Tempelaktion und Tempelwort Jesu
in Joh 2,13-22
Inhaltsverzeichnis :
Die Methoden neutestamentlicher Exegese, angewandt auf Joh 2, 13-22 3
1 Textkritik 3
2 Kontextanalyse 6
3 Sprachliche Gestalt 8
4 Struktur und Kohärenz 9
5 Narrative Analyse 11
6 Pragmatische Analyse 12
7 Formkritische Analyse 13
8 Literar- und traditionskritische Analyse 14
9 Redaktionskritische Analyse 17
10 Interpretation anhand der Analyse-Ergebnisse 20
11 Übersetzung als Essenz der Interpretation 30
12 Ein Beispiel für die Wirkungsgeschichte 31
Literatur 32
Anlage : Synopse zu Mk 11, 15-19 par (hg. von Josef Schmid) 34
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Die Methoden neutestamentlicher Exegese, angewandt auf Joh 2, 13-22
Die traditionell als „Tempelreinigung“ bezeichnete Perikope Joh 2, 13-22 verknüpft Tempelaktion und Tempelwort Jesu und gehört zu den wenigen Johannesparallelen zu synoptischen Erzählungen 1 . Diese Seltenheit sowie ihre Dramatik und hohe theologische Relevanz für das Leben Jesu machen diese Perikope besonders interessant und sie soll daher in dieser Arbeit als Beispieltext dienen für die Anwendung des Instrumentariums der historisch-kritischen Exegese, von der Textkritik bis zur begründeten Übersetzung.
1 Textkritik
Die Textkritik erschließt unterschiedliche Textvarianten (‚Lesarten’) des rekonstruierten ‚Originaltextes’, der hier in der 27. Auflage des Nestle/Ahland - Textes 2 geboten wird:
1 Blank, Johannes 1981, S. 30f. listet zwölf weitere solcher Perikopen sowie drei Johannesparallelen zu Mt und Lk, womit der wenige, Joh und den Synoptikern gemeinsame Stoff schon erschöpfend dargestellt ist.
2 Novum Testamentum Graece post Eberhard et Erwin Nestle, hg. von B. u. K. Ahland u.a., Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft ²⁷1993 (hier samt kritischem Apparat zusammengestellt aus S. 251f.).
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Die kritischen Zeichen im Text weisen auf die Variantendarstellungen im unten gebotenen Apparat, der die handschriftlichen Textzeugen mittels Sigla listet und so die textkritische Entscheidung nachvollziehbar macht als unverzichtbare Basis für exegetische Textarbeit und Übersetzung. Fast alle Verse von Joh 2, 13-22 bieten kleine, meist kurze Lesarten:
13 Καὶ ἐγγὺς ἦν τὸ πάσχα τῶν Ἰουδαίων, καὶ ἀνέβη εἰς Ἱεροσόλυµα ὁ Ἰησοῦς. Wenige Textzeugen ergänzen am Satzanfang δὲ = aber (z. T. statt des Anschlusses mit καὶ = und); deutlich mehr bezeugen ein Vorziehen von ὁ Ἰησοῦς vor εἰς Ἱεροσόλυµα, was wohl ein Eintrag aus den Parallelen Mk 11,15 und Lk 19,28 ist, da εἰς Ἱεροσόλυµα dort jeweils den Schluss des Satzes bildet.
