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INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung 3
2. Die Literatur des Mittelalters 3
3. Weibliches Sprechen 5
4. Gespräche von und mit Frauen im Nibelungenlied 5
4.1 Die Gespräche zwischen Mutter und Tochter 6
4.2 Kampfreden und Streitgespräche der Rivalinnen und Feindinnen 8
4.3 Kriemhild und Hagen 11
4.4 Gespräche zwischen den Eheleuten 13
4.5 Bettgespräche zwischen den Eheleuten 14
4.6 Kriemhild als Untergebene 15
4.7 Kriemhild als Herrscherin 17
5. Brünhild 19
6. Schluß 21
Literaturverzeichnis 23
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1. Einleitung
„Ich habe doch nicht sprechen gelernt, um jetzt den Mund zu halten"; tönt das weibliche Fotomodell der diesjährigen Betty-Barclay-Werbung in diversen Frauenzeitschriften. Anscheinend ist der Moment zum sprachlichen Durchbruch gekommen. Dabei haben Frauen zu keiner Zeit sprechen gelernt, um den Mund zu halten. Er wurde und wird ihnen nur bewußt und systematisch von männlicher Seite zugehalten. Ich möchte jedoch keinen Abriß der Geschichte der „Sprecherziehung“ von Frauen geben, sondern mich auf die aufschlußreiche und beispielhafte Inszenierung des weiblichen Sprechens im Nibelungenlied beschränken. Dazu gehe ich zunächst auf die den Frauen zugedachten Rollen im Bereich der mittelalterlichen Literatur ein und erläutere den von ihnen zu erfüllenden umfangreichen Tugendkatalog besonders im Hinblick auf ihre Artikulationsfähigkeiten. Die im Nibelungenlied vorkommenden Gespräche unter Frauen und zwischen Frauen und Männern untersuche ich auf die Beziehungen der Gesprächspartner untereinander, wobei gesellschaftliche und geschlechtliche Hierarchien und die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Sprechen und Macht im Mittelpunkt stehen. Ich möchte die Verhaltensweisen und Reaktionen darstellen und deuten, die entstehen, wenn eine Frau verbal kommuniziert.
2. Die Literatur des Mittelalters
Die überlieferte und uns bekannte weltliche Literatur des deutschen Sprachraums war bis in das 15. Jahrhundert männlichen Autoren vorbehalten. Literatur von Frauen dagegen beschränkte sich weitgehend auf den geistlichen Bereich. 1 Es war nichts Außergewöhnliches, daß adlige Töchter lesen und schreiben konnten. So gehörte es bei besonderen Anlässen neben dem reinen ‚Schönsein’ zu ihren Aufgaben, Hofgesellschaften durch Gesang, Dichtung und Vorlesen zu unterhalten. Elementare Kenntnisse im Lesen und Schreiben erhielten die jungen Damen entweder durch den Hofkaplan, einen angestellten Hofmeister, oder sie wurden zur weiteren Erziehung in ein Kloster gebracht. Gottfried von Straßburg läßt in „Tristan" einen Einblick in die vorbildlichen Eigenschaften der höfischen Dame zu. Tristan unterweist Isolde in verschiedenen Künsten:
1 Bennewitz, Ingrid: „Frauen"-Gespräche. Zur Inszenierung des Frauendialogs in der mittelhochdeutschen Literatur. Unveröffentlichtes Manuskript. 1996. S. 1. Im folgenden abgekürzt als: Bennewitz, „Frauen"- Gespräche.
