Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Allgemeine Begriffsbestimmung 5
2.1 Depressionen 5
2.2 Pränatal und postpartal postnatal 5
2.3 Depressionen in der Postpartalzeit 6
3. Biologische und psychosoziale Veränderungsprozesse durch den Übergang
zur Mutterschaft 7
3.1 Biologische Faktoren 8
3.1.1 Körperliche Veränderungen 8
3.1.2 Hormonelle Umstellungen 8
3.2 Psychische und soziale Faktoren 9
3.2.1 Neufindung in die Rolle als Mutter 9
3.2.2 Partnerschaft und soziale Unterstützung 10
3.2.3 Beziehung zur eigenen Mutter 12
3.2.4 Verlusterfahrungen 12
4. Postpartale depressive Erkrankungen 14
4.1 Klassifikation 14
4.2 Postpartale Dysphorie 14
4.3 Postpartale Depression 16
4.4 Postpartale Psychose 19
5. Die Bindungstheorie 21
5.1 Entwicklungsverlauf von Bindung 22
5.2 Exploration und sichere Basis 23
5.3 Das innere Arbeitsmodell 24
5.4 Konzept der Feinfühligkeit 26
5.5 Konzept der kindlichen Bindungsqualität Fremde Situation 27
5.6 Adult-Attachment Interview (AAI) 30
5.7 Langfristige Effekte früher Bindungsmuster 32
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6. Die frühkindliche Interaktion zwischen Mutter und Kind 35
6.1 Fantasien über das imaginäre Kind 39
6.2 Spracherwerb und kognitive Entwicklung 40
7. Postpartale Depressionen und ihre Folgen für die Kinder 41
7.1 Psychische Erkrankungen als Familienerkrankungen 41
7.2 Die Lebenssituation betroffener Kinder 42
7.3 Auswirkungen von postpartalen Erkrankungen auf die Kinder 43
7.3.1 Regulationsstörungen in der frühen Kindheit 47
7.3.1.1 Folgen des exzessiven Schreiens 48
7.3.2 Störung der Mutter-Kind Interaktion 49
7.3.2.1 Still-face Situation 51
7.3.3 Deprivationsverhalten 53
7.4 Schutzfaktoren für die psychische Entwicklung 54
8. Hilfs und Interventionsmöglichkeiten
56
8.1 Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit 57
8.2 Psychoanalyse im sozialen Feld 59
8.3 Gesetzliche Grundlagen 61
8.4 Kooperation Jugendhilfe und Psychiatrie 64
8.5 Präventive Hilfsangebote 65
8.5.1 Geburtsvorbereitungskurse 65
8.5.2 Edinburgh Postnatal Depression Scala (EPDS) 66
8.5.3 Feinfühligkeitstraining 68
8.6 Interventionsangebote für Mütter und ihre Kinder 69
8.6.1 Schreibaby-Ambulanz 69
8.6.2 Modellprojekt Patenschaften 72
8.6.3 Kindergruppenprojekt AURYN 73
8.6.4 Säuglings-Mutter Psychotherapie 75
8.6.5 Stationäre Mutter-Kind Behandlung 76
9. Resümee 80
10. Literaturverzeichnis
III
1. Einleitung
Postpartale psychische Erkrankungen fallen in einen Lebensabschnitt, der im Allgemei- nen als glückliches Ereignis betrachtet wird. Gefühle der Traurigkeit, Hoffnungslosig- keit, Verzweiflung und Hilflosigkeit lassen sich mit der Geburt eines Kindes nur schwer vereinen. In unserer Gesellschaft herrscht diesbezüglich ein Mythos vor, der den noch unerfahrenen Müttern suggeriert, dass sie in dieser Phase so glücklich, euphorisch und zufrieden sein müssen wie noch nie in ihrem Leben. Diese überaus hohe Erwartungshal- tung, die auch viele Frauen an sich selbst stellen, erweist sich in der Realität oftmals als Trugschluss.
Mit einer Auftrittswahrscheinlichkeit von bis zu 70 Prozent sind depressive Störungen im Wochenbett keine Seltenheit, sondern sie zählen zu den häufigsten postpartalen Komplikationen, die ersichtlich werden. Schätzungen ergeben, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist, weil viele Erkrankungen nicht diagnostiziert werden und die Übergänge von einer leichten depressiven Verstimmung zu einer massiven Depression oder Psychose oftmals fließend sind (vgl. Lenz 2005, S. 50). Der Gedanke liegt nahe, dass postpartale Depressionen ein Erscheinungsbild der Neuzeit sind. Diese Aussage ist zu widerlegen, weil sich bereits erste Symptombeschreibungen bei Hippokrates etwa 460 vor Christus finden lassen (vgl. Nispel 2001, S. 11).
Mein persönliches Motiv für dieses Thema
Der Grund, warum ich mich in meiner Diplomarbeit für das Thema „postpartale De- pressionen und ihre Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung“ entschieden habe, wurde stark durch meine eigene Schwangerschaft geprägt. Im Zuge dessen hatte ich mich im Vorfeld mit den verschiedenen Aspekten einer Schwangerschaft und Geburt in- tensiv beschäftigt, um einen umfassenden Einblick in diesen Bereich zu erlangen. In diesem Zusammenhang stieß ich auf das Krankheitsbild der postpartalen Depressionen, welches mein Interesse erweckte. Ich setzte mich näher mit diesem Thema auseinander und erkannte sehr schnell, dass in Deutschland kaum einschlägige Literatur vorhanden ist, die sich mit dem Thema der postpartalen Erkrankungen auseinandersetzt. Diese Tat- sache ist vor allem darauf zurückzuführen, dass ein fachliches Interesse für diese Er- krankungsform erst seit den letzten zehn Jahren in Deutschland zu verzeichnen ist, wes- halb die wesentlichen Impulse vom amerikanischen Raum ausgehen.
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Das Problem was sich diesbezüglich ergibt ist, dass viele Frauen nur geringe Informati- onen über dieses Krankheitsbild erhalten, weshalb die damit einhergehende Symptoma- tik oftmals übersehen wird und somit zu einer Chronifizierung führt. Zudem gibt es noch zu wenige geeignete Interventionsangebote, die eine schnelle, präventive Hilfe gewährleisten.
Aufgrund dieser Erkenntnisse reifte der Gedanke, mich im Zuge meiner Diplomarbeit intensiver mit dieser Thematik zu beschäftigen und einschlägige Recherchen vorzu- nehmen. Vor allem interessierte mich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit sich postpartale Erkrankungen auf die gemeinsame Beziehung zwischen Mutter und Kind auswirken, und welche Folgen sich hieraus ergeben.
