1. Einleitung
2. Die Erinnerung in den ersten
Nachkriegsjahren und deren Beeinflussung 3. Das Gedenken in den 50er und 60er Jahre
unter dem Einfluss der Politik Konrad Adenauers 3.1 Die Problematiken des Gedenkens innerhalb der Bundeswehr 3.2 Der „Remer-Prozess“ 3.3 Der 17. Juni 1953 4. Das „Hilfswerk 20. Juli 1944 5. Fazit
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1. Einleitung
Am 20. Juli 1944 um etwa 12.45 Uhr detonierte ein Sprengsatz in der Besprechungsbaracke des Hitler-Hauptquartiers „Wolfschanze“. Oberst Claus Graf Schenk von Staufenberg, der am 2. Juli 1944 die Stelle des Chef des Stabes beim Chef der Heeresrüstung und des Ersatzheeres, Generaloberst Fromm, angetreten hatte, brachte diese Bombe dort an. Der Sprengsatz deponierte bei einer Besprechung, die Staufenberg unter einem Vorwand verließ. Die Explosion der Bombe war allerdings zu schwach um Hitler zu töten. Dieser wurde nur verletzt. Unter der Annahme Hitler hätte den Anschlag nicht überlebt, sollten die Vorbereitungen zum Plan „Walküre“ beginnen. Die Mitverschwörer, unter ihnen General Olbricht, Oberst Mertz von Quirnheim oder auch Generalmajor von Tresckow, hatten die Alarmierung jedoch nicht eingeleitet. Dies geschah erst als Staufenberg in Berlin ankam und versicherte, dass Hitler den Anschlag nicht überlebt hätte. So wurde nun versucht, gemäß ihrem Plan, die vorher festgelegten leitenden Stellen zu besetzen.
Nach und nach wurden immer mehr Dienststellen darüber informiert, dass Hitler noch lebte. Als dies über Rundfunk bestätigt wurde, war „Walküre“ offiziell gescheitert. Das fehlgeschlagene Attentat und das Zögern beim Auslösen der Operation „Walküre“ ließ den Umsturzversuch scheitern. 1 Unter den 200 Personen, die nach dem gescheiterten Attentat hingerichtet wurden, waren 19 Generäle, 26 Oberste, zwei Botschafter, sieben Diplomaten, ein Minister, drei Staatssekretäre, sowie der Chef der Reichskriminalpolizei und des weiteren mehrere Oberpräsidenten, Polizeipräsidenten und Regierungspräsidenten.
Obwohl Hitler nach dem Attentat von einer ganz kleinen Clique ehrgeiziger Offiziere sprach, stammten die Beteiligten der Verschwörung aus vielen Schichten der Bevölkerung. Der Widerstand gegen die Nationalsozialisten war aber nicht nur
1
Benz, W./Pehle, W.H.(Hrsg.): Lexikon des deutschen Widerstandes, Frankfurt am Main 1994, S. 325 ff;
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1. Einleitung
„…die Sache einer einzelnen Gruppe. Er reichte - und begann - bei den Kommunisten und Sozialdemokraten, entwickelte sich unter Intellektuellen und Künstlern, Theologen und Juristen, schließlich auch unter Diplomaten und Militärs.“ 2
Diese Arbeit „20. Juli 1944. Erinnerung und Erinnerungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland während der ersten zwanzig Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges“ wird sich nicht mit den direkten Geschehnissen nach dem Attentat oder noch während des Zweiten Weltkrieges beschäftigen, vielmehr werden die Ereignisse nach 1945, die im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 stehen, und die Erinnerung der westdeutschen Bevölkerung an den Tag des Attentates untersucht. Ob und wie man dieses Tags gedachte, aber auch welche Auswirkungen er auf die politische Laufbahn der jungen Republik hatte, die ihn schon bald als Symbol des Widerstandes für sich annahm und so den Widerstand stark einschränkte. Des Weiteren wird den Umständen nachgegangen, die den symbolischen Charakter des 20. Juli 1944 unterstützten und förderten. Warum und ab wann berief man sich gerade auf dieses Attentat auf Hitler? Es soll nicht nur die Erinnerung, sondern auch Umstände und Ereignisse behandelt werden, die dieses Andenken beeinflussten. Hier ist unter anderem an den „Remer-Prozess“ oder an den Volksaufstand in der DDR zu denken.
Diese Arbeit erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, es wird versucht anhand ausgesuchter Beispiele den Entwicklungsverlauf der Erinnerung an den 20. Juli 1944 zu beschreiben.
Der zu behandelnde Zeitraum erstreckt sich hierbei bis in die Mitte der 60er Jahre.
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2. Die Erinnerung in den ersten Nachkriegsjahren und deren Beeinflussung
2. Die Erinnerung in den ersten Nachkriegsjahren und deren Beeinflussung
„Von den Alliierten abgelehnt, von der Bevölkerung verdrängt […] und nur von einer kleinen Minderheit wachgehalten [sic!], scheint der 20. Juli 1944 in der Nachkriegszeit alles andere als ein deutscher Erinnerungsort gewesen zu sein.“ 3
Dieses Fazit von Jürgen Danyel beschreibt in ernüchternder Weise die Erinnerung der Menschen an den 20. Juli 1944 in der Bundesrepublik. Die deutsche Nachkriegsgesellschaft war durch politische Wirren, Not, Armut und das Flüchtlingselend gezeichnet. Niemand wollte sich an die vergangenen Jahre des Nationalsozialismus erinnern oder auch nur annähernd etwas mit ihm zu tun haben. Man orientierte sich an dem Appell des inneren Gewissens: „Vergessen, verdrängen, verschweigen…“ 4 Die militärische Niederlage wurde von vielen Deutschen als moralische Niederlage empfunden. Dadurch „… setzte in weiten Kreisen der Bevölkerung das Bestreben ein, die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und die eigene Mitschuld daran zu verdrängen. In diesem Klima war die Erinnerung an die Opposition gegen Hitler nicht willkommen.“ 5 Regina Holler schreibt hierzu: „Das deutsche Volk – bestehend aus Nazis, Nichtnazis, Tätern, Verfolgten, nur wenigen überlebenden Widerstandskämpfern und in erster Linie Mitläufern…“. 6 Man beschäftigte sich nicht mit dem Widerstand, denn das hätte eine Auseinandersetzung mit dem zu diesem Zeitpunkt gern verdrängten Nationalsozialismus, dessen Verbrechen, der eigenen Schuld und den daraus resultierenden Verhältnissen bedeutet.
In den Jahren nach 1945 wurden weder der 20. Juli 1944 noch all die anderen Widerstandstraditionen zu einer „…Quelle der kritischen Besinnung […] [oder der] Neuorientierung der deutschen Bevölkerung.“ 7
3
Zit. nach: Danyel, J.: Der 20. Juli, In: Francois, E./Schulze, H. (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 2, München 2001, S. 230;
4 Vgl.: Holler, R.: 20.7.1944. Vermächtnis oder Alibi? Wie Historiker, Politiker und Journalisten mit dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus umgehen, München 1994, S. 275; 5 www.bundestag.de/bic/analysen/2004/2004_02_23_1944.pdf;
7 Zit. nach: Danyel, J.: Der 20. Juli, S. 227;
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2. Die Erinnerung in den ersten Nachkriegsjahren und deren Beeinflussung
Betrachtet man die Veränderungen, die die deutsche bzw. das westdeutsche Bevölkerung durchlebt hat, so kommt man zu der Auffassung, dass in den Nachkriegsjahren eine Mutation, wie es Danyel in seiner Ausarbeitung beschreibt, stattgefunden hätte. Ein Wechsel von der „…Volksgemeinschaft des NS-Staates…“ zu einer „…Schicksalsgemeinschaft…“ 8 , welche in der Situation der Nachkriegsjahre die Menschen zusammengeschweißt und verbündetet hatte. Zu einer Schicksalsgemeinschaft die vieles miteinander, beginnend bei dem Bombenkrieg, über den Untergang der NS-Herrschaft, bis hin zu den erschütternden Verhältnissen der ersten Jahre,
Noch 1954, nach einer Umfrage von Elisabeth Noelle und Erich Peter Neumann, waren die Männer des 20. Juli für die Hälfte aller Befragten „…Hochverräter, Landesverräter, Volksverräter oder Staatsverräter.“
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Daran änderten auch die 1948 erschiene Gesamtdarstellung „Deutsche Opposition“ von Hans Rothfels nichts, die den deutschen Widerstand erstmals in seiner Breite würdigte.
