II
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S.1
2. Theorie S.2
2.1 Was ist Postmoderne? S.2
2.2 Revue der philosophischen Postmoderne-Diskussion S.2
2.2.1. Die Postmoderne negativ S.3
2.2.2. Die Postmoderne positiv S.4
2.2.3. Die Postmoderne kritisch S.7
2.3 Ansichten weiterer Disziplinen S.7
2.4 Generierung eines Postmodernebegriffs als Basis für die weitere Arbeit S.9
3. Übertragung der Theorie auf die Animationsserie „The Simpsons“ S.10
3.1 Postmoderne in Film und Fernsehen S.10
3.2 Postmoderne Elemente der Serie „The Simpsons“ S.11
3.2.1. Mehrfachcodierung S.11
3.2.2. Intermedialität und Zitate S.12
3.2.3. Dekonstruktion von Linearität S.13
3.2.4. Pluralität der Themen und Diskontinuität der Erzählstränge S.15
3.2.5. Humor, Satire S.15
3.3. Traditionelle Elemente der Serie „The Simpsons“ S.16
3.4. Ist die Serie „The Simpsons“ postmodern? S.17
4. Postmoderne Aufklärung S.18
4.1. Was ist postmoderne Aufklärung? S.18
4.2. Betreibt die Serie „The Simpsons“ postmoderne Aufklärung? S.19
5. Ausblick S.20
Anhang
I. Quellenverzeichnis
1. Literatur
2. Zitierte Simpsonsepisoden
II. Eiderstattliche Erklärung
1
1. Einleitung
Dietrich Diederichsen 1 behauptet „The Simpsons“ betreibt postmoderne Aufklärung. Doch was ist überhaupt unter „postmodern“ zu verstehen? Und wie betreibt die Serie Aufklärung und Kritik?
Zunächst möchte ich die Frage klären, was unter dem umstrittenen und sehr unterschiedlich definierten Begriff „Postmoderne“ verstanden wird. In Teil 2 meiner Arbeit werde ich mich mit verschiedenen philosophischen Definitionen der Postmoderne und Ansätzen weiterer Disziplinen beschäftigen um dann eine allgemeine Postmodernedefinition zu generieren, welche der weiteren Arbeit als Grundlage dienen soll.
Im Folgenden möchte ich konkreter auf den Bereich des Films und der Fernsehens eingehen und die philosophischen Postmoderne-Ansätze auf die Serie „The Simpsons“ beziehen. Hierbei werde ich in Teil 3 meiner Arbeit einzelne prägnante postmoderne Filmelemente beschreiben und diese an verschiedenen Simpsonsepisoden belegen. Weiter stelle ich auch traditionelle Elemente, die bei den Simpsons auftauchen vor. Nun stellt sich die Frage ob die Serie „The Simpsons“ eine postmoderne oder doch eine traditionelle Serie ist und in wieweit und durch welche Mittel sie Kritik an der USamerikanischen Gesellschaft übt. In Teil 4 meiner Arbeit werde ich erörtern ob „The Simpsons“ im Sinne Diederichsens postmoderne Aufklärung betreiben.
2
2. Theorie
2.1 Was ist Postmoderne?
Der Begriff „Postmoderne“ taucht in verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen, im Feuilleton und im Alltag auf. Doch was ist damit gemeint? Bezeichnet die Postmoderne den Verfall großer Ideen, die Hinwendung zur Willkür, auf die nur das Ende, die Apokalypse folgen kann? Oder akzeptiert die Postmoderne erstmals, dass es Pluralität gibt und eröffnet den verschiedenen Disziplinen die Freiheit sich gegenseitig zu bereichern? Bricht die Postmoderne mit der Moderne, indem sie ihre Ideen zersetzt? Oder bildet die Postmoderne eine Weiterführung und eben keinen Bruch mit der Moderne und ist demnach eher als „Spätmoderne“ zu bezeichnen?
„Postmoderne“ wird im philosophischen Diskurs zum Thema gemacht, die Soziologie beschäftigt sich mit post-industriellen Gesellschaften und in Architektur, Literatur, bildender Kunst wie in den Medien gibt es die verschiedensten postmodernen Strömungen. Der Begriff „postmodern“ wird zunehmend inflationär und oft mit wertender Konnotation verwendet. Das Verständnis von „Postmoderne“ divergiert innerhalb sowie zwischen den einzelnen Disziplinen stark. Im Folgenden möchte ich einen Überblick über verschiedene philosophische Ansätze geben und dann auf Postmoderneansätze in weiteren Disziplinen eingehen.
2.2 Revue der philosophischen Postmoderne-Diskussion
In der philosophischen Diskussion kann man zwei gegensätzliche Strömungen, eine apokalyptisch-fatalistische und eine positiv-pluralistische, unterscheiden. Zudem streiten sich Philosophen über den Bezug der Postmoderne zur Moderne. Einige sehen die Postmoderne, wie das Wort suggeriert, als eine Anti-Moderne, also nach der Moderne stehend und durch einen Bruch von ihr getrennt. Andere sehen die Postmoderne eher als Spät-Moderne, also als eine weiterentwickelte Moderne. Hier gibt es verschiedene Ansichten, doch es besteht der Konsens, dass die Postmoderne Elemente der Moderne aufnimmt und sie dekonstruiert. Dies kann als Bruch wie auch als Weiterführung der Moderne gewertet werden.
