Inhalt
1. Einleitung 4
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten.7
2.1 Definitionen von Traumata 8
2.2 Organische/ Körperliche Reaktionen bei einer Traumatisierung 9
2.3 Dissoziation und ihre Formen. 11
2.4 Ziele und das Dilemma von Dissoziation in bezug auf
selbstverletzendes Verhalten 16
2.5 Die posttraumatische Belastungsstörung als Folge traumatischer
Ereignisse 17
2.5.1 Posttraumatische Belastungsreaktion 18
2.5.2 Posttraumatische Belastungsstörung 20
2.6 Die Borderline Persönlichkeitsstörung 22
2.7 Bindungsstörungen und Trauma 25
2.8 Re-Inszenierung traumatischer Erlebnisse. 27
2.9 Das pädagogische Handeln im Umgang mit Traumatisierung 28
3. Selbstverletzendes Verhalten als weibliche Bewältigungsstrategie
30
3.1 Selbstverletzung - eine begriffliche Annäherung 30
3.1.1 Diagnostik der Selbstverletzung 34
3.1.2 Heimliche- und offene Selbstverletzung 35
3.2 Epidemiologie: Selbstverletzung und Weiblichkeit 40
3.2.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Autoaggression und
Aggression 44
3.3 Hintergründe und Entstehungszusammenhänge 47
3.3.1 Sexueller Missbrauch 48
3.3.2 Körperliche Misshandlung 50
3.3.3 Seelische Misshandlung/ Deprivation. 51
3.4 Der weibliche Körper in Bezug auf Selbstverletzung. 52
3.5 Funktionen und Dynamik der Selbstverletzung 56
3.5.1 Das eigene „Blut“ als Funktion der Lebendigkeit erleben 57
3.5.2 Bewältigung von Gefühlen. 58
3.5.3 Selbstverletzung als Ersatzhandlung für Suizid. 60
3.5.4 Biologische Aspekte - Selbstverletzung als Suchtverhalten 61
3.5.5 Intrapsychische und interpsychische Funktion 63
4. Bewältigungsmodelle zur Erklärung von Selbstverletzung 68
4.1 Bewältigung. 68
4.2 Bewältigungsmodelle 69
4.2.1 Das Stress-Coping-Modell. 70
4.2.2 Das Stress-Coping-Modell zur Erklärung von
Selbstverletzung 74
2
4.2.3 Das Lebensbewältigungskonzept 77
4.2.4 Das Lebensbewältigungskonzept zur Erklärung von
Selbstverletzung 79
5. Selbstverletzung als ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit 84
5.1 Handlungsansätze von Sozialer Arbeit. 85
5.1.1 Die Lebensweltorientierung 85
5.1.2 Die Ressourcenorientierung 88
5.1.3 Empowerment 92
5.2 Handlungsmöglichkeiten - eine Aufgabe von Sozialer Arbeit im
Zusammenhang von Selbstverletzung 93
5.2.1 Ziele und Aufgaben von sozialer Arbeit 94
5.2.2 Präventionsmaßnahme als Aufgabe Sozialer Arbeit 98
5.3 Unterschiedliche Therapieformen bezüglich selbstverletzendem
Verhalten......................................................................................... 100
5.3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Therapie und
Sozialer Arbeit 102
6. Fazit. 105
Literaturverzeichnis 108
Anhang 115
3
1. Einleitung
1. Einleitung
Sich selber mit Gegenständen, wie Messer, Scherben oder Rasierklingen zu verletzen, um ein besseres Gefühl zu erlangen, ist eine erschreckende Vorstellung, dennoch Realität. Es gibt in Deutschland etwa 200 000 Menschen 1 , die sich durch Schneiden oder Verbrennen Verletzungen zufügen. Psychische Störungen, die durch autoaggressives Verhalten ausgedrückt werden, nehmen drastisch zu. Seit Beginn der 90er kommt der Selbstverletzung eine ähnliche Bedeutung zu, wie sie die Magersucht in den 70er Jahren und die Bulimie in den 80er Jahren hatte. 2 Auch die Medien haben begonnen, sich für das Phänomen der Selbstverletzung zu interessieren. In Reportagen, in Zeitungen und Fernsehsendungen sowie in Talkshows wird über das Thema berichtet. Ebenso hat sich die Fachliteratur in den letzten Jahren vervielfacht. Trotzdem ist die Selbstverletzung in unserer Gesellschaft noch immer ein Tabuthema.
