Inhaltsverzeichnis
1 Eine Frage der Perspektive 3
2 Huntingtons Sicht der Dinge 5
3 Die Ausweitung des Beobachtungszeitraums. 9
3.1 Jugoslawien vor dem Zweiten Weltkrieg 9
3.2 Zweiter Weltkrieg 11
3.3 Jugoslawien von 1945 bis 1980 - Stabilität unter Tito. 12
3.4 Der Zerfall Jugoslawiens nach 1980. 18
4. Alternative Erklärung: „Kampf der Kulturen“ als Nationenbildungsprozess 25
5. Offene Fragen 34
6. Fazit 39
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1 Eine Frage der Perspektive
Erkenntnis setzt Interpretation voraus. In keiner anderen Wissenschaft ist die Bedeutung und Notwendigkeit der Interpretation aufgrund der Variabilität und Komplexität des unscharfen Gegenstandsbereichs so hoch anzusehen, wie in den Sozialwissenschaften. Interpretation ist jedoch subjektabhängig. Der Forscher muss eine Vielzahl von Entscheidungen treffen, um sich der Wahrheit anzunähern. Zu diesen Entscheidungen gehört auch die Auswahl der Perspektive. Gemeint sind hierbei zum einen explizite und auch implizite Annahmen über den Untersuchungsgegenstand. Der Forscher kann sich dem Untersuchungsgegenstand nur dann annähern, wenn er apriorische Hintergrundannahmen und Kategorien einbringt, zu denen es immer auch Alternativen gibt (Schulze 2005, 2f.). Zum anderen ist der Beobachtungszeitraum festzulegen. Dieser Schritt ist vor allem bei kausalanalytischen Interpretationen entscheidend, weil bei vielen Kausalmodellen (z.B. kumulativer Natur) dem Auftreten der Ursache nicht unmittelbar auch das Einsetzen der Wirkung folgt, sondern letztere sich mitunter erst nach einiger zeitlicher Distanz zeigt (Blossfeld, 2002, 16f).
Die notwendige Subjektabhängigkeit bei der Interpretation wird also begleitet von einem gewissen Maß an Irrtumswahrscheinlichkeit. Ob sich der Interpret geirrt hat, kann nicht immer eindeutig beurteilt werden. Es gibt jedoch einige wichtige Kriterien, die erfüllt sein sollten. Hierzu zählen unter anderem eine selbstkritische, falsifikationistische Grundhaltung des Interpreten sich selbst und seiner Arbeit gegenüber, die Widerspruchsfreiheit der Interpretation in sich und im Verhältnis zu den ihr zugrundeliegenden Daten, die Komplexität im Sinne der Berücksichtigung einer Vielzahl relevanter Sachverhalte, sowie die Plausibilität der Interpretation. Letzteres stellt zwar ein intuitives, aber ein unverzichtbares Kriterium dar (Schulze 2005, 4). Äußerst komplex waren nicht nur die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien, sondern auch die Vorgänge, welche zu diesen geführt haben. Samuel P. Huntington bietet eine scheinbar plausible und offensichtliche Erklärung des blutigen Zerfalls der einstigen sozialistischen Bundesrepublik an, indem er ihn als „Kampf der Kulturen“ deutet.
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Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, ob Huntingtons Interpretation die oben genannten Kriterien erfüllt. Ist sie wirklich plausibel, widerspruchsfrei, kritisch reflektiert und wird sie auch der Komplexität der Ereignisse gerecht? Um dies zu klären, wird zunächst Huntingtons Sichtweise skizziert, um hieraus weiter Fragen abzuleiten, die es zu beantworten gilt (Kap. 2). Anschließend wird der Beobachtungszeitraum ausgedehnt, um von Huntington nicht berücksichtigte Faktoren zu identifizieren (Kap. 3). Diese werden in einer alternativen kausalanalytischen Interpretation der Entstehung und der Beschaffenheit der Jugoslawienkriege integriert (Kap. 4). Abschließend werden - auf Basis der Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel und soweit als möglich - die aufgeworfenen Fragen beantwortet (Kap. 5), um zu einer abschließenden Beurteilung von Huntingtons Deutungsangebot zu gelangen (Kap. 6).