10
Neben der Bevölkerung Deutschlands wurde das engagierte Verhalten der Widerstandskämpfer auch im Ausland nicht geehrt. Die Aussagen der Alliierten über den 20. Juli 1944 waren abwertend. Man sprach von „plot of the Generals“
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oder auch „underground of the Junkers“
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. Der größte Teil der Alliierten war der Meinung, dass die Männer des 20. Juli nur aus der Verzweiflung heraus gehandelt hätten, angetrieben „…aus Interesse an der eigenen Karriere den Tyrannen zu ermorden.“
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Die ablehnende Haltung entstand zum einen durch die Angst, dass ihr Bündnis brechen könnte und zum andern aus dem, spätestens seit der Konferenz von 1943 in Casablanca, erklärtem Ziel der „unconditional surrender“
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, welches Roosevelt am 26. Januar mit Nachdruck forderte. Man wollte keinen Vertragsfrieden mit Deutschland, man wollte die bedienungslose
9 Vgl.: www.bundestag.de/bic/analysen/2004/2004_02_23_1944.pdf;
10
Steinbach, P.: Widerstand im Dritten Reich – die Keimzelle der Nachkriegsdemokratie? Die Auseinadersetzung mit dem Widerstand in der historischen politischen Bildungsarbeit, in den Medien und in der öffentlichen Meinung nach 1945, In: Ueberschär, G. R. (Hrsg.): Der 20. Juli. Das „andere Deutschland“ in der Vergangenheitspolitik, Berlin 1998, S. 104;
11 Vgl.: Danyel, J.: Der 20. Juli, S. 228;
12 Vgl.: www.bundestag.de/bic/analysen/2004/2004_02_23_1944.pdf;
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Zit. nach: www.bundestag.de/bic/analysen/2004/2004_02_23_1944.pdf;
14 Vgl.: Danyel, J.: Der 20. Juli, S. 227;
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2. Die Erinnerung in den ersten Nachkriegsjahren und deren Beeinflussung
Erschwerend kam hinzu, dass die Männer des 20. Juli eine Welt verkörperten, die bei den Alliierten aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges auf Abneigung stieß. Gerade auch wegen einigen beteiligten Personen - Bürokraten, höheren Bourgeoisien und Offizieren - wurde der Widerstand abgewertet und tabuisiert. Die althergebrachte Abneigung gegen das deutsche Militär und das alte Preußentum war auch in den Reaktionen der Alliierten auf das Attentat vom 20. Juli 1944 zu erkennen. Obwohl auch andere Personenkreise, als die zuvor erwähnten, am
Anschlag auf Hitler beteiligt waren, sprach man vom „plot of the Generals“.
Die Alliierten waren nach dem Kriegsende nicht an dem Nachweis eines anderen, bessern Deutschlandes, wie es ab den 50er Jahren von Historikern und Politikern propagiert wurde, interessiert. Es war nicht in ihrem Interesse, dass sich das deutsche Volk, in deren Reihen sich noch ehemalige NS-Funktionäre und Militärs befanden, auf einen deutschen Widerstand berufen könnte. 15
Bis zum Ende der 40er Jahre - Gründung eines Westdeutschen Staates und 1949 der Wahl Konrad Adenauers zum Bundeskanzler, eigentlich aber bis zu den „Pariser Verträgen“ - war der Einfluss der Alliierten auf Deutschland so enorm, dass sich eine andere Meinung im Bezug auf den Widerstand nur nach und nach durchsetzen konnte. Durch die Tabuisierung der Alliierten konnten bzw. mussten erste Publikationen über den Widerstand sogar im Ausland verfasst und veröffentlicht werden. 16 Diese Veröffentlichungen fanden nur sehr schwer ihren Weg in die
Danyel spricht von einer kleinen Minderheit in der von mir zitierten Passage seiner Arbeit, die das Gedenken an den Widerstand wach hält. Die Erinnerung an die Tat vom 20. Juli 1944 war überwiegend dem Bemühen Weniger zu verdanken. 17 Überlebende, Hinterbliebene und Freunde der Attentäter waren unter anderem auch durch Publikationen und Veröffentlichungen bestrebt, das Andenken der Widerstandskämpfer zu bewahren.
16
Vgl.: Ueberschär, G.R.: Von der Einzeltat des 20. Juli 1944 zur „Volksopposition“? Stationen und Wege der westdeutschen Historiographie nach 1945, In: Ueberschär, G. R. (Hrsg.): Der 20. Juli. Das „andere Deutschland“ in der Vergangenheitspolitik, S. 125;
17 Vgl.: Steinbach, P.: Widerstand im Dritten Reich – die Keimzelle der Nachkriegsdemokratie?, S. 105;
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Arbeit zitieren:
Sebastian Gottschalch, 2004, 20. Juli 1944 - Erinnerung und Erinnerungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland während der ersten zwanzig Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges, München, GRIN Verlag GmbH
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