Diesbezüglich entwickelte ich einige Fragestellungen, denen ich im Laufe dieser Arbeit nachgehen möchte:
Unterscheiden sich die Auswirkungen einer postpartalen psychischen Erkrankung
1.
von Depressionen, die zu anderen Zeitpunkten auftreten?
Welche Folgen ergeben sich für die Mutter-Kind-Beziehung aus einer zeitlich be-
2.
fristeten Erkrankung im Wochenbett?
Welche möglichen Interventionen können an dieser Stelle sinnvoll greifen?
3.
Durch meine Diplomarbeit möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, den Blick für postpartale Depressionen zu öffnen. Die Tabuisierung der Erkrankung und die damit einhergehenden Schuldgefühle, die von vielen Müttern ausgebildet werden, sind ein ge- sellschaftlich bedingtes Problem, dem nur durch Aufklärung entgegengewirkt werden kann.
Die Gliederung der Arbeit gestaltet sich wie folgt
Zu Beginn möchte ich dem Leser einen einführenden Blick in das Thema der Depressi- onen gewähren. Diesbezüglich werde ich in Kapitel zwei eine allgemeine Begriffsbe- stimmung vornehmen, die einen theoretischen Überblick zu dieser Thematik vermittelt.
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In Kapitel drei möchte ich mich den biologischen und psychosozialen Veränderungs- prozessen zuwenden, die mit der Geburt eines Kindes einhergehen. In diesem Zusam- menhang wird ersichtlich, dass der Übergang zur Mutterschaft nicht nur als glückliches Ereignis zu verstehen ist, sondern dass zudem zahlreiche Konflikte und Verlusterfah- rungen zu Tage treten.
Im darauf folgenden vierten Kapitel zeige ich einen Überblick über die unterschiedli- chen Erkrankungsbilder der Postpartalzeit auf. Anhand gängiger Klassifikationen be- leuchte ich die postpartale Dysphorie, die postpartale Depression und die postpartale Psychose.
In Kapitel fünf unternehme ich einen ausführlichen Exkurs in das Thema der Bindungs- theorie, um mögliche Auswirkungen einer postpartalen Erkrankung auf die Mutter- Kind-Beziehung ersichtlich zu machen.
Der Mutter-Kind-Interaktion wende ich mich in Kapitel sechs zu. Hierbei lege ich mei- nen Schwerpunkt auf die frühkindliche affektive Phase, die als Grundstock für den wei- teren Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind zu betrachten ist.
In Kapitel sieben möchte ich die unterschiedlichen Auswirkungen einer postpartalen Erkrankung auf die Kinder herausarbeiten. Hierbei konzentriere ich mich vornehmlich auf das Säuglings- und Kleinkindalter, wende mich aber auch den langfristigen Folgen zu, die für ältere Kinder relevant sind.
Im Anschluss daran werde ich im achten Kapitel verschiedene Interventions- und Hilfsmöglichkeiten genauer beleuchten, die vor allem im interdisziplinären Bereich an- gesiedelt sind. Hierbei richte ich meinen Blick auf präventive Maßnahmen sowie auf pädagogische und therapeutische Ansätze, die speziell auf Mütter und ihre Kinder aus- gerichtet sind.
In Kapitel neun fasse ich die mir am wichtigsten erscheinenden Gedanken noch einmal zusammen. Dieser Teil dient dazu, meine eigenen Denkansätze zu verdeutlichen und mit dem theoretischen Teil meiner Arbeit in Zusammenhang zu bringen.
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Wie ich bereits im Thema meiner Arbeit verdeutlicht habe, beziehe ich mich vorzugs- weise auf die Mutter-Kind-Beziehung. Selbstverständlich kommt auch dem Vater eine große Bedeutung zu, die durchaus eine kompensatorische Funktion erfüllt. Somit kann ein feinfühliger Vater protektiv (bewahrend) auf die kindliche Entwicklung einwirken, indem er mögliche Defizite ausgleicht, die sich durch die mütterliche Depression einge- stellt haben. Unabhängig von diesem Aspekt möchte ich mich primär der Mutter-Kind- Beziehung zuwenden, aber trotz dieser Tatsache darauf verweisen, dass die ausglei- chende Wirkung von anderen Bezugspersonen (Vater, Großeltern, Freunde) nicht außer Acht gelassen werden sollte.
Darüber hinaus wende ich mich hauptsächlich dem Säuglings- und Kleinkindalter zu, weil diese Altersgruppe in besonderer Weise gefährdet ist. Eine postpartale Depression setzt zu einem Zeitpunkt an, indem diese Kinder fundamental auf eine adäquate Bedürf- nisbefriedigung angewiesen sind. An dieser Stelle sei aber darauf verwiesen, dass auch ältere Kinder von diesem Krankheitsbild betroffen sind, vor allem wenn sich eine Chro- nifizierung der Erkrankung einstellt.
Abschließend möchte ich formal darauf hinweisen, dass ich mich dazu entschlossen ha- be, in der vorliegenden Diplomarbeit die weibliche Schreibweise zu verwenden. Meines Erachtens würde sowohl die beständige Verwendung der Doppelform (der/die Sozial- pädagoge/in) als auch der Anhang „In“ (SozialpädagogIn) einen reibungslosen Lese- fluss beeinträchtigen. Ich bitte deshalb höflichst, gedanklich die männliche Form hinzu- zufügen.
Darüber hinaus habe ich meine eigenen Aussagen im Text kursiv geschrieben, um sie somit besser kenntlich zu machen und gezielt hervorzuheben.
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2. Allgemeine Begriffsbestimmung
2.1 Depressionen
Eine Depression (lateinisch: deprimere „niederdrücken“) ist eine psychische Erkran- kung, deren Symptomatik sich durch eine bedrückte, niedergeschlagene und pessimisti- sche Stimmung auszeichnet, die häufig mit einem Interessensverlust einhergeht. Internationale Studien belegen, dass Depressionen mittlerweile zu den häufigsten psychischen Erkrankungsbildern zählen, die zu verzeichnen sind. Bereits in Deutschland leiden ca. 10 bis 15 Prozent aller Menschen an depressiven Verstimmungen, wovon jede vierte Person eine schwere psychische Störung entwickelt (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 269). Frauen sind deutlich häufiger von Depressionen betroffen als Männern. Die Ursachen werden sowohl biologischen als auch psychosozialen Faktoren zugeschrieben (vgl. Angst/Sellaro 2001, S. 63).