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2 Huntingtons Sicht der Dinge
So wie Jaques Delors ist Huntington der Meinung, dass sich „künftige Konflikte (...) nicht an wirtschaftlichen oder ideologischen, sondern an kulturellen Faktoren entzünden.“ (Huntington 1998, 24). Nach dem Ende des Kalten Krieges verlagern sich sowohl die Konfliktursachen als auch die Konfliktgegenstände in den Bereich der Kultur. Unter Kultur versteht Huntington in diesem Zusammenhang einen umfassenderen Kulturkreis bzw. einen Kulturblock, dessen Mitgliedsstaaten sich wie ein konzentrischer Kreis um
einen Kernstaat legen (Huntington 1998, 246). 1
Der Kampf der Kulturen kann nach Huntington in zwei verschiedene Erscheinungsformen auftreten: zum einen als Kernstaatenkriege, welche in diesem Zusammenhang nicht näher erläutert werden sollen, und zum anderen als Bruchlinienkriege. Die Kriege im ehemaligen Jugoslawien stellen nach Huntingtons Auffassung Buchlinienkriege dar, die sich aus Bruchlinienkonflikten entwickelt haben, wobei letztere „Konflikte zwischen Gemeinschaften (sind), die Staaten oder Gruppen aus unterschiedlichen Kulturen angehören.“ (Huntington 1998, 411)
Bruchlinienkriege haben mit anderen Kriegen gemein, dass ihr Konfliktgegenstand in der Kontrolle über Menschen, meist jedoch über Gebiete liegt, dass sie eine relativ lange Dauer aufweisen und „kriegerische Wechselbäder“ darstellen, die zahlreiche Tote und Flüchtlinge hervorbringen (Huntington 1998, 412ff). Jedoch gibt es zwei zentrale Aspekte, die Bruchlinienkriege von anderen Kriegen unterscheiden:
Erstens finden Bruchlinienkriege im Gegensatz zu anderen Kriegen „fast immer zwischen Menschen unterschiedlicher Religion statt, da die Religion das
Hauptunterscheidungsmerkmal von Kulturen ist. (...) Häufigkeit, Heftigkeit und Gewalttätigkeit von Bruchlinienkriegen werden durch den Glauben an verschiedene Gottheiten gesteigert.“ Zweitens sind „Bruchlinienkriege (...) per definitionem Kriege zwischen Gruppen, die Teil größerer kultureller Einheiten sind.“ Die am Krieg unmittelbar beteiligten „Gruppen werden versuchen, den Krieg auszuweiten und sich Unterstützung von kulturell verwandten sogenannten Kin-Gruppen (...) zu sichern.“ (Huntington 1998, 413f)
1 DerOriginaltitelvonHuntingtonsKampfderKulturenlauteteigentlich„TheClashofCivilizations“.Die vomEnglischenabweichendeBegriffsverwendungderdeutschenSprachemachteeserforderlich,dass „civilization“mitdemBegriff„Kultur“und„culture“mitdemBegriff„Zivilisation“übersetztwerden musste. 5
Die Kin-Unterstützung erfolgt dabei nicht aus ideologischen, machtpolitischen oder ökonomischen Beweggründen, sondern einzig und allein aufgrund der kulturellen Verwandtschaft (Huntington 1998, 24).
Würde sich das erste Unterscheidungsmerkmal ausschließlich auf die Zugehörigkeit der Kriegsbeteiligten zu unterschiedlichen Religionen konzentrieren, so hätte es lediglich deskriptiven Charakter. Durch die Ausweitung der Bedeutung des Glaubens auf Häufigkeit und Intensität der Kriege wird die Religion jedoch zum Erklärungsfaktor erhoben. Dies wirft die Frage auf, ob der Glaube an unterschiedliche Gottheiten tatsächlich als ursächlich für die Entstehung von Kriegen einerseits und deren Heftigkeit und Gewalttätigkeit andererseits angesehen werden kann.
Das zweite Unterscheidungsmerkmal wiederum muss dahingehend hinterfragt werden, ob erstens die Kriegsbeteiligten tatsächlich um Kin-Unterstützung ersucht haben, ob zweitens die Kin-Gruppen tatsächlich nur Angehörige ihres eigenen Kulturkreises unterstützt haben und ob drittens die Unterstützung wirklich ausschließlich auf Basis der kulturellen Verwandtschaft erfolgte.
Die am Konflikt beteiligten Parteien lassen sich jedoch nicht nur nach kulturellen Kriterien in zwei oder mehr Lager einordnen, sondern auch innerhalb eines jeden kulturellen Lagers hierarchisch differenzieren. Auf der primären Ebene verortet Huntington diejenigen Parteien, die tatsächlich kämpfen und einander töten. In direkter Verbindung zu ihnen können Beteiligte der sekundären Ebene stehen, dies sind meist Staaten (z.B. die Regierungen Serbiens und Kroatiens), die die Primärbeteiligten unterstützen. Noch loser mit dem Konflikt verknüpft sind Tertiärbeteiligte, also Staaten, die vom Kampfgeschehen noch weiter entfernt sind, aber mit den Primär- und Sekundärbeteiligten kulturell verbunden sind (Huntington 1998, 445f).
