1. Leitfaden. 6HLWH
3 Der Zusammenhang von Gewalt, Fremdenfeindlichkeit,
gesellschaftlich bedingten defizitären Umständen und der Rolle des Fußballsports. 3.1. Der Zusammenhang von Gewalt, gesellschaftlich bedingten defizitären Umständen und der Rolle des Fußballsports. 6HLWH
3.2. Der Zusammenhang von Fremdenfeindlichkeit, gesellschaftlich bedingten defizitären Umständen, und der Rolle des Fußballsports. 6HLWH
4.
7. Die Folgen von Lens - insbesondere bezogen auf die EM 2000.
7.1. Änderung des Pass- und Personalausweisrechtes. 6HLWH 7.2. Zur Funktion der ZIS und der Datei „Gewalttäter Sport“. 6HLWH 7.3. Eine Präventionsprüfung für die EM 2000. 6HLWH
7.4. Zur Situation deutscher Hooligans und EM-Besucher während der Fußballeuropameisterschaft vom 10/06/2000 bis zum 02/07/2000. 6HLWH
8. Betrachtungs- und Behandlungsperspektiven des Hooliganismus im Vergleich mit Blick auf diesbezügliche Auswirkungen. 6HLWH
10. Literaturverzeichnis.
10.1. Literatur aus dem Internet. 6HLWH 10.2. Literatur außerhalb des Internets. 6HLWH
Der Hooliganismus ist ein gesellschaftliches Phänomen, das viele Fragen aufwirft. Einige Fragen erhalten im Rahmen dieser Hausarbeit Relevanz. Das Ziel der Hausarbeit ist erreicht, wenn der Leser das Resümee ziehen kann, einen problemorientierten Einblick in das Bezugsfeld der Hooligans in Deutschland erhalten zu haben. Gefragt wird in dieser Arbeit insbesondere nach den Charakteristika eines Hooligans, dem Zusammenhang von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit, Fußball und weiteren gesellschaftlichen Bedingungen, den Formen von Fanarbeit und der Niederschlagung des Gendarmen Daniel Nivel auf der WM ´98 in Lens mit Blick auf die Folgewirkungen dieses Ereignisses. Die Arbeit stützt sich oftmals auf Beobachtungen und Forderungen von Sozialarbeitern oder Sozialpädagogen, die als Fanbetreuer mit der Szene betraut und vertraut sind, und aus einem pädagogischen Blickwinkel Hypothesen, Prognosen und insbesondere auch Kritik und Vorschläge aussprechen. Die Heranziehung diverser Zeitungsartikel aus vielgelesenen, populären Zeitungen dient nicht nur der Nachrichtenpräsentation, sondern auch der Präsentation der Darstellung von Hooligans in den deutschen Medien, und damit der Beeinflussung des Meinungsbildes in der Bevölkerung. Ergänzend zeigt diese Arbeit die Perspektive von staatlicher Seite. Durch die Polarisierung verschiedener Einstellungen, beruflicher Aufträge und diesbezüglich ausgerichteter Handlungen, wird auf Konflikte zwischen den Personen- und Institutionenkreisen, die sich mit dem Hooliganismus befassen, aufmerksam gemacht. Besonderes Augenmerk wird auch auf die Konflikte gelegt, die dem Hooligan die Motivation geben, Gewalt in der Gruppe auszuüben.
=XP+RROLJDQ
Der Begriff „Rowdy“ dient als Übersetzung für die englische Vokabel „Hooligan“. Damit wird allgemein der jugendliche Fußball-Gewalttäter tituliert.
Der Rechtsanwalt Axel Nagler, Strafverteidiger des Angeklagten Tobias Reifschläger im Daniel-Nivel-Prozeß, definiert einen Hooligan im möglichen Ursachenzusammenhang folgendermaßen: Ä(LQ+RROLJDQLVWHLQGXUFKJHVHOOVFKDIWOLFKEHGLQJWHGHIL]LWlUH8PVWlQGHLQVEHVRQGHUHDEHU
1
Scheidle, Jürgen: Interview mit Axel Nagler und Wolfgang Weckmüller. In:Buderus, Andreas/Dembowski, Gerd/Scheidle, Jürgen (Hg.): Das zerbrochene Fenster. Hools und Nazi-Skins zwischen Gewalt, Repression, Konsumterror und Sozialfeuerwehr. Bonn 2001. S. 64.