2.2 Pränatal und postpartal/postnatal
Die Bezeichnung „pränatal“ stammt aus dem lateinischen Wortschatz und bedeutet ins deutsche übersetzt „vor der Geburt“. Vorzugweise wird dieser Begriff in der Pränatal- diagnostik eingesetzt. Hierbei geht es um vorgeburtliche Untersuchungen, die zur Erfas- sung von genetischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen beim Fötus dienen sowie zur Früherkennung von Schwangerschaftskomplikationen eingesetzt werden (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 974).
Demgegenüber stehen die Begrifflichkeiten postpartal und postnatal, die in der psychi- atrischen Terminologie (Fachsprache) gleichbedeutend eingesetzt werden. Aus dem la- teinischen abgeleitet, bedeutet „post“ „nach“ und „partus“ steht für die „Entbindung“. Der Ausdruck postpartal bedeutet somit „nach der Entbindung“, wohingegen „natus“, aus dem lateinischen übersetzt, für die „Geburt“ steht. Somit bedeutet postnatal „nach der Geburt“. In der deutschen Fachsprache ist man dazu übergegangen, vorzugsweise den Begriff postpartal zu verwenden, wohingegen sich im englischen Sprachraum der Begriff postnatal durchgesetzt hat (vgl. Rohde 2004, S. 21). Treten innerhalb des ersten halben Jahres nach der Entbindung Symptome einer psychischen Störung auf, dann wird dieser Zeitraum als postpartal bezeichnet.
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Es gibt auch vereinzelte wissenschaftliche Meinungen, die diese Zeitspanne bis auf ein Jahr nach der Geburt erweitern (vgl. ebd., S. 27).
Im Hinblick auf die oben ausgeführte gängige Klassifizierung beziehe ich mich in mei- ner Diplomarbeit ebenfalls auf den Ausdruck postpartal, der an dieser Stelle gleichbe- deutend mit dem Begriff postnatal eingesetzt wird.
2.3 Depressionen in der Postpartalzeit
Viele Frauen leiden im Wochenbett unter depressiven Verstimmungen, die durch biolo- gische und psychosoziale Umstellungsprozesse während der Schwangerschaft und der Geburt begünstigt werden (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 270). In zahlreichen Studien zu diesem Thema erkannte man, dass das Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken, zu keinem anderen Zeitpunkt so ausgeprägt ist, wie nach einer Entbin- dung. Die Erkrankungsrate steigt in dieser Zeit signifikant an, wohingegen das Risiko während der Schwangerschaft an Depressionen zu erkranken, verhältnismäßig gering ist (vgl. Unger/Rammsayer 2001, S. 153).
Die postpartalen psychischen Erkrankungen verfügen über unterschiedliche Ausprä- gungsgrade, die von einem leichten Stimmungstief bis zu einer gravierenden Depression reichen können (vgl. Dalton 2003, S. 12). In der Regel handelt es sich um eine kurzlebi- ge Erscheinung, die als postpartale Dysphorie (Baby-Blues) klassifiziert wird. Erst wenn sich die Symptomatik verfestigt und über einen längeren Zeitraum andauert, kann sich hieraus eine postpartale Depression entwickeln. Im schlimmsten Fall entsteht eine postpartale Psychose, die mit schwerwiegenden Verhaltensstörungen einhergehen kann. Die hier skizzierten Ausprägungsformen gehören zu den klassischen Störungen der Postpartalzeit. Eine eindeutige Abgrenzung untereinander ist oft schwer zu vollziehen, weil es innerhalb der einzelnen Krankheitsbilder zu zahlreichen Überschneidungen kommt (vgl. Gröhe 2003, S. 41).
Im nachfolgenden Kapitel möchte ich mich mit den zahlreichen biologischen und psy- chosozialen Veränderungsprozessen auseinandersetzen, die mit der Geburt eines Kindes einhergehen. Alle Eltern eines neugeborenen Kindes haben mit den Folgen dieses Um- bruches zu kämpfen. Die Auswirkungen dieser Belastung werden jedoch unterschied- lich wahrgenommen. Eine Ernüchterung in der Beziehung, Unzufriedenheit, ein einge- schränktes Wohlbefinden, psychosomatische Symptome sowie Depressionen können die Folge sein (vgl. Eckert 1999, S. 71).
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3. Biologische und psychosoziale Veränderungsprozesse durch den
Übergang zur Mutterschaft
Im Rahmen der psychiatrischen Forschung hat man herausgefunden, dass psychischen Störungen oftmals ein bedeutendes Lebensereignis („life event“) vorausgeht. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, dass sowohl positive als auch negative Erfahrun- gen als auslösende Faktoren betrachtet werden (vgl. Rohde 2004, S. 35).
Die Geburt eines Kindes stellt solch ein signifikantes Ereignis dar, dass mit zahlreichen Veränderungsprozessen auf biologischer und psychosozialer Ebene einhergeht. Vor al- lem der Übergang vom kinderlosen Paar zur Elternschaft birgt ein erhöhtes Konfliktpo- tenzial in sich und wird somit als „normative Krisensituation“ verstanden (vgl. Gloger- Tippelt 1999a, S. 209).
Nach Stern tritt eine Frau – insbesondere eine Erstgebärende – mit der Geburt ihres Kindes in eine neue psychische Organisation ein, die er als „Mutterschaftskonstellation“ bezeichnet. Diese Phase ist vorübergehend, aber in ihrer Dauer durchaus variabel. So kann sie sich über Monate, aber auch über Jahre hin erstrecken. Themen, die während dieser Zeit relevant sind, betreffen die Fähigkeit der Frau für das Leben des Kindes zu sorgen, es hinreichend zu lieben, eine unterstützende Umgebung zu errichten und schließlich die Frage, ob sie sich eine neue Identität als Mutter aufbauen kann. Keine andere Beziehung, die im Vorfeld durchlaufen wurde, wird die Mutter in ihrer gesamten Persönlichkeit so fordern, wie die Verbindung zu ihrem Kind (vgl. Stern 1998, S. 209- 211). Diesbezüglich schreibt Stern: „Wenn Sie ein Baby haben, wird es eine Zeitlang bestimmen, woran Sie denken, was Sie befürchten oder erhoffen und wovon Sie träu- men. Es wird Ihre Gefühle und Ihr Verhalten beeinflussen und sogar Ihre sinnliche Wahrnehmung und die Art Ihrer Informationsverarbeitung intensivieren. Mit einem Kind werden sich Ihre Vorlieben und Vergnügen und wahrscheinlich auch einige Ihrer Wertvorstellungen ändern. In einer ganz verblüffenden Weise wird es alle Ihre früheren Beziehungen beeinflussen und Sie veranlassen, Ihre engsten Freundschaften zu über- denken und Ihre Rolle in der Geschichte Ihrer eigenen Familie neu zu bestimmen“ (zit. n. Stern/Bruschweiler-Stern/Freeland 2003, S. 10).
