INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung 4
1. Ausgangsbedingungen und Grundlagen der Untersuchung 10
1.1. Das Menschenbild Alfred Adlers 10
1.2. Schlüsselbegriffe der Individualpsychologie 12
1.2.1. Minderwertigkeitsgefühl 12
1.2.2. Kompensation 13
1.2.3. Gemeinschaftsgefühl 13
1.2.4. Lebensstil 14
1.3. Aufbau und Institutionalisierung der individualpsychologischen
Schule bis 1945
15
1.4. Wissenschaftstheoretische Fundierung der Individualpsychologie 18
1.4.1. Selbstaussagen Adlers 19
1.5. Zusammenfassung der wissenschaftstheoretischen Entwicklungen
von Adler bis zur Gegenwart
20
1.5.1. Übertragung der neuen Ansätze auf die Psychologie 22
1.6. Standortbestimmung und Motivation der Verfasserin 23
1.6.1. Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entwicklung 26
2. Neue Untersuchungen zur Geschichte der Individualpsychologie 30
2.1. Reorganisation und Professionalisierung der individualpsychologi-
schen Schule nach dem 2.Weltkrieg bis zur Gegenwart
30
2.2. Auseinandersetzung mit der Organisationsstruktur der
Individualpsychologie
33
2.3. Auseinandersetzung mit der Geschichte der Individualpsychologie 40
2.3.1. Verhalten von Individualpsychologen während des Faschismus 43
2.3.2. Sperber und die Individualpsychologen heute 47
2.4. Zusammenfassung 51
55 3.1. Rovera (1978)
56 3.2. Antoch (1981)
59 3.3. Handlbauer (1984)
60 3.4. Winkler (1989)
62 3.5. Schlott (1993)
63 3.6. Zusammenfassung
68 4. Neue theoretische Untersuchungen zur Individualpsychologie
Individualpsychologie und Psychoanalyse 75 4.2.
Individualpsychologische Konzepte 80 4.3.1.
Finalität 80 4.3.1.1.
Einheit und Ganzheit 83 4.3.1.2.
Individualpsychologische Konstrukte 84 4.3.2.
Minderwertigkeitsgefühl und Kompensation 85 4.3.2.1.
Gemeinschaftsgefühl 87 4.3.2.2.
Lebensstil 93 4.3.2.3.
Das Apperzeptionskonzept als paradigmatischer Theoriekern 95 4.3.3.
Zusammenfassung 96 4.4.
Praxis der Individualpsychologie heute 98 5.
Die Patient-Therapeut-Beziehung im psychotherapeutischen Prozess 100 5.1.
Patienten mit frühen, defizitären Störungen 101 5.1.1.
Spezifische Behandlungstechniken 107 5.1.2.
Gruppenpsychotherapie 111 5.2.
5.3. Ausbildungssituation 114
5.4. Zusammenfassung 122
6. Individualpsychologie und andere Psychotherapieschulen 125
6.1. Verhaltenstherapie 127
6.2. Familientherapie 130
6.3. Klientenzentrierte Psychotherapie 134
6.4. Körperzentrierte Psychotherapie 138
6.5. Zusammenfassung 144
7. Individualpsychologie und Akademische Psychologie heute 147
7.1. Grundlagenfächer 149
7.2. Anwendungsfächer: Klinische Psychologie 151
7.2.1. Krankheitsmodelle 153
7.2.1.1. Unterscheidung zwischen Beratung und Psychotherapie 157
7.2.2. Psychotherapieforschung 161
7.2.2.1. Integrationsmodelle 167
7.3. Psychotherapieschulen und Psychotherapeutengesetz 170
7.4. Zusammenfassung 174
8. Schlussfolgerungen und Ausblick 176
Literaturverzeichnis 185
Einleitung
Adler (1870-1937) stellt uns mit der Individualpsychologie (IP), einem vor allem aus der Therapiepraxis entstandenen psychologischen System, ein erstes Gesamtpsychotherapiemodell vor, das sowohl die normale Psyche als auch Neurosen, Psychosen, Psychopathien, Prävention und Rehabilitation umfasst. Auf-grund der Ergebnisse der Psychotherapieforschung ist die Suche nach einem umfassenden Psychotherapiemodell auch ein wichtiges Thema der Klinischen Psychologie heute. Adlers Persönlichkeitstheorie, seiner Beschreibung und Erklärung des Phänomens seelischer Krankheit, der von ihm betonten Nähe seines psychologischen Systems zu anderen Wissenschaftsbereichen, vor allem zur Pädagogik und Soziologie, ist eine teleologisch-ganzheitliche und die Aktivität des Subjekts betonende Sichtweise immanent, die ebenfalls sehr aktuell anmutet.
Schon in der Zeit vor seiner Zusammenarbeit mit Freud trat Adler für die Sozialmedizin ein und machte auf die gesellschaftlichen Faktoren der Krankheitsentwicklung aufmerksam. In den 20er Jahren im "roten" Wien haben er und seine Schüler die IP explizit zu einer Praxis ausgebaut, die sich der Prophylaxe von Entwicklungsbehinderungen verschrieben hat. Prophylaxe auf dem Gebiet seelischer Gesundheit ist ein gesellschaftlich eingefordertes Gebot der Gegenwart.
Adler glaubte im Sinne des Präventionsgedankens, dass man Gemeinschaftsgefühl methodisch trainieren könnte und müsste. Viele Konzepte von Verhaltensänderungen, die die Identifizierung mit sozialen Zielen zum Inhalt haben, haben ihre theoretischen Wurzeln in den Intentionen Adlers, auch wenn deren Verfasser sich selten direkt auf ihn beziehen. Ellenberger (1985) spricht von dem "verwirrende(n) Phänomen kollektiver Verleugnung von Adlers Werk" und bezeichnet seine Lehre als "une carrière publique" (einen öffentlichen Steinbruch) (S.873). Mit der Akzentuierung sozial-praktischer Ideale in seiner Individualpsychologie kann Adler als früher Anmahner des in der heutigen Psychologie häufig fehlenden Theorie-Praxis-Bezugs angesehen werden. Er leugnet nicht, dass in seiner Psychologie "ein Stück Metaphysik" zu finden ist (z.B. in Bezug auf das Gemeinschaftsgefühl sub specie aeternitatis). Heute besteht der Drang, die Metaphysik aus dem wissenschaftlichen Denken zu verbannen, obwohl die Analyse wissenschaftlicher Konzepte beweist, dass metaphysische Prämissen als unbemerkte Leitlinien den wissenschaftlichen Prozess strukturieren. Adlers moralische Imperative sind unübersehbar, was nicht unproblematisch ist. Andererseits wird immer unüberhörbarer auch von Wissenschaftlern soziale Verantwortung, wenn nicht sogar Anleitung zum Handeln in
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einer Welt gefordert, die wegen der Tatsache, dass keine Philosophie, kein Wertsystem die Menschen unserer Tage eindeutig verpflichtet, eine tiefe Krise durchschreitet.
Auch Bastine (1992) stellt in seinem Lehrbuch der Klinischen Psychologie fest, dass es eine "moralische Neutralität" in der Psychotherapie nicht geben könne. Sowohl in der Praxis als auch in der Forschung sei sie "immer mit moralischen, philosophischen, religiösen, politischen u.a. wertbezogenen Entscheidungen verbunden" (S.192). Adler hatte den Mut, die daraus sich ergebende Verantwortung des Wissenschaftlers und Psychotherapeuten anzuerkennen und auf sich zu nehmen. 1
Was ist aus Adlers IP, fast 60 Jahre nach seinem Tod, geworden? Sie ist, vor allem nach ihrer fast vollständigen Auflösung in den deutschsprachigen Ländern während des 2.Weltkriegs (Adler war bereits 1935 in die USA emigriert), zunehmend in Vergessenheit und/oder in Misskredit geraten und länger als die Psychoanalyse stumm geblieben. Seit den 60er Jahren jedoch entwickeln ihre Anhänger neues Selbstbewusstsein, publizieren, institutionalisieren sich und nehmen seit 1979 auch an der Krankenkassenversorgung teil. In auffälligem Gegensatz zu diesen Aktivitäten steht ihre (von Adler übernommene?) weitgehende Abstinenz gegenüber der Akademischen Psychologie bzw. die der Akademischen Psychologie gegenüber der IP. Wie ist diese Abstinenz zu erklären?
In meiner Arbeit möchte ich einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten, ob die IP als eine der ältesten Psychotherapie-Schulen im theoretischen Diskurs und in der psychotherapeutischen Praxis dennoch mit dem Erkenntnisstand der Akademischen Psychologie Schritt halten und in welchem Maß sie auch in unserer heutigen Gesellschaft Anteil an der Lösung oder Linderung psychischer Störungen und Krankheiten haben kann. Ob eine psychologische Theorie und die aus ihr sich ergebende Praxis relevant sind, hängt weniger davon ab, dass sie die wissenschaftliche Mode eines bestimmten historischen Zeitabschnitts repräsentieren. Ihre Leistungsfähigkeit wird vielmehr dadurch bewiesen, dass mit ihr auch die psychologischen und sozialen Phänomene einer späteren Epoche erklärt und verstanden werden können. Es geht also um das der IP immanente Entwicklungspotential, um seine konkrete Nutzung in der Gegenwart und um mögliche Entwicklungsbehinderungen.
1 Soziales Interesse und die Fähigkeit zur Kooperation, für Adler Maßstab seelischer Gesundheit, stellen zudem kein parteipolitisches Programm, sondern grundsätzliche Voraussetzungen für das Leben in einer menschlichen Gesellschaft dar. Dass Adler sich von keiner ideologischen Gruppierung vereinnahmen ließ, haben einige seiner Schüler dagegen sehr deutlich spüren müssen.
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Entwicklung heißt immer: Öffnung in die Zukunft hinein. Somit stellt sich auch die Frage, ob die IP als offenes System bezeichnet werden kann. Ist sie eventuell geeignet und darüberhinaus auch wirklich geneigt, den leidigen Schulenstreit mit beenden zu helfen oder trägt sie eher zur Verhärtung und Abgrenzung der Psychotherapie-Schulen bei? Adler (1933b, 1975) selbst hat noch Anlass zu dieser Art von Entwicklung gegeben, indem er die IP folgendermaßen beschrieb: "Ihrem ganzen Wesen nach ist sie begierig, aus allen Wissens- und Erfahrungsbereichen neue Anregungen zu empfangen und sie dorthin zu geben. In diesem Sinne ist und war sie immer Überbrückungsarbeit" (S.98). Es gilt zu bedenken, dass Adler seine Ideen nur so entwickeln konnte, wie er es tat, weil es der Aufklärungsstand der damaligen Zeit ermöglichte. Aber die Zeit fließt weiter, und es besteht stets die Gefahr, dass aus fließendem Wissen dogmatisches Erfahrungswissen wird. Eine wichtige Ursache für Reduktion und Dogmatik liegt im Personenkult und in der Idealisierung, die wenig Raum für kritische Forschung und Entdeckung neuer Perspektiven lassen. Haben heutige "Adlerianer" diese Gefahr zu vermeiden gewusst?
Um mein Thema einzugrenzen, werde ich mich in meiner Untersuchung hauptsächlich auf die deutschsprachige IP beziehen. Schwerpunkt der Analyse ist die Entwicklung nach dem 2.Weltkrieg, besonders die Diskussionen, die in IP-Kreisen ab 1976 geführt wurden, dem Jahr, in dem der 1. Internationale Nachkriegskongress in Deutschland (München) stattfand. Auf diesem Kongress wurde die Frage nach der Identität der IP klar gestellt und äußerst kontrovers diskutiert (s. das Symposium mit dem Thema: Ist die IP eine Tiefenpsychologie?). Eine weitere Eingrenzung (im Bereich der Weiterentwicklungen in der Praxis) besteht in der Konzentration auf die Beziehungsgestaltung der IP-Psychotherapie. Eine Untersuchung der Weiterentwicklung von praktischen pädagogischen Konzepten, etwa in Form von IP-Versuchsschulen, wie sie in Wien inzwischen wieder bestehen oder wie sie z.B. Corsini beschreibt, wird hier nicht geleistet.
