Going Public vor dem Hintergrund erhöhter Anforderungen an die Bonität durch BASEL II
aus der Sicht von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)
I. Inhaltsverzeichnis
1. Zielsetzung 4
2. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) 6
2.1. Abgrenzung und Definitionen von kleinen und mittleren Unternehmen 6
2.2. Relevanz für den deutschen Wirtschaftsstandort 8
2.3. Aktuelle Finanzierungssituation 10
2.4. Eigenkapitalausstattung des Mittelstandes 12
2.5. Fazit 14
3. Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung (BASEL II) 15
3.1. Entstehung - Von BASEL I zu BASEL II 15
3.2. Die 3 Säulen von BASEL II 19
3.2.1. Mindestkapitalanforderungen 20
3.2.2. Bankenaufsichtlicher Überprüfungsprozess 25
3.3.3. Erweiterte Offenlegung 26
3.3. Auswirkungen von BASEL II auf die Kreditpreisgestaltung und das
Kreditvergabeverhalten der Banken. 28
3.4. Auswirkung von BASEL II auf kleine und mittlere Unternehmen 30
4. Alternative Finanzierungsformen für kleine und mittlere Unternehmen
anstelle von Bankkrediten 32
4.1. Leasing 33
4.2. Factoring 35
4.3. Forfaitierung 37
4.4. Beteiligungsfinanzierung 38
4.5. Venture Capital 38
4.6. Private Equity 40
4.7. Mezzanine Finanzierungsinstrumente 41
5. Going Public 45
5.1. Abgrenzung und Definition 45
5.2. Überblick über den Ablauf eines Börsengangs 46
5.3. Rechtsformgestaltung 48
2
Going Public vor dem Hintergrund erhöhter Anforderungen an die Bonität durch BASEL II
aus der Sicht von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)
5.3.1. Formwechsel 50
5.3.2. Sachgründung 51
5.3.3. Einbringung 52
5.3.4. Verschmelzung 53
5.3.5. Spaltung 54
5.4. Voraussetzungen - Börsenreife 55
5.5. Emissionskonzept 60
5.6. Börsensegmente und Börsenplatz 63
5.7. Emissionspartner 67
5.8. Platzierungsverfahren 69
5.8.1. Das Festpreisverfahren 70
5.8.2. Das Bookbuilding-Verfahren 71
5.8.3. Das Auktionsverfahren 72
5.9. Aktiengattungen 73
5.10. Verkaufsprospekt 76
5.11. Unternehmenswert und Emissionskurs 79
5.11.1 Methoden der Unternehmensbewertung 80
5.12. Bonitätseffekte 82
5.13. Kosten der Börseneinführung 83
6. Vor- und Nachteile der Börseneinführung für KMU 87
6.1. Gründe für einen Börsengang 87
6.1.1. Unternehmensbezogene Gründe 87
6.1.2. Eigentümerbezogene Gründe 89
6.2. Gründe gegen einen Börsengang 91
7. Status Quo 93
7.1. Empirische Betrachtung der kleinen und mittleren Unternehmen an der Börse
93
7.2. Das Beispiel der Nanogate AG 95
8. Fazit 99
II. Abbildungsverzeichnis 98
III. Literaturverzeichnis 100
3
1. Zielsetzung
Ziel dieser Arbeit ist es, im Rahmen einer eingehenden Analyse aufzuzeigen, dass ein Börsengang (auch „Going Public“ genannt) für die so genannten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) eine geeignete Finanzierungs-alternative zur klassischen Eigenkapitalbeschaffung darstellen kann.
Die kleinen und mittleren Unternehmen stellen immer noch den Großteil der in Deutschland ansässigen Unternehmen. Sie prägen mithin die Struktur des Wirtschaftsraumes Deutschland und sind für sein Prosperieren unverzichtbar. Ihre wirtschaftliche Situation und ihre Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Deutschland werden in Kapitel 2 dieser Arbeit beleuchtet.
Vor dem Hintergrund des Inkrafttretens der Regelungen zu „BASEL II“ zum 01.01.2007 ist das Finanzierungsumfeld des Mittelstandes nachhaltig in Bewegung geraten. Die Experten sind sich darüber einig, dass insbesondere die Gruppe der kleinen und mittleren Unternehmen geeignete Maßnahmen ergreifen muss, um den aus BASEL II resultierenden Herausforderungen an ihre Kapitalstruktur wirksam begegnen zu können.
In Kapitel 3 wird die Entstehungsgeschichte des Regelungswerks von „BASEL II“ geschildert und auf seine Auswirkungen auf den deutschen Mittelstand eingegangen.