Von führender Relevanz für das hier niedergeschriebene Verständnis vom Begriff „ Hooligan“ sind das Vorhandensein und die Auswirkungen von weit divergierenden Rollen, die das Individuum in Abhängigkeit vom sozialen Umfeld einnimmt. Die Rollenunterschiede sind im wesentlichen gekennzeichnet durch das Ausleben bzw. Nichtausleben von Aggressions- und Gewaltpotential in Abhängigkeit vom Sein des Hooligans in dem identifikationsreichen Fußballumfeld bzw. vom Sein des Hooligans im identifikationsarmen Alltagsleben. Die Identifikationsarmut mit der Rolle des Hooligans im Alltag zeigt sich in einem „ Aggressions- und Gewaltpotenzial“ , für das der Alltag keinen Raum zum Ausleben bietet. Der Sportsoziologe Gunter Pilz beschreibt den Fußballsport als ein Ventil für die unterdrückten „ wesentliche[n] Triebfedern menschlichen Verhaltens“ 2 . Und genau diese Funktion, die der Fußballsport für den Hooligan einnimmt, trennt ihn von anderen Fußballfans, von Begeisterten für den Sport und für einen bestimmten Verein. „ Die Hooligans sind oft in informellen Gruppen oder Cliquen, selten in mit Fan-Clubs vergleichbaren, formellen Organisationsformen zusammengeschlossen. Typisch ist eine eher hierarchische Gruppenstruktur, in der sich Führercliquen, meist älterer und erfahrener Hooligans, herausgebildet haben, die den ‚Wertekatalog’ vorgeben (Kraft, Mut, Härte, Durchsetzungsvermögen). 3
Das Verhältnis der Hooligans zu den Medien ist nicht nur durch Medienberichterstattungen von Seiten der Journalisten bestimmt, wie Polizeirat Andreas Piastowski, Leiter der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze, beschreibt, sondern auch durch die Eigennutzung des Internets als
Verabredungsforum, als Präsentationsforum, und als Mittel zur Irreleitung von Medien und Polizei durch gezielte Falschmeldungen. 4
Männliche Sexualität nimmt nach Beobachtungen von Fanprojekt-Arbeit eine hohe Position ein. Sie äußert sich in „ sexuell motivierte Gesänge und Rufe“ , die entweder in häufig diskriminierender Form Mädchen und Frauen ansprechen, oder Homophobie erkennen lassen. 5 Charakteristisch für die deutschen Hooligans ist ihre zivile Kleidung mit dem Ziel, für die Polizei als Hooligans nicht identifizierbar zu sein. Die Kleidung ist sehr modebewusst. 6
Bei den Hooligans verfolgte die Mode den Zweck, sich von der sogenannten Kuttenkultur und ihrem Image als „ Asoziale“ , abzugrenzen. Die Abspaltung der gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans aus dem Kreis der fußballzentrierten Fans und ihres Kuttenoutfits, entwickelte sich seit Anfang der 80er Jahre. In Anlehnung an englische, gewalttätige Gruppen im Fußballumfeld bezeichneten sie sich als „ Hooligans“ . Dieser Begriff geht zurück auf eine irische Straßenräuberfamilie des 19. Jahrhunderts in London. 7 Klaus Farin, freier Journalist und Autor des Buches „ Die dritte Halbzeit“ , stellt, basierend auf Interviews mit Hooligans, einen Bezug zu den „ pathologischen Alltagsstrukturen“ , „ der sinnlosen Autorität des Alltags“ , und der Personenkonstellation der Hooliganszene, her.
2 Pilz, Gunter A.: Noch mehr Gewalt im Stadion? In: Horak, Roman u.a. (Hg.): Ein Spiel dauert länger als 90 Minuten. Hamburg 1988. S. 219.
3 Buderus, Andreas: Abpfiff für Anstoß - Über die Un-Möglichkeit parteilicher Jugendsozialarbeit in der Zange zwischen Merchandising und Innerer Sicherheit. In: Buderus, Andreas/Dembowski, Gerd/Scheidle, Jürgen (Hg.): Das zerbrochene Fenster. Hools und Nazi-Skins zwischen Gewalt, Repression, Konsumterror und Sozialfeuerwehr. Bonn 2001. S. 181.