Zum Stand der Literatur: Eine kritische Aufarbeitung der Geschichte der IP bis 1945, die ihre Institutionalisierung und Professionalisierung umfasst, liegt zu großen Teilen bereits vor (Bruder-Bezzel, 1983, 1991 und Handlbauer, 1984). Die Zeit nach dem 2.Weltkrieg, die für die Themenstellung dieser Arbeit von großer Bedeutung ist, ist allerdings ein noch vernachlässigter Bereich. Die Untersuchungen hierzu fallen entweder sehr knapp (Bruder-Bezzel, 1991) oder einseitig (Lehmkuhl & Lehmkuhl, 1990) aus. Ich werde u.a. anhand der Auseinandersetzung mit den Kongressberichten der Internationalen Vereinigung der Indi-
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vidualpsycholgen und der Berichte der drei Wissenschaftskommissionen, die Walter Spiel als Vereinspräsident 1982 ins Leben rief, einige neue Gesichtspunkte erarbeiten. An dieser Stelle werden auch die Vor- und Nachteile geschlossener Systeme (wie Vereine und Ausbildungsinstitutionen es oft werden können) diskutiert. Selbst innerhalb dieser geschlossenen Systeme, die ihre Legitimation z.T. auch mit der Identitätssuche begründen, zeigen sich Aufsplitterungen in einander bekämpfende Gruppierungen (z.B. nordamerikanische IP vs. europäische IP).
Auch neuere wissenschaftstheoretische Untersuchungen zur IP sind selten. Ich habe vor, die wenigen Arbeiten zu diesem Thema, die relativ unverbunden nebeneinander stehen, nach ihrer erkenntnistheoretischen Ausrichtung zu betrachten und ihre Relevanz einzuschätzen.
Für den Bereich der Theorieentwicklung ist Literatur vorhanden, die ich themenzentriert zu systematisieren versuche (etwa: Aufgreifen und Ergänzen der Theorien des "jungen Adler" vs. "alten Adler"). Hierbei interessiert mich, inwieweit das Favorisieren bestimmter Perioden Adlerscher Theorieentwicklung eventuell eher mit Institutionalisierungs- als mit Erkenntnisfragen zusammenhängt.
Um herausfinden, welche Rolle der IP innerhalb der aktuellen Psychothera-pielandschaft zukommt und welche Bedeutung ihr von der akademischen Psy-chotherapieforschung zugemessen wird, ist sowohl die Kenntnis der Geschichte der IP-Schule und ihrer Anhänger erforderlich als auch die der Akademischen Psychologie, besonders der Klinischen Psychologie. Sie haben sich jeweils in der Reaktion auf einen bestimmten historischen und kulturellen Kontext entwikkelt und wirken ihrerseits auf das gegenwärtige Selbstverständnis ein.
Methodisch werde ich "Entwicklungsaspekte" (s.u.) auf verschiedenen Ebenen, obwohl sie natürlich alle miteinander zusammenhängen, der Übersichtlichkeit halber getrennt voneinander untersuchen, um dadurch eventuelle Weiterentwicklungskonzentrationen bzw. -defizite in einzelnen Bereichen deutlicher herausarbeiten zu können. Ich orientiere mich chronologisch an wichtigen Veröffentlichungen von Individualpsychologen 2 , und zwar vor dem Hintergrund der zum jeweiligen Zeitpunkt stattfindenden Institutionalisierungs- und Professionalisierungsbestrebungen. Dadurch hoffe ich, die unterschiedlichen Gesichtspunkte der Verfasser, die ja in einem Diskurs miteinander stehen, ihre Menschenbildannahmen und Denkstrukturen besser identifizieren zu können. Mich
2 vor allem in der Zeitschrift für Individualpsychologie (ZfIP) und in den Beiträgen zur Individualpsychologie, die einen repräsentativen Querschnitt der Meinung heutiger Individualpsychologen darstellen.
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interessiert besonders, welche Verbindungen bzw. Brüche zwischen Akademischer Psychologie und IP in den verschiedenen Bereichen (Wissenschaftstheorie, Theorie, Praxis) feststellbar sind und welche möglichen Erklärungsmuster sich im Laufe der Untersuchung dafür herauskristallisieren.
Unter Weiterentwicklung verstehe ich im folgenden:
•
die von Idealisierungen befreite Auseinandersetzung mit der Geschichte der IP,
• die kritische Auseinandersetzung mit der wissenschaftstheoretischen Fundierung der IP,
• ihre zeitgemäße philosophische Einbettung und Vertiefung, • die Klärung und Verbesserung ihrer tragenden Begriffe und Methoden, • mögliche Erneuerungen in Theorie und Praxis z.B. durch den Vergleich mit anderen Psychotherapieschulen, • Anregungen zu empirischer Forschung,
• Ideen bezüglich einer möglichen Integration der IP in ein umfassenderes Psychotherapiekonzept
Mit dieser Auflistung ist auch die Gliederung meiner Arbeit gegeben. Zu Beginn stelle ich die Adlerschen Menschenbildannahmen, die Schlüsselbegriffe der IP und ihr wissenschaftstheoretisches Fundament vor, ohne an dieser Stelle schon genauer auf die Veränderungen einzugehen, die Adler im Laufe seines Lebens an seiner Theorie insgesamt und an einigen seiner Begriffe vorgenommen hat. Sie werden aber in den folgenden Kapiteln im Zusammenhang mit der Einschätzung seiner erkenntnistheoretischen Positionen durch heutige Vertreter der IP thematisiert. Vor der eigentlichen Untersuchung möchte ich auch auf mich als "Forschungssubjekt" eingehen und meinen Zugang zum Thema auf-grund meiner Entwicklung darstellen.
Für die optimale Weiterentwicklung eines psychotherapeutischen Modells ist immer auch Kommunikation und Kooperation mit anderen praxisnahen Forschern und forschungsnahen Praktikern der eigenen und anderer Fachdisziplinen erforderlich. Nur so ist zumindest eine Basis dafür zu schaffen, den Menschen, die der Heilung im Sinne des Ganzwerdens bedürfen (und das sind wir alle), die dem jeweils entsprechenden Erkenntnisstand besten Psychotherapieangebote zu machen. Diese bedürfen darüberhinaus natürlich noch einer konkreten Eingliederung in ein dafür aufgeschlossenes Gesundheitssystem. In diesem Sinn begebe ich mich auf die Suche nach Offenheit auf der einen Seite bei den Adlerianern, ihrem Theorie- und Praxisverständnis, ihren Institutionen und andererseits bei den Vertretern der Klinischen Psychologie, ihren Modellen von Psychotherapie
8
und ihren Berufsverbänden. Über den Gesichtspunkt der Kommunikation als notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für Weiterentwicklung habe ich in der Literatur, bezogen auf die IP, bisher keine Hinweise gefunden.
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1. Ausgangsbedingungen und Grundlagen der Untersuchung
In diesem Kapitel gebe ich zunächst einen knappen Überblick über Adlers Menschenbildannahmen (1.1.) und die wichtigsten Begriffe seiner Lehre (1.2.), auf die sich heutige Vertreter der IP kritisch beziehen. Den zeitlichen Hintergrund vermittelt eine Übersicht über den Aufbau der individualpsychologischen Schule bis 1945 (1.3.). Die wissenschaftstheoretische Einordnung der IP zu Adlers Lebzeiten (1.4.) und die nachfolgenden Auseinandersetzungen in der Wissen-schaftstheorie, die mit einer gewissen Zeitverschiebungen innerhalb der Psychologie rezipiert wurden (1.5.), liefern eine Basis für die Einordnung neuerer wissenschaftstheoretischer Diskurse innerhalb der IP. Schließlich möchte ich als "Forschungssubjekt", anhand meiner bisherigen Entwicklungsgeschichte, einen Einblick in die mir bewussten Motivationsquellen für diese Arbeit geben sowie meine ersten Suchbewegungen zum Thema darstellen (1.6).
1.1. Das Menschenbild Alfred Adlers
Der Kerngedanke von Adlers Persönlichkeitstheorie ist das Konzept eines "einheitlichen, zielgerichteten, schöpferischen Individuums, das in gesundem Zu-stand in einer positiven, konstruktiven, ethischen Beziehung zu seinen Mitmenschen steht" (Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.20). Der Name "Individualpsychologie" betont die unteilbare Einheit von Körper, Seele und Geist des "Individuums". Er war auch als Abgrenzung gegenüber dem Freudschen Persönlichkeitsmodell gedacht, das mehrere miteinander in Konflikt liegende psychische Instanzen postuliert. Bei Adler zieht das gesamte seelische Geschehen an einem Strang. Zwar unterscheidet er wie Freud zwischen bewussten und unbewussten Vorgängen, aber das Unbewusste führt kein den Tendenzen des Bewusstseins entgegengesetztes Eigenleben. Auch die verschiedenen psychischen Funktionen wie Denken, Fühlen, Handeln, Wahrnehmen, Lernen stehen alle im Dienst einer einheitlich ausgerichteten Motivation. Die IP geht nicht von einzelnen Elementen aus, sondern vom Menschen als einem organischen Ganzen. Die Nähe der Ideen Adlers zur Ganzheitsphilosophie von Smuts und zur Gestalttheorie wird häufig hervorgehoben.
Die Einheit der Persönlichkeit ist eine souveräne und selbstbestimmende Macht, die durch innere und äußere Einflüsse mitgeformt wird. Alles Seelenleben ist zielgerichtet. Der Mensch ist weder durch seine Erbanlagen, noch durch frühkindliche Umwelteinflüsse vollständig kausal determiniert. Die Ursachen-forschung erfasst nur einen zweitrangigen Aspekt des Lebensgeschehens, nämlich seinen physikalisch-chemischen Teil. Die eigentliche Ordnung des Lebendi-
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gen ist das ziel- und zweckgerichtete Handeln, das sich nur einer teleologischen Betrachtungsweise erschließt. Dieser teleologische Ansatz unterscheidet die IP von allen anderen psychologischen Theorien. Bereits 1912 wies Adler darauf hin, dass das Individuum aus dem Gefühl der Minderwertigkeit, der Unterlegenheit heraus, das durch die Kleinheit und Schwäche eines Kindes gegenüber dem Erwachsenen entsteht, meist unbewusst, aber sicher unverstanden, ein Persönlichkeitsideal, eine "Fiktion persönlicher Überlegenheit" schafft (Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.105). Nie wirkt das gleiche Erlebnis auf zwei Menschen gleich. So gestaltet jeder Mensch mit individueller schöpferischer Kraft aktiv seinen Lebensstil:
Die Einheit der Persönlichkeit ist in der Existenz jedes Menschenwesens angelegt. Jedes Individuum repräsentiert gleichermaßen die Einheit und die Ganzheit der Persönlichkeit wie die individuelle Ausformung dieser Einheit. Das Individuum ist mithin sowohl Bild wie Künstler. Es ist der Künstler seiner eigenen Persönlichkeit. (Adler, 1930, 1976, S.7) Beeinflusst vom Fiktionalismus des Neukantianers Vaihinger (1852-1933), dessen "Philosophie des als ob" 1911 erschien, entwickelte Adler seine finalistische Theorie und Methode.
