7. Schluß: Uneinheitlichkeit im Diskurs S. 24
8. Anhang S. 25
1. Einleitung: Relevanz der Wortgruppe Partikeln
Vorbei sind die Zeiten, als Partikeln als „Füll- und Flickwörter“ 1 ohne Bedeutung galten und als Ausdruck eines schlechten Stils genommen wurden. Das Deutsche zeigt sich in der Alltagssprache, wie auch in der Literatur, als sehr partikelnreich. So bringt es diese Sprache auf etwa 13 Partikeln bei 100 Gesamtwörtern. Demgegenüber stehen im Französischen durchschnittlich sieben Partikeln auf 100 Gesamtwörter. 2
Partikeln werden häufig mit einer „relativen Bedeutungsarmut“ 3 belegt, das heißt aber nicht, daß sie für die Sprache unwichtig sind. Durch sie ist es möglich einer Äußerung eine „subjektiv - kommunikative“ Nuance zu verleihen. Sie schaffen ein bestimmtes Gesprächsklima, steuern die Konversation, zeigen das Verhalten der Kommunikationspartner zueinander, welche Voraussetzungen diese haben und welche Reaktionen erwartet werden. 4 Grad- und Steigerungspartikeln etwa bieten diverse Möglichkeiten Eigenschaften mit einer subjektiven Bezugsnote zu besetzen. In dieser Arbeit versuche ich die Partikeln - Auffassung, besonders Grad- und Steigerungspartikeln betreffend, verschiedener Forscher darzustellen und zu vergleichen, um einen Überblick über das Feld der Grad- und Steigerungspartikeln in der neueren Linguistik zu geben.
1
Vgl. Reiners, 1944, S. 282f.
2 Vgl. Helbig / Buscha 3 1994: Lexikon deutscher Partikeln. S. 11f.
3 ebenda, S. 12.
4 Vgl. ebenda, S. 13.
2. Grad- und Fokuspartikeln im DUDEN
Als Partikeln bezeichnet der DUDEN Wörter, die „der Form nach unverändert auftreten“ 5 , „keine eigentliche ( (nenn) lexikalische ) Bedeutung haben oder jedenfalls bedeutungsarm sind“ 6 und keine grammatische Funktion besitzen. Sie treten nicht als selbstständige Satzglieder auf, weder „als notwendige Ergänzungen noch als freie Angaben“ 7 .
Die Partikeln werden im DUDEN in fünf Subklassen unterteilt, die sich von semantischen Kategorien ableiten. Wichtig für das Thema der Steigerungspartikeln und Gradpartikeln sind die „Partikeln, die den Grad oder die Intensität angeben („Gradpartikeln“ 8 ) und die zweite vom DUDEN angegebene Partikelklasse, die Partikeln betrifft, welche der „Hervorhebung eines Teils einer Aussage dienen“ 9 , den „Fokuspartikeln“ 10 .
2.1 Gradpartikeln
Die Gradpartikeln, auch „Partikeln des Grades und der Intensität“ 11 , geben laut DUDEN den Ausprägungsgrad einer Eigenschaft an.
Gradpartikeln können mit Adjektiven, Adverbien und Verben verbunden sein. Weiterhin unterteilt DUDEN nach Intensitätsgrad der Gradpartikeln, so spricht er von einer möglichen schwachen ( „Die Wäsche ist ziemlich schmutzig.“ 12 ), einer starken ( „Der Film hat uns sehr gefallen.“ 13 ) und einer Ausbildung im „Höchstgrad“ 14 : „Die Wahl verlief äußerst spannend.“ 15 Laut DUDEN finden sich unter anderem in der Alltagssprache Adjektive, die unflektiert und ohne ihre ursprüngliche Bedeutung als Gradpartikeln auftauchen können: „Wir haben uns sehr amüsiert.“ 16
1998: Grammatik der deutschen Gegenwartssprache, S. 377.
6 ebenda, S. 377.
7 ebenda, S. 377.
8 ebenda, S. 377.
9 ebenda, S. 377.
