SPRACHPHILOSOPHIE UND GOTTESERKENNTNIS:
ZUR FUNKTION DER ZEICHEN IN AUGUSTINS DE MAGISTRO
Marcus Reiss
Dortmund, 2001
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1. Einleitung 3
2. Hierarchie der Zeichen 4
2.1 Warum sprechen wir? 4
2.2 Möglichkeiten der Bezeichnung 5
2.3 Wörter und deren reflexive Funktion 7
2.3.1 Wörter Namen Zeichen ? 7
2.3.2 Stufen der Reflexivität 9
3. Relation: Zeichen - Bezeichenbares 12
3.1 Prädominanz: Sache - Zeichen 12
3.2 Prädominanz: Zeichen - Erkenntnis 12
3.3 Durch sich selbst aufzeigbare Sachen? 13
3.4 Wahrnehmung und Erkenntnis 14
4. Der Lehrer 15
5. Zur Kritik 16
Literaturverzeichnis
2
1. Einleitung 1
„Was, meinst du, wollen wir bewirken, wenn wir sprechen?“ Mit dieser Frage beginnt Aurelius Augustinus das als Dialog konzipierte Gespräch mit seinem Sohn Adeodat. Klingt es zunächst noch nach einem scheinbar einfach zu lösenden, sprachphilosophischen Problem, bleibt es jedoch nicht lange bei diesem Themenkomplex, da das zu erreichende Ziel im Grunde klar umrissen ist: Es geht darum, Christus als den einzigen Lehrer jeglicher Wahrheit vorzustellen. Um dies zu erreichen, entwickelt der Kirchenvater, wie schon Platon vor ihm, ein klassisches Lehrgespräch, das einerseits als bloss geistige Übung dient, andererseits aber schon bald Schwierigkeiten aufwirft, die zumeist im Disput gelöst und verdeutlicht werden können.
Mein Anliegen wird es sein, den Gedankengang nachzuzeichnen, den Augustin langsam entwickelt und der in der Behauptung mündet, jegliche Erkenntnis finde ausserhalb von Sprache statt. Ausgehend von obiger Frage geht es zunächst um Arten und Funktionen von Zeichen, sowie die Darlegung ihrer Fähigkeit, auf sich selbst zeigen bzw. verweisen zu können.
Darauf wird zu untersuchen sein, in welchem Verhältnis Zeichen, Wörter und Namen zueinander stehen und welche Schlüsse sich daraus hinsichtlich einer Eignung der Wörter zu Zwecken der Erkenntnis für den weiteren Verlauf ziehen lassen. Rückblickend auf vorherige Bestimmungen werde ich dann zu skizzieren versuchen, warum Erkenntnisvermittlung durch sprachliche Zeichen bei Augustin nicht möglich ist und warum er den sinnvollen Gebrauch von Wörtern radikal einschränkt. Auch geht es um den Zusammenhang zwischen Wahrnehmung auf der einen und Wahrheit auf der anderen Seite: Ist eine Sache ohne eine jemals stattfindende sinnliche Anschauung überhaupt adäquat erkennbar?
Abschliessend werde ich noch kurz erläutern, warum Christus allein die einzige Wahrheit darstellt und letztere vom Menschen selbst doch nie erreicht werden kann. Resümierend werden die zentralen Punkte gebündelt vorgestellt, um am Ende einer Kritik des Dialogs Platz zu machen, der trotz aller sprachlichen Schönheit auch inhaltliche „Mängel“ aufweist.
1 Sämtliche Zitate sind, wo nicht anders vermerkt, aus folgender Ausgabe entnommen: Aurelius
Augustinus: De magistro. Über den Lehrer. Stuttgart 1998 (Abgekürzt mit: „ DM“ und entsprechender
Seitenangabe versehen)
3
2. Hierarchie der Zeichen
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Im ersten Teil der Schrift nun bemüht sich Augustin zunächst um die Klärung der möglichen Funktionen von Sprache überhaupt. Entgegen der Ansicht seines Sohnes gelangt er im Zwiegespräch zu der Ansicht, die möglichen Verwendungsweisen dienen entweder dem „ Zweck des Belehrens oder des Vergegenwärtigens.“ (DM; S.9) Der Einwand Adeodats, Lernen gehöre als drittes Moment auch dazu, greift an dieser Stelle nicht, da durch das Fragen der Gegenüber nur über das erfahren würde, was unmittelbar von Interesse für den Fragenden ist, ergo letzterer doch nur belehren möchte. Lernen ist nach Augustin nur dann möglich, indem „ wir uns erinnern“ (DM; S.7) und dieses Faktum entspricht genau dem oben genannten Vergegenwärtigen. Zwei weitere Einwände werden vorgebracht: Adeodat kommt auf die besonderen Fälle des Singens und des Betens zu sprechen. Bei beiden bleibt es fraglich, ob die obigen Funktionen auch hier anwendbar sind. Zum einen sei der Gesang zwar „ zum Vergnügen“ da, könne letztlich aber auch, nach Augustin, gänzlich ohne Worte statt finden und damit kein Sprechen mehr sein und zum anderen wird Gott durch ein laut vorgetragenes Gebet kaum belehrt oder an etwas erinnert, zumal dieses ursprünglich „ nicht des Sprechens“ (DM; S.11) bedarf. Selbst im stillen Gebet würden wir „ innen im Geist sprechen“ (ebd.) und somit nichts anderes tun, als Inhalte ins Gedächtnis zurückzurufen und so
„ (...) GLH6DFKHQVHOEVWGHUHQ=HLFKHQGLH:|UWHUVLQGLQGHQ*HLVWWUHWHQ³ (ebd.) lassen. Zusammenfassend vergegenwärtigen 2 sowohl singen als auch beten, obwohl beide kein Sprechen in Augustins Sinne darstellen. Im obigen Zitat wird zudem erstmals das Wort „ Zeichen“ erwähnt, das im weiteren Verlauf eingehender untersucht werden soll.