Adlers Lehre ist zudem eine Sozialpsychologie der Persönlichkeit. Der Charakter bildet sich als Resultat der Begegnung mit anderen Menschen, das ganze seelische Geschehen ist darauf ausgerichtet, einen Platz in der Gemeinschaft zu finden. Die Gemeinschaft ist andererseits zu ihrer Verwirklichung und Entfaltung auf das Individuum genauso angewiesen, wie das Individuum zu seiner Selbstentfaltung der Gemeinschaft bedarf. Damit leugnet Adler nicht Widersprüche zwischen individuellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Anforderungen, er wendet sich aber gegen die Annahme einer (der Freudschen Psychologie immanenten) "(quasi)naturgesetzlichen Verankerung dieser Widersprüche und die kulturpessimistische Sichtweise" (Antoch, 1981, S.19). Bereits in seinem "Gesundheitsbuch für das Schneidergewerbe" (1898) befasste Adler sich mit sozialen Problemen und stellte die menschlichen Beziehungen in den Mittelpunkt seiner Theorie. 3 Dieses Interesse behielt er zeitlebens bei. Er stand dem Gedanken des Sozialismus nahe, lehnte den Bolschewismus aber als untaugliches Mittel zur Erreichung des Sozialismus ab, weil er selbst auf Macht gegründet sei. In einem späten Beitrag verweist er darauf, dass der ehrliche Psychologe seine Augen nicht davor verschließen kann, dass es Zustände gibt, die das Eingehen des Kindes in die Gemeinschaft (...) verhindern und es aufwachsen lassen wie im Feindesland. Deshalb muss er aufklärend wirken auch gegen schlecht verstandenen Nationalismus, wenn dieser
3 Zum sozialpsychologischen Ansatz Adlers vgl. Bruder-Bezzel (1983 und 1991).
11
die allmenschliche Gemeinschaft schädigt. (Adler, 1934, zitiert nach Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.415)
Adler ist der Philosophie der Aufklärung verpflichtet. 4 Zwar sind für ihn Erbanlagen und Umwelteinflüsse prädisponierende Faktoren des Charakters, Erfahrungen werden aber aktiv gemacht, Erlebnisse subjektiv gedeutet, und Handlungen vollzieht der Mensch weitgehend selbstbestimmt. Bei gleichen Erlebnissen wird das eine Kind mutlos, während das andere sich angespornt fühlt: "Nicht die Erlebnisse eines Kindes diktieren seine Handlungsweise, sondern die Schlussfolgerungen, die es aus diesen Erlebnissen zieht" (Adler, 1931, 1979, S.103). Hierin zeigt sich nach Adler die Freiheit, aber auch die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln, die nicht auf andere Menschen oder das Schicksal projiziert werden kann.
Zusammenfassend kann das Menschenbild Adlers (mit Antoch, 1981, S.17) als holistisch, final, sozialpsychologisch und aufklärerisch bezeichnet werden.
Das Minderwertigkeitsgefühl gehört nach Adler zur Grundsituation jedes Menschen. Es entsteht aus dem Erleben des kleinen Kindes, im Vergleich zu seiner Umgebung, der Erwachsenenwelt, hilflos, schwach und abhängig zu sein. Bestimmte Erfahrungen in der frühen Kindheit können dieses Gefühl, das zu negativer Selbstbewertung führt, zu einem Minderwertigkeitskomplex verstärken, der dann den Grundstock zu neurotischen Entwicklungen legt. Zu Beginn seiner Laufbahn betonte der Mediziner Adler organische Handicaps ("Organminderwertigkeiten") als auslösenden Faktor. Später hielt er Fehlhaltungen in der Erziehung, die Geschwisterkonstellation, die Geschlechtszugehörigkeit und die sozioökonomischen Bedingungen für mindestens ebenso wichtige Faktoren. Andererseits bezeichnet Adler das Minderwertigkeitsgefühl auch als treibende Kraft: Wer sich vollkommen fühlt, ist nicht motiviert zu lernen. Das Minderwertigkeitsgefühl steht in einem Spannungsverhältnis zum Streben nach Überlegenheit bzw. der Überwindung von Mangellagen. Im "Sinn des Lebens" (1933a, 1973) führt Adler sogar allen Fortschritt in der Kultur und Zivilisation auf die menschliche Ausgangsposition der Minderwertigkeit zurück:
4 Ellenberger (1985, S.848f) weist aber auch auf romantisches Gedankengut bei Adler hin, z.B. seine Betonung der absoluten Einzigartigkeit des Individuums und der Gemeinschaft als organisches, schöpferisches Ganzes.
12
So wie der Säugling in seinen Bewegungen das Gefühl seiner Unzulänglichkeit verrät, das unausgesetzte Streben nach Vervollkommnung und nach Lösung der Lebensanforderungen, so ist die geschichtliche Bewegung der Menschheit als die Geschichte des Minderwertigkeitsgefühls und seiner Lösungsversuche anzusehen. Einmal in Bewegung gesetzt, war die lebende Materie stets darauf aus, von einer Minussituation in eine Plussituation zu gelangen. (S.68)
1.2.2. Kompensation
Ausgangspunkt der IP war die Entdeckung der organischen Minderwertigkeit (Adler, 1907, 1977) und ihrer möglichen Kompensation durch die Verstärkung der Funktionsfähigkeit anderer Organe, durch intensives Training, durch eine bestimmte seelische Einstellung. Adler stellte fest, dass auch im psychischen Bereich der Kompensationsvorgang eine große Rolle spielt und übertrug das Modell des physiologischen Ausgleichs eines Defekts auf das Seelenleben, was zum Begriff der "seelischen Kompensation" führte. Die Lehre vom Minderwertigkeitsgefühl und dessen Kompensation im Sicherungs- und Machtstreben wurde zum Kernstück der Adlerschen Persönlichkeits- und Neurosentheorie. Die Mittel, mit denen Sicherungen zum Erhalt des Selbstwertgefühls getroffen werden, können aktiver oder passiver Art sein. Die aktive Form der Kompensation kann im Geltungs- und Machtstreben gesehen werden, aber sie ist für Adler nur eine Kompensationsform unter mehreren.
1.2.3. Gemeinschaftsgefühl
1919 (im Vorwort zur 2.Auflage seines Buchs "Über den nervösen Charakter", 1912), noch unter dem Eindruck der Schrecken des 1.Weltkriegs, spricht Adler zum ersten Mal vom "Gemeinschaftsgefühl" im Sinn eines psychologischen Fachbegriffs und bezeichnet es als den wichtigsten Teil der Persönlichkeitsstruktur. In den weiteren Veröffentlichungen gewann der Begriff in seiner Bedeutung für die IP immer mehr an Gewicht. Er wurde zum Kennzeichen von Adlers optimistischen Menschenbild. In jeder Phase seiner theoretischen Entwicklung veränderte und ergänzte Adler durch die Aufnahme neuer Impulse von außen auch sein begriffliches Inventar. Der Begriff des "Gemeinschaftsgefühls" gehört mit seiner Verschmelzung von Psychologie und Ethik auch zu den problematischsten der individualpsychologischen Theorie. In der ersten Phase (1918-1927) wird das Gemeinschaftsgefühl als eine Gegenkraft zum Egoismus gesehen, die dem Willen zur Macht Grenzen setzt, wenn
13
es nicht von äußeren oder inneren Kräften unterdrückt wird (vgl. Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.148f). Dies ist noch ein konflikttheoretischer Ansatz, der schwer in das ganzheitliche Konzept von Minderwertigkeit und Machtstreben zu integrieren war.
In der zweiten Phase (ab 1928) beschreibt Adler das Gemeinschaftsgefühl als eine kognitive Funktion, als "angeborene latente Kraft, die bewusst entwickelt werden muss" (Adler, 1929a, 1981, S.49). Die Fähigkeit zu mitmenschlichen Beziehungen wird durch Erfahrungen in der Interaktion der frühen Kindheit gebahnt, der Grad an Gemeinschaftsgefühl ist das Kriterium für psychische Ge-sundheit. Der antithetische Charakter des Gemeinschaftsgefühls wird aufgehoben, der holistische Ansatz kommt zum Tragen. Adler formuliert das kompensa-torische Streben nach Geltung und Macht um in ein Streben nach Vollkommenheit. Durch das Gemeinschaftsgefühl wird das Streben nach Macht zum Streben nach Vollkommenheit modifiziert, zur "sozial nützlichen Seite" gelenkt, während der Mangel an Gemeinschaftsgefühl mit persönlichem Machtstreben und einer Ausrichtung nach der "sozial unnützlichen Seite" des Lebens verbunden ist.
Als letztlich utopischer Begriff wird das Gemeinschaftsgefühl aus der Ebene der konkreten Beziehungsbeschreibung herausgehoben und als "Fühlen mit der Gesamtheit sub specie aeternitatis" beschrieben (vgl. Hellgardt, 1989, S.65).
1.2.4. Lebensstil
"Lebensstil" nennt Adler ab 1927 die gleichmäßige, zielgerichtete Bewegung, die Ausdruck der individuellen, schöpferischen Auseinandersetzung in der frühen Kindheit mit den angeborenen Anlagen und den umweltbedingten Anforderungen des Lebens ist:
Jeder trägt eine 'Meinung' von sich und den Aufgaben des Lebens in sich, eine Lebenslinie und ein Bewegungsgesetz, das ihn festhält, ohne dass er es versteht, ohne dass er sich darüber Rechenschaft gibt. (Adler, 1933a, 1973, S.29f)
Im Vergleich zum statischen Zielbegriff ist der des Lebensstils (vorher auch "Lebensschablone", "Bewegungslinie", "Lebensplan", "Leitlinie" genannt) ein mehr feldtheoretischer und dynamischer. In den letzten Schriften Adlers beruht er auf dem "individuellen Bewegungsgesetz" und ist eng mit der Situation verknüpft:
Wenn wir uns eine Kiefer ansehen, die in einem Tal wächst, so werden wir feststellen, dass sie sich von einer, die auf dem Berggipfel wächst, unter-
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scheidet. Es ist dieselbe Art von Baum, eine Kiefer, aber es liegen zwei verschiedene Lebensstile vor. (Adler, 1929b, 1978, S.53) Ausgehend von einem Minderwertigkeitsgefühl oder einer subjektiv empfundenen Mangellage, die der Mensch durch Kompensation überwinden will, entwickelt er eine eigene unverwechselbare Art und Weise, durch Bewegung und Handlung seine fiktiven Ziele zu erreichen. Der Lebensstil als weithin unbewusstes (unverstandenes) Programm umfasst sowohl das Selbstkonzept (die Meinung von sich selbst), die Ziele des Individuums (die Vorstellungen darüber, was es meint, erreichen zu sollen), die Meinung von der Welt und Verhaltensstrategien, die es für geeignet hält, von seinem subjektiven Ausgangspunkt zum Zielpunkt zu gelangen.
Nach Adler kann man den Lebensstil bereits im Alter von vier bis fünf Jahren deutlich erkennen, und mit den durch ihn ausgeprägten und eintrainierten Verhaltensmustern liegt der individuelle Charakter im wesentlichen fest. 5 Richtig deutlich wird er meist erst, wenn der Mensch einer neuen oder schwierigen Lebenssituation ausgesetzt wird (vgl. Ansbacher & Ansbacher 1982, S.175). Er lässt sich höchstens durch pädagogische oder psychotherapeutische Korrekturen mit der Forderung nach Selbsterziehung umfinalisieren.
1.3. Aufbau und Institutionalisierung der individualpsychologischen Schule bis 1945
In der folgenden tabellarischen Übersicht versuche ich lediglich die wesentlichen Daten und Fakten des Aufbaus der individualpsychologischen Schule und wichtige Publikationen Adlers von der Vereinsgründung im Jahr 1911 bis zum Kriegsende festzuhalten. 6 Die Zeitspanne von 1946 bis zur Gegenwart, mit der diese Arbeit sich beschäftigt, werde ich im nächsten Kapitel ausführlicher be-handeln (s. 2.).