10 ebenda, S. 377.
11 ebenda, S. 378.
12 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN .
13 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN.
14 ebenda, S. 378.
15 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN.
16 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN.
Das veraltete „beileibe“, „gar“ und „überhaupt“ stellen einen Sonderfall dar, welcher der Verstärkung einer Negation 17 dient: Das ist überhaupt keine Frage.“ 18 „Daran habe ich gar nicht gedacht.
Das ausschließliche Auftreten in der Verbindung mit Komparativen stellt bei den Wörtern „viel“ und „weitaus“ einen weiteren Sonderfall dar: „Dieser Weg ist viel kürzer.
Die gegnerische Mannschaft spielte weitaus besser.“ 19
2.2 Skalenpartikeln
Für die Wörter „erst“, „schon“, „noch“, „mindestens“, „wenigstens“ und „höchstens“ macht der DUDEN eine selbstständige Klasse auf: Die „Skalenpartikeln“ 20 . Sie beziehen sich auf eine Vergleichsskala und ergeben eine Stufung:
„Sie hat erst zwei Trainingsstunden gehabt. Er hat höchstens drei Glas Bier getrunken.“ 21
2.3 Fokuspartikeln
„Fokuspartikeln“, auch „Partikeln der Hervorhebung“ 22 , sollen den Aufmerksamkeitsbereich des Gegenübers auf einen bestimmten Aspekt des Satzes lenken. Ein Teil des Satzes wird zum „Informationskern“ 23 der Aussage 24 .
Fokuspartikeln beziehen sich auf mögliche Alternativen zur jeweiligen Bezugskonstituente, sie „heben aus anderen Möglichkeiten hervor, schließen andere Möglichkeiten aus oder ein:
17
DUDEN verweist an dieser Stelle darauf, daß „gar“ zumeist vor Adjektiven und Adverbien nur noch
in landschaftlicher Semantik vorkomme, meint damit aber wahrscheinlich bestimmte lokale
semantische Ausprägungen: Vgl. etwa in Süddeutschland: Das schmeckt gar so gut.
18 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN.
19 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN.
20 Vgl. ebenda, S. 378.
21 ebenda, S. 378, Hervorheb. durch DUDEN.
22 ebenda, S. 378.
23 ebenda, S. 379.
24 lat. „focus“: Brennpunkt, Herd.
3. Grad- und Steigerungspartikeln bei Helbig / Buscha
3.1 Klasse der Partikeln
Helbig / Buscha definieren die Klasse der Partikeln allgemein, indem sie zunächst auf deren Unflektierbarkeit verweisen. Da dieses Merkmal aber auch andere Wortklassen einschließt, benutzen sie für die Abgrenzung der Partikeln als eigene Wortklasse einen Meßkatalog mit sechs Kriterien:
I. Partikeln sind im Gegensatz zu Adverbien ( → Satzglieder ) und den Modalwörtern ( → mehr als ein Satzglied ) „keine selbstständigen Satzglieder“ 26 .
II. Aufgrund von I.) können Partikeln nicht allein die Stelle vor dem finiten Verb im deutschen Hauptsatz einnehmen. Adverbien und Adjektive hingegen schon:
„Die Nacht heute wird warm.
→ Heute wird die Nacht warm. ( Adverb )
Die Nacht wird vermutlich warm.
→ Vermutlich wird die Nacht warm. ( Modalwort )
Die Nacht wird sehr warm.
→ ⊗Sehr wird die Nacht warm. ( Partikel )“ 27
25 ebenda, S. 379. Hervorheb. durch DUDEN.
26 Helbig / Buscha 2001: Deutsche Grammatik, S. 421.
III. Im Gegensatz zu Adverbien und Modalwörtern können Partikeln nicht als selbstständige Antworten auf Ergänzungs- und Entscheidungsfragen stehen:
„Kommt er heute? - Vermutlich. ⊗Spät. ⊗Nur. ( Entscheidungsfrage ) Wann kommt er heute? - ⊗Vermutlich. Spät. ⊗Nur. ( Ergänzungsfrage )“. 28
IV. Partikeln verändern nicht den Wahrheitsgehalt von Sätzen:
„Es ist ja wieder heiß. ( = Es ist wieder heiß. )
( Abtönungspartikel )
Nur der Spezialist konnte ihm helfen. ( = Der Spezialist konnte ihm helfen.) ( Gradpartikel )“ 29 .