Ist eine Frau nicht dazu in der Lage, die an sie gestellten Anforderungen zu bewältigen, so sind Konflikte in der Partnerschaft und in der Mutter-Kind-Beziehung vorprogram- miert (vgl. Jacubeit 2001, S. 94).
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3.1 Biologische Faktoren
3.1.1 Körperliche Veränderungen
Mit Beginn der Schwangerschaft setzten im Körper zahlreiche Veränderungsprozesse ein, die durch den rapiden Anstieg der Hormone Östrogen und Progesteron ausgelöst werden. Die Gebärmutter vergrößert sich in der darauf folgenden Zeit um das Vierzig- fache ihres regulären Umfangs, damit der wachsende Fötus genügend Platz erhält. Zu- dem muss sich der Brustraum erweitern, damit die Lungen ihre Kapazität erhöhen kön- nen, um genügend Sauerstoff zu produzieren. Während dieser Zeit arbeiten das Herz, die Leber und die Nieren auf Hochtouren, um eine hinreichende Versorgung für Mutter und Kind zu gewährleisten.
Die körperlichen Umstellungen nach der Geburt sind ebenso gravierend wie die der Schwangerschaft. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich wesentlich schneller ereignen. Im Augenblick der Entbindung vollzieht sich ein gewaltiger Veränderungsschritt: vom Zustand der Schwangerschaft zurück zum Normalzustand. Durch diese enorme körper- liche Anstrengung während der Entbindung fühlen sich viele Frauen in der darauf fol- genden Zeit erschöpft, leer und ausgebrannt. Diese Umstellungsphase birgt ein erhöhtes Krisenpotenzial in sich, weil vielen Frauen die nötige Zeit fehlt, um sich von den Stra- pazen der Geburt zu erholen. Stattdessen warten neue, völlig unbekannte Anforderun- gen auf sie, die es zu bewältigen gilt (vgl. Dunnewold/Sanford 1996, S. 69f.).
3.1.2 Hormonelle Umstellungen
Durch die Empfängnis vollziehen sich erhebliche hormonelle Veränderungen, die tief greifende Auswirkungen haben. Der Körper bildet in dieser Zeit größere Mengen der Hormone Östrogen und Progesteron aus, die für die Entwicklung des Fötus von ent- scheidender Bedeutung sind. Der Wert dieser beiden Hormone steigt auf das Dreißig- bis Fünfzigfache dessen an, was im Normalzustand gebildet wird. Zusätzlich wird das Hormon Prolaktin vermehrt im Körper ausgeschüttet, welches für die Milchproduktion zuständig ist. Viele Frauen fühlen sich durch die Veränderung des Hormonhaushaltes resistenter gegenüber psychischen und physischen Stress, was auf das Hormon Pro- gesteron zurückzuführen ist, dessen Wirkung einem Antidepressivum gleicht.
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Bereits wenige Stunden nach der Geburt vollzieht sich ein hormoneller Umschwung, der mit einem rapiden Abfall der Hormone Östrogen und Progesteron einhergeht. Dieser ernorme Rückgang der Hormone wird von einigen Fachleuten als biologisch herbeige- führter Entzug verstanden (vgl. Nispel 2001, S. 64f.). Es liegt somit nahe, dass diese drastische Umstellung ein ausschlaggebender Faktor für das Auftreten von postpartalen Erkrankungen ist. In wissenschaftlichen Untersuchungen hat man diesbezüglich heraus- gefunden, dass den hormonellen Einflüssen nicht zu viel Bedeutung beigemessen wer- den sollte. Vor allem bei der postpartalen Depression und Psychose werden die Hormo- ne als einer von vielen Risikofaktoren angesehen, deren Zusammenwirken eine psychi- sche Erkrankung auslösen kann. Demgegenüber steht der Baby-Blues, dessen Entste- hung fast vollständig auf die Veränderung des Hormonhaushaltes zurückgeführt wird (vgl. Rohde 2004, S. 36f.).
3.2 Psychische und soziale Faktoren
3.2.1 Neufindung in die Rolle als Mutter
In unserer heutigen Gesellschaft gibt es keine gefestigten Traditionen mehr, an denen sich junge Mütter orientieren können. Die klar definierten Erziehungsziele der damali- gen Zeit verschwinden zunehmend und an ihre Stelle treten individuelle und familiäre Entscheidungsprozesse. Viele Frauen fühlen sich in dieser Situation überfordert und greifen zu Erziehungsratgebern oder bitten Freunde und Verwandte um Hilfe. Oftmals werden sie mit einer Flut gut gemeinter Ratschläge überschüttet, die nicht selten an den Bedürfnissen der Babys vorbeilaufen. Viele Mütter vertrauen in dieser Situation nicht mehr ihrem gesunden Menschenverstand, sondern sie lassen sich weitgehend von äuße- ren Einflüssen leiten, wodurch sie ihren eigenen Kompetenzen enthoben werden (vgl. http://www.liga-kind.de/pages/401riedesser.htm, S. 1).
In der Öffentlichkeit werden Frauen vornehmlich mit der romantischen Seite der Mut- terrolle konfrontiert. Die Schattenseiten, die damit einhergehen, werden nur bedingt aufgegriffen oder sogar vollständig ausgeklammert. Vor allem die Medien fördern die- ses Bild. Überall sieht man junge strahlende Mütter mit ihren glücklichen Babys. Eine werdende Mutter bekommt somit den Eindruck vermittelt, dass ein „Leben zu Dritt“ nur durch Harmonie und Zufriedenheit gekennzeichnet ist. Sie unterliegt somit einem er- heblichen Trugschluss, der oftmals erst dann ersichtlich wird, wenn die Mutter nach der
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Geburt mit der Realität konfrontiert wird. Sehr häufig bedeutet dies, dass die junge und noch unerfahrene Mutter mit der neuen Situation zurechtkommen muss, ohne eine hal- tende Unterstützung von außen zu erfahren (vgl. Nispel 2001, S. 24). Viele Frauen sind zu Beginn erheblich verunsichert in ihrer neuen Rolle als Mutter und vertrauen ihren ei- genen Instinkten und intuitiven Kompetenzen nicht mehr. Sie unterliegen dem Bild der perfekten Mutter, das in unserer Gesellschaft vorherrscht und als zeitgebundenes Kul- turprodukt zu betrachten ist (vgl. ebd., S. 26f.). Den Frauen wird durch diesen Mutter- mythos suggeriert, dass sie alleine für das Glück und das Leid ihres Babys verantwort- lich sind, woraus dann vielfach eine übertriebene Fürsorglichkeit resultiert. Diese Müt- ter setzten sich unter einen unrealistischen Erwartungsdruck, der bis zur eigenen Selbst- aufgabe führt. Durch diesen hohen Perfektionsanspruch, den sie sich selbst auferlegen, geraten sie schnell an den Rand ihrer Kräfte. Somit wird die erste Grundlage für die Entstehung einer depressiven Erkrankung in der Postpartalzeit geschaffen (vgl. http:// www.liga-kind.de/pages/pap198.htm, S. 2).