In der folgenden Arbeit soll der Versuch unternommen werden, die Beweggründe für destruktives Verhalten zu verdeutlichen. Viele Menschen, die ein psychisches Trauma erlebt haben, sind in dem Konflikt, das Erlebnis entweder zu verleugnen oder es laut auszusprechen. Oft schweigen sie aus Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Dies hat zur Folge, dass die Geschichte des traumatischen Ereignisses nicht als Erzählung auftaucht, sondern als Symptom. Daraus entwickelt sich für mich die Frage: „Was hat Traumatisierung mit dem Symptom der Selbstverletzung zu tun“? Da viele Experten 3 , wie auch ich, davon ausgehen, dass die Selbstverletzung eine Folge von Traumatisierung darstellt, werde ich zum besseren Verständnis in Kapitel 2 das Thema „Trauma“ erarbeiten und auf Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten eingehen. In dieser Arbeit werden die Begriffe „Selbstverletzung“ und „selbstverletzendes Verhalten“ verwendet. Im Gegensatz zu dem oft verwendeten Begriff „Selbstbeschädigung“ sehe ich diese (wie auch Sachsse 4 ), als weniger be-und verurteilend an.
1 vgl. Ackermann 2002, S. 11
2 vgl. Sachsse 2002, S. 8
3 vgl. Huber 2003a, S. 166; vgl. Eckhardt 1994, S. 97ff sowie Sachsse 2002
4 vgl. Sachsse 2002, S. 36
4
1. Einleitung
Selbstverletzung geschieht über die unterschiedlichsten Verhaltensweisen. In Kapitel 3 werde ich eine begriffliche Annährung zu dem Thema der Selbstverletzung vornehmen, um eine eigene Definition herauszuarbeiten. Durch meine eigenen praktischen Erfahrungen, die ich in einer therapeutischen Mädchenwohngruppe machen durfte, kristallisierte sich für mich heraus, dass sich überwiegend Mädchen und junge Frauen selbst verletzen. Daher werde ich mich in dieser Arbeit auf weibliche Selbstverletzung konzentrieren, möchte an dieser Stelle aber betonen, dass ich nicht ausschließe, dass auch Männer von dem Phänomen betroffen sind. Um erläutern zu können warum es überwiegend Frauen sind, die sich selber verletzen, gehe ich auf unterschiedliche geschlechtsspezifische Aggressionsentwicklungen ein, denn Selbstverletzung ist eine Form von autoaggressiven Verhalten. Den Begriff der „Selbstverletzerin“ werde ich vermeiden, da dieser einer Festschreibung der Frau auf ihr Verhalten gleich käme. Deshalb werde ich von „jungen Frauen mit selbstverletzendem Verhalten“ oder von „jungen Frauen, die sich selber verletzen“ sprechen. Was bedeutet die Selbstverletzung für junge Frauen und was soll durch sie bewältigt werden? Diese Fragen werde ich in diesem Kapitel beantworten.
Nachdem im 3. Kapitel Aspekte der Bewältigung genannt wurden, werde ich im darauf folgenden Kapitel 4. Bewältigungsmodelle für die Selbstverletzung als Bewältigungsstrategie aufzeigen. Die Aufgabe Sozialer Arbeit 5 besteht darin, konstruktive Bewältigungsstrategien mit dem Klienten zu erarbeiten und Präventionsmöglichkeiten aufzuzeigen, auf die ich im Kapitel 5. eingehen werde.
In Kapitel 5 werde ich Handlungsansätze aufzeigen, und aus ihnen Handlungsmöglichkeiten erarbeiten. Diese Handlungsmöglichkeiten orientieren sich überwiegend an Wohngruppenarbeit, da diese eine Begleitung im Alltag garantiert.