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Si kunde schoeniu hantspil, schoener behendekeite vil brieve und schanzûne tihten, ir getihte schône slihten, si kunde schrîben unde lesen. 2
Von der gelehrten Bildung blieben sie jedoch im allgemeinen ausgeschlossen. Dennoch gab es immer wieder hochgebildete geistliche und weltliche Damen. Zu den berühmtesten und gern als Quotenbeispiele zitierten gehörten aus dem geistlichen Bereich Hildegard von Bingen († 1179) und Herrad von Landsberg († nach 1196), aus dem weltlichen Bereich Gisela von Schwaben († 1043) oder die Königin Judith von Böhmen († 1140). 3 Von der Kaiserin Kunigunde ist überliefert, daß sie die Grammatik und andere Wissenschaften genauso beherrschte wie kunstvolle Handarbeiten. 4 Leider ist nicht bekannt, welcher Anteil den adligen Frauen an literarischen Unterhaltungen am Hof zukommt. Es deutet aber viel auf die Rolle der am Hof anwesenden Damen als Auftraggeberinnen, Vorleserinnen und Adressatinnen der weltlichen fiktionalen Literatur hin. Es finden sich Textstellen, in denen höfische Epiker ausdrücklich schreiben, daß sich ihr Werk ganz besonders an ein weibliches Publikum wendet. Zum Beispiel richtete Wolfram von Eschenbach die letzten Verse des Parzival an eine Dame, der zu Ehren er das Gedicht zu Ende brachte. 5 Da Frauen vorzugsweise als Rezipientinnen und nicht als Schöpferinnen von Literatur in Erscheinung traten, bedeutet das, daß die beschriebenen Frauenrollen von männlichen Autoren erdacht und inszeniert wurden. 6 In einer Zeit, in der Literatur auch aufgrund der hohen Analphabetenrate mehr vorgetragen als selbst gelesen wurde, ließ eine mündliche Darbietung der Texte durch Männer zusätzliche Interpretationsmöglichkeiten zu. Demnach konnte die männliche Wunschvorstellung der weiblichen Handelnden präsentiert werden. Mittelalterliche Heldenepen akzeptieren vielfach die Berechtigung von Gewalt, Vergewaltigung, Plünderung und Mas-senmord in Wort und Tat als wesentliche Attribute des Wertesystems der Oberschicht. 7 Es stellt sich die Frage, ob die Frauenfiguren überhaupt authentisch sind. Hätten Frauen, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten, entsprechende Texte der Öffentlichkeit vorzustellen, sich ebenso dargestellt und sprechen lassen? Leider macht das Fehlen volkssprachiger Literatur von Auto-
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vonStraßburg, Gottfried: Tristan. V. 8136 - 8141.
3 Bumke; Joachim: Höfische Kultur. München 1994. S. 474 f. Im folgenden abgekürzt als: Bumke, Höfische Kultur.
4 Bumke, Höfische Kultur. S. 473.
5 Bumke, Höfische Kultur. S. 704f.
6 Bennewitz, „Frauen"-Gespräche. S. 2.
7 Frakes, Jerold C.: Brides and Doom. Gender, Property and Power in Medieval German Women's Epic. Pennsylvania 1994. S. B. Im folgenden abgekürzt als: Frakes, Brides and Doom.
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rinnen den Textvergleich unmöglich. „Man wird aber davon ausgehen dürfen, daß die höfische Dichtung weitgehend dem Geschmack und dem Urteil adliger Damen unterworfen war und daß fürstliche Gönnerinnen eine größere Rolle gespielt haben als die direkten Zeugnisse erkennen lassen." 8
3. Weibliches Sprechen
Der Unterweisung junger adliger Mädchen in umfangreiche Tugenden wurde besonders viel Zeit gewidmet. Neben der Reinhaltung des guten Rufs, der sich in „Schamhaftigkeit, Keuschheit und Reinheit" 9 bemaß, folgten „Werte eines eher passiven Verhaltens: Sanftmut, Bescheidenheit, Barmherzigkeit, Güte und Demut." 10 Zu diesen Tugenden gehörte unter anderem auch, daß die höfische Dame wohlgefällig und nicht zu laut redete, die junge Dame wenig und nur auf ein Frage hin sprach und eine erwachsene Dame sich gleichfalls zurückhielt und besonders beim Essen schwieg. 11 Zank und Streit vertrugen sich ebenso wenig mit dem korrekten Betragen wie übermäßige Klugheit. An weiblicher Sprechfertigkeit und Intelligenz bestand kein Bedarf. Wozu sollte eine Frau mehr sprechen und denken können als zur Unterweisung und Führung des Hauspersonals ausreichte? 12
