Sommersemester 1998
Freie Universität Berlin
Institut für Ethnologie
Drosselweg 1-3
14195 Berlin
Semesterarbeit
Margaret Mead und Derek Freeman
Ethnologische Autoritäten in der Krise
Ilka Borchardt
4. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1 NA
2 BIOGRAPHISCHES UND WISSENSCHAFTLICHES UMFELD
MARGARET MEADS
2 NA
2.1 Eine kurze Biographie 2
2.2 Die politische Situation 5
2.3 Die wissenschaftlich - theoretische Situation 6
3 MEADS EIGENE WISSENSCHAFTLICHE ARBEIT
8 NA
3.1 Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften 8
3.2 Einige wichtige Thesen Meads 11
4 DEREK FREEMAN - EIN KRITIKER
14 NA
4.1 Liebe ohne Aggression 14
4.2 Rezensionen 19
5 ZUSAMMENFASSUNG
24 NA
6 LITERATURVERZEICHNIS
25 NA
1
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Margaret Mead wird in der Literatur oft als eine Wissenschaftlerin beschrieben, deren Arbeit wegweisend für Ethnologen und Soziologen nicht nur der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war. Durch die Bedeutung, die ihrer Forschung zugemessen wurde und wird, erhält auch sie selbst etwas wie einen Glorienschein, der jede Art von Kritik zu Blasphemie erklärt.
Der Mythos “Margaret Mead” wurde 1983 von Derek Freeman als einem der ersten öffentlich in seinem Buch “Liebe ohne Aggression” in Frage gestellt.
In meiner Arbeit werde ich im ersten Kapitel Meads persönliche und wissenschaftliche Umfeld skizzieren, um damit ihre Glorifizierung als Wissenschaftlerin wenigstens teilweise zu erklären.
Im zweiten Kapitel lege ich einige der wichtigsten Thesen Meads dar, auf die sich auch Derek Freeman bezog.
Anschließend stelle ich das bereits genannte Werk “Liebe ohne Aggression” vor. Die Wirkung und die Reaktionen darauf untersuche ich anhand von Rezensionen.
Leider kann ich persönlich kein Urteil abgeben, wieweit Freemans Kritik nun gerechtfertigt ist, da ich selber viel zu wenig über die untersuchte Region Samoa weiß. Deshalb beschränke ich mich auf die Beschreibung und den Vergleich beider Forschungen. Wichtig ist mir die Wirkung beider Arbeiten in der Öffentlichkeit, da sie den Grad an Mystifizierung M.Meads verdeutlichen.
Die genannten Rezensionen fand ich zufällig durch Hinweise in anderen Artikeln. Ich suchte bewußt eine Freeman bejahende und eine ablehnende aus, da in dieser Arbeit der Platz fehlt, sich mit mehr differenzierten Positionen zu befassen.
Zitate aus englischsprachigen Texten habe ich nicht übersetzt, um eine möglichst hohe Genauigkeit zu gewährleisten.
2
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Margaret Mead wurde am 16.11.1901 als Älteste von fünf Kinder in Philadelphia geboren. Sie entstammte einer Akademikerfamilie: Ihre Mutter hatte Soziologie studiert, der Vater lehrte an der Universität als Professor für Finanzwissenschaften. In ihrer Autobiographie “ Brombeerblüten im Winter” beschreibt sie die Atmosphäre im Elternhaus u.a. so: “ Da ich in einer akademisch geprägten Umgebung aufwuchs, hörte ich immer wieder Gespräche über Universitätspolitik und Finanzen, über Tricks und Schliche, die sich ehrgeizige Männer ausdachten, und über solche, die sich einen Namen machten, indem sie die Werke anderer zitierten oder beinahe zitierten, ohne Quellen anzugeben. Da ich mit Universitätspolitik und akademischen Auseinandersetzungen aufwuchs, bekam ich schon sehr früh ein Gefühl dafür, wie sich das akademische Leben abspielte.” 1
Zusammen mit ihren Geschwistern wurde sie von der Großmutter väterlicherseits unterrichtet, die ihr beibrachte, “ gleichzeitig induktiv und deduktiv zu lernen” . 2
Ab 1919 studierte sie am College, wo sie sich erst im letzten Jahr, 1922, dazu entschloß, Ethnologie bei Franz Boas zu studieren. Ruth Benedict war zu dieser Zeit Boas’ Assistentin. “ Franz Boas, der neben Benedict entscheidenden Einfluß auf Mead haben sollte, wurde schon damals, in den 20er Jahren, als der Vater der amerikanischen Anthropologie angesehen. (...) Was immer Mead in späteren Jahren tat, war von der Boas-Schule geprägt, das heißt von dem Gedanken, daß jedes kulturelle Phänomen, jede menschliche Verhaltensweise, jedes kulturelle Zeugnis (...) als Teil eines gesamten kulturellen Systems zu sehen und in Bezug zu allen anderen Phänomen der jeweiligen Kultur zu setzen sei.” 3
Im Sommer 1925 reiste sie zu ihrer ersten 9-monatigen Feldforschung, die einen Kompromiß zwischen ihren eigenen und Boas’ Wünschen darstellte: Sie wollte “ ihr Volk” in der Südsee, in Polynesien finden, Boas dagegen wünschte eine Studie bei amerikanischen Indianern, ob Adoleszenzverhalten biologisch determiniert oder