14 καὶ εὗρεν ἐν τῷ ἱερῷ τοὺς πωλοῦντας βόας καὶ πρόβατα καὶ περιστερὰς καὶ τοὺς κερµατιστὰς καθηµένους, Wenige Handschriften ergänzen den Artikel τὰς vor βόας. 15 καὶ ποιήσας φραγέλλιον ἐκ σχοινίων πάντας ἐξέβαλεν ἐκ τοῦ ἱεροῦ, τά τε πρόβατα καὶ τοὺς βόας, καὶ τῶν κολλυβιστῶν ἐξέχεεν τὸ κέρµα καὶ τὰς τραπέζας ἀνέτρεψεν, Die einzige vom Greek New Testament 3 erwähnte Textvariante dieser Perikope findet sich hier: ein abschwächendes ως (wie) vor φραγέλλιον, das vielleicht das Improvisierte der Peitsche (‚wie eine Peitsche/Geißel’) herausstellen soll. Bei τὸ κέρµα (Geldstück, Münze) teilt sich die Überlieferung: statt des kollektiven Singulars (Münzgeld) bieten viele Handschriften den (attischen, auch bei Josephus bezeugten) Plural κέρµατα (Geldstücke). Für ἀνέτρεψεν (umstürzen, zu Fall bringen, zerstören) bieten wenige Textzeugen das fast bedeutungsgleiche ἀνέστρεψεν (umkehren, umwerfen) oder angeglichen an Mt 21,12 und Mk 11,15 κατέστρεψεν (umstürzen, umwerfen). 16 καὶ τοῖς τὰς περιστερὰς πωλοῦσιν εἶπεν, Ἄρατε ταῦτα ἐντεῦθεν, µὴ ποιεῖτε τὸν οἶκον τοῦ πατρός µου οἶκον ἐµπορίου. Viele Handschriften ergänzen anaphorisch vor µὴ nochmals καὶ, das schon den Anfang aller Verse (jeweils 13-16) bildet und ‚flüssig’ klingt. 17 Ἐµνήσθησαν οἱ µαθηταὶ αὐτοῦ ὅτι γεγραµµένον ἐστίν, Ὁ ζῆλος τοῦ οἴκου σου καταφάγεταί µε. Wenige Handschriften bringen auch an diesem Satzanfang καὶ (und), einzelne lateinische das korrelative Zeitadverb τότε (zu jener Zeit, damals), ein späterer Zusatz zur Verdeutlichung des zeitlichen Abstands der Jüngerreflexion; einen inhaltlichen Abstand drücken zahlreiche Textzeugen aus mit adversativen δὲ (aber) vor οἱ µαθηταὶ. Das Zitat aus Psalm 69,10 leiten einige Zeugen mit ὅτι (dass) ein, entsprechend der LXX.
3 The Greek New Testament, hg. von B. Aland u.a., Stuttgart ⁴1994 (dieses bietet den gleichen Text wie auch Nestle/Aland, aber einen anderen kritischen Apparat, und ist die Basis für den Kommentar zur Textkritik von Metzger, Bruce Manning: A textual commentary on the Greek new testament, London: United Bible Soc. / Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft 1971).
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Auffällig weniger Lesarten im Vergleich zur Tempelaktion (VV. 14-17) durchziehen das anschließende Tempelwort Jesu (VV. 18-22); Joh 2, 20-21 ist sogar einheitlich überliefert.
18 ἀπεκρίθησαν οὖν οἱ Ἰουδαῖοι καὶ εἶπαν αὐτῷ, Τί σηµεῖον δεικνύεις ἡµῖν, ὅτι ταῦτα ποιεῖς; Wenige Handschriften lassen ἡµῖν aus.
19
ἀπεκρίθη Ἰησοῦς καὶ εἶπεν αὐτοῖς, Λύσατε τὸν ναὸν τοῦτον καὶ ἐν τρισὶν ἡµέραις ἐγερῶ αὐτόν.
Der Codex Alexandrinus lässt
ἐν
(in) aus vor dem Dativ (‚mit drei Tagen’).
20
εἶπαν οὖν οἱ Ἰουδαῖοι, Τεσσαράκοντα καὶ ἓξ ἔτεσιν οἰκοδοµήθη ὁ ναὸς οὗτος, καὶ σὺ ἐν τρισὶν ἡµέραις ἐγερεῖς αὐτόν;
21
ἐκεῖνος δὲ ἔλεγεν περὶ τοῦ ναοῦ τοῦ σώµατος αὐτοῦ.
Zu den Versen 20 und 21 sind keine abweichenden Lesarten überliefert.
22
ὅτε οὖν ἠγέρθη ἐκ νεκρῶν, ἐµνήσθησαν οἱ
µαθηταὶ
αὐτοῦ ὅτι τοῦτο ἔλεγεν, καὶ ἐπίστευσαν τῇ γραφῇ καὶ τῷ λόγῳ ὃν εἶπεν ὁ Ἰησοῦς.
Der Codex Freerianus tauscht
ἠγέρθη
(auferstanden, von
ἐγείρω
aktiv: aufwecken, errichten
Der textkritische Ertrag zeigt also keine signifikant abweichenden Lesarten mit deutlich anderen Übersetzungsmöglichkeiten. Die im ersten Teil der Perikope (Tempelaktion, bzw. VV. 13-17) zahlreichen Varianten betreffen vor allem stilistische Korrekturen, besonders im Bereich des Satzanfanges bzw. -anschlusses, und Einträge aus den Synoptikern und der Septuaginta. Die sprachlichen Korrekturen wie Ergänzung von Artikeln oder Partikeln und Verwendung alternativer, aber bedeutungsähnlicher Vokabeln bieten keine Basis für kontroverse theologische Deutungen. Der zweite Teil der Perikope (Tempelwort, VV. 18-23) ist in marginal wenigen Handschriften überhaupt abweichend überliefert und zeigt ebenfalls keine prägnanten theologischen Abweichungen.