Im Zuge des Inkrafttretens von BASEL II und den daraus resultierenden erschwerten Kreditvergabebedingungen gewinnen alternative Finanzierungs-instrumente
zunehmend an Bedeutung. Kapitel 4 ist aus diesem Grunde den in der Praxis diesbezüglich relevantesten Finanzierungsformen und einer Darlegung deren jeweiligen Vor- und Nachteile gewidmet.
4
In Kapitel 5 wird eingehend zu den Rahmenbedingungen und Voraussetzungen eines Börsenganges ausgeführt, ferner werden die damit verbundenen Konsequenzen für ein klassisches Mittelstandsunternehmen aufgezeigt.
Nach einer empirischen Analyse der Ist-Situation des deutschen Aktienmarktes wird schließlich am Beispiel der Nanogate AG dokumentiert, dass der Börsengang ein äußerst probates Mittel zur Eigenkapitalbeschaffung eines mittelständischen Unternehmens darstellen kann.
Das Fazit dieser Arbeit reflektiert die in den vorangegangenen Kapiteln gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf die Realisierbarkeit eines Börsengangs und mündet in die Beantwortung der Frage, ob ein solcher angesichts der im Zuge der Umsetzung von BASEL II zu erwartenden erhöhten Anforderungen an die Bonität kleiner und mittlerer Unternehmen eine sinnvolle Finanzierungs-alternative darstellt.
5
2. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU)
Kleine und mittlere Unternehmen bilden den Kern einer jeden Marktwirtschaft und spielen somit auch eine zentrale Rolle für den Standort Deutschland. Die kleinen und mittleren Unternehmen, auch als Mittelstand bezeichnet, sind nicht nur eine wichtige Quelle unternehmerischer Initiative und Innovation, sozial und wirtschaftlich wichtig, sondern üben einen starken Einfluss auf die wirtschaftliche Konjunktur aus. In Deutschland bilden, genau wie in der gesamten Europäischen Union, die kleinen und mittleren Unternehmen den Hauptpfeiler der Unternehmensstruktur. Neben dem Wirtschaftswachstum, der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft und dem Staatseinkommen ist auch die soziale Stabilität mit der wirtschaftlichen Leistungskraft des Mittelstandes verknüpft. Sie sorgen in Ihrer Vielfalt für wirtschaftliche Beständigkeit und sind integraler Bestandteil einer ausgewogenen Unternehmensgrößenstruktur, die den Strukturwandel erleichtert, Innovationen fördert und damit letztlich zu mehr Wachstum und Wohlstand in einer Ökonomie beiträgt. 1
2.1. Abgrenzung und Definitionen von kleinen und mittleren Unternehmen
Für den Wirtschaftsbereich der kleinen und mittleren Unternehmen existiert keine einheitliche, gesetzliche oder allgemein gültige Definition. Bei der Suche nach einer solchen stößt man immer wieder auf zwei Hauptquellen, die Wirtschaftverbände, Politiker und Regierungsbehörden vielfach zitieren, nämlich die Europäische Kommission und das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn (IfM).
1 Vgl. KfW, Creditreform, IfM, RWI, ZEW (Hrsg.): Konjunkturaufschwung bei anhaltendem
Problemdruck - Mittelstandsmonitor 2006 - Jährlicher Bericht zu Konjunktur- und Strukturfragen
kleiner und mittlerer Unternehmen, Frankfurt am Main 2006.
6
Die Europäische Kommission hatte am 06.05.2003 eine neue Empfehlung zur Definition von Kleinstunternehmen, sowie kleinen und mittleren Unternehmen vorgestellt, die seit dem 01.01.2005 im Europäischen Wirtschaftsraum gültig ist. Diese Definition richtet sich an die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, die Europäische Investitionsbank und den Europäischen Investitionsfonds und legt eine Einteilung der Unternehmen in die oben genannten Größenklassen fest. 2
Abbildung 1: KMU-Schwellenwerte der EU seit 01.01.2005 3
Das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn gilt als oberste Instanz zur Definition des Mittelstandes in Deutschland. Den Definitionsvorgaben dieses Bonner Instituts bedienen sich zum Beispiel die Bundesregierung, das Wirtschaftsministerium oder die Wirtschaftsverbände. 4 Das Institut für Mittelstandsforschung unterteilt in kleine, mittlere und große Unternehmen und definiert sie nach den quantitativen Kriterien „Anzahl der Beschäftigten“ und „Umsatz pro Jahr“.
