Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Kognitive Zusammenbrüche 5
1. Raspe 5
a) Denk-/Wahrnehmungsproblematik 6
b) Die Suche nach Wahrheit. 7
c) Raspes Leben 9
2. Die Patienten 10
III. Die öffentliche Rolle des Rainald Goetz 11
IV. Literatur 14
2
I. Einleitung
In seinem Aufsatz „Dimensionen der Literatur. Ein spekulativer Versuch“ geht K. Ludwig Pfeiffer davon aus, dass die Kultur, der der moderne Roman (hier exemplarisch beschrieben an Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften) entspringt, eine „semantisch überlastete, zerdehnte“ 1 ist. Da sie zu vielschichtig und zu disparat zu sein scheint, ist es eine Kultur, die von niemandem in ihrer Gesamtheit verstanden werden kann.
Ziel dieser Arbeit ist es, herauszustellen, inwieweit der Autor Rainald Goetz mit diesem Phänomen umgeht, und wie es sich in seinen Texten niederschlägt. Für Goetz, dem es in seiner Arbeit stets um eine gewisse Wahrhaftigkeit und das Darstellen von „Wahrheit“ 2 geht, müsste sich durch eine solch „überlastete Kultur“ eine besondere (Schreib-) Problematik ergeben. Ein einheitlicher Handlungsstrang, eine stringent erzählte „Geschichte“ wäre kaum in der Lage, eine angemessene Wirklichkeitsdarstellung zu liefern zu können.
Dass ein Individuum einer solchen „semantischen Überlastung“ in und aufgrund unserer Alltagskultur anheimfallen kann, soll hier als Prämisse vorausgesetzt werden. Die Menge der auf den modernen Menschen einströmenden Informationen, Bilder und Signale übersteigt bei weitem die Kapazitäten, die das Hirn zu deren Verarbeitung bereitstellt. Auch lassen sich in Goetz’ Werk direkte Aussagen antreffen, die sich auf diese Problematik eines Übermaßes an zu verarbeitenden Informationen beziehen:
„Was hatte dieses Gehör alles aufnehmen müssen. Und wohin damit. [...] Was musste ein Gehirn wegdenken, um Ruhe zu finden für die Nacht.“ 3
Manchmal jedoch findet der Geist selbst in der Nacht keine Ruhe - die Verarbeitung gelingt nicht mehr:
„In der Nacht gibt es nur Fragen. In allem war so ein kreisender Stillstand. Hat die Welt einen Riß?“ 4
1 K. Ludwig Pfeiffer: Dimensionen der „Literatur“. Ein spekulativer Versuch. In: Hans Ulrich Gumbrecht und
K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.): Materialität der Kommunikation. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1988. S. 756.
2 Vgl. Rainald Goetz: Irre. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1983. S. 254.
Ders: Hirn. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1986. S. 108-110.
3 Ders.: Irre. S. 155-156.
4 Ebd., S. 219-220.
3
Pfeiffer weist in seiner Studie weiter darauf hin, wie sich das Problem in den Romanen großer rationalistischer Autoren wie Mann, Proust oder eben Musil niederschlägt:
„Bescheinigt man dem modernen Roman, er [..]besitze eine Reflexionsschärfe, die man manchem
Philosophen gönnen möchte [...], so ist dieses Urteil insofern schief, als Reflexion und semantische
Überdehnung des Dargestellten in solchen Romanen in die Zurückweisung der Denkansprüche
münden, ja narrativ in die stillschweigende Rehabilitierung der stummen Materialität und Präsenz
gänzlich anderer Situationen („der andere Zustand“ z.B. bei Musil) umschlagen.“ 5
Rainald Goetz könnte man im Gegensatz zu den oben Genannten wohl treffender als „Bewusstseinskünstler“ charakterisieren, als einen Autor also, der von ihn unmittelbar Umgebendem zehrt, anstatt sich zum Schreiben auf eine abstrakte Imaginationsebene begeben zu müssen. Umso stärker und „unmittelbarer“ müsste sich demzufolge eine solche „Überdehnung“ in seinen Texten niederschlagen.
Da Goetz gemeinhin als ein Autor angesehen werden kann, dem es um eine „Wirklichkeitskritik“ 6 geht, ist auch zu untersuchen, inwieweit er seine Texte benutzt, um solche Bewusstseinsproblematiken zu thematisieren. Lässt er seine Protagonisten „kognitive Zusammenbrüche“ erleiden, und welche Ziele verfolgt er damit?