2 Eine detaillierte Analyse der PHPRULD und ihrer Funktion des vergegenwärtigen könnens findet sich
im 10ten Buch der &RQIHVVLRQHV Vgl.: Aurelius Augustinus: Bekenntnisse. Stuttgart 1989. S. 251 -302
4
Wie ist es um die Möglichkeiten bestellt, etwas bezeichnen zu können? Gibt es Zeichen, die zu Zwecken der Belehrung weniger geeignet sind?
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Verbale Zeichen
Einleitend in diese Fragestellung konstatiert Augustin, dass „ Wörter Zeichen“ (DM; S.13) seien und demnach etwas bezeichnen müssen 3 Ist diese Entsprechung uneingeschränkt gültig, oder lassen sich Fälle aufzeigen, in denen eine solche Definition problematisch werden kann und eine Bezeichnungsfunktion nicht existent ist? Inwieweit ist die Sache, die bezeichnet wird, überhaupt durch Zeichen aufweisbar?
Am Beispiel eines Vergil-Verses 4 treten erste Probleme zutage: Was genau bezeichnet denn „ nichts“ ? Augustin deutet dieses Wort nicht als Zeichen, sondern schlägt vor, es als „ bestimmte Denkweise“ (DM; S.15) aufzufassen. Dieser Erklärungsnotstand wird nicht gelöst und es bleibt bei der Feststellung, dass „ weniger die Sache selbst“ (ebd.) bezeichnet wird, sondern vielmehr der „ Geist eine Sache nicht sieht“ (ebd.) und „ nichts“ ihn nur eben darauf hinweist. Die Möglichkeit, „ Nichts“ als „ Nicht-Seiendes“ betrachten zu können, kennt Augustin nicht und verzichtet auf eine endgültige Lösung. 5
Auch die von Adeodat vorgeschlagene Lösung, das Wort „ ex“ durch „ de“ (DM; S.17) zu ersetzen, geht am Ziel vorbei. Zwar bezeichnen beide „ Eines“ (ebd.), aber genau um dieses geht es Augustin und nicht etwa um die Austauschbarkeit äquivalenter Begriffe. Die Sache selbst kann nicht aufgezeigt werden, falls „ völlig bekannte (Zeichen; M.R.) durch völlig bekannte“ (ebd.) Zeichen erklärt werden. Schluss aus diesen Betrachtungen ist aber trotzdem, dass Wörter durch Wörter bzw.
3 Deutlich wird, dass es Augustin eben nicht um das syntaktische Gefüge eines ganze Satzes und
dessen Bezugsmöglichkeiten auf konkrete Gegenstände geht, sondern nur um die
Bezeichnungsfunktion einzelner Wörter.
4 „ Si nihil ex tanta superis placet urbe relinqui“ ist gemeint. (DM; S.13) Übersetzung: „ Wenn es den
Göttern gefällt, daß nichts von dieser so bedeutenden Stadt übrigbleibt...“
5 Diffizil ist auch der Zusammenhang des Wortes „ wenn“ mit einem möglichen Signifikat. Als
„ Zweifel“ (DM; S.13) aufgefasst, wäre dann eine Unterteilung in „ sichtbare und unsichtbare Sachen“
möglich, d.h. in gewisse Denkschemata einerseits sowie die sinnlich erfassbare Welt andererseits.
Vgl. hierzu: Flasch, Kurt: Augustin. Einführung in sein Denken. Stuttgart 1980. S.123 ff.; Kuypers,
K.: Der Zeichen- und Wortbegriff im Denken Augustins. Amsterdam 1934. S. 66 ff.
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Arbeit zitieren:
Marcus Reiß, 2000, Sprachphilosophie und Gotteserkenntnis: Zur Funktion der Zeichen in Augustins De Magistro, München, GRIN Verlag GmbH
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