Abbildung 2: Mittelstandsdefinition des IfM Bonn seit Einführung des Euro (01.01.2002) 5
2 Vgl. Hofelich, M.: Was heißt eigentlich Mittelstand?, in: Unternehmer Edition „Sonderausgabe
Mittelstandsfinanzierung 2006“, Wolfratshausen 2006, S. 12-14.
3 Quelle: http://www.ifm-bonn.org/
4 Vgl. Hofelich, M.: Was heißt eigentlich Mittelstand?, in: Unternehmer Edition „Sonderausgabe
Mittelstandsfinanzierung 2006“, Wolfratshausen 2006, S. 12-14.
5 Vgl. http://www.ifm-bonn.org
7
Da die Erfüllung dieser rein quantitativen Kriterien nach Auffassung des IfM allein nicht ausreiche, um ein Unternehmen dem Mittelstand zurechnen zu können, sollen neben den oben genannten Faktoren auch qualitative, d. h. psychologische und sozioökonomische Kriterien Berücksichtigung finden.
Qualitative Kriterien in diesem Sinne sind etwa die Eigentümerstruktur, die Organisation, die persönlichen Beziehungen zwischen Führungskräften und Mitarbeitern und insbesondere die Person des Unternehmers selbst. 6
Abbildung 3: Definition des Mittelstandes, qualitativ7
Im Rahmen dieser Arbeit wird die Definition des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung zu Grunde gelegt.
2.2. Relevanz für den deutschen Wirtschaftsstandort
Den kleinen und mittleren Unternehmen kommt in der deutschen Wirtschaft nach wie vor eine tragende Rolle zu. In den letzten Jahren haben Fusionen und der
6 Vgl. Hofelich, M.: Was heißt eigentlich Mittelstand?, in: Unternehmer Edition „Sonderausgabe
Mittelstandsfinanzierung 2006“, Wolfratshausen 2006, S. 12-14.
7 Quelle: Icks, A.: Der Mittelstand in Deutschland, Berlin 2006, unter: http://www.ifm-bonn.org/
8
allgegenwärtige Globalisierungsgedanke den Eindruck vermittelt, dass die Zukunft des klassischen Mittelstandes ungewiss sei, jedoch ist gerade die deutsche Wirtschaft Deutschland - zumindest derzeit - auf einen soliden Mittelstand angewiesen.
Grund hierfür ist der Umstand, dass die kleinen und mittleren Unternehmen nicht nur die größte Gruppe der Unternehmen bilden und annähernd hälftig zur Bruttowertschöpfung der deutschen Wirtschaft beitragen, sondern auch der mit Abstand größte Arbeitgeber in Deutschland ist. In der Fachliteratur wird der Mittelstand aus diesem Grund regelmäßig als das Rückrat der deutschen Wirtschaft bezeichnet. 8
Unter Zugrundelegung der Definition des Instituts für Mittelstandsforschung in Bonn für kleine und mittlere Unternehmen gehörten im Jahr 2004 99,7 % aller Unternehmen dem Mittelstand an und erwirtschafteten 40,8 % aller steuerpflichtigen Umsätze. Rund 47 % aller Investitionen im Jahr 2004 wurden durch die kleinen und mittleren Unternehmen getätigt. 9
Abbildung 4: Unternehmen in Deutschland10
8 Vgl. Icks, A.: Der Mittelstand in Deutschland, Berlin 2006, unter: http://www.ifm-bonn.org/
9 Vgl. Icks, A.: Der Mittelstand in Deutschland, Berlin 2006, unter: http://www.ifm-bonn.org/
10 Quelle: Icks, A.: Der Mittelstand in Deutschland, Berlin 2006, unter: http://www.ifm-bonn.org/
9
Unumstritten ist ebenfalls die Bedeutung des Mittelstandes als Arbeitgeber in Deutschland, welcher im Jahr 2004 rund 70 % aller Arbeitnehmer beschäftigte und mehr als 80 % aller Jugendlichen ausbildete.
Abbildung 5: Bedeutung des Mittelstands in Deutschland11
2.3. Aktuelle Finanzierungssituation
Der Begriff Finanzierung umfasst alle Maßnahmen zur Deckung des Kapitalbedarfs eines Unternehmens. Die Kapitalzufuhr kann aus dem betrieblichen Umsatzprozess heraus, der sog. Innenfinanzierung, oder von außen in Form von Eigen- und Fremdkapital, der sog. Außenfinanzierung, erfolgen. 12
Die kleinen und mittleren Unternehmen finanzieren sich bis dato größtenteils über Bankkredite 13 . Die enorme Bedeutung der Hausbanken für den deutschen
11 Quelle: Icks, A.: Der Mittelstand in Deutschland, Berlin 2006, unter: http://www.ifm-bonn.org/
12 Vgl. Ermisch, R, Thoma, P.: Zehn Schritte zum Venture Capital - Ein Ratgeber für junge
Technologieunternehmen, Heidelberg 2002, S. 10.