5 “soziale Arbeit” verwende ich als Überbegriff für Sozialarbeit und Sozialpädagogik
5
1. Einleitung
Wichtig ist, dass Sozialpädagoginnen 6 und Therapeuten zusammenarbeiten, da sich soziale und therapeutische Arbeit gegenseitig bedingen und unterstützen. Diesbezügliche Abgrenzungskriterien werde ich anhand einer Skizze darstellen. Des Weiteren werde ich unterschiedliche Therapieformen aufzeigen, da es für Sozialpädagoginnen wichtig ist Inhalte und Möglichkeiten von unterschiedlichen Therapieformen zu kennen. Nur so können sie über bestimmte Therapiemöglichkeiten beraten und therapeutische Prozesse unterstützen.
Im Fazit werde ich die gewonnenen Kenntnisse und Untersuchungsergebnisse zusammenfassen und werde mich außerdem mit der Frage beschäftigen, ob der Begriff Soziale Arbeit neu definiert werden sollte.
Anschließend möchte ich daraufhin weisen, dass im Anhang ein Erlebnisbericht von einem Mädchen mit selbstverletzendem Verhalten, das ich in der therapeutischen Mädchenwohngruppe kennen gelernt habe, befindet. Sie gibt in ihrem Bericht einen Einblick in die Entstehung und Bedeutung ihrer Selbstverletzung. Viele Aspekte, die das Mädchen benennt, bestätigen die vorgestellte Theorie über die Selbstverletzung. Ich möchte vermerken, das aus Datenschutzgründe ihr Name nicht genannt wird. Des Weiteren sind hilfreiche Adressen von Anlaufstellen und psychosomatischen Kliniken aufgelistet, die zum Teil traumatherapeutisch arbeiten.
6 Auf Grund der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die weibliche Schreibweise verwendet,
gemeint sind aber stets auch Personen männlichen Geschlechts.
6
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstver-
letzendem Verhalten
Huber 7 ist der Auffassung, dass sich Jugendliche nicht selbst verletzen würden, wenn sie in der Kindheit oder Jugend kein traumatisches Erlebnis gehabt hätten. Daher soll in diesem Kapitel erklärt werden, was ein Trauma ist, wodurch ein Trauma entstehen kann und welche Auswirkungen ein Trauma auf Betroffene haben kann. In diesem Zusammenhang, werde ich der Frage nachgehen, wie Soziale Arbeit im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen helfen kann, deren Lebenswege zu unterstützen und diese zu begleiten. Wie gehe ich als Sozialarbeiterin mit traumatisierten Jugendlichen um? Wie kann ich mich solchen Jugendlichen nähern, ohne Gefahr zu laufen, etwas falsches zu sagen oder falsch zu handeln?
In vielen Einrichtungen, wie Jugendzentren, Wohngruppen, Tagesgruppen und Suchtstellen begegnen uns traumatisierte Jugendliche. Einige könnte ihr Trauma durch selbstverletzendes Verhalten zum Ausdruck bringen, wobei das häufiger bei jungen Frauen der Fall ist. Es ist wichtig, dass Sozialpädagoginnen ein Gefühl für diese Klientengruppe entwickeln und über ein gewisses Hintergrundwissen verfügen, um das Verhalten von traumatisierten Jugendlichen zu verstehen. Nur dann kann ihnen ein Gefühl des Verständnis und der Akzeptanz vermittelt werden.
Damit ein qualifizierter Umgang mit traumatisierten Jugendlichen garantiert werden kann, sind die im Folgenden genannten Fachbegriffe von hoher Bedeutung für Sozialpädagoginnen.
Trigger
Dissoziation und ihre Formen Posttraumatische Belastungsstörungen
Eine nähere Bestimmung erfolgt im Verlauf des Kapitels.