Überlieferungsgeschichtlich fällt allerdings auf, dass die als besonders alt und daher wichtig eingeschätzten P⁶⁶ und P⁷⁵ (Bodmer-Papyrus II und I, um bzw. vor 200 n. Chr.) bei vielen Lesarten beteiligt sind, selten gegeneinander, öfters gegen den Mehrheitstext.
Insgesamt kann jedoch die Perikope Joh 2, 13-22 als gut überliefert gelten. Die Textabweichungen sind nicht gravierend, weder in Syntax noch im Vokabular. Die meisten Lesarten sind nur gering belegt und betreffen nur Wortteile oder einzelne Wörter, nicht aber zusammenhängende Wortgruppen oder gar Satzteile. Die Textkritik erhebt, dass besonders das johanneische Tempelwort geschlossen und einheitlich tradiert wurde.
4 Vgl. Leroy, Rätsel und Missverständnis 1968, S. 140.
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2 Kontextanalyse
Für eine Abgrenzung des Kontextes sind „der Anfang und das Ende einer Sinneinheit festzulegen. Hierbei sind Zeit- und Ortsangaben, Veränderungen in der Konstellation der Handlungsträger sowie Themenwechsel von besonderer Bedeutung.“ 5 Nach vorne ist die Abgrenzung zur Perikope der Hochzeit zu Kana eindeutig, denn das ihr angeschlossene, redaktionell klingende Summarium Joh 2, 11f. spricht von Kafarnaum als Aufenthaltsort Jesu, seiner Mutter, Brüder und Jünger, und dass sie dort nicht viele Tage blieben. Vers 13 setzt neu ein mit dem Paschafest der Juden, dem Zug nach Jerusalem und erzählt nur noch von Jesus, seine Mutter und Brüder bleiben unerwähnt. Nach hinten könnten VV. 23-25 noch zur Perikope der Tempelreinigung gehören, bevor dann mit Joh 3,1 das Gespräch Jesu mit Nikodemus einsetzt. Allerdings bieten diese drei Verse eine mit ‚während’ eingeleitete Summe des Aufenthalts Jesu in Jerusalem mit zwei neuen Themen - die Wirkung der Zeichen Jesu und seine Menschenkenntnis - und sind daher als eigenständiger, wohl redaktioneller ‚Brückentext’ anzusehen. Als Abschluss der Perikope ist also V. 22 anzusehen, der mit der zweiten Jüngererinnerung (ἐµνήσθησαν wie in V.17) formal und inhaltlich abschließt.
Der Sinn eines Textes hängt oft entscheidend vom Kontext ab. Die Abhängigkeit vom umgebenden Text ist also zu betrachten; die Kontextanalyse muss daher auch „die Stellung eines Teiltextes innerhalb einer größeren Sinneinheit (Makrokontext) und seiner unmittelbaren Umgebung (Mikrokontext) bestimmen.“ 6
Joh 2,13-22 steht im ersten Hauptteil des Joh, der von der Offenbarung Jesu vor der Welt handelt (Joh 1,19 - 12,50) 7 . Näher betrachtet steht die Perikope zwischen Prolog 1,1-18 und der (Rück-)Wanderung durch Samaria und Galiläa 3,22 - 4,54 (diese endet mit dem zweiten Kana-Wunder) und direkt hinter der ersten Woche des messianischen Wirkens (diese endet mit dem ersten Kana-Wunder bei der Hochzeit) 8 . Es geht also wohl um eine programmatische Darstellung Jesu am Beginn seines öffentlichen Wirkens und Deutung seiner Sendung und seines Messias- oder Prophetentums. Hierbei ist zu beachten, dass nur das Johannesevangelium diese Perikope an den Beginn des Wirkens Jesu stellt, und zwar an den ersten von mehreren Aufenthalten in Jerusalem, die Synoptiker bringen die Tempelaktion dagegen am Schluss des Lebens Jesu im Zusammenhang mit dem (ersten und einzigen) Einzug nach Jerusalem und z. T. als Begründung für den Tötungsbeschluss der Gegner Jesu. Der Kontext bei den einzelnen Evangelien ist dabei so verschieden und den Sinn differenzierend, dass der Begriff ‚Tempelreinigung’ nicht immer angemessen ist.