4 vgl. http://www.welt.de/daten/2000/05/25/0525sp170071.htx
5 vgl. Dembowski, Gerd: Zum Fußball als Männersache-Plädoyer für die bewusste Entdeckung der Männlichkeit in jugendlichen Fanszenen. In: Das zerbrochene Fenster. S. 37.
6 vgl dazu: Interview mit Martin, 25, Schlosser: War `ne reine Outfitsache. In: Farin, Klaus/Hauswald, Harald: Die dritte Halbzeit. Fußballfans und Hooligans. Berlin 1993. S. 53-60.
7 vgl. Dembowski, Gerd: Zum Fußball als Männersache-Plädoyer für die bewusste Entdeckung der Männlichkeit in jugendlichen Fanszenen. In: Das zerbrochene Fenster. S. 37.
In der Hooliganszene begegnet man „ [...] allen sozialen Schichten und Berufszweigen, sogar Polizisten, Rechtsanwälten, Chirurgen. Hooligans sind weder Aussteiger noch Ausgegrenzte. Sie sind, im Gegenteil, nicht selten äußerst ehrgeizig, ökonomisch denkend, Leistungsträger dieser Gesellschaft. 8 Der Fanbetreuer Jürgen Scheidle spricht aus langjähriger Erfahrung, wenn er berichtet, „ [...] dass der größte Teil der Hooligans aus unvollständigen Familien stammt. [...] Die Väter wurden ihrer Vorbildfunktion im Sinne einer positiven männlichen Rollenidentifikation nicht gerecht [...]“ 9 Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte bei der Deutschen Sportjugend (KOS), thematisiert in seinem Buch Fußballrandale, den Hooligan aus dem Osten. Danach unterscheiden sich Ost- und Westhooligans kurz nach der Wende optisch durch die Kleidung. Der optische Angleichungsprozess vollzieht sich schnell und hebt Grenzen auf. Was Ost und Westhooligan voneinander trennt, sind ökonomische Unterschiede. Thomas Schneider berichtet aus der Position eines unmittelbaren Beobachters über den hohen Grad an kämpferischer Disziplin und strategischer Gewalt, und zieht als Erklärung die ostdeutsche Sozialisation heran. 10 Gewalt ist immer in Kontextabhängigkeit zu betrachten, wenn man sich ihr nähern möchte. In diesem Sinne soll nun
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differenziert betrachtet werden, wobei zunächst
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thematisiert wird.
Der Konfliktforscher Wilhelm Heitmeyer, Professor an der pädagogischen Fakultät in Bielefeld, deutet Gewalt als „ [...] ein Mittel, um in die Gesellschaft hineinzukommen, indem die Jugendlichen die gesellschaftlichen Durchsetzungspostulate radikalisieren.“ 11 Dass, was gesellschaftliche „ Anerkennung“ schafft, nämlich „ aggressives Durchsetzungsstreben“ , wird als Norm übernommen und in überhöhter Form imitiert. 12 Aber der Gewaltausübende wird, da die Qualität und Quantität seiner Gewalt außerhalb des legitimen Rahmen fällt, gesellschaftlich desintegriert. „ [...] Mit zu den Ursachen einer um sich greifenden Desintegration“ 13 gehört folglich nach Heitmeyer die gesellschaftliche Legitimation von aggressiven Handlungsmustern. Somit fördert paradoxerweise der Wunsch nach gesellschaftlicher Integration durch radikalisierte Nachahmung gesellschaftlich anerkannter Handlungsmuster, die gesellschaftliche Desintegration. Dieses Modell von Heitmeyer auf das Phänomen „ Hooliganismus“ übertragen, würde bedeuten, dass der Fußballsport mit seinen
8 Farin, Klaus/Hauswald, Harald: Die dritte Halbzeit. Fußballfans und Hooligans. Berlin 1993. S. 13.
9 Scheidle, Jürgen: Streetwork mit Hooligans nach Lens - Aspekte einer persönlichen Reflexion. In: Das zerbrochene Fenster. S. 57.
10 Gehrmann, Jayin T/Schneider, Thomas: Fußballrandale. Hooligans in Deutschland. 3. erweiterte Neuauflage. Essen 1998. S. 251.