7 Vgl. Huber 2003a, S. 166
7
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
2.1 Definitionsansätze des Begriffs „Trauma“
In diesem Abschnitt werden einige Definitionen vorgestellt, die den Begriff „Trauma“ differenziert darstellen sollen und häufig in der Literatur zu finden sind.
„Das hier gemeinte psychische Trauma ist ein Erlebnis (oder eine Erlebnisreihe), das das Individuum nicht adäquat verarbeiten kann und daher aus seinem Bewusstsein verdrängt. Die Verdrängung kann eine dauernde Störung des psychischen Gleichgewichts verursachen. In der Psychoanalyse werden frühkindliche Traumen als Ursachen für Neurosen angesehen.“ 8
„Traumata treten durch Ereignisse auf, die die normalen Anpassungsstrategien des Menschen überfordern. Sie sind eine Bedrohung für Leben und körperliche Unversehrtheit. Psychische Traumata sind immer von Gefühlen intensiver Angst, Hilflosigkeit und Kontrollverlust begleitet.“ 9
„Traumatisierend wirkt ein Ereignis dann, wenn es das Ich 10 vorübergehend außer Kraft setzt. Im Zustand der Traumatisierung wird ein Mensch überflutet von Affektstürmen, die diffus-undifferenziert, konfus oder heftig widersprüchlich sind, so dass Gefühle von Todesangst, Ekel, Schmerz, Scham, Verzweiflung, Demütigung, Ohnmacht und Wut gleichzeitig oder in raschem Wechsel durchlitten werden.“ 11
„Psychisches Trauma ist das Leid der Ohnmächtigen. Das Trauma entsteht in dem Augenblick, wo das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird. Ist diese Macht eine Naturgewalt, sprechen wir von einer Katastrophe. Üben andere Menschen diese Macht aus, sprechen wir von Gewalttaten. Traumatische Ereignisse schalten das soziale Netz aus, das dem
8 Stimmer 2000a, S. 765
9 Weiß 2004, S. 17
10 Ich: „Allgemeine Bezeichnung für ein angenommenes „Innerstes“, für den „Kern“ oder die
„Struktur“ der Persönlichkeit“. ( Fröhlich1996, S. 217)
11 Sachsse 2002, S. 46
8
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
Menschen gewöhnlich das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit zu einem Beziehungssystem und Sinn gibt“. 12
Diese Definitionen verdeutlichen, dass traumatische Ereignisse immer Ohnmacht, Hilflosigkeit und Angst bei den Betroffenen auslösen. 13 Traumata erschüttern zwischenmenschliche Beziehungen in den Grundmauern und zerrütten die Bindungen von Familie, Freunden, Partnern und Nachbarn. Traumatische Ereignisse zerstören das Selbstbild, das im Verhältnis zu anderen entsteht und aufrechterhalten wird. Das Wertesystem, welches der menschlichen Erfahrung Sinn verleiht, wird beeinträchtigt. Das Vertrauen der betroffenen Person wird extrem erschüttert und diese wird somit in eine existentielle Krise gestürzt. Traumatische Ereignisse wirken sich nicht nur auf die Psyche aus, sondern überschatten auch die Strukturen der Bindungen- und Wertevorstellungen, die den einzelnen mit der Gemeinschaft verbindet. Dem Opfer wird das Gefühl von Geborgenheit und das Bewusstsein seines eigenen Wertes zerstört. Die Basis von den Beziehungs- und Wertesystemen liegt im Urvertrauen des Menschen. Das Urvertrauen entsteht in der frühsten Kindheit, in einer wechselseitigen Beziehung zur ersten Bezugsperson (meist ist es die leibliche Mutter). In einer extremen Angstsituation wenden sich die Betroffenen/die Opfer spontan an die Bezugspersonen, die ihnen einst Trost und Schutz boten. Bleibt dieser Schrei nach Hilfe unbeantwortet, ist das Urvertrauen zerstört. Traumatisierte fühlen sich dann verlassen, allein und ausgestoßen. Ein Gefühl der Entfremdung und der Nichtzugehörigkeit in jeder Beziehung macht sich breit. 14
Was nun genau bei einer Traumatisierung passiert, soll im weiteren Verlauf erläutert werden.