13 Vgl. Schüler, T.: Rating und Kreditvergabe an mitteständische Unternehmen, in: Meyer, J. (Hrsg.):
Kleine und mittlere Unternehmen, Band 4, Lohmar 2002, S. 1ff.
10
Mittelstand lässt sich bereits daraus ersehen, dass ca. 71 % der Bilanzsummen des deutschen Mittelstandes durch Bankkredite finanziert werden. 14
Die Finanzierung mittels Bankkredit wird jedoch im Zuge des Inkrafttretens der neuen Bestimmungen von BASEL II deutlich schwieriger werden. Zu den einzelnen Regelungen von BASEL II und den damit verknüpften Folgen für kleine und mittlere Unternehmen wird in Kapital 3 dieser Arbeit ausgeführt.
Die kleinen und mittleren Unternehmen sehen sich hiernach mit der Herausforderung konfrontiert, neue respektive alternative Wege der Außenfinanzierung gehen zu müssen, um die klassische Fremdfinanzierung mittels Bankkredit zu substituieren.
Erschwert wird dies jedoch dadurch, dass den kleinen und mittleren Unternehmen in aller Regel der Zugang zum Kapitalmarkt nicht ohne weiteres möglich ist.
Eine erste Hürde besteht schon darin, dass der weitaus größte Teil der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland in der Rechtsform der GmbH oder einer Personengesellschaft firmiert, deren Anteile jedoch am Kapitalmarkt nicht handelbar sind.
Auch fehlt es vielen kleinen und mittleren Unternehmen hinsichtlich der Nutzung neuer, alternativer Finanzierungsformen bereits an der Kenntnis oder einer entsprechenden Bereitschaft zum Umdenken.
Der Wahl der richtigen Finanzierungsstruktur wird jedoch gerade im Hinblick auf die von den meisten mittelständischen Unternehmen verfolgte Wachstums-strategie und die zu ihrer Umsetzung erforderliche Eigenkapitalausstattung eine entscheidende Bedeutung zukommen.
14 Vgl. Hückmann, C., Kreditrating der Mittel- und Kleinbetriebe, Berlin 2003, S. 13.
11
2.4. Eigenkapitalausstattung des Mittelstandes
In finanzieller Hinsicht besteht das Hauptproblem der kleinen und mittleren Unternehmen in ihrer oftmals unzureichenden Eigenkapitalausstattung. Im Hinblick auf die Erlangung etwa von Bankkrediten ist jedoch zukünftig eine gute Eigenkapitalausstattung unverzichtbar, weshalb man auch von der „Achillessehne des deutschen Mittelstandes“ 15 spricht.
Die Eigenkapitalquote der deutschen Mittelstandsunternehmen ist im direkten internationalen, insbesondere auch im europäischen Vergleich, zu gering. Die oftmals unzureichende Eigenkapitalausstattung der kleinen und mittleren Unternehmen Deutschlands erweist sich im internationalen Wettbewerb geradezu als wachstumshemmend.
Abbildung 6: Durchschnittliche Eigenkapitalquoten der KMU in internationalen Vergleich (2005) 16
Die in Deutschland vorherrschende Tendenz zur Akquisition vom Fremdkapital ist nicht zuletzt auch eine Folge der steuerrechtlichen Rahmenbedingungen. So wird „durch das Halten von Fremdkapital, zugunsten einer höheren Ertragsorientierung, der Bilanzgewinn geschmälert und somit die Bemessungsgrundlage für die Besteuerung verkleinert, um die Steuerlast zu senken.“ 17
15 Vgl. http://Textination.de/de/DI/MI.april.05.pdf
16 Quelle: http://www.wiley-vch.de/templates/pdf/352750219X_c01.pdf
17 Vgl. Koch, W., Wegmann, J.: Praktiker-Handbuch Rating: Leitfaden für mittelständische
Unternehmen und Banken, Stuttgart 2003, S. 21.
