Universität Erfurt, Studium Fundamentale Fachsemester: 6
Religion und Reflexion
Heideggers Philosophie und die Theologie
Jan Schenkenberger
Wintersemester 2003
„[So] beschleunigte sich der kleinere Kreislauf des nur Hiesigen immer mehr, der sogenannte Fortschritt wurde zum Ereignis einer in sich befangenen Welt, die vergaß, daß sie, wie sie sich auch anstellte, durch den Tod und durch Gott von vorneherein und endgültig übertroffen war.“ Rainer Maria Rilke am 8.XI. 1915 an L.H.
Die jugend ruft die Götter auf .. Erstandne
Wie Ewige nach des Tages fülle .. Lenker
Im sturmgewölk gibt Dem des heitren himmels
Das zepter und verschiebt den Längsten Winter. Stefan George, Der Krieg
Heidegger ist ein Philosoph, der aus dem Zerfall heraus geboren wurde. Seine Philosophie findet ihren Spiegel in der Kunst jener Jahre, dem Expressionismus. Das es sich hier um etwas radikal neues handelte, kündigte sich schon in den Namen seiner Zeitschriften an: „Die Aktion“, „Der Sturm“ oder „Die Revolution“. Die Welt schien, mit dem ersten Weltkrieg und der damit erreichten umfassenden Technisierung endgültig aus den Fugen geraten zu sein. Auch in Heideggers Biographie spiegelt sich dieser Umbruch, der gleichzeitig ein Ausbruch war, wieder. Er, der zu Beginn noch katholische Theologie studiert hatte, wendet sich im Laufe der Zeit mehr und mehr vom Katholizismus ab der Philosophie, dem „freien Denken“ zu. Am 9. I. 1919 schreibt er in einem Brief an seinen Freund Engelbert Krebs: „Erkenntnistheoretische Einsichten, übergreifend auf die Theorie des geschichtlichen Erkennens haben mir das System des Katholizismus problematisch und unannehmbar gemacht – nicht aber das Christentum und die Metaphysik, diese allerdings in einem neuen Sinne. [...] Ich glaube, den inneren Beruf zur Philosophie zu haben...“ 1
Die alten Systeme des Christentums sind für Heidegger also nicht mehr relevant – doch geht er weit über die Tradition der Entdeckung der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts, die durchaus auch antichristliche Züge hatte2 , hinaus: „Ich will mindestens etwas anderes – das ist nicht viel: nämlich was ich in der heutigen faktischen Umsturzsituation lebend als ‘notwendig‘ erfahre, ohne Seitenblick darauf, ob daraus eine ‘Kultur‘ wird oder eine Beschleunigung des Untergangs.“3 Heidegger geht es um die Wirklichkeit, das „faktische Leben“4 und um unsere zeitliche Existenz, die historische Faktizität. Er strebt eine Rückführung der Philosophie auf ihre Wurzeln an, die er bei den Vorsokratikern, vor allem bei Parmenides findet.
[...]
1 zitiert nach: Safranski, Rüdiger: Ein Meister aus Deutschland. Heidegger und seine Zeit. München 1995, Seite 133
2 Das klassische Beispiel ist Ludwig Feuerbach und seine Vorlesungen über „Das Wesen der Religion“, die er in der Hoffnung schließt, „Sie aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Arbeitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus Christen, welche ihrem eigenen Bekenntnis und Geständnis zufolge ‘halb Tier, halb Engel‘ sind, zu Menschen, zu ganzen Menschen zu machen.“ Zitiert aus: Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion. Dreißig Vorlesungen. Leipzig 11.-15. Tsd.
3 so in einem Brief von 1920. Zitiert nach: Löwith, Karl: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht. Stuttgart 1986, Seite 28
4 siehe Heidegger, Martin: Phänomenologische Interpretationen zu Aristoteles. Einführung in die phänomenologische Forschung. Frankfurt am Main 1994
Arbeit zitieren:
Jan Schenkenberger, 2004, Heideggers Philosophie und die Theologie, München, GRIN Verlag GmbH
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