I
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung II
2 Methoden und Probleme der Forschung III
3 Tell them to listen with their ears open IV
3.1 The Story of Knowledge and Evil Knowledge IV
3.2 Four Lives VI
4 There Should Be Control VIII
4.1 Kontrolle XI
4.2 Die ideale Familie XI
5 Power comes through money XIII
6 Poverty is written in my destiny XIII
7 The Domination of Indira XIV
8 Now Love Is Totally Lost XV
9 Zusammenfassung und Kritik XVIII
II
1 Einleitung
Im Rahmen des Regionalseminars “Gender Studies” in Südasien beschäftigte ich mich mit dem Buch “Struggling with destiny in Karimpur, 1925 - 1984” der Ethnologin Susan S. Wadley.
In diesem Buch wertet die Autorin langjährige Beobachtungen und Erfahrungen in Karimpur, Indien aus.
Ihren eigenen Aussagen zufolge ist Karimpur, gelegen im Distrikt Mainpuri im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, “ the site of a truly long-term study” 1 . Der
amerikanische Kontakt und die Beobachtung begannen 1925 mit Charlotte und William Wiser, die dem Ort den Namen Karimpur gaben. 1967 traf Wadley selbst das erste Mal in Karimpur ein und begegnete den Wisers, deren Forschung sie dann über mehrere Jahre fortführte (weitere Aufenthalte u.a. 1974-75 und 1983-84). Das Buch entstand in Folge ihrer Feldforschung 1983-84 ursprünglich als Studie über sozialen Wandel, der seit dem ersten amerikanischen Kontakt in Karimpur beobachtet wurde. Dabei will Wadley die Veränderungen mit Hilfe der Lebensgeschichten der Bewohner darstellen. Die Lebensgeschichten werden ergänzt durch orale Traditionen, Geburts-, Bevölkerungsstatistiken und Untersuchungen über die Veränderungen der Arbeitsbedingungen.
Im Folgenden werde ich ihre wichtigsten Aussagen zusammenfassen und eine kurze Kritik geben. Ausführlicher gehe ich auf das Kapitel 2 “There Should Be Control” ein, da es mir für das Verständnis der sozialen Beziehungen in Karimpur am wichtigsten erscheint.
Bei der Gliederung der Arbeit folge ich weitgehend dem Aufbau des Buches. Im Text kursiv Geschriebenes ist ohne Übersetzung direkt Wadleys Arbeit entnommen. Fußnoten am Ende eines Absatzes beziehen sich auf alle vorhergehenden Informationen.
1 Susan S. Wadley, Struggling with destiny in Karimpur, 1925-1984, Berkeley, University of California Press, 1994, S. xviii.
III
2 Methoden und Probleme der Forschung
Wie bereits erwähnt besteht der Hauptteil ihrer Erfahrungen aus Erzähltem, Mythen, Geschichten, persönlichen Erlebnissen, Lieder und Ritualen der Dorfbewohner. Jeder Interviewte wußte, daß er aufgenommen wurde. Wadley und ihre Assistentin Monisha Behal arbeiteten vorwiegend mit Frauen, wobei sie selbst selten die Hilfe einer Übersetzung ins Englische oder Standard Hindi in Anspruch nahm. Ihr Mann Bruce und seine beiden Assistenten interviewten männliche Gesprächspartner. Trotz des relativ engen Zusammenlebens war es Wadley nicht erlaubt, am eigentlichen täglichen Leben teilzunehmen, sie durfte z. B. auch nic ht bei der Hausarbeit helfen. Ihre Position gegenüber den Bewohnern Karimpurs bezeichnet sie deshalb als die eines “well-informed outsider”. 2
Wadley sieht ihre Forschungsergebnisse eingebettet in verschiedene Problemfelder. Eines die ser Probleme ist die g rundsätzliche Frage nach wahrer ethischer Untersuchung, da ja immer persönliche, wenn nicht sogar freundschaftliche Beziehungen zwischen “Untersuchten” und “Untersuchendem” entstehen. Außerdem änderte sich seit Beginn ihrer Arbeit als Ethnologin die Vorstellung von Ethnologie grundlegend: Aus unpersönlichen distanzierten Bezeichnungen wurde “ich”, aus den “Menschen der Dorfes” oder “sie” wurden “die Frauen” oder “die reichen Frauen” oder auch Individuen. Vor allem aber bleibt laut Wadley das Verhältnis zwischen EthnologIn und “Untersuchten” schwer zu bestimmen. 3
Als weiteres Problem erwies sich das ursprüngliche Ziel: Das systematische Sammeln von Lebensgeschichten stellte sich als unmöglich heraus, da sich Leben in Karimpur nicht in einer linearen Ze it bewegt oder um ein individuelles Selbst dreht. So änderte sich die Intention dahingehend, daß Wadley zu verstehen sucht, wie Kultur als System von Symbolen ausgedrückt wird, wenn Menschen ihr Leben gestalten. Die Übersetzungen und Interpretationen der Erzählungen selbst sieht sie als problematisch an, da diese Geschichten, über kulturelle Grenzen hinweg erzählt und dann auch noch übersetzt, verschiedene Bedeutungen für Erzähler, Zuhörer und Leser hätten. Somit bezeichnet sie ihre Interpretationen und Übersetzungen als nur eine von vielen möglichen Deutungen an. Dabei aber weist Wadley die LeserInnen darauf hin, daß die
2 Ebd., S. xxv.
3 Ebd., S. xxiii ff.
IV
politischen und kulturellen Hintergründe des Erzählers und des Übersetzer und dessen Einfluß auf die Interpretation der Geschichte nicht vergessen werden darf.