12
Jedoch ist ein hoher Eigenkapitalanteil auf Grund seiner Verlustausgleichs-funktion in aller Regel ein Hinweis auf die Stabilität des Unternehmens in Krisenzeiten. 18 Die Finanzgruppe Deutscher Sparkassen- und Giroverband ermittelte im Rahmen ihrer Studie „Diagnose Mittelstand 2006“ für das Jahr 2004 eine Eigenkapitalquote der kleinen und mittleren Unternehmen in Höhe von durchschnittlich lediglich 10 %. 19
Laut der Studie „Wirtschaftslage und Finanzierung des Mittelstandes“ der Creditreform sind mit einer Eigenkapitalquote über 30 % aktuell nur 21,2% der kleinen und mittleren Unternehmen ausreichend kapitalisiert. Demgegenüber verfügen 34 % der kleinen und mittleren Unternehmen immer noch über weniger als 10 % haftendes Eigenkapital. Eine Studie des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) aus dem Jahr 2002 besagt, dass sich die Eigenkapitalquote der Unternehmen regelmäßig proportional zur Unter-nehmensgröße verhält. Je kleiner ein Unternehmen ist, desto kleiner ist auch dessen Eigenkapitalquote. Zudem lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Eigenkapitalquote und der Rechtsform des Unternehmens feststellen. So verfügen Kapitalgesellschaften im Allgemeinen über eine höhere Eigen-kapitaldecke als Personengesellschaften. 20
Die folgende Abbildung verdeutlicht den negativen Trend der
Eigenkapitalausstattung kleiner und mittlerer Unternehmen.
Abbildung 7: Eigenkapitalquoten deutscher Unternehmen in % der Bilanzsumme 21
18 Vgl. Berens, W., Högemann, B., Segbers, K.: Das mittelständische Unternehmen - Status Quo und
Perspektiven in der Finanzierung, o.O. 2005, o.S..
19 Vgl. http://www.sparkasse.de/download/files/Diagnose_Mittelstand_2006.pdf, S. 4.
20 Vgl. http://www.bdi-online.de/de/fachabteilungen/1938.htm
21 Quelle: http://www.wiley-vch.de/templates/pdf/352750219X_c01.pdf
13
2.5. Fazit
Charakteristisch für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist die Vielzahl an kleinen und mittleren Unternehmen, deren wichtigste und oft einzige Finanzierungsquelle der (Haus-)Bankkredit ist. Internationale Studien und Vergleiche belegen eindrucksvoll, dass die deutschen kleinen und mittleren Unternehmen eine zu geringe Eigenkapitalausstattung haben, um in der im Wandel befindlichen Finanzierungswelt auf nationaler oder internationaler Ebene bestehen zu können.
So sind die rund 39.200 Insolvenzen im Jahr 2004 in Deutschland ein untrügliches Indiz dafür, dass viele Unternehmenskrisen aufgrund fehlender Eigenkapitalreserven nicht mehr gemeistert werden können. 22 Es ist hiernach auch evident, dass in Bezug auf die Stärkung der Eigenkapitalquote bei der breiten Masse der deutschen kleinen und mittleren Unternehmen ein akuter Handlungsbedarf besteht.
Die Eigenkapitalschwäche mittelständischer Unternehmen muss deshalb als strukturelles Problem angesehen werden, dass oft nur durch einschneidende Änderungen in der Geschäftspolitik und der Firmenphilosophie gelöst werden kann.
Durch die weitere Deregulierung der Märkte drängen immer mehr ausländische Unternehmen in die Kernmärkte deutscher kleiner und mittlerer Unternehmen. Deshalb müssen sich diese nicht nur auf immer kürzere Innovationszyklen, schnellere Produktinnovationen und die fortschreitende Globalisierung sowie auf konjunkturelle und nationale Probleme einstellen, sondern müssen ihre Effektivität im erhöhen. 23 internationalen Wettbewerb Zur Umsetzung geeigneter Wachstumsstrategien fehlen dem deutschen Mittelstand jedoch die Eigenkapitalmittel.
22 Quelle: Icks, A.: Der Mittelstand in Deutschland, Berlin 2006, unter: http://www.ifm-bonn.org/
23 Vgl. Kellersmann, D.: Fachbeitrag: Corporate Governance - Ein Dauerthema für die Zukunft des
Mittelstandes, in: Markt & Mittelstand 8/2005, o.S..
14
3. Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung (BASEL II)
Die zum 01.01.2007 in Kraft tretenden Regelungen zu BASEL II entfalten bereits heute einen spürbaren Einfluss auf das Kreditvergabeverhalten der Banken gegenüber kleinen und mittleren Unternehmen. Vor diesem Hintergrund sollte die Finanzierungsalternative Börsengang in den Führungsetagen mittelständischer Unternehmen öfters als bisher in Erwägung gezogen werden.