2.2 Organische/ Körperliche Reaktionen bei einer Traumatisierung
Bei einer Bedrohung wird zunächst das vegetative Nervensystem erregt. Dadurch spürt die betroffene Person einen Adrenalinschub und wird in Alarm-
12 Herman2003, S .9
13 vgl. Herman 2003, S. 54; siehe auch Kraemer 2003, S. 46
14 vgl. Herman 2003, S. 77f
9
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
zustand gesetzt. Dabei konzentriert sich die Person automatisch auf die unmittelbare Situation. Eine solche Bedrohung kann die Wahrnehmung der betroffenen Person verändern, z. B. können Menschen in Extremsituationen Schmerzen, Hunger oder Müdigkeit nicht spüren. Es entstehen intensive Angst- und Wutgefühle, die bewirken, dass der Bedrohte Kräfte für außergewöhnliche Belastungen mobilisiert. 15 Denn kommt es zu einer extremen Stressüberflutung, reagiert unser Gehirn auf zwei unterschiedliche Reflexe: Fight or Flight 16
Bevor ich die zwei Reflexe „Fight or Flight“ näher erkläre, möchte ich einige Beispiele für extreme, stressreiche Ereignisse/ Bedrohungen nennen:
Eine Fußgängerin geht durch einen Park, wird von einem Mann überwältigt und ins Gebüsch gezerrt.
Der Vater bringt seine kleine Tochter ins Bett und legt sich dazu. Er fängt an, sie zu streicheln, was für das Kind sehr unangenehm und mit zunehmenden Schmerzen verbunden ist. Der Beginn von sexuellem Missbrauch.
Ein Mann wird von mehreren bewaffneten Jugendlichen überrascht und überfallen, ohne Chance die Schläge gegen ihn abzuwehren.
Die drei vorangegangenen Beispiele haben eines gemeinsam: diese Menschen durchleben eine extreme Stresssituation, auf die sie nicht vorbereitet sind und die ihre Bewältigungsmechanismen überfordern. 17 In solchen Situationen befiehlt das Gehirn unbewusst, entweder zu kämpfen (fight) oder zu fliehen (flight). Bis auf Ausnahmen tendieren Frauen eher zur Flucht und Männer sind eher bereit zu kämpfen.
Über diese Reaktion wird aber nicht bewusst nachgedacht, da die Fight-or-Flight Reaktion zunächst nicht mit den Großhirnregionen verbunden ist, in denen die Betroffenen 18 vernünftig denken können. Es ist vielmehr eine Re-
15 vgl.Herman 2003, S. 54
16 vgl. Huber 2003a, S. 41
17 vgl. Huber 2003a, S. 40
18 Ich verwende den Begriff “die Betroffene“, da ich in dieser Arbeit speziell über junge Frauen, in
Bezug auf Selbstverletzung schreibe. Dies schließt nicht aus, dass auch junge Männer sich selber ver-letzen können und dies auch tun.
