Wissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt an Gymnasien im Fach Sport,
eingereicht dem Amt für Lehrerbildung
- Prüfungsstelle Giessen -
Funktionen und Methoden der propagandistischen
Inszenierung der Olympischen Spiele von 1936
Verfasser: Christian Bellinger
Inhaltsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis ... III
1. Einleitung ... 5
2. Hitlers Olympiade ... 8
2.1. Die Bewerbung ... 9
2.2. Die olympische Kehrtwendung der NSDAP ... 10
2.3. Alibijuden und US-Boykott ... 12
3. Die Inszenierung der Olympischen Spiele von 1936 ... 19
3.1. Eine perfekte Fassade ... 21
3.2. Der Olympische Fackellauf ... 25
3.3. Die Olympiaglocke ... 30
3.4. Das Reichssportfeld ... 33
3.4.1. Langemarckhalle und Glockenturm ... 34
3.4.2. Das Olympiastadion ... 38
3.4.3. Die Skulpturen des Reichssportfeldes ... 42
3.5. Die Eröffnungsfeier ... 47
3.6. Das Festspiel „Olympische Jugend“ ... 50
3.7. Das Olympische Dorf ... 53
4. Die Medien-Spiele ... 58
4.1. Presse ... 59
4.2. Rundfunk ... 62
4.3. Fotografie ... 64
4.4. Olympia ... 68
4.4.1. „Fest der Völker“ – Prolog ... 69
4.4.2. „Fest der Schönheit“ – Prolog ... 72
4.4.3. Der Marathonlauf ... 73
4.4.4. Das Turmspringen ... 75
4.4.5. Verschwiegene Erfolge des Rassenfeindes ... 77
4.4.6. Dokumentation oder Propagandafilm? ... 78
5. Resümee ... 80
Anmerkungen ... 86
Literaturverzeichnis ... 88
Anhang
a. Filmsequenzen „Fest der Völker“ ... 92
b. Filmsequenzen „Fest der Schönheit“ ... 93
1. Einleitung
Als die Olympischen Spiele 1916 zum ersten Mal in Deutschland stattfinden sollten, fielen diese auf Grund des Ersten Weltkrieges aus. Am 13. Mai 1931 wurden die Olympischen Spiele dann erneut nach Deutschland vergeben. Zu diesem Zeitpunkt konnte allerdings noch niemand vorhersehen, dass die nächsten Olympischen Spiele unter einem diktatorischen Regime stattfinden würden, das nur drei Jahre nach Durchführung dieses Friedensfestes zum Urheber des Zweiten Weltkrieges werden sollte. In der Reihe der Olympischen Spiele der Neuzeit kommt den XI. Olympischen Spielen daher eine besondere Bedeutung zu. Die Spiele von Berlin gelten als Musterbeispiel für den politischen Missbrauch der Olympischen Spiele und des Sports im Allgemeinen. Viele Historiker behaupten, dass die glanzvollen Spiele von 1936 der ganzen Welt ein trügerisches und falsches Bild eines olympischen Friedensfestes vormachten und die kriegerischen Absichten Deutschlands verschleierten. Außerdem sollte durch die perfekte Ausrichtung der Spiele eine positive Beeinflussung der Weltmeinung in Bezug auf Deutschland erreicht werden (vgl. H. Wetzel, 1967, S. 678; H.J. Teichler, 1976, S. 265). Daraus ergibt sich die Frage, ob diese Behauptungen der „Wahrheit“ entsprechen und die Olympischen Spiele von 1936 als großes Täuschungsmanöver angesehen werden können. Diese Frage zu beantworten ist Bestandteil dieser Arbeit.
Mit der wissenschaftlichen Hausarbeit „Funktionen und Methoden der propagandistischen Inszenierung der Olympischen Spiele von 1936“ möchte ich verschiedene Inszenierungen und Maßnahmen der Nationalsozialisten hinsichtlich ihrer Funktion und genaueren Bedeutung für das NS-Regime untersuchen. In erster Linie geht es um die Frage, welche Mittel und Methoden die Nationalsozialisten benutzten, um die Weltöffentlichkeit über ihre (evt.) „wahren“ Absichten hinweg zu täuschen. Außerdem stellt sich die Frage, ob sich diese Maßnahmen überhaupt für Propagandazwecke eigneten. Ferner muss geklärt werden, welche Botschaften mit diesen Methoden vermittelt werden sollten und welche Wirkungen und Ziele damit innen- bzw. außenpolitisch verfolgt wurden. Um diese Fragen beantworten zu können, wird es notwendig sein, auch auf die symbolischen Bedeutungen verschiedener Aktionen einzugehen und zu überprüfen, ob diese mit nationalsozialistischem Gedankengut behaftet waren.
Diese Arbeit deckt nur einen ausgewählten Teil der Inszenierungen ab, die alle zusammen genommen, einen viel größeren Platz einnehmen müssten und hier nicht alle behandelt werden können. Sie verschafft jedoch einen guten Überblick über das ganze Ausmaß der nationalsozialistischen Bemühungen, der Welt „perfekte“ Spiele zu präsentieren. Ich beziehe mich in meiner Arbeit hauptsächlich auf die Olympischen Sommerspiele, die vom 1. bis zum 16. August 1936 in Berlin stattfanden, denn sie beinhalteten den Hauptanteil der nationalsozialistischen Inszenierungen.