Im Folgenden werde ich kurz die Entstehung von BASEL II und deren Ursachen skizzieren, sodann einen Überblick über die Kernelemente von BASEL II geben und anschließend die damit verbundenen Konsequenzen für kleine und mittlere Unternehmen aufzeigen.
3.1. Entstehung - Von BASEL I zu BASEL II
Durch den Zusammenbruch der Herstatt-Bank und der Franklin National Bank im Jahr 1974 24 und deren mögliche Folgen für das internationale Finanzsystem wuchs die allgemeine Besorgnis über die erschreckend niedrigen Eigenkapitalquoten der Banken. Die Eigenkapitalausstattung einer Bank gewährleistet nicht nur deren Zahlungsfähigkeit, sondern kann und soll negative Ergebnisse aus verlustträchtigen Geschäftsfeldern abfedern helfen. Der Bankrott der Herstatt-Bank wurde durch Verluste aus Devisengeschäften in Höhe von 1,2 Milliarden DM verursacht. 25 Im Zuge der seinerzeit drohenden Finanzkrise trafen sich die Vertreter der Zentralbanken der wichtigsten Industrienationen, um gemeinsam Maßnahmen zu beschließen, mit deren Hilfe derartigen Vorfällen zukünftig entgegengewirkt werden sollte.
24 Vgl. http://www.bis.org/about/thisisthebiz.pdf S.42
25 http://www.vergleich.de/bankpleiten-herstatt-bank.html
15
Ein wesentliches Problem der Banken lag damals insbesondere im anhaltenden Verdrängungswettbewerb im internationalen Kreditgeschäft, der sie dazu veranlasst hatte, risikoreiche Kreditgeschäfte ohne angemessene beziehungsweise ausreichende Eigenkapitalunterlegung abzuschließen.
Ein Lösungsansatz sah vor, die Eigenkapitalanforderungen der einzelnen Länder an ihre Banken, die individuell, das heißt auf nationaler Ebene beschlossen wurden, nun international zu harmonisieren und im Interesse der Stabilität des internationalen Finanzsystems zu standardisieren.
Vor diesem Hintergrund wurde 1975 von den Zentralbankgouverneuren der G-10 Länder der Basler Ausschuss der Bank für internationalen Zahlungs-ausgleich (BIZ) ins Leben gerufen. Mit der Basler Eigenkapitalvereinbarung schuf dieser Ausschuss dann im Jahre 1988 erstmals ein Rahmenwerk zur Messung des Kreditrisikos international agierender Banken, das weltweit zum Standard wurde. 26
Diese Eigenkapitalvereinbarung, auch BASEL I oder Baseler Akkord genannt, sah vor, dass ein Kreditinstitut pauschal 8 % einer jeden ausgereichten Kreditsumme an Unternehmen und Privathaushalte als Eigenkapital vorhalten muss. Ein Kredit in Höhe von 100.000 Geldeinheiten musste demnach von einer Bank pauschal mit 8.000 Geldeinheiten Eigenkapital unterlegt sein. Dies bedeutete, dass eine Bank maximal Kredite in Höhe des 12,5fachen ihres Eigenkapitals ausreichen durfte. 27 Ziel dieser Sicherheitsunterlegung mit haftendem Eigenkapital war und ist der Schutz der Kreditinstitute und deren Einlagenkunden bei Ausfall einzelner Kreditnehmer. Falls es zu einer Unterschreitung dieser vorgeschriebenen Eigenkapitalreserve kommt, muss das Kreditinstitut zwingend seine Kreditengagements reduzieren.
26 Vgl. http://www.bis.org/about/thisisthebiz.pdf S.42.
27 Vgl. http://www.nogossek-ingenfeld.de/site/downloads/Mandantenbrief0402.pdf S. 5.
16
Hauptkritikpunkt der Banken an BASEL I war die nur unzureichende Differenzierung im Rahmen der Beurteilung des Kreditausfallrisikos eines Kreditportfolios, die im Ergebnis zu einer ineffizienten Risikogewichtung führte. Denn bei einer pauschalen 8%igen Eigenkapitalunterlegung wird nicht nur jedem Kreditportfolio das gleiche Ausfallrisiko beigemessen, sondern es werden auch Methoden und Ansätze zur Risikoreduzierung völlig außer Acht gelassen. 28 Man kann hierbei auch von einer Quersubventionierung der Zinskosten der bonitätsschwachen Kreditnehmer durch bonitätsstarke Kreditnehmer sprechen. 29
Diese Kritik wurde zum Anlass genommen, dass nach - in so genannten Konsultationspapieren - verfassten Vorschlägen zur Änderung von BASEL I in den Jahren 1999, 2001 und 2003, schließlich im Jahr 2004 von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich die neue Eigenkapitalvereinbarung, BASEL II, vorgestellt wurde. 30
28 Vgl. http://www.nogossek-ingenfeld.de/site/downloads/Mandantenbrief0402.pdf S. 6.
29 Vgl. Lüpken, S.: Alternative Finanzierungsinstrumente für mittelständische Unternehmen, Bremen
2003, S. 22.