1912
5 Insofern setzt Adler den Lebensstil auch mit dem Charakter, dem "Ich", der Persönlichkeit gleich (vgl. Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.175).
6 Für eine genaue Darstellung s. Bruder-Bezzel, 1991.
15
1914 1915 abschlägiges Habilitationsgutachten von Wagner-Jauregg ab 1920 Blütezeit der IP als praktische Wissenschaft im "roten" Wien; die Or-
1920
1920-24 Lehrtätigkeit Adlers am Pädagogium Wien
1923-37 Fortsetzung der Zeitschrift für Individualpsychologie als Internatio-
1924
1925
ab 1926 Adler hält Vorträge in den USA 1926
1927
1928
1929
1930
1930/31 Streit Adlers mit den kommunistischen Anhängern, z.B. Sperber; aber auch mit dem konservativen Künkel 1931
1932 1933
1934
1935
1935-38 Adler gibt das
International Journal of Individual Psychology
heraus 1936
1937
1938/39 Auflösung u. Verbot des Wiener individualpsychologischen Vereins
1939/40 in München Zusammenschluss der
Arbeitsgemeinschaft für Gemein-
1940
1945
Als Adler seine IP entwickelte, unterschied man in der Psychologie zwei Epistemologien: die von den Naturwissenschaften geprägten empirisch-analytischen und die von den Geisteswissenschaften geprägten normativ-ontologischen Theorieansätze. Die wissenschaftstheoretische Position der IP als verstehende und deutende Tiefenpsychologie, als beschreibende und zergliedernde Psychologie in der Tradition Diltheys ist danach eher der zweiten Richtung zuzuordnen. Als Arzt und Philosoph, als subjektiver Phänomenologe, war Adler allerdings sowohl an naturwissenschaftlichen als auch an geisteswissenschaftlichen Prinzipien orientiert. Er war außerdem beeinflusst von der wissenschaftstheoretischen Position des pragmatisch-positivistischen Idealismus (z.B. des Neukantianers Vaihinger) und der Evolutionstheorie. 7 Er befindet sich in Gesellschaft bedeutender Kulturanthropologen, die den Menschen als biologisches Mängelwesen betrachten. Die biologischen Unzulänglichkeiten sind andererseits von positiv zu bewertender Bedeutung insofern, als dem Menschen dadurch maximale Anpassungen an diametral entgegengesetzte Naturbedingungen gelungen sind. Insgesamt scheint der Einfluss zeitgenössischer Philosophen (Nietzsche, Dilthey, James, Smuts) auf ihn größer gewesen zu sein als der zeitgenössischer Psychologen.
Auf die wissenschaftstheoretischen Untersuchungen der IP zu Lebzeiten Adlers (s. vor allem Neuer, 1914; Max Adler, 1925; Kronfeld 1926, 1929 und Seelbach, 1932) soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Sie werden z.T. in der Auseinandersetzung mit der gegenwärtigen wissenschaftstheoretischen Entwicklung der IP noch erwähnt.
7 Bereits 1907 knüpfte Adler an die Lehren Darwins und Lamarcks an und entwickelte seine interdisziplinäre Theorie des "Organdialekts".
18
1.4.1. Selbstaussagen Adlers
Adlers Äußerungen zu seinem Wissenschaftsverständnis tauchen vereinzelt an verschiedenen Stellen seiner Publikationen auf. In der Zeit der Zusammenarbeit mit Freud ist dieses Verständnis noch stark vom naturwissenschaftlich Standpunkt geprägt. Mit der Einbeziehung evolutionstheoretischer Gedanken (1907) wird erstmals die Abkehr vom naturwissenschaftlich-kausalen Denken deutlich. In seiner letzten Entwicklungsphase verbindet Adler seine Psychologie mit einer kritischen Kulturtheorie.
Wie alle Wissenschaftler, ob sie nun Natur-, Geistes- oder Sozialwissenschaftler sind, strebt auch Adler nach zutreffenden, wahren Aussagen über wichtige Realitätsbereiche. Sein Wahrheitsbegriff ist an Hegels Philosophie orientiert, nach der die Wahrheit immer das Ganze ist. Man kann Adler, den Anhänger der Evolutionstheorie, als Erkenntnisoptimisten bezeichnen. Dennoch ist er sich auch der Begrenztheit von Erkenntnismöglichkeiten bewusst: "Der absoluten Wahrheit können wir subjektiv nicht habhaft werden. Was aber dieser Wahrheit des Ganzen subjektiv am nächsten kommt, ist das Fühlen mit der Gesamtheit sub specie aeternitatis" (vgl. Hellgardt, 1989, S.65). Als Tiefenpsychologe geht Adler davon aus, dass vorwissenschaftliche Meinungen und persönliche Weltbilder auch seinen Denkansatz bestimmen: Die IP beweist, dass die Vorstellung eines jeden Individuums vom Leben durch den Lebensstil bestimmt wird (...) Dadurch hat sie Licht auf die ziemlich verblüffende Tatsache geworfen, dass Psychologen und Philosophen sich sehr in ihrer Deutung der Innenwelt unterscheiden. Es ist klar, dass jeder von ihnen Geist und Seele von einem Standpunkt aus betrachtet, der von seiner Lebensphilosophie bestimmt wird. (1938, S.154, zitiert nach Ansbacher & Ansbacher, 1982, S.197)
Adler weiß, dass er keinem "beweisen" kann, dass der Standpunkt der Gemeinschaft der absolut richtige ist, wenn man nur eine Beweisführung gelten lassen will, wie sie in den exakten Wissenschaften geläufig ist. "Ich glaube mich an keine strenge Regel und Voreingenommenheit gebunden, vielmehr huldige ich dem Grundsatz: alles kann auch ganz anders sein" (1933a, 1973, S.22). Das Bewusstsein dieses "fiktiven" Ansatzes eröffnet ihm andererseits die Möglichkeit der Wandlung der Fiktionen.
Trotz nomothetischer Konstrukte in der IP ist der Hauptansatz der Adlerschen Persönlichkeitstheorie ein idiographischer. Für den rationalen Begriff der Wissenschaft bleibt die individuelle Persönlichkeit letztlich unbegreifbar: Das Einmalige des Individuums lässt sich nicht in eine kurze Formel fassen, und allgemeine Regeln, wie sie auch die von mir geschaffene IP aufstellt,
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sollen nicht mehr sein als Hilfsmittel, um vorläufig ein Gesichtsfeld zu beleuchten, auf dem das einzelne Individuum gefunden - oder vermisst werden kann. (1933a, 1973, S.22)
1.5. Zusammenfassung der wissenschaftstheoretischen Entwicklungen von Adler bis zur Gegenwart
Dieser Zwischenschritt auf dem Weg zur Gegenwart ist erforderlich, um die neueren Diskussionen innerhalb der IP nachvollziehen zu können. Heutige Individualpsychologen beziehen sich zur Verdeutlichung des Stellenwerts der IP auf sehr unterschiedliche wissenschaftstheoretische Ansätze. Als Adler seine weitgehend auf dem normativ-ontologischen Theorieansatz basierende IP entwickelte, fanden im Wien der 20er Jahre bis 1938 8 auf Seiten der Vertreter empirisch-analytischer Theorieansätze (den logischen Empiristen und den kritischen Rationalisten) bekanntlich heiße wissenschaftstheoretische Diskussionen statt. Gemeinsam war beiden Richtungen die Abgrenzung gegen den naiven Empirismus und das Misstrauen gegen die vorherrschende Philosophie. Die kritischen Rationalisten (allen voran Popper) gingen vom prinzipiell hypothetischen Charakter der Erkenntnis aus und entwarfen das Konzept der Falsifikation als Abgrenzungskriterium zwischen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Aussagen mit der Methode der deduktiven Logik. Etwa zeitgleich mit dem "Wiener Kreis" entstand das Frankfurter Institut für Sozialforschung mit Adorno, Fromm und Marcuse als Hauptvertretern der "Frankfurter Schule", die sich gegen eine wissenschaftstheoretische Unterordnung der Sozialwissenschaften unter die Naturwissenschaften aussprachen. Durch den 2.Weltkrieg fand die längst fällige Diskussion um die Frage nach der (richtigen) Logik der Sozialwissenschaften zwischen den Vertretern der Frankfurter Schule und den Neopositivisten verspätet erst Anfang der 60er Jahre (als sog. Positivismusstreit) statt. 9 Da erkenntnistheoretische Fragestellungen wie u.a. die Abgrenzbarkeit wissenschaftlicher von alltäglichen Erkenntnissen oder die Rolle des Subjekts im Erkenntnisprozess in das Feld der Psychologie hineinragen, ist die Einengung der Wissenschaftstheorie auf die Prüfungsmethodologie
Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Mitglieder des "Wiener Kreises" aus Abstam- 8
mungs- und ideologischen Gründen emigriert (vgl. Breuer, 1991, S.39).
9 Habermas warf den Neopositivisten Popper und Albert, die eine Trennung von Werturteilen und wissenschaftlichen Aussagen forderten, vor, sie verschleierten, dass jeder Theorie ein Erkenntnisinteresse vorausgehe. Adorno wies darauf hin, dass Theorien immer von Herrschaftsinteressen verschleiert seien.
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und die rein sprachliche und logische Ebene fragwürdig (vgl. Breuer, 1991, Kap.2).
Kuhns wissenschaftsgeschichtliche Analyse der Naturwissenschaften (1962) beflügelte die wissenschaftstheoretische Diskussion ebenfalls stark. Im Unterschied zu Popper, dessen Auffassung von Wissenschaftsentwicklung im Verlauf der Zeit in einer Maximierung der Wahrheitsnähe besteht, versuchte er nachzuweisen, dass Wissenschaft nicht kontinuierlich (auf eine "endgültige " Wahrheit hin), sondern in Brüchen, sog. "wissenschaftlichen Revolutionen" verläuft, die er "Paradigma-Wechsel" nennt. Selbst eine Theorie, die an ihrer Erfahrung gescheitert sei, werde erst dann verworfen, wenn eine andere Theorie auftauche, die ihren Platz einnehmen könne. Das "Gesetz der Irrationalität" 10 wissenschaftlicher Forschung irritierte besonders die Neopositivisten, die z.T. indigniert reagierten. Andererseits änderten sie aber sowohl in der Auseinandersetzung mit der Frankfurter Schule, als auch im Zuge der "Kuhnschen Herausforderung" (Kriz, Lück & Heidbrink, 1990, S.171) ihre Positionen (etwa vom popperschen "Naiven Falsifikationismus" zum "Raffinierten Falsifikationismus", den Lakatos vertritt).
In den 70er Jahren stellten Sneed und Stegmüller in Auseinandersetzung mit dem Kuhnschen Paradigma-Konzept der bislang in den empirisch-analytischen Wissenschaften üblichen Aussagenkonzeption eine Nichtaussagenkonzeption von Theorien (non-statement view of theories) gegenüber, die auch als strukturalistische Theorienkonzeption bezeichnet wird. Danach ist eine Theorie nicht mehr als ein System von Aussagen anzusehen, sondern als ein nichtsprachliches Gebilde, eine Rahmentheorie, an der eine Wissenschaftsgemeinschaft arbeitet. Sie lässt sich in den Strukturkern der Theorie mit dem Fundamentalgesetz und den grundlegenden Nebenbedingungen unterteilen, die alle Anwendungen mit-einander verbinden und in die empirische Komponente, die eine offene Menge darstellt und aus der Elemente entfernt bzw. in die neue hinzugefügt werden können. Theorien sind immun insofern, als der negative Ausgang einer empirischen Überprüfung keine Falsifikation der Theorie bedeutet, sondern nur das Scheitern einer bestimmten Anwendung. Für die Beantwortung der Frage nach der Unterscheidbarkeit von paradigmatischen Revolutionen mit und ohne Er-kenntnisfortschritt schlägt Stegmüller einen Leistungsvergleich zwischen den beiden konkurrierenden Rahmentheorien vor: "Theorienverdrängung mit 'Er-kenntnisfortschritt' ist dann gegeben, wenn die alte Theorie auf die neue strukturell reduzierbar ist" (Stegmüller, 1986, S.324).