3 Tell them to listen with their ears open
3.1 The Story of Knowledge and Evil Knowledge
Allem voran stellt Wadley die Geschichte von Wissen und bösem Wissen, Lakshmi und Kulakshani, die ihr 1983 von Saroj, einer Brahmanenwitwe, erzählt wurde. Ein König hatte 2 Töchter, die beide den Gott Vishnu heirateten. Vishnu fragte beide nach der Hochzeit, welche Wünsche sie hätten. Darauf antwortete Vidya (“Wissen”), auch Lakshmi (“Reichtum”) genannt, daß sie sich ein schönes Haus mit einer Basilikum-Pflanze (zu täglichen Lobpreisung) wünsche, in dem die Frauen um 4 Uhr aufstehen, baden, den Gottesdienst halten sollten. Kein Alkohol, kein Fisch oder Fleisch und keine Verbindung zu Geldtransaktionen sollte dort erlaubt sein. Die zweite Frau Kuvidya (“böses Wissen”), auch Kulakshani (“Unglück”) genannt wünschte sich, daß die Frauen in ihrem Haus um 9 Uhr aufstehen sollten, in ihrem Haus keine Basilikum-Pflanze, keinen Gottesdienst geben sollte, die Frauen mit unordentlichem Haar gehen dürften, Geldgeschäfte, Alkohol, Fisch und Fleisch erlaubt sein sollten. Vishnu erfüllte beider Wünsche, entschied sich aber, mit Lakshmi zu leben, nach dem Grundsatz: Wenn die Frauen im Haus gut sind, wird es dem ganzen Haus immer gut gehen. 4
Wadley sieht diese Geschichte als Ausdruck für die tägliche Verbindung der Menschen in Karimpur zu Göttern und Göttinnen. Sie lieben Geschichten über die Gottheiten, die mit auf dieser Welt leben, Geschichten, die über das erzählen, was die Menschen tun und warum es wichtig ist, Geschichten, die ihre Ideale, Lebensregeln etc. ausdrücken. In der genannten Geschichte ist das grundlegende Hindu-Konzept von order and disorder, coherent action and chaotic action, Kontrolle und Unterdrückung und letztendlich von karma enthalten. Die genannten Paradigmen erscheinen in Hymnen, Huldigungen, rituellen Reinigungen, in der Organisation der Hindu-Königtümer, dem Konzept von Frau und Mann und dem der idealen Familie: Männer seien von Natur aus “selbst-kontrolliert” und deshalb “ordered”, wobei der energiereichen Frau die Selbstkontrolle mit allen Konsequenzen fehlt. Diese Vorstellungen finden sich auch im
4 Ebd., S. 1f.
V
jajmani-System. In diesem System wird das traditionelle Verhältnis zwischen “Herrschaft” und “Angestelltem” geordnet. Kurz gesagt, sie tauchen in allen gesellschaftlichen Hierarchien auf und legitimiert diese. 5 Laut Wadley basiert Autorität im hinduistischen Indien auf der Vorstellung von angeborenen, aber veränderlichen Qualitäten, die von den Herrschenden zur Legitimation und Ausübung von Macht, Kontrolle und Schutz für die unter ihnen genutzt werden. 6
Wadley kritisiert die bisher verfaßte Literatur zum Thema, die nur über Hierarchie oder Gender schreibt, aber nicht von diesen als miteinander verbundenen, sich gegenseitig beeinflussenden Systemen, die damit auch in ihrer Reaktion auf äußere Veränderungen von einander abhängig sind. Sie beruhen auf der Verneinung ökonomischer und politischer Macht der per Definition “Niederen”. Dabei sind beide aber nicht Ursache, sondern nur Ausdruck einer bestimmten sozialen Struktur und Ordnung. Das bedeutet, daß arme Frauen doppelt belastet und unterdrückt sind, denn sie sind Frauen, und sie sind arm. 7
Laut Wadley fordern die Frauen trotz aller Veränderungen seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947 keine Regierungsmacht oder erklären die Familie für irrelevant. Aber mit zunehmender disorder erlangt die “gender-Kontrolle” größere Bedeutung: Die Kontrolle über Frauen symbolisiert die Kontrolle durch Männer in der Gemeinschaft. 8 Außer dem Paradigma von order und disorder sind die Normen von jati und karma von großer Bedeutung: jati (häufig mit “Kaste” übersetzt) definiert Wadley als eine Kategorie für Aktionen und Handeln, das heißt die Regeln und Ordnungen für Handlungen und Aktionen sind durch die eigene Position innerhalb einer jati und das Verhältnis zu anderen jatis genau festgelegt. Die Vorstellung von karma geht davon aus, daß Individuen in ständiger Bewegung sind, sie ständig durch ihre Handlungen das eigene Schicksal neu schaffen. Damit basiert das ganze Leben auf dem Dualismus, daß es ein Schicksal gibt, dieses aber nicht als vollständig festgeschrieben akzeptiert wird, sondern es immer noch Möglichkeiten zur Veränderung gibt. 9 Nach diesen einleitenden Aussagen beschreibt die Autorin die wichtigsten ökonomischen, sozialen und gesundheitlichen Bedingungen in Karimpur: Wie bereits
5 Ebd., S. 2.
6 Ebd., S. 3.
7 Ebd., S. 4.
8 Ebd., S. 5.
Arbeit zitieren:
Ilka Borchardt, 1997, Struggling with Destiny in Karimpur, Susan S. Wadley, München, GRIN Verlag GmbH
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