30 http://www.bundesbank.de/bankenaufsicht/bankenaufsicht_basel.php
17
Abbildung 8: Chronologie zu BASEL II 31
Heute setzt sich der Basler Ausschuss aus Vertretern der Bankenaufsichtsbehörden und der Zentralbanken der so genannten G-10 Länder zusammen, welche inzwischen 13 Länder umfassen, Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Kanada, Luxemburg, den Niederlanden, Schweden, der Schweiz, den USA. Er tagt im Dreimonatszyklus bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit Sitz in Basel. Mit dem oben bereits erwähnten Ziel, zur Einführung hoher und einheitlicher Standards in der Bankenaufsicht beizutragen und damit die Stabilität des internationalen Finanzsystems zu fördern, spricht der Basler Ausschuss Richtlinien und Empfehlungen an die Aufsichtsbehörden der Banken der einzelnen Länder aus. 32
31 Quelle: http://www.bundesbank.de/bankenaufsicht/bankenaufsicht_basel.php
32 Vgl. Wambach, M., Rödel, B.: Rating - Finanzierung für den Mittelstand, Frankfurt am Main, S. 21.
18
3.2. Die 3 Säulen von BASEL II
Die neue Baseler Eigenkapitalvereinbarung besteht aus drei, sich gegenseitig ergänzenden und stärkenden Säulen, um die Stabilität des nationalen und internationalen Bankensystems besser abzusichern. Die erste, bereits durch BASEL I begründete Säule beinhaltet die quantitativen Mindestkapital-anforderungen, die vorgeben, wie viel Eigenkapital, so genanntes aufsichtsrechtliches Kapital, ein Kreditinstitut hinterlegen bzw. vorhalten muss, um seine Risiken aus dem Kreditgeschäft abzudecken. 33 Die zweite Säule beinhaltet einen bankaufsichtlichen Überprüfungsprozess, der die Einführung und Weiterentwicklung von Risikomanagementsystemen für Banken und deren Überwachung fordert. 34 Um die Marktmechanismen besser für bankenaufsichtliche Ziele nutzen zu können, werden im Rahmen der dritten Säule weitere Transparenzanforderungen aufgestellt. 35
Abbildung 9: Die 3 Säulen von BASEL II 36
33 Vgl. http://www.bundesbank.de/bankenaufsicht/bankenaufsicht_basel_saeule1.php
34 Vgl. http://www.bundesbank.de/bankenaufsicht/bankenaufsicht_basel_saeule2.php
35 Vgl. http://www.bundesbank.de/bankenaufsicht/bankenaufsicht_basel_saeule3.php
36 Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:AMA-Basel2.JPG
19
Die Empfehlungen des Basler Ausschusses wurden in Deutschland durch die Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk) und die
Solvabilitätsverordnung (SolvV) in deutsches Recht umgesetzt.
3.2.1. Mindestkapitalanforderungen
Da die Banken durch die bisherige Eigenkapitalhinterlegungspflicht nach BASEL I geneigt waren, risikoärmere Kredite zugunsten von riskanteren, aber auch oft ertragreicheren, abzulehnen, soll durch die erste Säule von BASEL II eine genauere und realistischere Berücksichtigung der Risiken des Kreditgeschäftes der Banken erfolgen. Aus diesem Grund werden nun bei der Berechnung des zu hinterlegenden Eigenkapitalanteils zusätzlich das Kreditausfallrisiko, das Marktrisiko und das operationelle Risiko herangezogen. 37
Der Mindestkapitalkoeffizient errechnet sich wie folgt:
Abbildung 10: Mindestkapitalkoeffizient
• Kredit(ausfall)risiko
Das Kreditrisiko wird anhand eines internen oder externen Ratings errechnet. Ein Rating (aus dem Englischen wörtlich übersetzt: Beurteilung, Einschätzung, Klasse, Kategorie) bezeichnet allgemein das Verfahren für die Einschätzung von Personen, Gegenständen oder Unternehmen.