10 Kuhns Hinweis auf die Immunität von Theorien (Paradigmen) trotz deren empirischer Falsifikation in normalwissenschaftlichen Epochen richtet sich auch gegen die unkritische Haltung von Forschern (vgl. Breuer, 1991, S.176).
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1.5.1. Übertragung der neuen Ansätze auf die Psychologie
Der Positivismusstreit blieb zunächst in Psychologenkreisen ziemlich unbeachtet. Lück (1991) führt das geringe Interesse an wissenschaftstheoretischen Fragen darauf zurück, dass Psychologen "Anfang der sechziger Jahre vollauf damit beschäftigt waren, die geisteswissenschaftliche Psychologie mit dem Neobeha-viorismus amerikanischer Prägung zu überwinden" (S.164) und empirisch-analytische Forschungsmethoden auf psychologische Fragestellungen anzuwenden. Dennoch sind viele Argumente gegen eine positivistische Wissenschaftsauffassung schließlich doch in die psychologische Diskussion eingeflossen. Die Relevanz soziologischer und psychologischer Faktoren für die wissenschaftliche Entwicklung wurde stärker beachtet und wissenschaftliches Erkennen auch als soziale Tätigkeit aufgefaßt. Allgemein wurde die Bedeutung der Subjektabhängigkeit von Erkenntnis mehr wahrgenommen als früher. Anfang der 70er Jahre, in engem Zusammenhang mit universitären und außeruniversitären Konflikten, kritisierte Holzkamp mit seiner "Kritischen Psychologie" sowohl die empirisch-analytische als auch die hermeneutisch-verstehende Psychologie als bürgerlich und bemühte sich um eine gegenstandsbezogene Neudefinition psychologischer Grundbegriffe mit der Hauptkategorie der "Handlungsfähigkeit" des Subjekts.
Herrmann (1976) versuchte die Nichtaussagenkonzeption Stegmüllers in die psychologische Theoriebildung zu übernehmen, allerdings mit dem Bewusstsein, dass die für die Naturwissenschaften entwickelten Vorstellungen nur mit Vorsicht auf die Sozialwissenschaften, insbesondere auf die Psychologie, übertragen werden können. So meint Westmeyer (1977, S.84) als Vertreter einer nomologischen Psychologie , die Psychologie sei noch keine "reife" Wissenschaft und befinde sich im Vergleich zu den Naturwissenschaften in einem vorparadigmatischen Stadium. Herrmann unterscheidet psychologische Domain-Programme, für die es unterschiedliche Theorien geben kann, von quasi-paradigmatischen Forschungsprogrammen, in denen man für eine Theorie möglichst umfassende Anwendungsmöglichkeiten sucht. Er hebt den Werkzeugcharakter von Theorien hervor (1979, S.2), sieht in der Empirie nicht das einzige Kriterium zur Beurteilung der Tauglichkeit einer Theorie (S.41) und spricht sich für einen Theorienpluralismus aus, da einzelne Theorien immer nur reduzierte Modelle des Menschen betreffen (S.63).
Groeben & Scheele (1977) fordern die Einbeziehung subjektiver Theorien in die Psychologie und eine Integration hermeneutischer und empirischer Methoden. Auf der Basis der strukturalistischen Theorienkonzeption versuchen sie mit ihrem "epistemologischen Subjektmodell" den Kognitivismus als neues Para-
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digma in der Psychologie zu interpretieren, der das alte Paradigma, den Beha-viorismus, ablöst. Kraiker (1980), ebenfalls ein Vertreter der Nichtaussagenkonzeption, will am Beispiel der Psychoanalyse und der Verhaltenstheorie deutlich machen, dass man (ohne opportunistischen Eklektizismus) "ohne logische Inkonsistenz mit mehreren Theorien gleichzeitig arbeiten und gegenüber neuen Theorien offen bleiben kann" (S.246).
Bei der beschriebenen Um- und Neuorientierung in der wissenschaftstheoretischen Diskussion sind noch viele Fragen offen. Dennoch scheint der Weg zu einer besseren Verständigung zwischen erklärender und beschreibender Psychologie und zu einer Integration ihrer relevanten und erkenntnisfördernden Aspekte in den nächsten Jahren vorbereitet.
1.6. Standortbestimmung und Motivation der Verfasserin
Da die Trennung des Forschungssubjekts vom Forschungsobjekt eine künstliche und das Untersuchungsergebnis verzerrende ist und ich auch nicht beabsichtige, mich in meiner Rolle als Psychologiestudentin von mir als Menschen fernzuhalten, um so zum bloßen Registrierinstrument zu degenerieren (vgl. Brandt & Brandt, 1974, S.257), möchte ich in diesem Abschnitt einen Überblick über meinen Entwicklungsprozess zum Thema der vorliegenden Arbeit hin geben. Das beinhaltet wiederum die Offenlegung eigener selektiver Wahrnehmungsprozesse (die selektive Kognitionen und Emotionen bewirken). Die Weiterentwicklung der Individualpsychologie betrifft mich auch in meinem konkreten außeruniversitären Berufsleben: 1988 habe ich, nach 12jähriger Unterrichtstätigkeit als Studienrätin an Gymnasien und Gesamtschulen und Mutter zweier inzwischen fast erwachsener Töchter, ebenfalls auf der Suche nach neuen Entwicklungsmöglichkeiten 11 und der Erweiterung meiner Handlungskompetenz, eine dreijährige individualpsychologische Weiterbildung in Angriff genommen. Mein Interesse für die Psychologie reicht natürlich weiter zurück. In die Tat umgesetzt habe ich es erstmals 1975, als ich am damals noch
11 Ich hatte immer stärker das Gefühl, als Lehrerin höchstens "Trainer guter Einzelanlagen als Anbieterin einer wirklich relativ festen Beziehung zu sein" (Schubenz, 1993, S.288), obwohl gerade an der Gesamtschule der Bedarf für letzteres besonders augenfällig war. Auch eine Weiterbildung im Fach Darstellendes Spiel und Fortbildungen u.a. im Kreativen Schreiben konnten (als "Feigenblattfächer") nach meiner Erfahrung höchstens die Spitze eines Eisbergs zum Schmelzen bringen. Meine Arbeit hatte in der Tat nicht viel mit der Verwirklichung des Prinzips Mütterlichkeit zu tun.
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relativ jungen Psychologischen Institut (PI) mein Zweitstudium begann, es aber durch den Eintritt ins Referendariat leider noch vor dem Vordiplom wieder aufgeben musste. Von daher sah ich Jahre später in der adlerianischen Weiterbildung an einem privaten Institut zunächst die ideale Möglichkeit, meinen unterbrochenen Weg doch noch fortzusetzen. Obwohl die Beschäftigung mit Adler für Pädagogen recht naheliegend sein mag, hing meine Entscheidung für diese psychotherapeutische Richtung viel eher mit meiner Sympathie für die Leiterin des 1.Seminars (s.a. S.31 dieser Arbeit), das ich besuchte, zusammen. Vage plante ich, nebenberuflich selbständig Beratungen und/oder Psychotherapie anzubieten, ohne mich aber genauer über die rechtlichen Voraussetzungen zu in-formieren (sonst hätte ich damals vermutlich meine Ausbildung an einem von den Krankenkassen anerkannten IP-Ausbildungsinstituten gemacht). Schule und "IP-Schulung" liefen eine Zeit lang parallel, ich wurde neugierig auf andere Psychotherapierichtungen, speziell die Klinische Hypnosetherapie (nach Milton H. Erickson), in der durchaus Bemühungen bestehen, Schulengrenzen zu überschreiten. Auch hier schloss ich eine Weiterbildung ab. Inzwischen arbeitete ich bereits beraterisch, aber mir wurde langsam klar, dass mir außerhalb der Universität immer nur Teilmengen psychologischen Wissens begegneten, die dennoch oft als "das Wahre und Ganze" bezeichnet wurden. Zwar tolerierte man am IP-Ausbildungsinstitut meine "Blicke in Nachbars Garten" als unbedeutende "Seitensprünge", aber Integrationshilfen blieben aus. Nun begann ich, mich mit der Geschichte und Institutionalisierung der IP gezielt auseinanderzusetzen. Ich staunte über die "Machtkämpfe" der unterschiedlichen Gruppierungen selbst innerhalb der Schule, die mir bislang verborgen geblieben waren 12 und sah mich gezwungen, die Kluft zwischen dem (zudem unscharf definierten) Begriff des Gemeinschaftsgefühl und dem konkreten Handeln der Vertreter dieser Lehre zur Kenntnis zu nehmen.
Da ich mich grundsätzlich jedoch durchaus wohl fühlte innerhalb der IP und außerdem vorhatte, möglichst qualifiziert ausgebildet psychotherapeutisch zu arbeiten, nahm ich einen zweiten Anlauf und bemühte mich um einen Studienplatz in Psychologie. Diesmal erhielt ich ihn am Institut für Psychologie (IfP). Ich lernte, dass die Lehrenden der Grundlagenfächer und die der Angewandten Psychologie sich eher voneinander fernhielten, und innerhalb der Klinischen Psychologie suchte ich vergeblich nach einer Auseinandersetzung mit der IP
12 Das Institut, an dem ich ausgebildet worden bin, ist kein von den Krankenkassen anerkanntes, da sich unter den Lehranalytikern kein Mediziner befindet. Dies scheint mir im Nachhinein eher ein Vorteil zu sein: einige Seminare, die ich auf einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie (DGIP) besuchte, sind mir in unangenehmer Erinnerung geblieben durch die am Medizinmodell orientierte Vorgehensweise ihrer Leiter.
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(Spätfolgen von Wagner-Jaureggs Urteil über Adler? 13 ). Meine Hoffnung, von Seiten der Akademischen Psychologie Hilfestellungen für und Informationen über die konkrete Berufswelt und auch die Verbandspolitik des Klinischen Psychologen zu erhalten, wurden leider weitgehend enttäuscht. Den Praxisschock, den viele Studenten nach ihrem Universitätsabschluss bekommen, halte ich in der gegenwärtigen Situation für fast unvermeidlich. Inzwischen hatte ich meinen "kleinen Heilpraktikerschein" vom Gesundheitsamt bekommen, der mich berechtigte, Psychotherapie beruflich auszuüben. Mein Vorteil bestand also darin, parallel zum Studium bereits zu arbeiten, das Band zur Praxis also nicht aus den Augen zu verlieren, aber das ist nicht der Regelfall. Durch die Zusammenlegung des PI mit dem IfP 14 ist - allerdings nicht freiwillig, sondern durch Druck von außen - eine neue Situation entstanden, die auch die Möglichkeit der Annäherung z.T. verhärteter Fronten enthält. Immerhin besuchen die Studenten gezielter als vorher sowohl Veranstaltungen mit methodisch quantitativem als auch solche mit qualitativem Schwerpunkt. Meine Semesterarbeit schrieb ich noch am ehemaligen IfP. In ihr beschäftigte ich mich mit den wissenschaftstheoretischen Grundlagen der IP und setzte mich mit Antochs Versuch (1981) auseinander, ihr eine strukturalistische Fundierung auf der Basis der Nichtaussagenkonzeption zu geben. Ich blieb also meinem Thema treu. Ebenso möchte ich meine Diplomarbeit nutzen, mich wissenschaftlich, wenn auch nicht "neutral" mit der IP, aber auch mit der Haltung der Akademischen Psychologie ihr gegenüber auseinanderzusetzen, betreut von S.Schubenz vom ehemaligen PI. Ich denke, Adler und die Kritische Psychologie haben mindestens so viel miteinander zu tun wie die Psychoanalyse und die Kritische Psychologie.