3.2.2 Partnerschaft und soziale Unterstützung
Heute wird von vielen Paaren der Zeitpunkt der Elternschaft genau geplant und vorbe- reitet. Die Vorstellung einer „perfekten und glücklichen Familie“ wird impliziert. Aber durch die Geburt eines Kindes kommt sowohl die individuelle als auch die partner- schaftliche Lebensgestaltung ins Wanken. Es lassen sich zahlreiche Faktoren erkennen, die zu einem erhöhten Konfliktpotenzial führen können (vgl. Nispel 2001, S. 110).
Durch ein Baby wird der Tagesablauf des Paares grundlegend verändert. Eine Reihe von Aufgaben und Pflichten, die mit der Versorgung des Säuglings in Zusammenhang stehen, gehen zu Lasten der gewohnten Lebenssituation und den damit einhergehenden Freizeitaktivitäten, die zum Ausgleich genutzt wurden. Je stärker die Umbrüche im All- tag sind, umso größer ist die Unzufriedenheit der Eltern (vgl. Gloger-Tippelt 1999b, S. 348f.). Darüber hinaus lässt sich eine Verringerung der sozialen Kontakte erkennen, die mit einer zunehmenden Isolation einhergeht. Ehemalige Bekanntschaften zerbrechen und für den Aufbau neuer Beziehungen fehlt oftmals die notwendige Zeit. Viele Mütter empfinden es als extrem schmerzvoll, wenn jahrelange Freundschaften in die Brüche gehen. Durch dieses Defizit geht den Frauen eine sichere und vertraute Basis verloren, die einen stabilisierenden Rückhalt bieten könnte (vgl. Nispel 2001, S. 115f.).
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Ein weiterer Faktor, der Krisenpotenzial in sich birgt, ist die Veränderung der Arbeits- teilung, die sich vermehrt in die traditionelle Richtung verschiebt. In der Regel kommt es zu einer geschlechtsspezifischen Ausrichtung, bei der die Mutter die Versorgung des Kindes und des Haushaltes übernimmt und der Vater weiterhin arbeiten geht, um die Existenzsicherung der Familie zu gewährleisten (vgl. Gloger-Tippelt 1999b, S. 347). Diese klassische Rollenverteilung führt dazu, dass viele Frauen ihre Berufstätigkeit auf- geben und somit einen wesentlichen Teil ihrer persönlichen Identität. Darüber hinaus nimmt die Verrichtung häuslicher Tätigkeiten einen sehr geringen Stellenwert in unserer Gesellschaft ein, weshalb viele Mütter ein vermindertes Selbstwertgefühl ausbilden (vgl. Hofecker Fallahpour u.a. 2005, S. 61).
Die zahlreichen Veränderungsprozesse, die mit der Schwangerschaft und der Geburt einhergehen, führen dazu, dass die Frauen ein neues Körpergefühl entwickeln, was wie- derum Auswirkungen auf ihre Sexualität haben kann. Die meisten Mütter erleben in den ersten Monaten nach der Entbindung eine sexuelle Unlust, die sowohl psychisch als auch biologisch bedingt ist. Für den Mann entsteht in dieser Zeit ein neues Bild der Frau, was sich von der Geliebten zur Mutter wandelt. Diese neue Situation erfordert er- hebliche Verarbeitungsprozesse auf Seiten des Partners. In Längsschnittstudien fand man heraus, dass sowohl die körperliche Zärtlichkeit als auch die Sexualität nach der Geburt abnehmen (vgl. Gloger-Tippelt 1999b, S. 349f.). Im Gegensatz hierzu stellt sich zwischen Mutter und Kind eine sehr innige Verbindung her, die oftmals in diesem Maße vom Vater nicht erfahren werden kann. Diese Tatsache löst bei vielen Männern Gefühle der Eifersucht und des Neides aus. Sie erhalten nicht die Möglichkeit, diese symbioti- sche Beziehung zu ihrem Kind herzustellen, wie sie z.B. während des Stillvorganges zu beobachten ist. Oft fühlen sich die Väter ins Abseits gedrängt und ziehen sich daraufhin zurück (vgl. Nispel 2001, S. 111f.).
Bei diesen vielfältigen Veränderungsprozessen, mit denen die Eltern konfrontiert sind, verwundert es nicht, dass die Unzufriedenheit in der Partnerschaft sehr hoch ist, was wiederum zahlreiche Konflikte mit sich bringt. Der Wunsch des Paares, die gemeinsa- me Beziehung durch ein Kind zu bereichern und zu intensivieren, wird auf eine harte Probe gestellt. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass viele Eltern unausge- sprochen Unterstützung und Verständnis von ihrem Partner erwarten, was jedoch häufig ausbleibt und somit den Druck auf das Familiensystems verstärkt (vgl. ebd., S. 25).
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Mütter, die sich nicht genügend von ihrem Partner oder ihrer sozialen Umwelt unter- stützt und gehalten fühlen, unterliegen einem erhöhten Risiko, an einer postpartalen De- pression oder Psychose zu erkranken (vgl. Rohde 2004, S. 41).
3.2.3 Beziehung zur eigenen Mutter
Durch die Geburt eines Babys verändert sich die Beziehung zur eigenen Mutter funda- mental. Auf der einen Seite entsteht der Wunsch, sich verstärkt aus ihrer Abhängigkeit zu lösen. Dies geht mit der Vorstellung einher, die Erziehung des eigenen Kindes an- ders, vielleicht sogar besser zu machen. Auf der anderen Seite erfolgt eine neue Form der Annährung zur Mutter, die auf die veränderte Lebenssituation zurückzuführen ist und mit einer besseren Identifikation einhergeht. Während dieser Phase lassen sich zahl- reiche Diskrepanzen erkennen, die mit einem Wechsel aus Autonomie und Abhängig- keit, Loslösung und Stabilität sowie Rivalität und Konformität einhergehen. Diese Am- bivalenz innerhalb der Beziehung löst Gefühle der Verunsicherung und Verwirrung auf Seiten der Tochter aus.