1 M.Mead, Brombeerblüten im Winter, Ein befreites Leben, Rowohlt, Hamburg, 1978, S. 31.
2 Ebd., S. 43.
3
kulturell veränderlich ist. 1928 veröffentlichte sie die Ergebnisse ihrer Forschung unter dem Titel &RPLQJRI$JHLQ6DPRD (dt. Kindheit und Jugend in Samoa). Diese Arbeit
wurde ein Bestseller, Freeman bezeichnet sie für den Anfang der 60er Jahre als das “ meistgelesene anthropologische Werk überhaupt” . Seiner Meinung nach wurde das Buch nicht nur von Fachleuten, wie z.B. Boas, Benedict, Evans-Pritchard, Lowie, Malinowski und Sapir, sondern auch von Vertretern anderer Wissenschaften (Psychologie, Sexualwissenschaft, Philosophie) begeistert aufgenommen und kaum hinterfragt. 4 1930 erschien der Bericht ihrer zweiten Forschung *URZLQJ XS LQ 1HZ *XLQHD Ihr
Thema war dabei die Beschreibung des typischen Verhaltens von Manus-Kindern, die Erforschung ihres Denkens und der Vergleich mit dem Denken westlicher Kinder. Auch ihre weiteren Forschungen führten sie meist in den Pazifik. So entstand z.B. auch 6H[ DQG7HPSHUDPHQWLQ7KUHH3ULPLWLYH6RFLHWLHV in Zusammenarbeit mit ihrem damaligen
Ehemann Reo Fortune 1935. Hier untersuchte sie die These, daß männliche und weibliche Eigenschaften in verschiedenen Kulturen verschieden definiert werden. In ihrer dritten Forschungsperiode 1936 - 1939 arbeitete sie mit Gregory Bateson in Bali und Neu Guinea. Die in dieser Zeit entstandenen Fotos und Filme zur Dokumentation von Verhaltensabläufen und -mustern gelten auch heute noch als Klassiker der Visuellen Anthropologie.
Nach Veröffentlichung der Ergebnisse in %DOLQHVH&KDUDFWHU$3KRWRJUDSKLF$QDO\VLV
1942 endete ihre intensive Feldphase, und Mead wandte sich der angewandten Forschung zu. Dazu gehörte für sie u.a. die Erforschung kulturell bedingter Ernährungsgewohnheiten und “ Studien über den nationalen Charakter der kriegsführenden Nationen (...), wobei sie auch hier wieder neue methodische Ansätze entwickelte” , z.B. die Erfassung von Kulturen aufgrund von Sekundärmaterial und Personenbefragung. 5
“ Stand zu Beginn von Meads Laufbahn das Studium von Kulturen, die bald durch den Einfluß der westlichen Zivilisation ihre Eigenart verändern oder verlieren würden, mit
3 N.V. Zanolli, Margaret Mead, in W. Marschall (Hg.), Klassiker der Kulturanthropologie, Von Montaigne bis Margaret Mead, C.H.Beck, München; 1990, S. 299f.
4 D. Freeman, Liebe ohne Aggression, Margaret Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker, Kindler, München, 1983, Kapitel 7, S. 116 - 130.
5 N.V.Zanolli, 1990, S. 308.
4
aller Dringlichkeit im Vordergrund, so sah Mead später (mindestens seit dem Bombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki - Anmerkung d. A.) als einen wichtigen Beitrag der Ethnologie die Beschäftigung mit dem kulturellen Wandel und die Anwendung der ethnologischen Forschung im Hinblick auf das Überleben des Menschen.” 6
Seit 1926 war Margaret Mead im American Museum of Natural History New York beschäftigt, diese Stelle behielt sie bis zu ihrem Tod, wobei die Zeit zwischen 1953 und 1978 die intensivste Museumsarbeit beinhaltete. In dieser Periode wurde Mead mehr und mehr zu einer öffentlichen Figur, vor allem durch Lehrtätigkeit an verschiedenen in- und ausländischen Universitäten, Auftritte in Radio, Fernsehen und der Presse als Repräsentantin der Anthropologie. 7
Wahrscheinlich begründete auch ihre häufige Präsenz und ihre Kommentare zu Fragen des alltäglichen Lebens ihren Ruf, den Prof. Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt abwertend mit “ Guru für alle brennenden Lebensfragen” 8 bezeichnet. Zanolli schreibt zum gleichen Thema, daß Mead 16 Jahre lang für eine Frauenzeitschrift an einer monatlichen Kolumne mitschrieb, “ in der sie sich zu einer Fülle von Themen äußerte und diese PHLVWHUKDIW aus ihrem Erfahrungsbereich kommentierte. Sie behandelte Themen wie
Kinder, Erziehung, Jugend, kulturelle Prägung, Sex und Ehe, die Stellung von Frauen in der Gesellschaft, die Zukunft der Familie, Rasse und ethnische Minoritäten, Religion und Ethik, Alter und Tod, Wissenschaft und Technik, Überbevölkerung, Hunger, internationale Beziehungen und Frieden.” 9 (Hervorhebung d.A.)
Ich denke, schon an diesen beiden Aussagen wird sichtbar, wie stark die Meinungen über Margaret Mead differieren. Genau diese Extreme werde ich im 3. und 4. Kapitel versuchen darzustellen.
6 Ebd., S. 309.
7 Ausführliche biographische Angaben bieten u.a. Jane Howard, Margaret Mead, A Life, New York, 1984; Mary Catherine Bateson, With a Daughter’ s Eye, A Memoir of Margaret Mead and George Bateson, New York, 1984.
8 I. Eibl-Eibesfeldt, Vorwort zu Derek Freeman: Liebe ohne Aggression, München, 1983, S.13.
9 N.V.Zanolli, 1990, S. 310.
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Ilka Borchardt, 1998, Margaret Mead und Derek Freeman, Ethnologische Autoritäten in der Krise, München, GRIN Verlag GmbH
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