Zwar gehöre ich einer psychotherapeutischen Schule an, bin aber insofern "ungebunden", als ich an keinem vom Medizinsystem anerkannten Institut ausgebildet wurde und daher Loyalitätskonflikte aufgrund des Zwitterstatus einer medizinisierten Psychologin nicht habe. Da ich aber bisher hauptsächlich auf der Grundlage der IP arbeite, wählte ich mein Thema dennoch nicht vorurteilsfrei, sondern mit der geheimen Hoffnung, einiges Weiterentwickelnswerte an der IP zu finden, also ein Ja auf meine Frage zu erhalten, ob die IP als eine der ältesten Psychotherapie-Schulen noch von Bedeutung ist. Die Gefahr, bei ausführliche- 13 AlsPsychiater trug er mit seinem negativen Gutachten zur Ablehnung von Adlers Habilitationsschrift "Über den nervösen Charakter" (1912) bei, mit der Begründung, Adlers Methode sei wie die Freuds Spekulation und Intuition. Dadurch blieb Adler die akademische Laufbahn an der Medizinischen Fakultät in Wien versagt.
14 Ich denke dabei immer an die beiden IP-Institute von Sperber und Künkel, die m.E. Parallelen zum PI und IfP aufweisen.
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rem Hinsehen, das sich nicht nur auf die Lehren der eigenen Schule stützt, Idealisierungen aufgeben zu müssen, ist groß und immer auch ein schmerzhafter Prozess.
Am ehemaligen IfP hörte ich ab und zu die Warnung, bei der Wahl des Diplomthemas möge man auch bedenken, ihm nicht zu nahe zu sein. Sich berühren lassen und berühren, was das Nahesein ausmacht, ist Voraussetzung für eine ganzheitliche Heilung unserer Patienten. Und ihnen sind wir oft nur Stunden voraus. Mit diesem Zitat 15 im Ohr und Herzen schlug ich die IfP-Warnung in den Wind und wählte ein Thema, dem ich sehr nahe stehe, mit aller dazugehörigen Ambivalenz. Andererseits ist auch der beabsichtigte Verzicht auf Idealisierungen ein Entwicklungsschritt für Wesen mit der Fähigkeit zur Selbstreflexion, also auch für mich, die Verfasserin. Außerdem habe ich ein weiteres Standbein: die Klinische Hypnosetherapie, deren Beitrag zur Klinischen Psychologie ebenfalls untersuchenswert ist (und als drittes meine Arbeit in der Schule). Sie wird vorerst weiterhin auf meinem kleinen Persönlichkeitsaltar stehen bleiben können. Diese Einsicht vorab tröstet mich und macht mich mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht völlig blind für mögliche herbe Ernüchterungen während des Prozesses der Beschäftigung mit meinem Thema.
1.6.1. Auseinandersetzung mit dem Begriff der Entwicklung
Zweifelsohne hat sich die IP in ihrer fast 100jährigen Geschichte verändert. Welche dieser Veränderungen aber können wir als Entwicklungen bezeichnen? Zu Beginn meiner Arbeit machte ich mich auf die Suche nach dem Stellenwert des Begriffs "Entwicklung" bei Adler und seinen Nachfolgern. Adler hat seine Theorie nachweislich mehrmals durch Aufnahme von Außenanregungen verändert. Manche seiner Kritiker sprechen sogar von regelrechten "Brüchen" in seiner Lehre. Er weist dagegen im Vorwort zur 4. Auflage seines Buches "Über den nervösen Charakter" mit gewissem Stolz darauf hin, seine Theorie sei geradlinig, folgerichtig und ohne wesentliche Korrekturen fortentwickelt worden. 16 Er hebt also die Kontinuität im Wandel hervor 17 , womit er
15 Es stammt aus der Vorlesung von S. Schubenz "Klinische Psychologie/Psychotherapie" vom 17.1.96.
16 "Was uns Individualpsychologen jene Sicherheit in der theoretischen Entwicklung unserer Anschauungen und in unserer Praxis gibt, ist u.a. ein wenig vermerkter Tatbestand: jeder Schritt nach vorwärts hat sich folgerichtig aus unseren Grundanschauungen ergeben. Es war bisher nicht nötig geworden, irgend etwas an unserem Gebäude zu ändern, oder dieses zu stützen mit Anschauungen anderer Art" (Adler, 1912, 1972, S.29).
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den entwicklungspsychologischen Überlegungen Piagets nahesteht. Ähnlich wie bei dessen Stufenmodell, in dem der Mensch als aktives Subjekt über Akkomodation und Assimilation in Interaktion mit der Umwelt lernt, passt sich der Mensch bei Adler in aktiver Auseinandersetzung und im Austausch mit seiner Umwelt an diese an.
In seiner Theorie ist aber durchaus die Dimension des Widerstands enthalten. Es geht nicht um eine Anpassung zu Lasten der eigenständigen Entfaltung des Individuums an die in einer momentan vorfindbaren Gesellschaft herrschenden Bedingungen, sondern um die erfolgreiche Auseinandersetzung eines Menschen und der ganzen Menschheit mit der Außenwelt, "die für die äußerste Zukunft als richtig gelten kann" (Adler, 1933a , 1973, S.164). Mit seinem Satz "Leben heißt sich entwickeln" (1933c, 1983, S.22) ist immer auch die evolutionäre Sichtweise einer allmählichen Aufwärtsentwicklung der Menschheit verknüpft, die Adlers optimistisches Menschenbild prägt. Mit dieser Auffassung von Entwicklung, die auf ein höheres Niveau (in Richtung eines Ziels der Vollkommenheit) gerichtet ist, befinden wir uns mitten in einer Wertepsychologie, die Adler nie von sich gewiesen hat. Kritik, auch bei heutigen Individualpsychologen, setzt an der Stelle ein, wo Adler fast messianisch die IP zur "Förderin der Evolution" erklärt.
Das Thema Entwicklung, in der Akademischen Psychologie im Bereich der Entwicklungspsychologie vertreten, nimmt aber im individualpsychologischen Theoriegebäude insgesamt keinen großen Raum ein. Anders als Freud hat Adler kein eigenes Entwicklungsmodell vorgelegt, und auch bei seinen Nachfolgern scheint das Thema bis vor kurzem von geringem Stellenwert gewesen zu sein. So fehlt das Stichwort "Entwicklung" z.B. in gängigen Handbüchern zur IP (Wexberg, 1926; Ansbacher, 1965). Im "Wörterbuch der Individualpsychologie" (Brunner, Kausen & Titze, 1985) ist es allerdings bereits aufgenommen, und die 11. Delmenhorster Fortbildungstage für IP 1991 setzen sich intensiv mit dem Thema "Entwicklung und Individuation" auseinander. Inwieweit damit eine Annäherung an die Akademischen Psychologie und ihre Forschungsergebnisse im Bereich der Entwicklungspsychologie erreicht wird, untersuche ich an entsprechender Stelle (s. 7.).
Auf einen verbindenden Aspekt von IP und ökologischer Entwicklungspsychologie möchte ich bereits jetzt eingehen: Der Begriff der "Entwicklungsaufgabe" von Havighurst (1972) ist theoretisch und praktisch von großer Bedeu-
Fortsetzungder Fußnoten von S.26
17 Diese Kontinuität im Wandel findet ihren Ausdruck auch im Konzept des Lebensstils. Er wird vom Individuum in den ersten Jahren ausgebildet. Nach Festlegung des Ziels der Überlegenheit geht Adler von einer einheitlichen und stabilen, wenn auch mithilfe der schöpferischen Kraft veränderbaren Persönlichkeitsstruktur aus.
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tung, und er weist einige Ähnlichkeit mit Adlers Konzept der "Lebensaufgaben" auf. Entwicklung beinhaltet sowohl nach Adler als auch nach Havinghurst ein lebenslanges Überwinden von Problemen, das dem Individuum eine aktive Rolle bei der Gestaltung einräumt. Verschiedene Entwicklungsaufgaben oder entwicklungsspezifische Varianten der Lebensaufgaben werden zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Entwicklung eines Individuums aufgrund kultureller Anforderungen relevant. Das Meistern der Aufgaben gelingt am besten, wenn die der vorangehenden Phase bewältigt wurden. Eine Systematisierung von Entwicklungsaufgaben ist praktisch sehr bedeutsam, weil Entwicklung präventiv und interventiv in Richtung auf die Bewältigung gefördert werden kann.
Aus der Beschäftigung mit der Entwicklungspsychologie sind mir neue Anregungen in Bezug auf den Umgang mit meinem Thema erwachsen: Bereits zu Adlers Lebzeiten haben sich sehr unterschiedliche individualpsychologische Gruppen herausgebildet, mit jeweils eigenen Entwicklungszielen und Entwicklungsaufgaben für die IP. Diese Situation verlängert sich natürlich in die Gegenwart. Beim Studium neuerer individualpsychologischer Texte wuchs meine Verwirrung, denn was die einen (vor allem die nordamerikanischen Individualpsychologen) Entwicklung in der IP nennen, nennen die anderen Regression (s. Lehmkuhl & Lehmkuhl, 1990) 18 , und ich hatte Probleme, angesichts der Vielfalt an Meinungen überhaupt noch ein übergeordnetes gemeinsames Entwicklungsziel für die IP auszumachen. Stattdessen begegnete mir überzufällig häufig der Begriff der Identität. 19 Die Identitätssuche wird von Adlerianern aller Schattierungen betont und scheint ein gemeinsames Anliegen zu sein. Auffallend ist auch der weitgehende Verzicht auf Idealisierungen der Person Adlers (zumindest bei der jüngeren Generation).
Zwar sind Entwicklungsaufgaben des einzelnen nicht problemlos auf Gruppen zu übertragen, aber metaphorisch gesprochen könnte es sich bei der Suche nach Identität, die immer eine Auseinandersetzung mit und eine Abgrenzung von den Eltern 20 beinhaltet, durchaus um eine Entwicklungsaufgabe heranwachsender
18 Hierbei geht es um die unterschiedliche Einschätzung des "jungen" bzw. "alten" Adler.
Der Begriff "Identität" ist bei Adler nicht zu finden. Die persönliche Erkenntnis, von Tag zu 19
Tag, durch Lebensabschnitte hindurch der Gleiche zu sein, setzt die Vorstellung von sich selbst und seinen Lebensbezügen in Vergangenheit und Zukunft voraus. Möglicherweise hätte Adler die unübersehbare Identitätssuche heutiger Individualpsychologen als neurotisch empfunden.
20 Hierbei stellt Adler in meiner Phantasie die Mutter dar und Freud den geschiedenen Vater. Zu letzterem wird nach gescheiterter Ehe der Eltern und nach langer Zeit der Kontakt vom Fortsetzung der Fußnote von S.28
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Jugendlicher handeln. Angesichts der Tatsache, dass die IP bereits mehrere Generationen von Individualpsychologen hervorgebracht hat, erscheint die gegenwärtige Phase auf den ersten Blick als eine Entwicklungsverzögerung und man würde eher die Phase des mittleren Erwachsenenalters erwarten. Andererseits ist, bleibt man im Bild, zweierlei zu bedenken : Die Themen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung anstehen, können nur auf der Basis bewältigter Aufgaben der vorausgehenden Phase erfolgreich in Angriff genommen werden. Hier ist eine Erklärungsmöglichkeit für die Entwicklungsverzögerung gegeben. Haben Individualpsychologen eventuell zu lange ihre eigene Kindheit verdrängt? Darunter verstehe ich z.B. die kritische Auseinandersetzung mit der Rivalität zwischen Adler und Freud, die beide, auf Abgrenzung voneinander bedacht, einen Erkenntnisfortschritt eher verzögert haben. 21 Außerdem meine ich damit auch die Auseinandersetzung mit der zwiespältigen Rolle einiger Individualpsychologen während der NS-Zeit, die bis vor kurzem durch Verschleierung und Beschönigung ersetzt wurde.