Im Bankbereich bedeutet ein Rating eine Aussage (Benotung) über die zukünftige Fähigkeit eines Unternehmens zur vollständigen und termingerechten Rückzahlung (Zins und Tilgung) seiner Verbindlichkeiten mit dem Ziel der Ermittlung von
37 Vgl. http://www.bundesbank.de/bankenaufsicht/bankenaufsicht_basel_saeule1.php
20
Ausfallwahrscheinlichkeiten, Wiedereinbringungsraten und Migration auf der Basis intensiver Unternehmensanalysen und der damit verbundenen Zuordnung zu einer ordinalen Ausfallrisikoklasse.
Dabei werden so genannte Ratingcodes verwendet. Die Einordnung erfolgt mit eigenen Kriterien der Bank, oder wird von einer international tätigen Ratingagentur, wie Moody's, Standard & Poor's, oder Fitch vorgenommen.“ 38 Man unterscheidet grundsätzlich in interne oder externe Ratings. Die internen Ratings werden von der Bank selbst durchgeführt, im Gegensatz dazu führen Ratingagenturen die externen Ratings durch.
Unternehmen mit guter Bonität haben ein geringes Kreditausfallrisiko und werden in eine gute Ratingklasse eingestuft, Unternehmen mit schlechter Bonität haben folglich ein höheres Kreditausfallrisiko und werden daher in eine schlechtere Ratingklasse eingestuft. Die so ermittelte Ratingklasse oder Bonitätsstufe bestimmt für die kreditgebende Bank dann das zu unterlegende Eigenkapital. Es gilt der Grundsatz: Je besser das Rating, desto niedriger das zu unterlegende Eigenkapital.
38 Vgl. http://www.bwclub.de/lexikon/r/index.htm
21
Arbeit zitieren:
Nadine Rech, 2006, Going Public vor dem Hintergrund erhöhter Anforderungen an die Bonität durch BASEL II aus der Sicht von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Neue Institutionenökonomik internationaler Transaktionen
VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen
Seminararbeit, 22 Seiten
Interkulturelle Bildung in der Schule - Ein Weg zur Integration?
Pädagogik - Pädagogische Soziologie
Examensarbeit, 88 Seiten
Jugend und Gewalt. Jugendliche Täter - Jugendliche Opfer
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 17 Seiten
Motive der Vertragspartner, Ve...
Hausarbeit (Hauptseminar), 72 Seiten
Der Klassenbegriff bei Marx und Weber - Ein beurteilender Vergleich
Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen
Hausarbeit, 21 Seiten
Qualitätsmanagement im Vertrieb - eine Kosten-Nutzen-Analyse
Seminararbeit, 34 Seiten
Bildungsproblematik der Jugendlichen mit türkischer Herkunft durch das...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Diplomarbeit, 105 Seiten
Leistungsmotivation - Erfolg oder Misserfolg in der Schule
Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung
Hausarbeit, 17 Seiten
Wirtschaftlichkeitsanalyse des Qualitätsmanagements für Dienstleistung...
Seminararbeit, 37 Seiten
Mezzanine-Kapital als Finanzierungsalternative für mittelständische Un...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Diplomarbeit, 72 Seiten
Das Going Private mittelständischer Unternehmungen
Begriffsbestimmung und kritisc...
BWL - Investition und Finanzierung
Diplomarbeit, 111 Seiten
Reziprokes Lernen und Lehren im Wirtschaftslehreunterricht - Eine Best...
BWL - Didaktik, Wirtschaftspädagogik
Hausarbeit, 15 Seiten
Qualitäts- und Kostenführerschaft als strategische Zielsetzung?
Ingenieurwissenschaften - Wirtschaftsingenieurwesen
Hausarbeit, 31 Seiten
Der Islam und andere kleine Religionsgemeinschaften in der öffentliche...
Jura - Öffentliches Recht / Staatsrecht / Grundrechte
Seminararbeit, 62 Seiten
Neues Eigenkapital durch Beteiligungsfinanzierung bei mittelständische...
BWL - Investition und Finanzierung
Diplomarbeit, 79 Seiten
Erklärungsansätze für die Defizite von Schülern mit Migrationshinterg...
Hausarbeit, 16 Seiten
Aggressionstheorien. Warum Menschen gewalttätig sind
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Studienarbeit, 18 Seiten
Nadine Rech hat den Text Going Public vor dem Hintergrund erhöhter Anforderungen an die Bonität durch BASEL II aus der Sicht von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) veröffentlicht
Nadine Rech hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare