1. Einleitung
1.1. Erklärung der Arbeitsschritte
Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Mythos in Ferdinand Raimunds Bühnenwerken. Die Rolle der mythischen Figuren in menschenähnlicher Gestalt wird anhand seines romantischkomischen Original-Zauberspiel „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“ und seinem Original- Zaubermärchen „Der Verschwender“ behandelt.
Zunächst folgt eine kurze Wiedergabe beider Werke in Bezug mit „Mythos“. Im Anschluss daran werde ich den Begriff „Mythos“ näher definieren und diesen in Verbindung zu seinen zwei Werken setzen. Im Anschluss folgt eine Begründung für die Wahl dieser Stücke. Im Hauptteil der Arbeit geht es konkret um die mythischen Figuren in menschenähnlicher Gestalt; um ihre Gemeinsamkeiten, Unterschiede und ihre Entwicklungen. Im „Alpenkönig und der Menschenfeind“ handelt es sich um den Alpenkönig selbst. Aus dem „Verschwender“ werden die Figur Cheristanes und die des Bettlers untersucht. Am Schluss folgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse mit den jeweiligen Begründungen.
1.2. Kurze Wiedergabe der Werke im Kontext mit „Mythos“
1.2.1. Der Alpenkönig und der Menschenfeind
Herr von Rappelkopf hat resigniert seine Geschäfte aufgegeben und lebt nun in einer entfernten Gebirgsgegend. Betrug und üble Begegnungen haben ihn zum Menschenfeind werden lassen. Misstrauen und Hass erfüllen seine Seele in solchem Maß, dass er seine Frau und Tochter Malchen sowie seine Dienerschaft durch raues und abstoßendes Benehmen misshandelt. Auch den Geliebten seiner Tochter, August Dorn, trifft sein Menschenhass. Malchen und August beklagen ihr Leid im Gebirgstal, als Astragalus, der Beherrscher der Gebirge, ihnen erscheint und von ihrer Liebe gerührt ist. Er sagt ihnen seinen Beistand zu. Inzwischen hat Rappelkopfs Menschenhass den höchsten Grad erreicht und er stürzt aus dem Haus. Im Wald wandelt er sich zum Kohlenbrenner und stößt vor einer Hütte grässliche Verwünschungen gegen das Menschengeschlecht aus. In diesem Augenblick erscheint ihm Astragalus in Gestalt eines Jägers. Dieser zwingt Rappelkopf durch die Kraft seines Gewehres, die Gründe seines Hasses zu erläutern. Der Zorn des Alpenkönigs erwacht über den boshaften Starrsinn des Menschenquälers, und seinen Geistern gebietend, bricht das nahe Gewitter furchtbar los. Rappelkopf will unter das Dach der Hütte flüchten, aber ihm tritt die Schreckensgestalt seiner verstorbenen ersten Frau entgegen. Er versucht durch das Fenster ins Innere der Hütte zu gelangen und als ihn hier der Geist seiner zweiten Frau begegnet, versucht er durch den Rauchfang in die Hütte zu
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kommen. Auch dies gelingt ihm nicht, da ihm seine dritte verstorbene Frau entgegen tritt. Verzweifelt springt er vom Dach und da schon ganze Fluten die Erde überschwemmen, flüchtet er sich auf einen Baum. Doch auch hier ist er vor der Flut nicht sicher. In den Lüften auf einem Wolkenwagen erscheint Astragalus und bietet ihm Rettung an. Jedoch nur unter der Voraussetzung, dass er sich bessert, wenn Astragalus ihn überzeugen kann, dass sein eigenes Betragen die Quelle seines Unglücks sei. Rappelkopf stimmt zu. Der zweite Akt zeigt den Menschenhasser im Zauberschloss des Alpenkönigs. Durch die Gewalt des Alpenkönigs ist er in die Gestalt seines Schwagers verwandelt worden, welcher aus Venedig kommend, durch die Berggeister in den Gebirgen zurückgehalten wird. Rappelkopf soll in der Gestalt des Schwagers in sein Haus zurückkehren und dort Zeuge seines eigenen Treibens sein, indem der Alpenkönig sich selbst die Gestalt des Rappelkopfs gibt und dessen Rolle übernimmt. Dies bedeutet, dass mit dem Leben des Einen auch das Leben des Anderen gefährdet sein werde.
Im Hause Rappelkopfs herrscht große Bestürzung über seine Abwesenheit. Der Spiegel des Zimmers verwandelt sich auf einmal in eine perspektivische Gebirgsgegend, in der der Alpenkönig erscheint, der baldigen Trost und Rettung verspricht. Kurz darauf gelangt durch die Fügung des Gebirgskönigs Rappelkopf in Gestalt des Schwagers in sein Haus und wird Zeuge der Anhänglichkeit seiner Frau und Tochter. Selbst der Geliebte seiner Tochter und die Dienerschaft erscheinen Rappelkopf in seiner anderen Gestalt und er beginnt die Irrtümer zu erkennen. Astragalus tritt in der Gestalt Rappelkopfs auf und dem Menschenfeind wird sein Betragen eindrucksvoll veranschaulicht.
Der Schauplatz verwandelt sich in den Tempel der Erkenntnis; Astragalus tritt dem Bekehrten mit dem wahren Schwager entgegen und erklärt Rappelkopf für geheilt.
1.2.2. Der Verschwender
Die Fee Cheristane wurde von der Feenkönigin zu einer Erdenwanderung bestimmt, um nach eigenem Ermessen Gutes zu üben und bei ihrer Rückkehr in das Feenreich Lohn oder Strafe dafür zu empfangen. Sie war mit einer Perlenkrone ausgerüstet, woran jede Perle einen Geist umschließt, der dienstbar ihrem Willen, sich verkörpert und ihre Befehle vollstreckt. Nach langer Zeit traf sie den jungen Flottwell, dem sie bald ihre volle Zuneigung schenkte und ihm viele Perlen zum Glücke und Gedeihen seines Hauses opferte. So fiel ihm ein unermesslicher Reichtum zu, der aber den jungen Mann nach dem Tode seines Vaters mit einem Hang zur Verschwendung erfüllte, welcher einen bösen Ausgang befürchten lässt. In der Gestalt eines Bauernmädchens hat sich die schützende Fee ihm drei Jahre hindurch gewidmet.
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Cheristanes Erdenzeit neigt sich dem Ende und sie besitzt nur noch eine Perle, ist diese verwendet, muss sie ihrer Macht beraubt zurück ins Feenreich. Sie opfert diese letzte Perle der Rettung ihres Schützlings. Azur, der Geist, den die Perle umschließt, verspricht ihn zu schützen und zu warnen; doch er darf nicht in sein Schicksal eingreifen. Noch einmal sieht Cheristane ihren Liebling um Abschied zu nehmen. Erst dann sagt sie ihm, wer sie wirklich ist und wie sie für ihn sorgt. Gleichzeitig warnt sie ihn und zum Zeichen seiner Liebe verlangt sie aus seinem Leben ein Jahr, über das sie ganz verfügen könne. Drei Jahre sind vergangen und der Leichtsinnige hat jene Zeit vergessen, ist umgeben von falschen Freunden, die nur sein Reichtum lockt, in einem neuen prachtvollen Landschloss, da das frühere dem Zahn der Zeit überlassen wurde. Die Geisterliebe ist in einer irdischen untergegangen. Die Tochter des Präsidenten erwidert seine Leidenschaft, aber ihr Vater hat das Ende des Verschwenders bereits vor Augen. Der Versuch der Liebenden, den Vater umzustimmen, misslingt.
Der Bettler an den Pforten von Flottwells Palast ist nur für ihn sichtbar. Er beschenkt den Bettler, aber dieser verlangt mehr, auch eine zweite Gabe ist noch nicht genug, da weist Flottwell ihn von sich. Er ruft ihn jedoch zurück, als ihn ein Brief seiner Geliebten erreicht, die sein heutiges Fest besuchen möchte. Daraufhin beschenkt er den Bettler mit verschwenderischem Großmut. Was sein Mitleid nicht vermochte, hat die Begeisterung vollbracht. Für seine Geliebte Amalie wird kostbarer Schmuck besorgt, der aber den Wünschen Flottwells nicht entspricht. Dieser wirft ihn einfach aus dem Fenster. Der Schmuck soll noch wertvoller sein.