V. Sätze mit syntaktischer Eliminierung der Partikeln werden nicht ungrammatisch:
Das ist ja toll. → Das ist toll. (eigenes Beispiel )
VI. Trotz ihrer syntaktischen Eliminierbarkeit und ihrer fehlenden Auswirkung auf den Wahrheitswert von Sätzen modifizieren Partikeln eine Aussage in bestimmter Weise. Die Art der Äußerungsmodifikation, sowie die Bezugskonstituente der Modifikation machen eine Unterscheidung verschiedener Subklassen von Partikeln möglich.
Unter Partikeln verstehen Helbig / Buscha morphologisch unflektierbare Wörter, denen bestimmte syntaktische Merkmale gegenüber anderen unflektierbaren Wörtern fehlen. So besitzen sie keine Satzwertigkeit ( Vgl. Satzäquivalente und Modalwörter ), keine Satzgliedwertigkeit ( Vgl. Adverbien ) und „keinen primären Fügewert“ 30 ( Vgl. Präpositionen, Konjunktionen und Subjunktionen ).
27
ebenda, S. 420, Hervorheb. durch Helbig / Buscha.
28 ebenda, S. 420, Hervorheb. durch Helbig / Buscha.
29 ebenda, S. 420, Hervorheb. durch Helbig / Buscha.
30 ebenda, S. 421.
3.2 Die Subklassen Grad- und Steigerungspartikeln
3.2.1 Gradpartikeln
Helbig / Buscha beginnen bei der Klassifizierung der Gradpartikeln mit einem syntaktisch - semantischen Merkmal: Gradpartikeln heben sich von anderen Partikeln zunächst dadurch ab, daß sie sich nicht auf den gesamten Satz, sondern auf eine bestimmte Konstituente 31 des Satzes beziehen:
„ (...) Sogar Christine hat Peter zum Geburtstag gratuliert.
Christine hat sogar Peter zum Geburtstag gratuliert. Christine hat Peter sogar zum Geburtstag gratuliert.“ 32 , 33
Die Funktion der Gradpartikeln liegt für Helbig / Buscha im sematischen und nicht im kommunikativen Bereich, denn die im Satz ausgedrückte Behauptung ( Assertion ) 34 wird durch die Gradpartikeln „eine quantifizierende und / oder skalierende Bedeutung“ 35 hinzugefügt. Hinzu kommt, daß Gradpartikeln bestimmte Voraussetzungen ( Präpositionen ) markieren können:
„(d) Nur Jörg hat die Wahrheit gesagt.
(e) Auch Jörg hat die Wahrheit gesagt. (f) Sogar Jörg hat die Wahrheit gesagt.“ 36
3.2.2 Quantifizierende / skalierende Interpretation
Die Autoren stellen fest, daß es für Gradpartikeln die Möglichkeit gibt, in skalierender oder quantifizierender Funktion aufzutreten. Die Assertion, also die Aussage des jeweiligen Satzes ohne Partikel, ist in den Sätzen d - f die gleiche: Jörg hat die Wahrheit gesagt. Die Präsuppositionen unterscheiden sich jedoch:
32 ebenda, S. 422, Hervorheb. durch Helbig / Buscha, unterstrich. ( = Bezugskonstituente ) durch
Verfasser.
33 Intonatorisch fällt hier auf, daß der jeweilige Skopus betont wird.
34 Vgl. Helbig / Buscha 2001, S. 422.
35 ebenda, S. 422, Hervorheb. durch Helbig / Buscha.
Arbeit zitieren:
Helmut Wagenpfeil, 2002, Grad- und Steigerungspartikeln, München, GRIN Verlag GmbH
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