eine Braut, die in aller Regel nicht Mitglied der Gemeinschaft war, sondern beispielsweise als Nächste im Dorf heiraten wollte. Das Kleidungsstück hatte neben seinem beachtlichen materiellen Wert auch einen symbolischen: je größer es war, desto größer war auch das Ansehen der Frau in der Gemeinschaft der anderen Frauen. Dabei ist die Unterscheidung zwischen den Frauen der Spinnstube und den anderen des Dorfes nicht von Bedeutung, da die Produktion des Rufes von Personen sich verständlicherweise über z.B. andere Spinnstubengemeinschaften weiter verbreitete.
Obligatorisch war in den Spinnstuben auch der Besuch der Männer, sofern sie nicht von Anfang an, beispielsweise musizierend, anwesend waren. Die Möglichkeit der Männer, die Spinnstuben zu besuchen war nach bestimmten Regeln festgelegt, beispielsweise konnte der Zutritt zur Spinnstube für Männer vor 20 Uhr verboten sein. Weil es sich um eine weibliche Gesellschaft handelte, mussten sich die Besucher an die Spielregeln der Frauen halten, sie waren jedoch trotzdem überaus interessiert daran, zumindest zu den zugelassenen Zeiten an den in gewissem Sinne mystischen Ort der Rufproduktion zu gelangen. Mitte des 18. Jahr-hunderts wurden teilweise sogar polizeiliche Spinnstubenordnungen erlassen, um sittliche Ausschreitungen, die bisweilen vorgekommen waren, zu verhindern. Dies zeigt, dass trotz aller theoretischen Konservativität der damaligen Gesellschaftssysteme die Praxis häufig anders aussah - was sich bis heute nicht geändert haben dürfte.
2. Die Anti-Onanie-Bewegung des 18. Jahrhunderts
2.1. Zusammenfassung der Auswirkungen und thesenhafte Ursachensuche
Im Jahr 1712 erschien in London anonym das Werk „Onania“, in dem diverse Krankheiten wie Pocken und Tuberkulose in der Masturbation begründet wurden. Im Zuge der europaweit entstehenden Anti-Onanie-Bewegung wurde „Onania“ in viele europäische Sprachen übersetzt. Zwischen 1770 und 1800 erschien eine regelrechte Flut an Literatur über Gynäkologie, die Anatomie des Menschen und Selbstbefleckung im religiösen und wissenschaftlichen Sinn. Interessant ist, dass zunächst die weibliche Onanie vollständig verleugnet wurde. Die offizielle wissenschaftliche Begründung dafür war die „eingepflanzte Schamhaftigkeit“ der Frau, die es ihr unmöglich machte, solcherart verbotene und sinnlose Dinge zu tun. Erst viel später er-
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folgte der Umschwung zur geschlechtsunspezifischen Betrachtung: die weibliche Onanie wurde als genau so gefährlich wie die männliche bezeichnet und gesellschaftlich ebenso angefeindet. Die Onanie wurde als eine Krankheit angesehen, die sich wie eine Epidemie ausbreitete und bekämpft werden musste. Den Personen, die Masturbation praktizierten, wurden drastische und oft lebensbedrohliche Folgekrankheiten prognostiziert, die sich mit der Zeit wandelten und ausgeschmückt wurden. So waren z.B. rote Pusteln für viele ein Erkennungszeichen für einen häufig masturbierenden und alle Warnungen ignorierenden Menschen. Nur wenige hatten Mitleid mit den betroffenen Personen oder spürten ein Bedürfnis, ihnen zu helfen, sie also von ihrer Krankheit oder Sucht zu befreien. Beständig wurde den Onanierenden Unfruchtbarkeit angedroht, darüber hinaus wechselnde Krankheiten mit oft tödlichem Verlauf, wie beispielsweise die oben genannte Tuberkulose.
Als Ursprung der Ablehnung der Onanie wird meist die männliche Angst vor der „weiblichen Unersättlichkeit“ angesehen, die biologisch darin begründet ist, dass die sexuelle Erregung der Frau länger anhalten kann und meist langsamer abklingt, so dass sie im Gegensatz zum Mann, dessen Sexualpotenz begrenzt ist, unersättlich erscheint. Um der Frau mit der Onanie nicht ein nebenwirkungsfreies Mittel zur Befriedigung ihrer Lust in die Hand zu geben und damit selbst an der Stelle überflüssig zu werden, die für ihn überaus bedeutsam ist, soll der Mann mit Hilfe der männlich dominierten Wissenschaft deshalb die Anti-Onanie-Bewegung ins Leben gerufen haben, die erst später durch die Kirchen eine gewisse Unterstützung erfuhr. Tatsache ist aber, dass bei genauerer Untersuchung der Einfluss der Kirche auch in die Wissenschaften zu dieser Zeit wesentlich bedeutender und letztendlich doch der Auslöser der Anti-Onanie-Bewegung war. Außerdem erscheint in dieser Argumentation unlogisch, dass die Anti-Onanie-Bewegung zwar gegen Frauen-Onanie abzielte, die meiste Zeit über aber die männliche Onanie bekämpfte. Die Entwicklung und Entstehung sollen im nächsten Teil genauer untersucht werden.
2.2. Zeitliche Eingrenzung der Ursachensuche
Man kann die Anti-Onanie-Bewegung grob in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts einordnen. Ihren Höhepunkt erlebte sie von 1770-1800, als eine wahre Flut von Schriften die Selbstbefleckung anprangerte und Ärzte viele Krankheiten auf die Masturbation zurückführten. Die Bewegung nahm jedoch schon um 1700 in ersten, deutlich Stellung beziehenden Schriften ihren Anfang, was später gezeigt werden soll. An dieser Stelle soll zunächst das moralische Zustandekommen der Ablehnung von Onanie aufgezeigt werden, später werden erste Vertreter der theologischen und wissenschaftlichen Gegentheorien vorgestellt. Die
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Benjamin Pape, 2005, Sexualität im Wandel - vom 18. Jahrhundert über die Untersuchung der Entstehungsursachen der Anti-Onanie-Bewegung bis in unsere Zeit, München, GRIN Verlag GmbH
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