Darüber hinaus wird vor allem beim Übergang zur Mutterschaft das Kind in uns aktua- lisiert, wodurch Erfahrungen und Konflikte der frühren Zeit neu beleuchtet werden. Mit der Geburt des Babys kommt es somit zu einer „Regression auf die orale Phase“, wo- durch frühkindliche Gefühle erweckt werden wie der Wunsch, versorgt, genährt, geliebt und bemuttert zu werden. Diese Empfindungen sind um ein vielfaches präsenter und bedeutsamer als in anderen Lebensabschnitten. Sie bilden eine unverzichtbare Grundla- ge, die es den Frauen ermöglicht, sich emphatisch in ihre Kinder einzufühlen. Trotz die- ser Tatsache verspüren viele Mütter den unstillbaren Wunsch, umsorgt zu werden. Lei- der wird diesem Bedürfnis oftmals keine Rechnung getragen, was Reaktionen der Trau- er, Wut, Enttäuschung und Eifersucht zur Folge haben kann. Diese Gefühle können sich schlimmstenfalls gegen den Säugling richten und die Beziehung zwischen Mutter und Kind erheblich gefährden (vgl. Nispel 2001, S. 113f.).
3.2.4 Verlusterfahrungen
In meiner Arbeit wurde bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass sich die Lebenssitua- tion durch ein Kind erheblich wandelt. Der Übergang zur Mutterschaft ist somit als zwiespältiges Unterfangen zu betrachten. Auf der einen Seite eröffnet dieser Aspekt
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neue Perspektiven und Bereicherungen für die gemeinsame Lebensgestaltung, auf der anderen Seite gehen damit zahlreiche Veränderungsprozesse einher, die bei vielen Frau- en ein Gefühl des Verlustes auslösen.
Schaut man sich die Palette der unterschiedlichen Einbußen an, mit denen sich eine Frau auseinandersetzen muss, so sind ihre oftmals ambivalenten Empfindungen durchaus verständlich. Einige Verlusterfahrungen, die sich in dieser Umbruchsphase verzeichnen lassen, sind u.a. ein Wandel der alltäglichen Routine, der individuellen Unabhängigkeit und der gewohnten Paarbeziehung. Darüber hinaus beklagen viele Frauen das Ende ih- rer Schwangerschaft, wodurch die enge symbiotische Verbindung zwischen Mutter und Kind schlagartig aufgelöst wird (vgl. ebd., S. 87f.). In der Tiefenpsychologie verweist man darauf, dass die Geburt des Kindes einen Objektverlust darstellt. Die Mutter muss sich von dem Baby in ihrem Bauch verabschieden, wodurch eigene Trennungsängste aktualisiert werden können (vgl. Stauber/Frick-Bruder 2003, S. 1091). Darüber hinaus muss sie sich von ihren Fantasievorstellungen lösen, die sie während der Schwanger- schaft von ihrem Kind ausgebildet hat. Der Säugling entspricht unter Umständen nicht ihren Erwartungen in Form von Geschlecht, Aussehen oder Charakter. Nur wenn die Mutter es schafft, das reale Kind mit ihrem Wunschbild zu vereinen, ist sie dazu in der Lage, eine innige Beziehung zu ihrem Baby aufzubauen (siehe Abschnitt 6.1). Ein wei- terer Verlust, den die Frau verarbeiten muss, ist der Abschied von ihrer eigenen Kind- heit, der mit der Mutterrolle einhergeht. Erinnerungen an frühere Erlebnisse und Erfah- rungen werden wachgerufen und das Bedürfnis umsorgt oder bemuttert zu werden wird aktualisiert. In dieser Zeit des Umbruches muss sich die Frau eine neue Identität als Mutter aufbauen, die sich nicht automatisch mit der Schwangerschaft und der Geburt des Kindes vollzieht. Viele Frauen scheitern an dieser komplexen Anforderung und ge- raten somit in eine Identitätskrise, die mit einem Verlust des eigenen Selbstbildes ein- hergeht.
Abschließend kann man sagen, dass die oftmals ambivalente Gemütslage der Mütter während dieser Übergangsphase zum Verarbeitungsprozess gehört. Gefühle der Trauer und Freude sind während dieser Zeit untrennbar miteinander verbunden, auch wenn vie- le Frauen ihre negativen Empfindungen nur schwer akzeptieren können. Gelingt es ih- nen nicht, die zahlreichen Verlusterfahrungen denen sie ausgesetzt sind zu überwinden, so können depressive Erkrankungen in der Postpartalzeit die Folge sein (vgl. Nispel 2001, S. 89f.).
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Im anschließenden Kapitel möchte ich die drei klassischen Krankheitsbilder der Postpartalzeit genauer beleuchten, auf die ich bereits in Abschnitt 2.3 verwiesen habe. Hierunter fallen die postpartale Dysphorie, die postpartale Depression und die postpartale Psychose.
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4. Postpartale depressive Erkrankungen
4.1 Klassifikation
In den letzten zwanzig Jahren hat man anhand von zahlreichen Studien eine Definition für postpartale psychische Erkrankungen gefunden. Anhand dieser Klassifikation lassen sich drei psychogene Störungsbilder unterscheiden. Die postpartale Dysphorie sowie die postpartale Depression und Psychose. Diese Unterteilung in einzelne Bereiche wird an- hand des Störungsbeginns, der Dauer und dem Ausprägungsgrad der Symptomatik fest- gemacht (vgl. Unger/Rammsayer 2001, S. 153).
Eine eigenständige Klassifikation dieser Störungsbilder ist in internationalen Manualen nicht ersichtlich. Im „Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen“ (DSM IV) wird lediglich die Zusatzcodierung „mit postpartalem Beginn“ aufgeführt, welche im Bedarfsfall an die Diagnose einer Störung angehängt werden kann, solange diese in einem Zeitraum von vier Wochen post partum auftritt (vgl. Saß u.a. 2003, S. 471f.). Entsprechend hierzu findet man in der „Internationalen Klassifikation psychi- scher Störungen“ (ICD-10) die Kategorie F53, die als „psychische oder andere Verhal- tensstörung im Wochenbett“ gekennzeichnet ist. Laut ICD-10 soll diese Codierung nur vergeben werden, wenn sich die Erkrankung innerhalb von sechs Wochen post partum herausbildet und keinem anderen Störungsbild zugeordnet werden kann (vgl. Dilling /Mombour/Schmidt 2005, S. 218).