5 Schnelle, Exegese 2000, S. 54.
6 Schnelle, Exegese 2000, S. 55.
7 Vgl. Vielhauer, Einleitung 1978, S. 415.
8 Vgl. Jerusalemer Bibel 1978, S. 1491.
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Mk 11,15-19 rahmt die Szene im Tempel in Sandwich-Technik mit der Episode vom unfruchtbaren Feigenbaum, dessen Absterben zum Zeichen für das Ende des Jerusalemer Kultes im Tempel wird. Dessen Wiedererrichtung als ‚Haus des Gebetes für alle Völker’ findet nicht mehr in Israel, sondern in der Jüngergemeinde statt, der Tempel wird in seiner Heilsfunktion außer Kraft gesetzt.
Mt 21,12-17 stellt die Feigenbaumverfluchung der Tempelaktion nach und lässt dadurch Jesus bei seinem messianischen Einzug in Jerusalem (21,1-11) direkt zum Heiligtum gelangen (21,12-17) und stellt ihn dabei als den verheißenen Friedenskönig (nach Sach 9,9) dar, der aus der ‚Räuberhöhle’ einen Bezirk des Gottesfriedens macht. Durch die sofort anschließende Heilung von (zum Priesterdienst unfähigen) Lahmen und Blinden und ein erneutes ‚Hosanna dem Sohne Davids’ durch (die kleinen und verachteten) Kinder wird deutlich: der Tempel wird durch Jesu heilende Aktivität ‚gereinigt’, also als Heilsort neu begründet.
Lk 19,45-48 streicht die Feigenbaum-Episode und schaltet Jesu Wehe- und Klageruf über Jerusalem vor, der den Verlust der Heilsfunktion des Tempels enthält. Durch die (in ihrer Aggressivität entschärfte) Austreibung der Händler macht Jesus das Heiligtum zur Stätte seines messianischen Lehrens und räumt damit Jerusalem noch einmal die Chance zur Umkehr ein. Mit dem Zusatz, dass Jesus täglich im Tempel lehrte, wird dieser zum Ort der letzten Lehrtätigkeit Jesu; dort verharrt später die Urgemeinde (Apg 2,46). Joh 2,13-17 schmückt die Tempelaktion sehr bildlich aus, bringt ein anderes Schriftzitat zur Begründung (Ps 69,10 statt Jes 56,7 und Jer 7,11) und lässt Jesus anschließend vom ‚Tempel seines Leibes’ sprechen. Der Tempel bleibt in keiner Form bestehen, der Begriff Tempel geht auf Jesus über.
„Bei allen vier Evangelisten ist die Tempelszene eine Schlüsselperikope. Betont Markus die Dialektik von Gericht und Heil, die im Zeichen der nahekommenden Gottesherrschaft zur Konstituierung der Jüngergemeinde aus allen Völkern führt, so Matthäus den wunderbaren Wechsel der Verhältnisse, den Jesus im Namen Gottes zugunsten der Schwachen vornimmt, und Lukas die Initiative Jesu, am Vorort Israels der Stimme Gottes Gehör zu verschaffen, während Johannes Jesus selbst als das Heiligtum Gottes vorstellt, in dem Gott die Welt heiligt und in dem die Glaubenden Gott anbeten können.“ 9
Der Kontext-Vergleich zeigt also, dass der Begriff ‚Tempelreinigung’ für Mk nicht passt, weil der Tempel nicht gereinigt, sondern ausgesetzt wird! Für Mt aber passt er, denn der Tempel wird als Motiv rehabilitiert, weil Jesus dort heilt. Lk nimmt eine Zwischenposition ein, es gibt (19,44) keine Chance mehr für den Tempel, aber Hochachtung, weil Jesus dort lehrt(e). Ähnlich sieht auch Joh ein Ende des Tempels, wobei die Bezeichnung als ‚Tempelreinigung’ auf seine Perikope passt in dem Sinn, dass der Begriff des Tempels gerettet wird: der Tempel ist nunmehr und zukünftig Jesus selbst.
9 Söding / Münch, Methodenlehre 2005, S. 56-58 (hier 58).
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Arbeit zitieren:
Thomas Josef Frommel, 2006, Tempelaktion und Tempelwort Jesu in Joh 2, 13-22, München, GRIN Verlag GmbH
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