Flottwell möchte seinen Gästen die herrliche Aussicht von seinem Schlosse aus genießen lassen und wieder hat nur er die Aussicht auf den Bettler, der mitten in der Landschaft sitzt, vor Augen. Flottwell brennt mit Amalie durch und da tritt ihm nochmals der Bettler entgegen und verlangt die Hälfte seiner Barschaft, die er bei sich trägt. In seiner Angst greift er nach dem Degen, verwundet ihn aber nicht. Der Bettler folgt ihm weiter. Zwanzig Jahre sind vergangen. Flottwell hat seine Frau und sein Kind verloren, seine Verschwendung und sein Unglück haben sein Vermögen erschöpft. Als Bettler kehrt er in die Heimat zurück. Erst jetzt gedenkt er des Warnungsbildes des Bettlers und Cheristanes und klagt. Er besucht die Ruinen seines ersten Schlosses, um hier sein Leben durch den Hungertod zu beenden. Der rätselhafte Bettler, der Geist Azur, erscheint ihm dort erneut. Er ist zu Flottwells Schutz berufen. Das 50zigste Jahr Flottwells hat Cheristane gewählt, um sein Schicksal zu mildern und zu lenken. Sie erscheint ihm erneut. Die Feenkönigin hat sie wieder mit allen Abzeichen der Macht ausgestattet. Sie ermuntert ihn, sein kurzes Erdenlos mutig zu tragen und gelobt ihm Wiedersehen in dem großen Reich der Geister.
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Der gutmütige Valentin, Flottwells ehemaliger Diener, jetzt Tischlermeister, zieht los, um den ehemaligen Herrn zu suchen und um ihn zu sich heimzuführen. Flottwell ist glücklich, in dem stillen Kreis von Liebe und Treue einer neuen Hoffnung entgegen zu leben.
1.3. Begriffserklärung „Mythos“
Das Mythische in Ferdinand Raimunds Werk tritt in vielfältiger Form in Erscheinung. Mythische Motive aus der antiken Sagenwelt vermischen sich mit Elementen des Märchenhaften, des Phantastischen, des Wunderbaren und des Allegorischen. Daher kann man nicht von dem klassischen Mythosbegriff ausgehen. Die Rückbesinnung auf die so genannten echten, alten Mythen wäre nicht richtig, da dieser archaische Mythos an kultische und religiöse Vorstellungen in dieser Zeit gebunden ist, die auf Raimund nicht zu übertragen sind. Die vorzeitlichen Mythen in Gestalt von Göttern, Dämonen, Geistern und übernatürlichen Wesen verweisen auf eine vorrationale Anschauung von Leben und Tod, von Natur und übersinnlichen Erscheinungen und entsprechen einer Vorstufe des menschlichen Denkens. Raimunds Mythen beziehen sich nicht mehr auf einen geglaubten, geschlossenen übersinnlichen Zusammenhang, sondern spiegeln subjektive Erfahrungen mit den überlieferten mythischen Bildern und Gestalten wider, verbunden mit neuen Inhalten und Deutungen. Damit sind sie auch Ausdruck seiner Zeit.
Die mythische Welt in Raimunds Dichtung lässt sich nicht allein auf das Theater des Barocks zurückführen, weil sie nicht ausgerichtet ist auf eine jenseitige Heilsordnung und weil ihr der für das Barocktheater charakteristische Hintergrund fehlt; der Hof und seine ständisch gegliederte Gesellschaft, deren Hierarchien sich auch widerspiegeln in den Rangfolgen des Geister- und Zauberwesens. Es muss berücksichtigt werden, dass Raimunds Theater kleinbürgerliche Züge trägt und sich im Milieu der Wiener Vorstadt entfaltet. Deren Publikum möchte sich auf der Bühne selbst bestätigt wissen und ist darüber hinaus umso empfänglicher für eine phantastische Szenerie, was dem Dichter erlaubt, alle Möglichkeiten des Theaterzaubers auszuspielen.
Die mythische Bilder- und Figurenwelt ist nicht als eine Wiedererweckung archaischer Urbilder zu verstehen. Sie zeichnet sich durch ihre Unverbindlichkeit und Subjektivität aus, sie erwächst aus der Freiheit des Gefühls und der Phantasie, die überlieferte und selbst erfundene Stoffe und Motive aneinanderfügt und überführt in die Scheinhaftigkeit des theatralischen Spiels.
Für die Gebrüder Schlegel ist Poesie und Mythologie unzertrennlich. In der „Rede über die Mythologie“ bezeichnet Friedrich Schlegel die Mythologie als den Urquell der Poesie und fordert ihre schöpferische Wiederbelebung. In ihrer Originalität und poetischen Kraft soll sie sich zugleich unterscheiden von der Mythologie der „Alten“.
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Arbeit zitieren:
Stephanie Ebert, 2001, Ferdinand Raimund: Der Mythos in seinen Bühnenwerken, München, GRIN Verlag GmbH
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