4.2 Postpartale Dysphorie
Für die postpartale Dysphorie gibt es innerhalb der Literatur eine Reihe unterschiedli- cher Begrifflichkeiten wie Heultage, Fünftagestränen oder postpartales Stimmungstief. Die Bezeichnung Baby-Blues stammt aus dem amerikanischen Wortschatz und hat sich mittlerweile auch in Deutschland eingebürgert (vgl. Dalton 2003, S. 50).
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Die postpartale Dysphorie bezeichnet ein kurzlebiges Stimmungstief, welches in den ersten zwei bis fünf Tagen nach der Entbindung auftritt. Es handelt sich hierbei um eine vorübergehende Verstimmung, die meistens nur einige Stunden oder Tage anhält und sich in der Regel ohne therapeutische Hilfe wieder legt. In der Literatur gibt es erhebli- che Schwankungen bezüglich der Auftretungswahrscheinlichkeit. So spricht Riecher- Rössler (1997) von 25 bis 40 Prozent (vgl. Gröhe 2003, S. 41), wohingegen Rohde 50 bis 70 Prozent anführt (vgl. Rohde 2004, S. 32). Charakteristisch für diese Phase sind Symptome wie Weinerlichkeit, Reizbarkeit und eine erhöhte Labilität. Die Mütter unter- liegen extremen Stimmungsschwankungen und reagieren sehr emotional auf äußere Einflüsse. So können z.B. anfängliche Stillprobleme, die durchaus als normal einzustu- fen sind, eine Katastrophenstimmung auslösen. Zudem zeigen sich oft Verunsicherun- gen im Umgang mit dem Säugling, Erschöpfungszustände sowie eine erhöhte Schlaf- und Appetitlosigkeit. In dieser Phase ist es wichtig, dass den Müttern mit viel Liebe, Geduld und Verständnis begegnet wird, bis sich ihr seelisches Gleichgewicht wieder eingestellt hat. Leider sind solche Bedingungen in der Praxis nicht immer vorfindbar. Das Personal im Krankenhaus hat in der Regel nur einen sehr geringen zeitlichen Spiel- raum, weshalb die pflegerischen Tätigkeiten im Vordergrund stehen und die Bedürfnis- se der verunsicherten Frauen nur unzureichend befriedigt werden können (vgl. Nispel 2001, S. 40-42).
Ursachen
Die Entstehung des Baby-Blues wird fast vollständig auf die Umstellung des Hormon- haushaltes zurückgeführt, der mit einem drastischen Abfall des Östrogens und Progeste- rons in der Postpartalzeit einhergeht (siehe Abschnitt 3.1.2) (vgl. Rohde 2004, S. 36). Neben diesen biologischen Ursachen dürfen die erheblichen psychosozialen Umstellun- gen nach der Entbindung nicht außer Acht gelassen werden. In einer Studie von Hartung und Hartung (1997) stellte sich heraus, dass vor allem Erstgebärende vermehrt unter Stimmungsschwankungen in der Postpartalzeit leiden. Darüber hinaus erkannte man, dass ein verlängerter Geburtsverlauf und die damit einhergehende Belastung das Auftre- ten einer postpartalen Dysphorie begünstigen kann. Diese Tatsache spricht dafür, dass die nachgeburtlichen Erschöpfungszustände und der überwältigende Gefühlseindruck des Geburtserlebnisses ein wesentlicher Auslöser sind. Stillproblematiken, psychische Labilität und Partnerschaftsprobleme begünstigen zudem das Auftreten einer postparta- len Dysphorie.
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Riecher-Rössler (1997) verweist darauf, dass Frauen, die unter psychischen Problemen in der Schwangerschaft oder Anamnese gelitten haben, ein erhöhtes Risiko in sich tra- gen, einen Baby-Blues zu entwickeln (vgl. Gröhe 2003, S. 42f.).
Die postpartale Dysphorie sollte getrennt von der Wochenbettdepression und Wochen- bettpsychose betrachtet werden. Die Symptomatik, die damit einhergeht, scheint ange- sichts der vielfältigen körperlichen und psychischen Belastungen während und nach der Geburt, eine natürliche Reaktion zu sein. Trotz dieser Tatsache birgt auch die postparta- le Dysphorie eine gewisse Gefahr in sich, die mit berücksichtigt werden sollte (vgl. ebd., S. 43). In unserer heutigen Zeit wird der Baby-Blues schon fast als „Normal- zustand“ angesehen, weshalb ihm oftmals nur eine geringe Bedeutung beigemessen wird. Demzufolge neigen viele Fachleute dazu, alle Beschwerden die im Wochenbett auftreten, als postpartales Stimmungstief abzutun. Diese einseitige und verkürzte Aus- richtung kann dazu führen, dass schwere Erkrankungen in der Postpartalzeit zu spät er- kannt werden und somit eine gezielte Behandlung erst erfolgt, wenn sich die mütterli- chen Problemlagen manifestiert haben (vgl. Nispel 2001, S. 42f.). In einer Studie von Cox (1986) fand man diesbezüglich heraus, dass etwa ein Viertel der Frauen, die unter einem schweren Baby-Blues leiden, im Anschluss eine postpartale Depression ausbilden (vgl. Gröhe 2003, S. 44).
4.3 Postpartale Depression
Einige Experten sind der Ansicht, dass sich die postpartale Depression (Wochenbettde- pression) in ihrer Erscheinungsform und ihrem Verlauf nicht wesentlich von der klassi- schen Depression unterscheidet, die zu anderen Zeitpunkten auftritt (vgl. Nispel 2001, S. 46).
Die Häufigkeitsangaben der Wochenbettdepression schwanken zwischen 10 bis 15 Pro- zent, was in etwa jeder 7. bis 10. Entbindung entspricht (vgl. Rohde 2004, S. 32; vgl. Gröhe 2003, S. 48). Von diesen Prozentzahlen wurden aber nur Mütter erfasst, die man aufgrund depressiver Symptome behandelte, was darauf schließen lässt, dass die Dunkelziffer noch weitaus höher ist. In der Regel bildet sich die Symptomatik in den ersten zwölf Wochen nach der Geburt aus. Dieser Prozess kann sich aber in extremen Fällen bis auf ein Jahr hinauszögern. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass sich der Be- ginn der Depression nicht schlagartig vollzieht, wie im Fall der postpartalen Dysphorie, sondern meistens schleichend und langsam erfolgt (vgl. Nispel 2001, S. 45f.).
