„Es wird in Russland immer wieder die historische Erscheinung zitiert, dass man geistig behinderte Menschen als ´Narren Gottes` bezeichnet hat, deren Geist schon bei Gott ist, die also sozusagen eine besonders gute Stellung hatten und die man geehrt hat.“ (Interview Margarete von der Borch 09.02.2001, in: Wenkel 2001, S.33)
Die Realität scheint allerdings ganz anders auszusehen. Berichte über Menschen mit Behinderungen in Russland sprechen von Isolation und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Behinderte gelten als ´lernunfähig` und werden ohne menschliche Zuwendung, oftmals sediert, ohne Kleidung und Spielzeug in Gitterbetten verwahrt. Durch die Deprivation lernen die meisten weder laufen noch sprechen und sterben bereits im Kindesalter.
Warum gibt es diese Widersprüche zwischen der Einstellung zu Behinderung in der russischen Bevölkerung und den Lebensbedingungen behinderter Menschen? Warum gibt es einen tiefen Graben zwischen Bildungstheorie und –praxis in der russischen Sonderpädagogik? In der Arbeit werden anhand der Entwicklungen im Bildungssystem und speziell in der Sonderpädagogik, eines Einblickes in die praktische Umsetzung, des Menschenbildes in Russland sowie der aktuellen politischen und sozialen Situation, die Hintergründe aufgeführt, welche helfen können, die Ambivalenz zwischen guten theoretischen Ansätzen in der heutigen Korrekturpädagogik und der problematischen Umsetzung dieser in der Praxis zu verstehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das russische Bildungssystem
2.1 Die Entwicklung des Bildungssystems
2.2 Entwicklungen in der Sonderpädagogik
2.2.1 Die sowjetische Sonderpädagogik – Defektologie
2.2.2 Sonderpädagogik heute – Korrekturpädagogik
3. Aktuelle Situation von Kindern mit Behinderungen in russischen Heimen
3.1 Die Situation der Eltern von Kindern mit Behinderungen
3.2 Werdegang eines behinderten Kindes
3.3 Pädagogische Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen
4. Zum Menschenbild in Russland
5. Politische und soziale Situation
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Ambivalenz zwischen den theoretischen Ansätzen der russischen Sonderpädagogik und den oftmals prekären Lebensbedingungen von Kindern mit Behinderungen in russischen Institutionen unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen und politischen Wandels.
- Historische Entwicklung des russischen Bildungssystems
- Wandel von der sowjetischen Defektologie zur Korrekturpädagogik
- Lebensbedingungen und Betreuungssituation von Kindern in russischen Heimen
- Einfluss des russischen Menschenbildes auf die Inklusion behinderter Menschen
- Auswirkungen der sozioökonomischen Krise auf die sonderpädagogische Praxis
Auszug aus dem Buch
3.2 Werdegang eines behinderten Kindes
Der gewöhnliche Weg der Eltern ist es, ihr behindertes Kind direkt nach der Geburt in die Obhut einer staatlichen Anstalt zu geben. Eine große Rolle bei dieser Entscheidung spielen die Ärzte. In der Regel raten sie den Eltern, sich gegen ein Aufwachsen des Kindes in der Familie zu entscheiden, da dies mit extremen gesellschaftlichen und finanziellen Belastungen einhergeht (s.o.). Nach der Geburt verbleiben die Kinder einige Monate in der Geburtsklinik und werden dann als Waisen in ein Säuglingsheim überwiesen. Ungelernte Pflegekräfte - die ´Sanitarkas` - arbeiten in 24-Stunden-Schichten in Gruppen mit bis zu 40 Kindern, werden schlecht bezahlt und haben ein geringes Ansehen. Die Gebäude sind sanierungsbedürftig, es herrscht ein Mangel an Kleidung, Medikamenten und vor allem an Zuwendung. Nach diesen anregungsarmen Jahren wird es zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung, dass mit dem Status des ´Waisen` fast automatisch die Diagnose ´Oligophrenie` einhergeht.
Im Alter von 4 Jahren werden die Kinder einer medizinisch-pädagogischen Kommission vorgestellt, die über den weiteren Verbleib der Kinder entscheidet. „Bildungsfähige“ Kinder, d.h. Kinder mit der Diagnose ´Debilität` erhalten eine Förderung im Rahmen einer schulischen Erziehung an einer Sonderschule. Kinder mit diagnostizierter ´Imbezillität` oder ´Idiotie` gelten als ´bildungsunfähig` und werden bis zur Vollendung des 17. Lebensjahres in Kinderheim-Internaten untergebracht, wo ausreichende Pflege, jedoch keine pädagogische Förderung vorgeschrieben ist (vgl. Hoppe 2000, S.55ff). Die Diagnose wird aufgrund eines kurzen, einmaligen Besuches der Kommission gestellt. Einmal gestellte Diagnosen haften den Kindern ein Leben lang an und werden so gut wie nie nochmals überprüft. Kinderheim-Internate unterstehen nicht dem Bildungsministerium, sondern dem Ministerium für sozialen Schutz und dem Gesundheitsministerium der Stadt. Sie werden aus Rentenfonds der Russischen Förderation finanziert (vgl. Hoppe 2000, S. 58)
Mit der Vollendung des 18. Lebensjahres müssen die Kinder in ein Psycho-neurologisches Internat (PNI) wechseln, wo sie meist bis zu ihrem Tode bleiben. Diese Einrichtungen sind in der Regel ´Verwahranstalten`, in denen die Lebensbedingungen um einiges schlechter sind, als in den Säuglings- und Kinderheimen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beleuchtet den Gegensatz zwischen dem historischen Bild behinderter Menschen als „Narren Gottes“ und der realen Isolation und Verwahrlosung behinderter Kinder in Russland.