Für diese Arbeit entscheidend ist Huntingtons Feststellung, dass ein Bruchlinienkrieg von unten her hoch kocht, also von den Primärparteien initiiert wird, weil der dem Krieg zugrunde liegende Konflikt in der unterschiedlichen Kultur und Religion sowie in der geographischen Nähe dieser Primärparteien verwurzelt ist (Huntington 1998, 478 & 491). Auch dies ist zu überprüfen.
Religion beziehungsweise Kultur allein - obwohl sie von Huntington (zumindest implizit) als zentrale Ursache angeführt werden - reichen jedoch nicht aus, um den Zerfall
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Jugoslawiens und die kriegerischen Auseinandersetzungen zu erklären. Auch historische Ereignisse seien hierfür nur unzureichend geeignet: „die Geschichte allein vermag (...) den Zusammenbruch des Friedens nicht zu erklären. Es müssen in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts andere Faktoren ins Spiel gekommen sein.“ (Huntington 1998, 423) Als den wichtigsten dieser Faktoren, identifiziert Huntington im Falle von Bosnien-Herzegowina sowie des Kosovo die demographischen Verschiebungen, welche aus der ungleich höheren Fertilität der Kosovoalbaner bzw. der bosnischen Muslime resultierten: Im Kosovo erzeugte das einseitige demographische Wachstum politischen, wirtschaftlichen und sozialen Druck auf die Serben und zwang sie dazu, aus ihrem „heiligen“ Land zu emigrieren. Da die Forderung nach Anerkennung des Kosovo als jugoslawische Teilrepublik trotz der veränderten demographischen Verhältnisse nicht anerkannt wurde, haben die Kosovoalbaner ihrem Anliegen gewaltsam Nachdruck verliehen und Serben verstärkt diskriminiert, verfolgt und angegriffen. Dies alles schürte serbische Ängste und serbischen Nationalismus. Im Kosovo wie auch später in Bosnien-Herzegowina führte schließlich die demographische „Expansion der einen Gruppe (...) zur ethnischen Säuberung durch die andere.“ (Huntington 1998, 425ff) Zu überprüfen ist daher, ob der (für Huntington zentrale) demographische Faktor ausschlaggebend gewesen sein kann, und ob tatsächlich politischer, wirtschaftlicher und sozialer Druck auf die Serben ausgeübt worden ist. Die Kämpfe zwischen Serben und Kroaten wiederum sieht Huntington weder demographisch noch primär historisch begründet: Nach dem Sturz des kommunistischen Systems und dem Ende des Kalten Krieges konnten sich
„(d)ie Menschen (...) nicht mehr als Kommunisten (...) oder Jugoslawen verstehen, (sie: SW) mussten händeringend eine neue Identität suchen und fanden sie in den alten Ersatzkategorien der Ethnizität und Religion. Die repressive, aber friedliche Ordnung von Staaten, die der Lehre von der Nichtexistenz Gottes verpflichtet waren, wurde durch die Gewaltbereitschaft von Menschen ersetzt, die unterschiedlichen Gottheiten verpflichtet waren.“ (Huntington 1998, 427f)
Auch diese Sichtweise wirft neue, teils aber auch bekannte Fragen auf: Haben sich die einzelnen jugoslawischen Völker tatsächlich eine Ersatzidentifikation gesucht? Falls ja: Welche Rolle spielt die Religion als beziehungsweise innerhalb der Ersatzidentität? Kann der Glaube an unterschiedliche Gottheiten per se Gewalt erklären? Und war die Ordnung in Jugoslawien tatsächlich friedlich?
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Jede einzelne der soeben aufgeworfenen Fragen hätte es eigentlich verdient, Gegenstand einer eigenständigen Untersuchung zu werden: zu komplex und vielschichtig sind die Hintergründe, auf die sie abzielen. Dennoch soll im Folgenden versucht werden, jede Frage auf Basis plausibler Argumente zu beantworten. Sofern dies im Einzelnen misslingt, wird der jeweilige Gegenstand zumindest kritisch reflektiert. Insgesamt betrachtet konzentriert sich Huntington bei seiner Analyse auf kulturelle (Religion, Identität) und demographische Aspekte, weist historischen Entwicklungen bestenfalls eine sekundäre Rolle zu und blendet wirtschaftliche und politische Faktoren weitestgehend aus. Gerade letztere sind aber für die meisten Kriege evident - mitunter auch für diejenigen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawiens. Dies zu untersuchen erfordert allerdings eine - sowohl synchron als auch diachron - tiefer gehende Untersuchung.
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Arbeit zitieren:
Sebastian Wiesnet, 2007, Krieg in Jugoslawien - Kampf der Kulturen oder Nationenbildungsprozess?, München, GRIN Verlag GmbH
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