1 Vgl. Diederichsen, Dietrich: Die Simpsons der Gesellschaft. In: Gruteser, Michael/Klein, Thomas/Rauscher,
3
2.2.1. Die Postmoderne negativ
Einerseits wird die Postmoderne als negatives Szenario gesehen, indem durch Pluralität die großen Ideen verloren gehen und eine Beliebigkeit und Indifferenz im Sinne von „anything goes“ 2 aufkommt. Die Welt wird immer differenzierter, so dass es keine ganzheitliche Geschichte mehr geben kann und man unweigerlich auf das Ende zuschreitet, bzw. das Ende schon überschritten hat. Weege erwähnt Vertreter der Posthistorie, wie Gehlen, welche diese Zeit als eine Zeit definieren, in der keine Innovationen mehr möglich sind, es alles schon gegeben hat und es von nun an keine Weiterentwicklung und keine Schaffung von Neuem geben wird. 3
Ein Hauptvertreter der pessimistischen Postmodernetheorien ist Baudrillard. 4 Seine differenzkritische These besagt, dass mit Zunahme der Differenz auch die Vergleichgültigung einher gehe. Die Differenzen heben sich gegenseitig auf, „dass es so zu einer gigantischen Implosion allen Sinns zu einem Übergang in universelle Indifferenz kommt.“ 5 Alles ist schon da gewesen. Utopien werden nicht mehr benötigt, da sich alle Utopien der Moderne erfüllt haben. „Ich meine, dass alles schon passiert ist. Die Zukunft ist angekommen, alles ist schon da. Es lohnt sich nicht, zu träumen oder irgendeine Utopie der Umwälzung oder der Revolution zu nähren. Es ist schon alles umgewälzt. Ich meine, alles hat seinen Ort verloren Es ist keine Übertreibung, wenn wir sagen, alles sei schon eingetreten.“ 6 In der Gegenwart ist es unmöglich geworden zwischen Wirklichkeit und Simulation zu unterscheiden, da Wirklichkeit durch Information konstruiert wird. Das Reale existiert nicht mehr. Weege betrachtet Baudrillard als Posthistoriker 7 , denn wenn es keine Innovationen mehr gibt ist die Geschichte vorbei.
Andreas (Hrsg.):Subversion zur Prime-Time. Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft. Marburg 2002.
2 Feyerabend nach Weege, Wolfgang: Unsere postmoderne Moderne. Berlin 1993. S. 135.
3 Weege distanziert sich von der Posthistorie-Diagnose, welche er für „passiv, bitter oder zynisch und allemal
grau“ hält. Ebd., S.18.
4 Werke Jean Baudrillards zur Postmoderne, u.a.: Der symbolische Tausch und der Tod 1982 (franz. Original
1976), Agonie des Realen 1978, Der Tod der Moderne 1983.
5 Baudrillard nach Weege, S. 149.
6 Baudrillard nach Weege, ebd. S. 150.
4
2.2.2. Die Postmoderne positiv
Andererseits wird die Postmoderne positiv-pluralistisch gesehen. Im Gegensatz zur negativen Auffassung der Posthistorie wird die Postmoderne hier als „aktiv, optimistisch bis euphorisch und jedenfalls bunt“ 8 betrachtet. Man wird sich der Tatsache bewusst, dass die Kultur und das Leben pluralistisch ist, dass es nicht die eine große Erzählung, weder die Gottes noch die der Vernunft, geben kann. Die verschiedenen Fragmente der Gesellschaft befruchten sich gegenseitig und man lernt mit den Dissonanzen, die diese Pluralität bringt, zu leben und sie als bereichernd und nicht als unvereinbar zu sehen.
Foucault beschreibt in seinem 1966 erschienenen Buch „Le mots et les choses“ (Die Ordnung der Dinge) radikale Brüche innerhalb der Typik des Wissens und zeigt damit eine Diskontinuität des Wissens auf. Foucault schließt an die strukturalistischen Gedanken Lévi-Strauss´ 9 an und beschreibt die Wissensarten als oberflächlich different, aber im Grunde ein und derselben episteme, der selben Erkenntnis, zugehörig. Andererseits distanziert er sich von der strukturalistischen Haltung, indem er die Heterogenität nacheinanderfolgender Wissensarten betont. Im Nachhinein wird er als Initiator des „Poststrukturalismus“ gesehen. Foucault selbst hat sich nicht als Theoretiker der Postmoderne bezeichnet, hat aber mit seinen Überlegungen zur Diskontinuität des Wissens die Diskussion zum Thema angeregt. 10 Deleuze und Derrida äußern sich beide im Jahr 1968 in Anschluss an Foucault zum Thema. 11 Beide Autoren betonen die Pluralität und die Differenzen, welche sich nicht auf ein Identisches, auf etwas Metaphysisches oder einen universellen Code beziehen, sondern ein „informelles Chaos“ 12 bilden. Deleuze beschreibt das informelle Chaos mit dem Sinnbild des Rizoms, des Wurzelwerks. Die Wurzel und der Trieb sind nicht zu unterscheiden, beide stehen im wechselseitigen Austausch, es gibt Überschneidungen, Verbindungen und Differenzen, welche unsystematisch auftauchen. 13 Derrida vertritt ebenfalls eine radikalpluralistische Auffassung. Die Differenz ist das Ursprüngliche, es gibt, wie bei Deleuze, eine
