Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Veränderungsdynamiken des generativen Verhaltens
und der familialen Lebensformen als Basis familienpolitischer
Handlungsressourcen 6
2.1 Veränderungen familialer Lebensformen ab den 1960er
Jahren in Ost- und West-Deutschland. 7
2.2 Familienpolitik im Kontext veränderter familialer Lebensformen
und Geschlechterrollen 11
3. Familienpolitische Maßnahmen - Eine Initiative für die realisierte
Geschlechtergleichstellung oder eine Reproduktion traditioneller
Geschlechterrollen 20
3.1 Tabellarische Übersicht der familienpolitischen Maßnahmen 21
3.2 Auswirkungen der familienpolitischen Maßnahmen auf die
familialen und geschlechtsspezifischen Veränderungen in
der deutschen Gesellschaft. 24
3.2.1 Das Kindergeld 25
3.2.2 Das Mutterschutzgeld. 26
3.2.3 Das Elterngeld 26
3.2.4 Die Elternzeit für Arbeitnehmerinnen und Arbeitsnehmer. 28
3.2.5 Die Anrechnung der Elternzeit auf die Rentenversicherung 28
2
3.2.6 Das Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG) 29
3.2.7 Der Kinderfreibetrag 29
3.2.8 Der Entlastungsbetrag für Alleinerziehende 29
3.2.9 Die Absetzung beruflich bedingter Kosten für
die Kinderbetreuung 30
3.2.10 Steuerermäßigungen bei Inanspruchnahme haushaltsnaher
Dienstleistungen. 31
3.2.11 Das Ehegattensplitting. 32
3.2.12 Das Tagesbetreuungsausbaugesetz (TAG) 32
3.2.13 Beantwortung der Fragestellung und Schlussbetrachtung 33
4. Fazit 35
5. Literaturverzeichnis 38
3
1. Einleitung
Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels sowie im Zuge der Individualisierungs- und Pluralisierungsprozesse familialer Lebensformen in Deutschland erfuhren die deutsche Familien- und Bevölkerungspolitik mit Beginn der 1970er Jahre einen Bedeutungszuwachs. Beide Politikfelder sehen sich gegenwärtig mehr denn je in der Verantwortung bevölkerungspolitisch und sozialpolitisch motiviert zu handeln, um insbesondere auf den Geburtenrückgang, den Prozess der De-Familialisierung, die wachsende Erwerbstätigkeit von Frauen bei geringer Erwerbsbeteiligung von Müttern sowie auf die steigende Lebenserwartung sinnvoll und nützlich Einfluss zu nehmen.
Hierbei unterscheiden sich jedoch die Handlungssektoren sowie die Maßnahmen zur Einflussnahme der genannten Politikfelder. So zählen zu den wesentlichen Zielen einer quantitativ sowie qualitativ motivierten Bevölkerungspolitik sowohl die Einflussnahme auf die Fertilität, Mortalität und Migration als auch die Einflussnahme auf die Erziehung und Ausbildung der Kinder, die Weiterbildung von Erwachsenen, die Gesundheit der Bevölkerung, die Struktur der Einwanderungsströme sowie die gesellschaftliche und ökonomische Integration der Einwanderer. 1 Demgegenüber ist die Familienpolitik bestrebt Maßnahmen zu ergreifen, die Einfluss auf den Lebenszusammenhang und die Lebensführung von Familien nehmen, wie zum Beispiel auf die Zahl, Erziehung und Bildung der Kinder (bevölkerungspolitisch motivierte Familienpolitik) oder auf die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation von Familien (sozialpolitisch motivierte Familienpolitik). 2 Die deutsche Familienpolitik ist dadurch gekennzeichnet, dass sie explizit ist, d.h. dass der Staat ein explizites Interesse verfolgt, auf Familien und das familiale Zusammenleben Einfluss zu nehmen. 3 Die familienpolitische Intervention ist dabei ökonomisch geprägt und zielt demzufolge darauf ab, die wirtschaftliche Lage von Familien mittels monetärer Transfers positiv zu beeinflussen. Als Beispiele hierfür lassen sich das Kindergeld und das Elterngeld als finanzielle Familienunterstützungen anführen. 4 Als Begründung für eine explizite Familienpolitik wird das staatliche Interesse an den Leistungen der Familien genannt. 5 Zu diesen Leistungen
1 Steinmann (2004)
2 Steinmann (2004)
3 Andersen/Woyke (2003:181)
4 Hofäcker (2003:259)
5 Andersen/Woyke (2003:182)
4
zählen u.a. das generative Verhalten sowie die Erziehung und Sozialisation der Kinder, sprich die Bildung von Humanvermögen. Aufgrund der sinkenden Geburtenrate und in Anbetracht des De-Familialisierungsprozesses der letzten Jahrzehnte ist es oberstes Ziel der deutschen Familienpolitik Familien bei der Erbringung dieser Leistungen zu unterstützen. Das heißt, es müssen mittels staatlichen Sach-, Dienst-und Geldleistungen sowie institutionelle Rahmenbedingen Anreize geschaffen werden, die positiven Einfluss auf die Reproduktion der Gesellschaft bzw. die Bildung von Humanvermögen nehmen. Solche Anreize sollten einerseits den Nutzen von Kindern für Eltern signifikant erhöhen oder/und andererseits die Kosten von Kindern für die Eltern signifikant verringern. 6
Zahlreiche Studien zum generativen Verhalten der deutschen Bevölkerung und zu den Veränderungsdynamiken familialer Lebensformen zeigten bereits, dass die sinkende Geburtenrate und der Trend zur De-Familialisierung auf soziokulturelle und ökonomische Wandlungsprozesse zurückzuführen sind. 7 Gemeint sind beispielsweise der steigende Wunsch von Frauen nach Erwerbstätigkeit und die damit einhergehenden egozentristischen Lebensplanungen hinsichtlich einer beruflichen Flexibilität und Mobilität. Hinzu tritt die finanzielle (Un-) Sicherheit der Gesellschaft angesichts der steigenden Arbeitslosenquote und mangelnder Arbeitsplätze insbesondere bei der Entscheidung für ein Kind bei beiden Geschlechtern. 8 Darüberhinaus zeigt sich im Vergleich europäischer Länder, dass die Geburtenrate dann besonders hoch ist, wenn Frauen die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf geboten wird, wie zum Beispiel in Frankreich. 9
Hinsichtlich der Orientierung familienpolitischen Handels in Deutschland erklärte die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt bei einer Bundestagsrede im Jahr 2004: „Familie stabilisiert Gesellschaft, gerade in Zeiten großer Veränderungen. Auf gleicher Höhe mit Arbeit und Bildung zählt Familie zu den Zukunftsfaktoren, denen von der Bevölkerung der mit Abstand höchste Stellenwert zugemessen wird.“ 10
Gemäß diesen Faktoren - Familie, Beruf und Bildung - hat die deutsche Familienpolitik bereits Maßnahmen ergriffen, die das generative Verhalten der Gesellschaft und das familiale Zusammenleben, beeinflussen könnten. So wurde u.a.
6 Steinmann (2004:10)
7 Hofäcker (2003:257)
8 Lewis (2003:63-64)
9 Andersen/Woyke (2003:183)
10 Betzendahl (2004)
5
am 10. November 1998 mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts eine Neuregelung des Familienlastenausgleichs durchgesetzt, welche die finanziellen Transfers in Form von Sozialleistungen und steuerlichen Förderungen für Haushalte mit Kindern erhöhte, um diese finanziell zu unterstützen. 11 Unklar bleibt bislang jedoch, welchen Einfluss die familienpolitischen Maßnahmen auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - insbesondere bei Müttern - haben. Vor diesem Hintergrund soll Ziel der vorliegenden Arbeit sein, die folgende Frage zu beantworten: Forciert die deutsche Familienpolitik die Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen oder initiiert sie eine realisierte Geschlechtergleichstellung in Familie und Beruf?
Die Beantwortung der Fragestellung gliedert sich in vier Schritte: zu Beginn werden die wesentlichen Veränderungsdynamiken des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen der deutschen Gesellschaft ab den 1950er Jahren erläutert, da diese aufzeigen werden, inwiefern sich die Geschlechterverhältnisse in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben. Zugleich bilden diese soziokulturellen Veränderungen die Basis familienpolitischer Handlungsressourcen, die es abzuleiten und darzulegen gilt.
Zum besseren Verständnis des Lesers wird im zweiten Schritt ein Überblick der wichtigsten familienpolitischen Maßnahmen in Form einer Tabelle gegeben. Anschließend erfolgt im dritten Schritt die Beantwortung der Fragestellung durch die Bewertung der familienpolitischen Maßnahmen vor dem Hintergrund der soziokulturellen Veränderungen und den sich daraus ergebenen familienpolitischen Handlungsressourcen.