Im zweiten Kapitel werden dem Leser zunächst einige Hintergründe über die Vergabe der XI. Olympischen Spiele nach Deutschland geschildert. Ferner bekommt der Leser einen Eindruck über die Haltung der Nationalsozialisten gegenüber internationalen Sportwettkämpfen vor und nach ihrer Machtübernahme vermittelt. Diese Informationen sind für das Verständnis und die Beurteilung der nationalsozialistischen Handlungen und Aktionen von Bedeutung. Besonders wichtig für den Erfolg und die Durchführung der Olympischen Spiele in Deutschland war die Teilnahme der USA. Die Behandlung der USBoykottbewegung, die auf Grund der zunehmenden Rassendiskriminierung in Deutschland entstand und die Durchführung der Spiele gefährdete, erlangt daher im Rahmen dieses Kapitels ihre Berechtigung. Wichtig sind in diesem Zusammenhang auch die Maßnahmen des faschistischen Regimes, die der amerikanischen Boykottbewegung entgegenwirken sollten. Dazu gehört z.B. auch die Aufnahme von Juden in die deutsche Olympiamannschaft. Mit Kenntnis dieser Ereignisse wird dem Leser eine erste Beurteilung über die Bedeutung der Olympischen Spiele für die nationalsozialistischen Machthaber möglich sein.
Das dritte Kapitel stellt den Hauptteil dieser Arbeit dar. In ihm werden ausgewählte Teilinszenierungen und Methoden der Nationalsozialisten näher betrachtet bzw. analysiert, die vor allem der Vorbereitung und Einstimmung auf die kommenden Olympischen Sommerspiele dienten. Außerdem werden die wahren Gründe, Motive und Absichten der nationalsozialistischen Inszenierungen offen gelegt. Zuerst werde ich in meinen Ausführungen auf die Gestaltung und Funktion des Festraumes eingehen. Anschließend wird auf zwei Berliner Innovationen, den Olympische Fackellauf und die Olympiaglocke, genauer eingegangen. Einer genaueren Betrachtung bedarf auch das Reichssportfeld, denn als Austragungsort der Wettkämpfe rückte es in das Zentrum und den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Es nahm daher eine herausragende Stellung bei den Inszenierungen der Nationalsozialisten ein. Da im Rahmen dieser Arbeit nicht alle Gebäude und Bestandteile des Reichssportfeldes berücksichtigt werden können, werde ich mich auf die Bedeutung und Funktion der Langemarckhalle, des Stadions und einiger Skulpturen des Reichssportfeldes beschränken. Ebenso ist es wichtig, einen genaueren Blick auf die olympischen Feierlichkeiten zu werfen, die im Rahmen dieses Friedensfestes stattfanden. Dazu gehörten unter anderem die Eröffnungsfeier und das Festspiel Olympische Jugend. Beide Feierlichkeiten, die mit verschiedensten Symbolen und Ritualen durchzogen waren, besaßen einen tieferen und nicht auf den ersten Blick offensichtlichen Bedeutungsinhalt, den es herauszustellen gilt.
Kapitel vier widmet sich den Medien, die an der Verbreitung der Nachrichten im Reich verantwortlich waren. Sie trugen sowohl zur Meinungsbildung in der Bevölkerung als auch bei den ausländischen Gästen bei. Da Rundfunk, Printmedien und Film der Zensur unterlagen und von der Partei kontrolliert und gesteuert wurden, kam den Massenmedien im Bereich der nationalsozialistischen Propaganda eine besondere Funktion zu. Sie stellten das Fundament der gesamten Olympiapropaganda und Meinungsbeeinflussung dar und dürfen somit in den folgenden Ausführungen nicht fehlen. Auch Leni Riefenstahls umstrittener Olympiafilm war Teil der inszenierten Selbstdarstellung des „Dritten Reiches“ und wird daher in Kapitel vier einer ausführlichen Analyse unterzogen. Es soll vor allem die Frage geklärt werden, ob es sich bei diesem Film um ein Instrument der Propaganda oder um einen reinen Sportdokumentarfilm handelt.
Kapitel fünf dient der Zusammenfassung. In ihm werden noch einmal die grundlegenden Inhalte und Ergebnisse der wissenschaftlichen Hausarbeit prägnant dargestellt und vermittelt.
2. Hitlers Olympiade
Die NSDAP lehnte noch bis zum Ende der Zwanzigerjahre eine internationale Sportbewegung aus Gründen nationalen Stolzes ab. „Der Selbststolz würde es gebieten, allen internationalen Veranstaltungen so lange fern zu bleiben, bis Deutschland wieder volle Achtung und volles Recht in der Welt genießt (…)“ (zit. nach A. Krüger, 1972, S. 35). Es herrschte außerdem die Meinung, dass der sportliche Wettkampf mit Angehörigen fremder Völker einem „nationalen Verrat“ gleich komme und Hochleistungssport generell der Ablehnung bedürfe, da Eigenleistungen gefördert und nicht die Leistung des gesamten Volkes honoriert würden (vgl. T. Alkemeyer, 1996, S. 233f.). Weitere Gruppierungen in Deutschland vertraten die gleiche Auffassung, wie z.B. Teile der Weimarer Turnund Sportbewegung (vgl. ebd., S. 235). Diese Grundgedanken der Nationalsozialisten standen somit im direkten Widerspruch zur Olympischen Bewegung, die der Förderung des Humanismus, der Festigung des Weltfriedens sowie der gegenseitigen Achtung der Völker dienen sollte. Ein Brückenschlag zwischen „Faschismus“ und „Olympismus“ schien von vornherein ausgeschlossen (F. Bohlen, 1979, S. 65).
[...]
Arbeit zitieren:
Christian Bellinger, 2007, Funktionen und Methoden der propagandistischen Inszenierung der Olympischen Spiele von 1936, München, GRIN Verlag GmbH
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