Mit dem Bild der Entwicklungsaufgaben im Hinterkopf werde ich in den folgenden Kapiteln herauszufinden versuchen, ob und in welchen Bereichen die IP heute "erwachsen" geworden ist und welche Entwicklungsmöglichkeiten besonderer Förderung in der Zukunft bedürfen. Hier sehe ich auch eine Aufgabe für die Akademische Psychologie, die den Gedanken entwicklungsfördernder Aspekte in ihrer Forschung aufgegriffen hat, sich ihrer Fürsorgepflicht zu entsinnen und einen Beitrag dafür zu leisten, dass die IP zu einer Identität gelangt, die als Resultat einer Identifikation zu verstehen ist, die sie hinter sich gelassen hat.
fast erwachsenen Kind wieder gesucht. Naturgemäß trägt es in dieser Situation viele übersteigerte Erwartungen und unverarbeitete Ängste mit sich und stößt auch nicht nur auf Gegenliebe bei den beim Vater verbliebenen Geschwistern.
21 In der Wissenschaft sollten abweichende Meinungen eher zum Dissens, nicht aber zur Dissidenz führen. Cremerius (1982) hat aus Psychoanalytikersicht einen lesenswerten Beitrag zu der Rolle der Dissidenten für die Psychoanalyse verfasst.
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2. Neue Untersuchungen zur Geschichte der Individualpsychologie
Ziel des Kapitels ist, Hintergrundwissen zur Geschichte der IP für die anschließenden Untersuchungen zur Verfügung zu stellen, um so mögliche Bezüge zwischen bestimmten Diskussionsinhalten und dem Organisationsstand der IP-Schule herstellen zu können und ihre Verwobenheit miteinander deutlich zu machen. Zunächst vervollständige ich die in 1.3. begonnene tabellarische Übersicht bis zur Gegenwart (2.1.). Es folgt eine Auseinandersetzung mit der Organisationsstruktur der IP (2.2.). Den Abschluss bildet die Darstellung wesentlicher Beiträge zur Geschichte der IP, die ich kritisch diskutieren möchte (2.3.). Auf die konkrete Ausbildungssituation von Individualpsychologen, der im Zusammenhang mit Professionalisierungsfragen ein hoher Stellenwert beigemessen werden muss, gehe ich erst in 5.3. ein. Als ein Aspekt im Bereich der Praxis der IP ist sie dort auch angemessen plaziert. Dadurch wird die Ähnlichkeit der Arbeit mit den auszubildenden Individualpsychologen und der mit dem Klienten/Patienten im Hinblick auf die Gleichwertigkeit beider hervorgehoben und der Zusammenhang mit dem (ebenfalls auszubildenden) Klient/Patient-Therapeuten-Verhältnis deutlich.
2.1. Reorganisation und Professionalisierung der individualpsychologischen Schule nach dem 2.Weltkrieg bis zur Gegenwart
1947
1948
1951-90 Gründung des Individual Psychology News Letter (IPNL) (Hrsg.: Rom,
1952
1954
ab 1955
1956 Ansbacher: The Individual Psychology of Alfred Adler, dt. erst 1972
30
1960
1963
1967
1968 1969 1970
1971-76 Gründung von Ausbildungsinstituten in München, Düsseldorf, Delmen-
1972
1973
1974 1. Vorsitzender der DGIP: Schmidt
1977
1979
1979-84 deutsche Institute von der Kassenärztlichen Vereinigung anerkannt
1981
1983
1987
1990
1991
1992 1993
1996
1999
2.2. Auseinandersetzung mit der Organisationsstruktur der Individualpsychologie
Ausgehend von einer kurzen Betrachtung der Organisationsstruktur der IP zu Adlers Lebzeiten, untersuche ich anschließend deren Entwicklung in Deutsch-land nach dem 2.Weltkrieg und ende mit der Darstellung gegenwärtiger organi-satorischer Probleme der IVIP.
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Ein Grund für die unterschiedliche Organisationsstruktur der Freudschen und der Adlerschen Schule in ihren Anfängen hängt sicher eng mit der Persönlichkeit ihrer Gründer und auch der sozialen Herkunft ihrer Patienten zusammen. 22 Freuds Gesellschaft war nach strengen Regeln organisiert. Als er 1910 die Internationale Vereinigung der Psychoanalyse (IPV) gründen wollte, argumentierte Adler dagegen, da er "Zensur und Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit" 23 befürchtete. Zeitlich fällt die Auseinandersetzung zwischen Freud und Adler, die zum Bruch führte, mit dem Beginn der Institutionalisierung der Psychoanalyse zusammen. Mit ihrem Bekanntheitsgrad und mit der Zunahme der Kritik von außen wurde auch innerhalb der Bewegung intoleranter mit abweichenden Meinungen umgegangen. Nach seiner Trennung von Freud bzw. der Exkommunizierung durch diesen traf Adler sich mit seinen Schülern häufig in Wiener Cafés, während Freud zunächst seine Wohnung und später das Haus einer medizinischen Gesellschaft für seine Sitzungen vorzog. Insgesamt war die IP zu Lebzeiten Adlers wesentlich lockerer organisiert als die Psychoanalyse. Dennoch gibt es Parallelen auch in ihrer Institutionalisierung, die typisch für alle Lehren sind, die sich nach außen hin verteidigen müssen. Auch in wissenschaftlichen Institutionen wie Universitäten kann es dazu kommen! Im "roten" Wien bot sich Adler die Möglichkeit, seine Lehre praktisch umzusetzen, und er begann in den 20er Jahren mit der Entwicklung eigener Institutionen. Parallel dazu stieg die Publikationsrate individualpsychologischer Schriften und Adlers Vortragstätigkeit im In- und Ausland (s.a.1.3.). Dennoch verstand die IP sich eher als Teil der Reformbewegung als als wissenschaftlicher Verein. Die psychoanalytische Bewegung hatte zu dieser Zeit bereits einige Kongresse abgehalten, Ortsgruppen gegründet und verfügte über mehrere Fachzeitschriften. Dagegen war die IZI die einzige Fachzeitschrift im deutschen Sprachraum, und trotz einiger europäischer und außereuropäischer individualpsychologischer Gruppen gab es noch keine internationale Organisation. 24 1923 nahm Adler am 7.Internationalen Kongress für Psychologie in Oxford teil. 25 Ansonsten ist über die Vertretung der IP auf psychologischen Kongressen wenig bekannt. Höhepunkte der Geschichte der Individualpsychologie in der Zwischenkriegszeit
Ellenberger (1985) hat die unterschiedlichen Persönlichkeiten sehr anschaulich 22 herausgearbeitet.
23 s. Cremerius, 1992, S.37.
24 s. Bruder-Bezzel, 1991, S.234.
25 1996 fand in Oxford der 20. Internationale Kongress der IP statt - ein gutes Omen für eine Annäherung von Psychologie und einer der ältesten Psychotherapieschulen?
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stellten die fünf Internationalen Kongresse dar 26 , deren letzter vor dem 2.Weltkrieg 1930 in Berlin mit mehreren 1000 Teilnehmern stattfand. Bei der Organisierung ärztlicher Psychotherapeuten mit dem Ziel der kassenärztlichen Anerkennung war die Individualpsychologie neben der Psychoanalyse ebenfalls vertreten. Um sich in diesem Kreis zu "bewähren", war auch die Notwendigkeit der bis dahin vernachlässigten formalisierten Ausbildung gegeben (s. hierzu 5.3.). Zwar gab es in den 20er Jahren viele Weiterbildungsangebote in Form von Vorträgen und Kursen, die Frage der formalisierten Ausbildung hatte jedoch keine so zentrale Stellung wie in der Geschichte der Psychoanalyse. Durch die Ausbreitung der IP ergaben sich auch verschiedene Ausrichtungen dieser Lehre (die biologistische, marxistische, religiöse und philosophische), durch die zunächst noch keine Fraktionierungen entstanden. Dies änderte sich allerdings Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, z.B. mit der Spaltung der Berliner Gruppe. Cremerius (1992, S.37) weist darauf hin, dass das Elend der psychoanalytischen Institutionen, deren Präsident außerordentliche Vollmachten hat, dessen Ansprüche unwiderlegbar und dessen Autorität unverletzbar ist, mit dem totalen Verzicht auf eine wissenschaftliche Vereinigung beginnt. An ihre Stelle trete eine Glaubensgemeinschaft. Durch die Entwicklung von Hypothesen, die der "reinen" Lehre widersprechen, kommt es zu machtpolitischen Spannungen und immer wieder zu Dissidenten, die sich von der Ursprungsgruppe trennen und neue Institute gründen. Handlbauer (1990, S.172 f) stellt fest, dass mehrere Merkmale psychoanalytischer Dissidenz sich auch direkt auf die IP (zu Lebzeiten Adlers) anwenden lassen. 27
Wenn wir uns nun der Gegenwart nähern und untersuchen, wie sich die Institutionalisierung der IP nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland gestaltete, wird deutlich, dass die Tatsache einer fehlenden internationalen Organisation sich sehr hemmend auf einen Neubeginn der wenigen im Land gebliebenen Individualpsycholgen auswirkte. Die nach Amerika emigrierten Individualpsychologen hatten in Konkurrenz mit der Psychoanalyse Probleme, ihre Schulenidentität offenzulegen und arbeiteten häufig als "Kryptoadlerianer". Selbst als 1954 die IVIP gegründet wurde, vergingen mehrere Jahre, ehe der organisatorische und
26 Bruder-Bezzel (1991, S.80) merkt allerdings an, dass es im wesentlichen deutschösterreichische Kongresse waren.
27 Er verweist dabei auf Adlers Ausschluss von Allers und Schwarz Ende der 20er Jahre, auf seinen Bruch mit Künkel in Berlin und seinen Ausschluss linker Individualpsychologen um Rühle-Gerstel und Sperber in den 30er Jahren.
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institutionelle Aufbau der IP in Deutschland wieder in Angriff genommen wurde. 28 In den 50er und 60er Jahren erschienen zwar einige Bücher von Individualpsychologen, der eigentliche Aufschwung kam aber erst durch die aktive Unterstützung der emigrierten Individualpsychologen. Nach der Gründung der AAG 1962 versammelten sich durch die Aktivitäten von Metzger und Seeger 29 1966 im Rahmen des 10. Internationalen Kongresses in Salzburg alte und neue Mitglieder zu einer ersten richtigen Mitgliederversammlung, Weiterbildungskurse wurden geplant und ab 1967 auch mit Hilfe der Emigranten durchgeführt. Die Mitgliederzahlen stiegen, aber Uneinigkeiten über die Abschlüsse der Ausbildungsgänge für Teilnehmer unterschiedlicher Grundberufe und über finanzielle Abrechnungsmodi führten zu erbitterten Auseinandersetzungen in den Mitgliederversammlungen, zu verschiedenen Satzungsänderungen und schließlich zum Rücktritt Metzgers, Seegers und anderer Vorstandsmitglieder. 1970 wurde ein neues Gremium mit Blumenthal 30 als 1.Vorsitzenden zusammengestellt. Die AAG hieß nun DGIP, Weiterbildungskurse wurden in regionalen Arbeitskreisen dezentral angeboten. Für die öffentliche Anerkennung der Weiterbildung erfolgte die Gründung von Instituten mit bestimmten personellen und organisatorischen Gegebenheiten. Die Einrichtung eines Zentralinstituts, für dessen öffentliche Unterstützung Metzger bereits 1969 ein Gutachten bei Ansbacher eingeholt hatte, wurde auf jeder Delegiertenversammlung zum "Zankapfel" und kam nie zustande. Ungeachtet dessen stiegen die Mitgliederzahlen weiter erfreulich an, und das Vermögen der DGIP erhöhte sich zwischen 1969 und 1979 von ca. 2000 DM auf 120000 DM.