2. Veränderungsdynamiken des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen als Basis familienpolitischer Handlungsressourcen
Um klären zu können, welchen Einfluss die Familienpolitik auf die Geschlechterverhältnisse in Deutschland hat, ist es vorab vonnöten zu erläutern, welche Veränderungsdynamiken sich hinsichtlich des generativen Verhaltens und der familialen Lebensformen in Deutschland vollzogen haben, da diese insbesondere auf ein neues geschlechtsspezifisches Rollenverständnis der Frau zurückzuführen sind.
11 Schratzenstaller (2001)
6
Durch die Darstellung des soziokulturellen und geschlechtsspezifischen Wandels mit Beginn der 1960er Jahre kann aufgezeigt werden, welche künftigen familienpolitischen Handlungsressourcen sich daraus ergeben haben. Anschließend soll Ziel des Kapitels 3 sein, zu klären, inwiefern es der Familienpolitik gelingt adäquat, also den veränderten Geschlechterverhältnissen entsprechend, zu handeln.
2.1 Veränderungen familialer Lebensformen ab den 1960er Jahren in Ost-und West-Deutschland
Die strukturellen Veränderungen des familialen Zusammenlebens begannen bereits Ende der 1950er Jahren. In dieser Zeit dominierten in der BRD und in der DDR zwei divergierende familiale Lebensformen.
In der BRD wurde überwiegend das Modell der Hausfrauenehe gelebt, welches mit Beginn der Adenauer-Ära sozialpolitisch sowohl gefordert als auch gefördert wurde. Die traditionelle Form der Familie, in der die Frau zu Hause blieb, um die Haus- und Familienarbeit zu leisten und der Mann einer außerhäuslichen Erwerbsarbeit nachging, um für die finanzielle Absicherung der Familien zu sorgen, galt in der BRD als zu schützende Institution, welche höher bewertet wurde als die Geschlechtergleichstellung und die Erwerbsbeteiligung der Frau. Aufgrund des erwerbszentrierten sozialen Sicherungssystems, war die finanzielle Sicherheit der Frau und ihr Anspruch auf Sozialversicherung, an die Bedingung geknüpft, mit einem erwerbstätigen Mann eine dauerhafte Ehe einzugehen. 12
Demgegenüber lehnte die sozialistische Regierung der DDR in den 1950er Jahren das pure Hausfrauendasein als Lebensform ab. Im Vordergrund stand die sozialistische Erziehung aller Bürger zu einer Gemeinschaft, wobei die Erwerbsbeteiligung und die berufliche Chancengleichheit unabhängig vom Geschlecht politisch programmiert wurden. Um die beruflichen Qualifizierungsmöglichkeiten von Frauen zu fördern und die Erwerbsbeteiligung von Müttern zu erhöhen, wurden Forderungen an Betriebe gestellt, Arbeitsplätze familienfreundlicher zu gestalten und vermehrt Frauen einzustellen, das Kinderbetreuungssystem massiv ausgebaut und Kürzungen der Sozialversicherungen und der Sozialfürsorge vorgenommen, um zum einen die weibliche Erwerbsbeteiligung bzw. Erwerbsbereitschaft zu erhöhen und
12 Pfau-Effinger (2000:202)
7
zum anderen, um den Anreiz zu Hause zu bleiben so gering wie möglich zu halten. 13 Es etablierte sich das Doppelversorgermodell mit staatlicher Übernahme von Betreuungsaufgaben als dominierende familiale Lebensform. 14 Bereits im Jahr 1961 lag die Erwerbsquote von Frauen bei 64,7% und expandierte in den folgenden Jahren weiter. Da die Planwirtschaft nicht zum gewünschten Erfolg führte, wurde im Zeitraum von 1959 bis 1965 auf politischer Ebene eine Frauenoffensive gestartet, um die schwache Produktion des Staates durch die berufliche Partizipation aller Bürger zu erhöhen. 15 Ziel der Frauenoffensive war es, die weibliche Erwerbsbeteiligung weiter auszudehnen. Im Focus stand die verbesserte Qualifikation von Frauen hinsichtlich der schulischen und beruflichen Ausbildung. Die weibliche Erwerbsquote stieg bis Ende der 1980er Jahre auf 94%. 