Universität Heidelberg, Institut für Soziologie
Veranstaltung: Person und soziales System
Sommersemester 2006
Wie entsteht die Identität im Rahmen des
Sozialisationsmodells nach G. H. Mead und
ist dieses Modell empirisch belegbar?
von: Kristian Stoye
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sprachlichkeit
3. Kommunikation und Interaktion
4. Sozialisationsverlauf
4.1 Die Spielform „Play“ und der signifikante Andere
4.2 Die Spielform „Game“ und der generalisierte Andere
4.3 „Me“, „I“ und „Self“
5. Empirische Analyse
6. Fazit
Literatur
Anhang
1. Einleitung
Die Sozialisationsforschung beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Individuen entwickeln und welche Rolle dabei die Umwelt spielt, in der sie aufwachsen. Im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung nehmen Kultur, Werte und Normen einer Gesellschaft auf das Individuum Einfluss. Während dieser Phase werden den Gesellschaftsmitgliedern grundlegende Kenntnisse vermittelt, welche später zum sozialen Handeln benötigt werden. Eine mögliche Definition von Sozialisation geht auf Geulen und Hurrelmann (1980:51) zurück. Sie beschreiben die Sozialisation als den „Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei die Frage, wie der Mensch sich zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet.“
Vor diesem Hintergrund soll gezeigt werden, wie sich die Persönlichkeitsentwicklung in einem Sozialisationsmodell nach George Herbert Mead gestaltet. Dessen Hauptwerk ist eine Sozialtheorie, welche die Entstehung von „Geist, Identität und Gesellschaft“ (Mead 1968) durch einen symbolvermittelten Interaktionsprozess erklärt. Den Ausgangspunkt bilden dabei Gruppen aus sozial Handelnden und nicht die einzelnen Individuen selbst. Das Thema der Sozialisation wird von G. H. Mead oft indirekt behandelt, was sich durch seine „sehr breiten theoretischen Interessen“ (Preglau 1999:52) erklären lässt. Eine Interpretation Meads wird des Weiteren dadurch erschwert, dass alle Bücher des Amerikaners posthum erschienen sind. So sei laut Joas (vgl. 1980:91; 1985:8) bei seinen Werken zum Teil mit verfälschten Aussagen zu rechnen und eine vollständige Sammlung selbst verfasster Schriften existiere leider nicht.
Bei einer Rekonstruktion von G. H. Meads Sozialisationstheorie ist also zu beachten, „was aus seinen eigenen Aussagen herauszulesen ist“ (Krappmann 1985:162). Im Verlauf der vorliegenden Arbeit soll systematisch dargestellt werden, wie sich die Identität im Rahmen der Sozialisation entwickelt. Hierfür wird zunächst auf den Punkt der Sprachlichkeit als Grundlage für eine symbolisch vermittelte Interaktion eingegangen. Ebenso wird erläutert, wie diese Interaktion abläuft und welche Rolle dabei die Grundqualifikationen der Sprache und der Empathie (vgl. Tillmann 1989:135) spielen. Auf dem Interaktionsprozess aufbauend wird dann dargestellt, wie während der Sozialisation eine stufenförmige Entwicklungslogik der Identitätsbildung durchlaufen wird. Nach G. H. Mead sind dabei in erster Linie kindliche Spielformen bedeutsam, um am Ende zu einem sozialisierten Individuum zu kommen. Dieses zeichnet sich durch eine eigenständige Persönlichkeit und der Fähigkeit zum sozialen Handeln aus. Inwiefern dieses Modell der Identitätsentwicklung heute noch plausibel ist, soll nach der Skizzierung der Persönlichkeitsstruktur in einer empirischen Analyse gezeigt werden.
2. Sprachlichkeit
Bevor jedoch die Entstehung von Identität im Interaktionsprozess beleuchtet werden kann, muss eine Grundlage für die Interaktion selbst geschaffen werden. Hierfür knüpft G. H. Mead bei dem Psychologen Wilhelm Maximilian Wundt an, bei dem er in Leipzig auch ein Semester seines Deutschlandaufenthaltes als Student verbrachte. In einem Teil seiner Vorlesung über Sozialpsychologie1 (vgl. Mead 1968:81ff) geht Mead auf Wundts psychologische Sprachtheorie ein und führt diese fort. Wundt glaubte in der Sprache einen Gegenstand gefunden zu haben, der nur im Zusammenspiel mit anderen sinnvoll bestehen könne. Letztlich macht es die Sprachlichkeit dem Individuum möglich, sich Anderen im Rahmen einer symbolvermittelten Interaktion mitzuteilen.
Wundts anthropologisches Konzept beginnt mit der Geste beim Tier, die eine Handlung andeutet und so für andere Tiere einen Reiz darstellt. Bei Jungtieren kommt es zu einer Verknüpfung von Reizen mit den in ihrer Natur angelegten Reaktionen. Dies geschieht durch Assoziationen, welche schließlich verinnerlicht werden und in den Habitus des Tieres übergehen. Fortan folgt auf eine Geste eine bestimmte instinktive Reaktion, welche wiederum zu einer Folgereaktion führen kann. Dies kann nach G.H. Mead als „Gebärdenspiel bezeichnet werden […]. Es besteht aus den Anfängen jener Handlungen, die Instinktreaktionen bei anderen Lebewesen hervorrufen.“ (Mead 1980:211) Was den Mensch nun vom Tier unterscheidet, ist die Fähigkeit, auf die hinter der Geste stehende Idee zu schließen und Emotionen nachzuempfinden. In dem Moment, in dem ein Mensch die Gebärde bewusst einsetzt, um seinem Gegenüber die dahinter stehende Idee zu vermitteln, handelt es sich um eine signifikante Geste mit einer bestimmten Bedeutung. Von der signifikanten Geste ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Erklärung einer Sprache, die aus signifikanten Symbolen besteht. Von besonderer Relevanz ist dabei die vokale Geste, wie etwa das Knurren eines Hundes.
[...]
1 Die Vorlesungsmitschriften sind posthum erschienen als „Geist, Identität und Gesellschaft aus der Sicht des Sozialbehaviorismus“ (Mead 1968) herausgegeben von Charles W. Morris
Arbeit zitieren:
Kristian Stoye, 2006, Wie entsteht die Identität im Rahmen des Sozialisationsmodells nach G. H. Mead und ist dieses Modell empirisch belegbar?, München, GRIN Verlag GmbH
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