Nach einer Definition beschreibt das Wort „Kognition“ „im engeren Sinne alle intellektuellen Leistungen im Gegensatz zu Emotion und Imagination“ 7 . Die Neuro- und Psychowissenschaften zählen neben der Sinneswahrnehmung als „Selbstreferenz in Nervensystemen“, dem Gedächtnis als „Ausdruck der Reaktivität des Nervensystems“ auch das Bewusstsein zu den „kognitiven Phänomenen“. Dieses existiert als „emergentes Phänomen in komplexen selbstreferentiell operierenden Nervensystemen“, was zur Folge hat, dass intellektuelle Leistungen „als kognitive Operationen in den Gesamtzusammenhang der Selbstregelung und Selbsterhaltung kognitiver Systeme gestellt und dadurch relativiert“ 8 werden.
Dieser Definition folgend, würde eine bewusst kritisierende Beschreibung eines kognitiv gestörten Individuums auch gleichzeitig eine Systemkritik darstellen: Das Bewusstsein des Einzelnen funktioniert nicht mehr richtig, da jener „Gesamtzusammenhang der Selbstregelung
5 Pfeiffer: Dimensionen der Literatur. S. 735.
6 Wolfgang Beutin u.a.: Deutsche Literaturgeschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart; Weimar:
Metzler 1994. S. 604.
7 . Gebhard Rusch: Kognition. In: Ansgar Nünning (Hrsg.): Metzler-Lexikon Literatur- und Kulturtheorie:
Ansätze - Personen - Grundbegriffe. Stuttgart; Weimar: Metzler 1998. S. 265.
8 Ebd.
4
kognitiver Systeme“ gestört ist. Anders ausgedrückt, ist von der Störung nicht nur das Gehirn betroffen, sondern der ganze Körper. Das Gedächtnis funktioniert vielmehr nur als „Ausdruck [...] neuronaler Erregung“ 9 . Das Versagen des Systems Körper auf seiner neuronalen Basis aber bedeutet das Versagen des Systems, das der Mensch kultiviert hat, um, mit Arnold Gehlen gesprochen, die „ungeheuere Reiz- oder Eindrucksoffenheit gegenüber Wahrnehmungen“ verarbeiten zu können, die daraus resultiert, dass der Mensch einer „tierischen Einpassung in ein Ausschnittmilieu“ entbehrt. Durch seine „Weltoffenheit“ ist er auf eine selektierende Instanz angewiesen, die ihn seiner Umwelt „enthebt“. Diese Instanz ist bei Gehlen die „Kulturwelt“ 10 die zivilisatorische Organisation.
Inwieweit diese bei Goetz verantwortlich für die Geisteskrankheit seiner Protagonisten ist, und inwieweit umgekehrt aus deren Krankheit Rückschlüsse auf ein „falsches System“ gezogen werden können, lautet eine weitere Frage, die berücksichtigt werden muss.
Zur Untersuchung eignet sich besonders sein Roman Irre von 1983, der, teilweise autobiografisch, von den Erfahrungen eines jungen Psychiaters in einer Klinik handelt.
II. Kognitive Zusammenbrüche
1. Raspe
Um die Frage nach den Ursachen kognitiver Zusammenbrüche in Irre zu untersuchen, möchte ich mich zunächst vor allem die Figur des Raspe, und hier auf den zweiten Teil des Buches beschränken, in dem der junge Arzt seine Arbeit in der Psychiatrie aufnimmt. Dies hat den Grund, dass bei der Bearbeitung dieses eher konventionell geschriebenen Abschnitts die Rolle der autobiografischen Elemente außen vor gelassen werden kann, was eine große Erleichterung bedeutet. Inwieweit sich nämlich der Autor Rainald Goetz im ersten und vor allem dritten Teil des Buches zu Wort meldet, kann im Rahmen dieses Abschnittes nicht erschlossen werden. Obwohl es einige Hinweise darauf gibt, dass es sich bei dem Ich-Erzähler des dritten Teils um Raspe handelt 11 , der hier auch mit Details aus Goetz’ Biografie 12 in Verbindung gebracht wird, man also annehmen könnte, Goetz hätte eine Art
9 Ebd.
10 Vgl. Arnold Gehlen: Das Bild des Menschen im Lichte der modernen Anthropologie. In: Karl-Siegbert
Rehberg (Hrsg.): Gesamtausgabe Arnold Gehlen. Frankfurt/M. Klostermann 1983. S. 127-143.
11 Vgl. Goetz: Irre. „Von links kommt auf dem Gehweg scharfen Schritts ein Gehender ins Bild, logischerweise
ich [...] Die sonore Stimme [Im Film, Anm.] sagt: Herr Raspe hat schlimme Tage hinter sich.“ S. 241-243.
12 Vgl. Ebd.: „Ich habe 2 Studien bis zu ihrem bitteren lächerlichen Ende zuende studieren müssen.“ S. 249-250.
5
Arbeit zitieren:
2002, Die Inszenierung kognitiver Zusammenbrüche in dem Roman Irre von Rainald Goetz, München, GRIN Verlag GmbH
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