7 Vgl. Ebd., S.152.
8 Ebd., S. 18.
9 Der Strukturalismus versucht einen Nachweis einer Fundamentalstruktur, die allen Hervorbringungen des
Geistes zugrunde liegt. Alle geschichtlichen Gegebenheiten lassen sich auf vor-geschichtliche Strukturen
zurückführen.
10 Vgl. zu diesem Abschnitt: Weege, S. 140f.
11 Gilles Deleuze: Différence et répétition, Jacques Derrida: Les fins de l´homme (Vortrag) - beide 1968.
12 Deleuze nach Weege, S. 142.
5
Verstreuung und Kreuzung der einzelnen Stränge. Es gibt nach Derrida keine Wahrheit an sich, die Wahrheit tritt als Streuung auf. 14 Mit dem Übergang in die Postmoderne wird das Ursprüngliche der Differenz angenommen und man begibt sich weg von den zwanghaften Versuchen diese Differenz zu überwinden. Eine wichtige Rolle spielt bei Derrida der Gedanke der Dekonstruktion. Derrida wendet sich gegen die Dialektik, welche alles auf den selben Nenner zu bringen versucht und befürwortet die Dekonstruktion dieser totalitären Denksysteme. Auch Derrida bezeichnet sich selbst nicht als Postmodernist oder Poststrukturalist.
Lyotard publiziert 1979 die Schrift „Das postmoderne Wissen“ und macht sich damit zum Hauptvertreter der Philosophie der Postmoderne. 15 Er geht von der Frage aus, wie sich das Wissen der Menschen in den industriell weitentwickelten Staaten durch die Informations-Technologien verändern wird. 16 Das Wissen verändert sich. Das Wissen war von der Bildung abhängig und hatte einen Gebrauchswert, nun wird es zunehmend als Produkt mit Tauschwert gesehen. 17 Die Anzahl der „Sprachen“, wie zum Beispiel Computercodes, Informatik, Sprachen der Automaten und der Technologien, nehmen im Informationszeitalter zu. Die Wichtigkeit des Wissens wird nach seiner Übersetzbarkeit definiert. 18 Das moderne Wissen hat die Form der Einheit, der großen Meta-Erzählungen, wie die der Aufklärung oder des Idealismus. Das postmoderne Wissen hingegen besteht aus vielen parallelen Sprachen 19 , die Einheit und die Totalität wird in der Postmoderne unzulänglich. 20 Für Lyotard ist die Postmoderne auf die Moderne bezogen. Doch die Postmoderne wiederholt nicht Elemente der Moderne, sie geht weiter, hinterfragt und dekonstruiert die Moderne. 21 Das was die Moderne ausmacht, nämlich die großen Meta-Erzählungen, werden von der Postmoderne zerstört: „In äußerster Vereinfachung kann man sagen: `Postmoderne` bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt.“ 22 Die Charakteristika der Postmoderne sind für Lyotard der positive Pluralismus, die Inkommensurabilität und die Paralogien. Inkommensurabilität, Unvergleichbarkeit, bedeutet das Wegfallen von einer einzigen Wahrheit. Es gibt viele „Wahrheiten“, welche auf bestimmte Gegenstände zielen und eben
13 Vgl. Ebd., S. 142.
14 Vgl. ebd., S. 147.
15 Vgl. ebd., S. 35.
16 Nach Weege ist Lyotard nicht, wie z.B. von Charles Jencks behauptet Technokrat, sondern technologie-
kritisch. Vgl. ebd., S. 32.
17 Vgl. Lyotard, Jean-Francois: Das postmoderne Wissen. Ein Bericht. Graz/Wien/Böhlau 1986. S. 24.
18 Vgl. ebd., S. 23.
19 Die Praxis der Sprachspiele ist für Lyotard typisch postmodern. Vgl. ebd, S. 36-41.
20 Vgl. Weege, S. 32.
21 Vgl. Lyotard, Jean-Francois mit anderen: Immaterialität und Postmoderne. Berlin 1985. S. 39.
Arbeit zitieren:
Wiebke Wolter, 2004, Postmoderne Elemente der Serie "The Simpsons". Betreiben die Simpsons postmoderne Aufklärung?, München, GRIN Verlag GmbH
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