Schmidt (1987a), Arzt und 1.Vorsitzender der DGIP von 1974-1987, weist noch auf die Verdienste des Ehepaars Ansbacher, auf Dreikurs, Ackerknecht,
28 In Österreich war die Lage etwas anders. Obwohl die Psychoanalytiker und die Individualpsychologen nach dem Krieg ihre eigenen Vereinigungen wieder restaurierten, blieb dort die IP in das wissenschaftliche Leben der Universitäten eingebunden. In der Notgemeinschaft während des Krieges hatten Psychoanalytiker und Individualpsychologen eine Arbeitsbasis gefunden, in der jeder den Erkenntnissen seiner Schule treu bleiben konnte und affektive Kämpfe um die "richtige" Lehre zugunsten von Anregungen und gemeinsamen Diskussionen in den Hintergrund traten (vgl. hierzu Schmidt, 1987a, S.251f). Gegenwärtig veröffentlichen Wiener Individualpsychologen mit Psychoanalytikern in psychoanalytischen Publikationsorganen, 1990 kam es zu kooperativen Ausbildungsseminaren (vgl. hierzu Datler, 1991b, S.33 f).
29 Seeger wurde von der späteren DGIP als Diplompsychologe weitgehend ignoriert (L. Ackerknecht, persönl. Mitteilung).
30 Er ist Diplompsychologe, absolvierte eine Lehranalyse bei Dreikurs und Alexander Müller, die beide direkte Adler-Schüler waren. Von 1964-1981 und 1986-1991 war er 1.Vorsitzender des Alfred Adler Instituts in Zürich.
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Rom und Sperber hin, ohne deren Hilfe die deutschsprachige IP sich nicht erholt hätte. Er beschreibt dann den Prozess der Polarisierung einer sich tiefenpsychologisch verstehenden IP und einer (eher "amerikanischen") IP, die sich als Bewusstseinspsychologie versteht, die 1976 auf dem 13. Internationalen Kongress in München unübersehbar wurde. Er selbst rechnet sich der ersteren zu, wobei er sie als die emanzipatorische darstellt: "Die Schüler Adlers wurden erwachsen und begannen seinen Ansatz einer ganzheitlichen Beziehungsanalyse zu vertiefen" (S.253). 31 Gleichzeitig weist er entschieden die Kritik zurück, es handle sich bei der neuen Entwicklung in der IP um opportunistische Erscheinungen, die mit dem Verteilungsproblem auf einem umkämpften Psychomarkt zu tun hätten. Die Gefahr, in "elitäre Elfenbeintürme aus überholter psychoanalytischer Zeit (zu) flüchten" (S.256), sieht er an den eigenen Instituten allerdings auch und fordert von daher die gleichwertige Zusammenarbeit aller an Therapie und Beratung beteiligten Berufsgruppen, ohne allerdings Aussagen über die Konkretisierung zu machen.
Wenige Jahre später klingt der Ton noch selbstbewusster, aber auch aggressiver. Lehmkuhl & Lehmkuhl 32 (1990, S.7ff) sprechen von der "Vereinfachung und Vernachlässigung wichtiger tiefenpsychologischer Ergebnisse Adlers" durch die individualpsychologischen Emigranten in Amerika aufgrund der "bewusste(n) Abgrenzung von Psychoanalytikern". Sie nennen die Nichtanerkennung der damals emigrierten Adlerianer in Kliniken und Institutionen "Kriegskosten", denen sie die eigene seit 1979 erreichte Anerkennung zur Weiterbildung durch die zuständigen Bundesärztekammern und die Kassenärztliche Bundesvereinigung in Deutschland stolz gegenüberstellen. Obwohl es zweifelsfrei den Aktivitäten der Emigranten zu verdanken ist, dass die Individualpsychologie in den späten 60er Jahren wieder einer größeren Zahl von Menschen nahegebracht wurde, heben Lehmkuhl & Lehmkuhl nur äußerst pauschal deren am "späten" Adler orientierte Bewusstseinspsychologie hervor und zitieren als Zeugin eine Individualpsychologin, die den Autoren berichtete, "wie sie tief deprimiert und entsetzt" (S.8) nach einem Seminar von Dreikurs gewesen sei. Diesem Zitat, das keine repräsentative Aussage darstellt, kann ich mit ebensolcher Vehemenz meine eigene positive Erfahrung gegenüberstellen, die ich in meiner Weiterbildung u.a. mit Frau Ackerknecht machte. Sie ist im Unterschied zu Lehmkuhl & Lehmkuhl nicht Ärztin, sondern promovierte Psychologin und Anthropologin, leitete die ersten Nachkriegskurse für angehende Berater und
31 Mit dieser Behauptung setze ich mich, da sie eine inhaltliche theoretische Auseinandersetzung erfordert, an anderer Stelle auseinander (s. 4.).
32 U.Lehmkuhl ist seit 1987 1.Vorsitzende der DGIP.
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Psychotherapeuten in Deutschland und bildete damit die erste Generation von Individualpsychologen in Deutschland mit aus (zu der Lehmkuhl & Lehmkuhl sich auch zählen dürfen).
Die Gefahr der Verkrustung der Institute sehen Lehmkuhl & Lehmkuhl "auf-grund ihrer jungen Geschichte und einer kritischen Reflexion der individualpsychologischen Theorie und Praxis" (S.9) nicht. Ihre Argumentation fällt allerdings etwas paradox aus, indem sie nämlich u.a. die Annäherung an andere tiefenpsychologische Schulen (denen diese Verkrustung ja gerade sogar aus eigenen Reihen vorgeworfen wird) als Beleg dafür anführen. 33 Der Soziologe Wiegand, der jahrelang Rattners Konzept der psychotherapeutischen Großgruppe wissenschaftlich begleitete, sich dann aber von ihm distanzierte und 1980 in die DGIP eintrat, ist da anderer Ansicht. In seinem Aufsatz "Organisierte Menschenkenntnis" (1990, S.2-16) gibt er zu bedenken, dass zwar die soziale Realität der DGIP ein breiteres Spektrum psychotherapeutischer und psychosozialer Qualifikationen als die Psychoanalyse aufweist, diese Tatsache allein allerdings noch keine Gewähr für ein sachliches und friedliches Miteinander und das Fehlen der Machtthematik bietet. Verschiedenartige Lebenszusammenhänge der Mitglieder führen auch in der DGIP aufgrund unterschiedlicher Interessen zu organisationsinternen Spannungen, so z.B. zu Loyalitätskonflikten aufgrund von Mitgliedschaften in anderen psychotherapeutischen Verbänden. Wiegand weist auch auf die Tendenz der medizinisch vorgebildeten Psychoanalytiker (IP) hin, mit den psychoanalytischen Kollegen außerhalb der DGIP prestigemäßig mitzuhalten und dadurch organisationsintern auf Widerstand zu stoßen. Hinzu kommt eine nicht zu übersehende Konkurrenz zwischen psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten, die ihrerseits mit den Wünschen der Berater, egalitär behandelt zu werden, kollidieren. Bedauernd stellt Wiegand fest, dass die größere Heterogenität der Mitgliedschaft auch keine größere wissenschaftliche Produktivität der Adlerschen Richtung gegenüber der Freudschen bewirkt. 34
Wie sieht es auf internationaler Ebene mit den IP-Organisationsstrukturen aus? Auf dem 15. Internationalen Kongress in Wien 1982 nahm W.Spiel die Präsidentschaft der IVIP unter der Voraussetzung an, dass die IVIP in dafür zu bildenden Kommissionen folgende Aufgaben in Angriff nehmen würde: eine kritische Auseinandersetzung mit der geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen
33 Im Bereich der Ausbildung wird in 5.3. u.a. die Kritik eines Ausbildungskandidaten der DGIP vorgestellt.
34 In diesen Zusammenhang ist auch der von der DGIP ausgeschriebene Preis für wissenschaftlich wertvolle und innovative Leistungen innerhalb der IP einzuordnen.
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Entwicklung der IP in den letzten 50 Jahren, Vorarbeiten für einheitliche Ausbildungsrichtlinien, die eine Erhöhung des Ausbildungsstandards beinhalten und Vorschläge für eine Verbesserung der Administrationsstrukturen. Über die Ergebnisse des Ausbildungs- und Wissenschaftskomitees berichte ich an anderer Stelle (3. und 4.).
Zu den organisatorischen Verbesserungen äußern Gröner, Leixnering und Reinelt (1986) sich auf dem 16. Internationalen Kongress in Montréal 1985. Sie fordern Organisationsentwicklung für die den nationalen Verbänden übergeordneten IVIP und sprechen sich für eine gleichwertigere Integration und Mitver-antwortung aller Mitgliedsvereinigungen und Ausbildungsinstitute in der IVIP aus, "die einerseits den Anforderungen einer internationalen 'einigenden' Organisation genügt, andererseits aber genügend Freiheiten für eine Entwicklung der einzelnen nationalen Organisationen lässt" (S.116). Diese Zielvorstellungen können ihrer Ansicht nach in der bestehenden IVIP nicht verwirklicht werden. Ihren gegenwärtigen Schwächen stellen sie zukünftige Aufgaben gegenüber: vertiefte Information und Kommunikation der Mitglieder als Basis für eine Zusammenarbeit, kontinuierliche Arbeit an grundlegenden Fragen in allen Vereinigungen für den Fortbestand des Selbstverständnisses der IP, möglichst gleichwertige Machtverteilung und Minderheitenschutz, möglichst gerechte Finanzierung der Arbeit, Vertretung und Zugehörigkeit der Individuen durch ständige Ermutigung, Entscheidungen innerhalb der internationalen Organisation durch handlungsfähige geschäftsführende und beschließende Organe. Die Autoren halten den Aspekt der Machtverteilung für denjenigen, der am schwierigsten zu lösen ist. Das liegt u.a. an der unterschiedlichen Größe der Vereine und Ausbildungsinstitutionen in den verschiedenen Ländern und das damit in Zusammenhang stehende Sitz- und Stimmrecht in der Delegiertenversammlung der IVIP, wobei problemverschärfend hinzukommt, dass es neben dem Typus der nationalen "Dachvereinigung" auch mehrere, voneinander getrennte Organisationen bzw. Institute in einem Land gibt. Zur Situation der IP-Organisation in unserem Land ist zusammenfassend festzuhalten, dass heute auf die Zahl der Mitglieder 35 , die Zahl der Ausbildungsinstitute und die (allerdings noch geringe) Zahl der Lehrstühle an Universitäten verwiesen wird sowie auf den angeblich einvernehmlichen Dialog mit den Psychoanalytikern, als sei das allein ein Nachweis der Qualität der IP. Inzwischen ist die IP wie die PA in Kliniken und psychosoziale Versorgungssysteme einge-
DieDGIP ist heute mit 8 Landesverbänden die größte nationale Gesellschaft in der IVIP. 35
Seit 1954 fanden mit 2 Ausnahmen alle Internationalen Kongresse in Europa statt, so dass der Schwerpunkt der IP, der vor dem 2. Weltkrieg in Deutschland war und nach 1938 nach Amerika (vor allem nach New York und Chicago) verlagert wurde, nun wieder in unserem Land anzusiedeln ist.
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Arbeit zitieren:
Dipl.-Psych. Renate Schallehn, 1996, Alfred Aldlers Individualpsychologie heute: Eine Weiterentwicklung in Theorie und psychotherapeutischer Praxis?, München, GRIN Verlag GmbH
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