11 http://www.brandenburg.de/land/mi/polizei//info110/5_96/heitmeye.htm
12 ebd.
13 ebd.
aggressiven Männlichkeitsbestrebungen nach chauvinistischer und patriotischer Manier als Anlehnung an analoge gesellschaftliche Verhältnisse ein gewünschtes Integrationsfeld darstellt, und damit gruppendynamischen Nachahmungsbestrebungen erliegt. Gleichzeitig stellt die Hooligangruppe selbst eine „ Integrationsplattform“ dar, weil sich die Mitglieder der Gruppe im wechselseitigen Prozess Anerkennung für ihr aggressives Verhalten liefern. Für Heitmeyer ist der Mangel an Anerkennung der „ Schlüssel zum Verständnis jugendlicher Gewalt“ 14 . „ Individuelle Leistungen“ der Individuen innerhalb eines Raumes, in der „ rechtliche Gleichheit und moralische Gleichheit“ gegeben ist, liefern im sozialen Prozess durch wechselseitige Achtung der „ individuellen Leistungen“ die Anerkennung, die emotionalen Ausgleich schafft. Hier sind Integrationsbestrebungen erkennbar, die für Heitmeyer einen Indikator für die Konfliktfähigkeit einer Gesellschaft implizieren. Aber in einer Gesellschaft, in der man nur mühsam mit „ aggressivem Durchsetzungsstreben“ Anerkennung erlangen kann, in der „ Anerkennung bewusst verknappt“ wird mit der Zielsetzung, diese Verknappung fungiere als hungriger Antrieb für die Fortschrittsdynamik, ist diese Konfliktfähigkeit nicht gegeben. Denn hier avanciert wegen des Mangels an Anerkennung die überhöhte Stärkedemonstration zum Mittel der Anerkennungserheischung. 15
Der Hooligan nutzt das Fußballumfeld als Präsentationsraum für seine Demonstration von Stärke, auf welche die Polizei mit Gewalt antwortet. Die Folge ist die Kriminalisierung und die damit einhergehende Desintegration des Hooligans. Zugang zu Arbeit, Teilhabe an öffentlichen Debatten und Einbettung in soziale Zugehörigkeiten bezeichnet Heitmeyer als „ objektive Ebene“ von Integration. Die „ subjektive Ebene“ von Integration bezieht sich auf die Interpretation der „ objektiven Ebene“ durch die Individuen, darauf abzielend, dass sie sich ausreichend beachtet, geachtet und anerkannt fühlen. 16
Nach Heitmeyer ist das Herausfallen aus diesen „ objektiven und subjektiven Facetten der Integration“ auch ein Indikator für Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft. Dadurch erfolgt eine Bezugsetzung zwischen den Ursachen von Gewalt und den Ursachen von Fremdenfeindlichkeit, die unter Punkt
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näher erörtert werden sollen.
Die Zusammenhangssetzung zwischen Desintegration und Fremdenfeindlichkeit ist ein Verweis auf den „ deprivationstheoretischen Ansatz [...] „ zur Erklärung von Ethnitisierung und Fremdenfeindlichkeit in der Mehrheit“ 17 . Ist die „ subjektive Ebene“ durch eine „ relative
Deprivation“ , das heißt, durch einen „ subjektiv empfundene[n] Grad von Benachteiligung“ gekennzeichnet, festgesetzt nach einem „ Vergleichsprozeß mit anderen sozialen Gruppen und der
14 http://www.brandenburg.de/land/mi/polizei//info110/5_96/heitmeye.htm
15 vgl http://www.zeit.de/2000/35/Politik/200035_wilhelm.html
16 vgl ebd.
17 Anhut, Reimund/Heitmeyer, Wilhelm: Desintegration, Konflikt und Ethnitisierung. Eine Problemanalyse und theoretische Rahmenkonzeption. In: Anhut, Reimund/Heitmeyer, Wilhelm (Hg.): Bedrohte Stadtgesellschaft. Soziale Desintegrationsprozesse und ethnisch-kulturelle Konfliktkonstellationen. Weinheim und München 2000. S. 32.
Arbeit zitieren:
Isabel Ebber, 2001, Zum Hooliganismus in der BRD, München, GRIN Verlag GmbH
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