16 Eine steigende Erwerbsbeteiligung der Frauen in der BRD war ebenfalls mit Beginn der 1960er Jahre zu verzeichnen, nur wurde diese nicht politisch gefördert, sondern war auf Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse innerhalb der Gesellschaft zurückzuführen. Frauen begannen die geschlechtliche Arbeitsteilung in Frage zu stellen und forderten Chancengleichheiten beim Zugang zu qualifizierten Berufsausbildungen. Der Wunsch nach Berufstätigkeit trotz Mutterschaft entwickelte sich langsam zu einem neuen Idealbild und erhielt Unterstützung durch die Frauenbewegung in den 1970er Jahren, die Expansion des Bildungswesens sowie durch die Einführung von Kontrazeptiva und gewann zunehmend an gesellschaftlicher Akzeptanz. 17 Während die weibliche Erwerbsbeteiligung im Jahr 1960 noch bei 20,4 % lag, stieg diese auf 47% bis zum Jahr 1981. 18 Dessen ungeachtet reagierte die Regierung der BRD jedoch nur langsam und mit wenigen wohlfahrtstaatlichen Maßnahmen auf die veränderte Erwerbsbeteiligung der Frauen. So wurden zwar öffentliche Kinderbetreuungsplätze ausgebaut, die Betreuung der Kinder begrenzte sich jedoch lediglich auf den Vormittag, so dass die Versorgung der Kinder am Nachmittag auch weiterhin durch die Frau erfolgen musste. Die Ursache des unzulänglichen Kinderbetreuungsangebotes lag in der tradierten Vorstellung seitens
13 Levecke (2005)
14 Pfau-Effinger (2000:207)
15 Levecke (2005)
16 Levecke (2005)
17 Pfau-Effinger (204-205)
18 Levecke (2005)
8
der Regierung begründet, da diese der Auffassung war, dass Kinder wenigstens halbtags häuslich betreut werden sollten. 19
Die angestrebte finanzielle Unabhängigkeit und berufliche Eigenständigkeit der Frauen, ließen sich demzufolge nur partiell durch eine Teilzeitbeschäftigung erreichen. 20 Darüberhinaus hielt die Sozialpolitik und Familienpolitik weiterhin am Familienmodell der Hausfrauenehe fest, so dass die soziale Sicherung der Frau auch künftig durch die abgeleiteten Ansprüche der Sozialversicherung ihres Ehemannes gegenüber erfolgte. 21 Infolge löste das Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe das Hausfrauenmodell der Versorgerehe ab und etablierte sich als dominierende familiale Lebensform in Westdeutschland. Charakteristisch für diese familiale Lebensform war, dass zwar beide Eltern einer Erwerbsarbeit nachgingen, die Frau jedoch nur in Teilzeit arbeitete, da sie neben der halbtägigen Kinderbetreuung auch die gesamte Familien- und Hausarbeit erledigen musste. 22 Im Zuge der Veränderungen der beruflichen Integration der Frauen und Mütter bei geringer wohlfahrtstaatlicher Unterstützung sank die Geburtenrate von 2,36 Kindern pro Frau im Jahr 1960 auf 1,28 Kinder pro Frau im Jahr 1985. 23 Eine ähnliche generative Entwicklung zeigt sich auch im Zuge der wachsenden Erwerbsbeteiligung der Frauen in der DDR. So lag die Geburtenziffer in den 1960er Jahren noch bei 2,33 Kindern pro Frau und sank bis zum Jahr 1985 auf 1,73 Kinder pro Frau. 24 Mit der deutschen Wiedervereinigung in den Jahren 1989 und 1990 trafen nun das Vereinbarkeitsmodell der Versorgerehe Westdeutschlands und das Doppelver-sorgermodell mit staatlicher Kinderbetreuung Ostdeutschlands zusammen, welche es zu vereinen galt. Da das soziale Sicherungssystem weiterhin erwerbszentriert sowie auf das Prinzip der Beitragsäquivalenz ausgerichtet blieb und das Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen, insbesondere in den alten Bundesländern, nur im geringen Maße ausgebaut war, etablierte sich ein institutionelles System, welches die männliche Versorgerehe und somit das tradierte Ernährermodell als familiale Lebensform förderte.
Es ist jedoch davon auszugehen, dass die unterschiedlichen geschlechtskulturellen Ausprägungen in beiden Teilen Deutschlands weiterhin Bestand hatten und sich erst
19 Pfau-Effinger (2000:206)
20 Pfau-Effinger (2000:211)
21 Lewis (2003:62)
22 Pfau-Effinger (2000:206)
23 Böcking (2006)
24 Böcking (2006)
9
Arbeit zitieren:
Josepha Helmecke, 2007, Forciert die deutsche Familienpolitik die Reproduktion der traditionellen Geschlechterrollen oder initiiert sie eine realisierte Geschlechtergleichstellung in Familie und Beruf?, München, GRIN Verlag GmbH
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