2. Das russische Bildungssystem: Analysiert die historische Entwicklung von der zaristischen Zeit über das sowjetische Schulwesen bis hin zu den Reformbemühungen nach 1985.
2.1 Die Entwicklung des Bildungssystems: Beschreibt den Übergang von ständisch geprägten Strukturen zur zentralistischen, ideologisierten sowjetischen Einheitsschule.
2.2 Entwicklungen in der Sonderpädagogik: Untersucht die Auswirkungen der sowjetischen Bildungspolitik auf Kinder mit Behinderungen.
2.2.1 Die sowjetische Sonderpädagogik – Defektologie: Erläutert das medizinisch-pathologische Konzept der „Defektologie“ und den Ausschluss als „bildungsunfähig“ eingestufter Kinder.
2.2.2 Sonderpädagogik heute – Korrekturpädagogik: Beschreibt den Paradigmenwechsel nach 1992 hin zu einer pädagogisch orientierten Korrekturpädagogik und deren aktuelle Reformziele.
3. Aktuelle Situation von Kindern mit Behinderungen in russischen Heimen: Zeigt die Diskrepanz zwischen progressiven Theorien und der prekären, krisenbedingten Praxis auf.
3.1 Die Situation der Eltern von Kindern mit Behinderungen: Beschreibt die finanziellen und gesellschaftlichen Belastungen, die Eltern zur Heimeinweisung zwingen.
3.2 Werdegang eines behinderten Kindes: Zeichnet den typischen, fremdbestimmten Lebensweg eines behinderten Kindes von der Geburt bis in das Psycho-neurologische Internat nach.
3.3 Pädagogische Einrichtungen für Kinder mit Behinderungen: Gibt einen Überblick über Sonderschultypen und die Rolle privater Initiativen bei mangelnder staatlicher Finanzierung.
4. Zum Menschenbild in Russland: Analysiert den sowjetischen Arbeitsbegriff und dessen Auswirkungen auf das Menschsein und das Lebensrecht behinderter Menschen.
5. Politische und soziale Situation: Diskutiert die Auswirkungen der wirtschaftlichen Krise und der gesellschaftlichen Instabilität auf das Leben behinderter Menschen.
6. Schlussbetrachtung: Führt aus, dass der Wandel ein langwieriger Prozess bleibt, der die Überwindung tief verwurzelter sowjetischer Strukturen erfordert.
Schlüsselwörter
Sonderpädagogik, Russland, Defektologie, Korrekturpädagogik, Heimerziehung, Behinderung, Bildungssystem, Sozialpolitik, Inklusion, Debilität, Imbezillität, Idiotie, Menschenbild, Transformation, Kindeswohl
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Lebensumstände behinderter Kinder in Russland und analysiert den Wandel der sonderpädagogischen Theorien und praktischen Rahmenbedingungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung des Bildungssystems, die Konzepte der Defektologie und Korrekturpädagogik sowie die sozioökonomischen Realitäten in russischen Heimen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Gründe für die Ambivalenz zwischen modernen theoretischen Ansätzen und der problematischen sonderpädagogischen Praxis in Russland aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine theoretische Aufarbeitung und Analyse der fachlichen Entwicklung unter Einbeziehung von Berichten, Diplomarbeiten und sonderpädagogischer Fachliteratur.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt den Wandel von der Defektologie zur Korrekturpädagogik sowie den Lebensweg behinderter Kinder zwischen staatlicher Anstalt und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Welche Schlagworte charakterisieren das Dokument?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Defektologie, Korrekturpädagogik, russische Heimsituation und Transformationsprozesse definieren.
Welche Rolle spielen die sogenannten „Sanitarkas“?
Sie bilden das primäre Pflegepersonal in russischen Heimen, arbeiten jedoch unter extremer Überlastung und Ressourcenmangel, was zu einer prekären Versorgungssituation führt.
Was bedeutet der Begriff „Defektologie“ im russischen Kontext?
Es bezeichnet ein interdisziplinäres, stark medizinisch geprägtes Konzept, das behinderte Menschen als Träger von pathologischen „Defekten“ betrachtet, die korrigiert werden müssen.
- Arbeit zitieren
- Sylvia Neumann (Autor:in), 2004, Narren Gottes - Die Situation von Kindern mit Behinderung in Russland, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/68278