4. Gespräche von und mit Frauen im Nibelungenlied
Gespräche, an denen Frauen beteiligt sind, gibt es im Nibelungenlied in vielen Konstellationen. Gleich zu Beginn des Liedes findet die dominante Form des Frauendialoges statt: In „einem der berühmtesten Mutter-Tochter-Gespräche der mittelalterlichen Epik" 13 berichtet Kriemhild Uote von ihrem Traum. Es folgen Unterhaltungen zwischen Frauen und „vorgesetzten" Männern, das heißt zwischen Ehepartnem oder in der Hierarchie Höhergestellten, und nicht zuletzt die „Kampfreden der Rivalinnen und Feindinnen" 14 , der Schwägerinnen Kriemhild und Brünhild. Alle diese Dialoge haben gemeinsam, daß sie durch ihre „familiären Rollenvorgaben" 15 geprägt sind. Dabei ist zu beobachten, daß Betrug und Täuschung ein Hauptmerkmal im Verhalten der Charaktere im Nibelungenlied ist: Menschen sagen Dinge, die sie nicht meinen, vermeiden oft zu sagen,
8 Bumke, Joachim: Mäzene im Mittelalter. München 1979. S. 247. Im folgenden abgekürzt als: Bumke, Mäzene im Mittelalter.
9 Bumke, Höfische Kultur. S. 481.
10 Bumke, Höfische Kultur. S. 481.
11 Bumke, Höfische Kultur. S. 477.
12 Bumke, Höfische Kultur. S. 483.
13 Bennewitz, „Frauen"-Gespräche. S. 4.
14 Bennewitz, „Frauen"-Gespräche. S. 4.
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was sie denken oder erzählen nur einen Teil von dem, was sie wissen. Immer wenn der Moment erreicht wird, an dem etwas Bestimmtes gesagt werden müßte, sagen die Charaktere entweder etwas anderes oder gar nichts. Die Kommunikation wird jeweils in eine andere Richtung gelenkt oder kommt nicht zustande. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich, daß dies häufig aus den den Geschlechtern zugeordneten Rollen geschieht. 16 Man könnte fast sagen: „Hätten die Männer mit ihren Frauen geredet und nicht nur milde lächelnd geschwiegen, wäre die Katastrophe nicht passiert.“
Während den Männer im Nibelungenlied die Öffentlichkeit zur Verfügung steht, beschränkt sich der Lebensbereich der Frauen auf den privaten Raum. Wollen Frauen also Einfluß ausüben, bleibt ihnen nur der Weg über den privaten Bereich in den öffentlichen der Männer. Jedoch wird jeder Versuch einer weiblichen Person, sich an der Machtstruktur offen zu beteiligen, unterbunden und als manipulierend und verschlagen angesehen. 17
4.1 Die Gespräche zwischen Mutter und Tochter In diesen hôhen êren tróumte Kriemhíldè,
wie si züge einen valken, starc, scóen' und wíldè, den ir zwêne arn erkrummen, daz si daz muoste sehen, ir enkûnde in dirre werlde leider nímmér gescehen. Den troum si dô sagete ir muoter Úotèn. sine kúndes niht besceiden baz der gúotèn: «der valke, den du ziuhest, daz ist ein edel man. in welle got behüeten, du muost in sciere vloren hân. » «Waz saget ir mir von manne, vil liebiu muoter mîn? âne recken mínne sô wil ich immer sîn. sus scoen' ich wil belîben unz an mînen tôt, daz ich von mannes minne sol gewinnen nimmer nôt.»
15 Bennewitz, „Frauen"-Gespräche. S. 3.
16 Frakes, Jerold, Brides and Doom. S. 24.
17 Frakes, Jerold, Brides and Doom. S. 50ff.
Arbeit zitieren:
Ute Hennig, 1996, Frauenzank und Weibergeschwätz - Weibliches Sprechen im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag GmbH
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