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Die Erkrankungsdauer der Wochenbettdepression ist durchaus variabel. Sie kann Tage bis Monate anhalten und im Fall einer Chronifizierung kann sich die Symptomatik sogar über Jahre hin erstrecken (vgl. Wendt/Rohde 2004, S. 296).
Eine depressive und niedergeschlagene Stimmung muss nicht unbedingt zu den ersten Anzeichen einer Wochenbettdepression gehören. In einer Untersuchung, die diesbezüg- lich durchgeführt wurde, sollten 100 betroffene Frauen die ersten Tage ihrer Erkrankung beschreiben. Die Ergebnisse zeigten, dass zu Beginn einer Depression oftmals Sympto- me wie ausgeprägte Erschöpfungszustände, Schlafstörungen und eine erhöhte Ängst- lichkeit stehen (vgl. Dalton 2003, S. 58). Darüber hinaus lassen sich folgende Sympto- me verzeichnen: ein bedrücktes und niedergeschlagenes Verhalten, häufiges Grübeln, Pessimismus, Konzentrationsstörungen, allgemeines Desinteresse, innere Leere, Ener- giemangel, Zwangs- und Angstsymptome, Veränderungen des Appetits, somatische Be- schwerden und sogar Suizidgedanken (vgl. Nispel 2001, S. 46). Ein entscheidendes Kri- terium ist die erhöhte Reizbarkeit, die auch bei anderen hormonell beeinflussten Syn- dromen (Krankheitsbildern) zu beobachten ist. Betroffene Frauen zeigen ein sehr unge- duldiges und streitsüchtiges Verhalten, dass sich sowohl in verbalen als auch in körper- lichen Ausbrüchen äußern kann. Im schlimmsten Fall richten sich die angestauten Ag- gressionen gegen die Kinder (vgl. ebd., S. 47).
Frauen die unter einer postpartalen Depression leiden, haben oftmals erhebliche Selbst- zweifel ausgebildet, die mit einer Identitätskrise einhergehen können. Sie haben das Ge- fühl, den persönlichen und sozialen Erwartungen nicht gerecht zu werden und in ihrer Rolle als Mutter versagt zu haben (vgl. Dunnewold/Sanford 1996, S. 36).
Ursachen
In empirischen Studien und Meta-Analysen zur Ätiologie (Ursachenlehre der Erkran- kungen) ließen sich verschiedene Risikofaktoren erkennen, durch deren Vorliegen Frau- en dafür prädestiniert sind, an Wochenbettdepressionen zu erkranken (vgl. Wendt/Roh- de 2004, S. 296).
Hormonelle Veränderungen werden von vielen Medizinern nicht mehr als alleiniger In- dikator angesehen, sondern als ein Begleitsymptom, das im Zusammenschluss mit wei- teren Faktoren eine postpartale Depression auslösen kann (vgl. Rohde 2004, S. 36f.). Gegenwärtige Befunde lassen darauf schließen, dass eine Beteiligung von Östrogen bei der Entstehung von Wochenbettdepressionen nachweisbar ist, besonders bei einer
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Subgruppe von Frauen, die sehr sensibel auf die Veränderungen des Östrogenhaushaltes reagieren (vgl. Bergemann 2001, S. 146).
Neben den biologischen Ursachen lassen sich zudem psychosoziale Faktoren ausma- chen, die eine postpartale Depression begünstigen können. Hierzu zählen vor allem be- lastende Lebensumstände wie Partnerschaftsprobleme, finanzielle Schwierigkeiten und eine soziale Isolation. Zudem können sich spezifische Persönlichkeitseigenschaften wie ein introvertiertes, ängstliches Verhalten sowie starke Verunsicherungen, Selbstzweifel und Versagensgefühle negativ auswirken (vgl. Wendt/Rohde 2004, S. 296f.). Als gesi- chert gilt, dass Frauen dafür prädestiniert sind, an einer postpartalen Depression zu er- kranken, wenn sie schon während der Schwangerschaft oder in der Anamnese psychi- sche Beschwerden ausgebildet hatten oder familiär vorbelastet sind. Bei etwa einem Drittel der Frauen sind bereits depressive Symptome in der Vorgeschichte aufgetreten (vgl. Gröhe 2003, S. 54). Unterschiedliche Ergebnisse erbrachten Studien, die sich mit dem Einfluss von komplikationsreichen Geburten und dem Auftreten von postpartalen Erkrankungen beschäftigten. Gröhe verweist darauf, dass diese Diskrepanz darauf zu- rückzuführen ist, dass der Begriff der „geburtshilflichen Komplikationen“ sehr weit zu fassen ist. Darüber hinaus betont sie, dass nicht die medizinische Einschätzung des Ge- burtsverlaufes, sondern vielmehr das subjektive Geburtserleben der einzelnen Frauen ausschlaggebend ist (vgl. ebd., S. 52). Ein weiterer Einflussfaktor sind die nachgeburtli- chen Erschöpfungszustände, die mit einem erheblichen Schlafmangel einhergehen kön- nen. Vor allem Säuglinge, die infolge einer mangelnden Selbstregulation exzessiv schreien, können die Belastungssituation innerhalb der Familie erheblich steigern. Hier- bei ist zu berücksichtigen, dass sich die Mutter und der Säugling gegenseitig bedingen und somit in eine gemeinsame Stressspirale geraten, die durch eine depressive Ver- stimmung begünstigt werde kann (siehe Abschnitt 7.3.1) (vgl. ebd., S. 51).
Abschließend ist darauf hinzuweisen, dass postpartale Depressionen oftmals viel zu spät erkannt werden, wodurch ein unmittelbares Eingreifen verhindert wird. Diese Tatsache ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sich viele Mütter für ihre Erkrankung schä- men und sie infolge dessen verschweigen. Zudem haben manche Frauen ein verminder- tes Krankheitsbewusstseins ausgebildet, wodurch die auftretenden Symptome der De- pression nicht als solche erkannt werden, sondern als normale Begleiterscheinung der veränderten Lebensumstände angesehen werden (vgl. Wendt/Rohde 2004, S. 297).
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Arbeit zitieren:
Diplom- Sozialpädagogin Stephanie Herrmann, 2006, Postpartale Depressionen und ihre Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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