10
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
flexhandlung. Beispiel: Wenn man hinfällt, streckt man automatisch die Hände nach vorne, um den Sturz abzufangen. Würde man in solch einer Situation darüber nachdenken, wie man jetzt handeln sollte, würde man stürzen und sich dabei verletzen. 19
Wenn das Handeln keinen Sinn mehr macht, das heißt, wenn weder Flucht noch Kampf möglich ist, zerbricht die Wahrnehmung. Für die Betroffene hat dies zur Folge, dass die sich nicht mehr an die gesamte Situation erinnern kann. 20 In solch einer Situation gerät die Person in einen Lähmungszustand (freeze). Das Gehirn schafft es nicht, den aggressiven Reiz äußerlich zu bezwingen. Die Betroffene distanziert sich daher innerlich von dem aggressiven Reiz, um die Todesangst zu überwinden. Bei einer Freeze Reaktion entfremdet sich die Betroffene vom Geschehen. 21 Wie schon erwähnt, findet dann eine Fragmentierung der Wahrnehmung statt. 22 Die Wahrnehmung zerfällt in viele Einzelteile. Dieser Zustand bewirkt, dass sich das Opfer nur an einzelne Bruchstücke des traumatisierenden Ereignisses erinnern kann. Somit wirkt das Geschehene für die Person unreal, als ob all das, was passiert ist, nichts mit ihr zu tun hat. 23 Schon während oder unmittelbar nach der Traumatisierung entwickelt die betroffene Person Coping 24 -Mechanismen. Es handelt sich hier um die menschliche Fähigkeit zur Dissoziation. 25
2.3 Dissoziation und ihre Formen
Definition: „Bezeichnung für einen Prozeß [sic], in dessen Verlauf zusammengehörige Denk- und Handlungs- oder Verhaltensabläufe in Einzelheiten „zerfallen“, wobei sich das Auftreten der Einzelheiten weitgehend der Kontrolle des Individuums entzieht“. 26
Dissoziation bedeutet, sich vom Körper, vom Selbst und von den Gefühlen abzuspalten.
19 vgl. Huber 2003a, S.42
20 vgl. Kraemer 2003, S.27; Herman 1997, S. 54; Huber 2003a, S.43
21 vgl. Huber 2003a, S.43
22 vgl. Weiß 2004, S.45
23 vgl. Kraemer 2003, S.28
24 Coping bedeutet Bewältigung, ich werde den Begriff in Kapitel 4 näher erläutern.
25 vgl. Sachsse 2002, S.46
26 Fröhlich 2000, S.129 f
11
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
Die einzelnen Formen von Dissoziationen treten häufig unter Stress auf. „Je mehr Stress, desto mehr Dissoziation“. 27 Hinzu kommt, dass einige Menschen gut bei Stress dissoziieren können, andere weniger gut. Die Dissoziation kann bei drei Problembereichen vermehrt auftreten: z.B. bei alltäglichem bis hin zu traumatischem Stress; durch Einnahme von Medikamenten, Drogen und vermehrten Alkoholkonsum oder durch bestimmte Krankheiten, die in Verbindung mit dem Gehirn stehen wie Epilepsie, Tumore und Demenzerkrankungen. 28
Im Folgenden stelle ich die unterschiedlichen Formen von Dissoziationen vor: 29
Alltagsdissoziation: Absorbation; Auto-(bahn)-Hypnose Absorbation bedeutet „Abschalten“ und ist ein ganz normales dissoziatives Phänomen, das uns in unserem Alltag häufiger begleitet. Einige Elemente werden von unserer Wahrnehmung fokussiert und einige Elemente werden aus unserer Wahrnehmung verschoben.
Auto-(bahn)-hypnose: Hierbei handelt es sich um Routinetätigkeiten, wie Autofahren oder Hausarbeiten, die selbstverständlich von der Hand gehen und die sich von alleine erledigen, ohne bewusst darauf zu achten.
Amnesie:
Biografische Amnesie: Die normale Kindheitsamnesie beinhaltet, dass sich viele Menschen nicht an ihre ersten drei Lebensjahre erinnern können. Der Grund hierfür stellt das Hippocampus-System 30 dar, welches einige Lebensjahre braucht, um zu funktionieren. Problematisch wird es jedoch, wenn sich Menschen nicht an einen Schulwechsel mit dem zehnten Lebensjahr oder an andere wichtige Ereignisse erinnern können. Dies wird als „Dissoziative Amnesie“ bezeichnet. Ursachen für diese Form können z. B. hirnorganische
27 Huber 2003a, S. 57
28 vgl. Huber 2003a, S. 57f
29 vgl. Huber 2003a, S. 56ff
30 Hippocampus-System: Archiv unseres Gedächtnisses
Ich werde in dieser Diplomarbeit nicht näher auf das Gedächtnissystem der Stressverarbeitung im
limbischen System eingehen, da dies einem medizinischen Aspekt unterliegt. Besteht dennoch Inte-resse, mehr Information zu diesem Thema zu bekommen:
Siehe auch: Roth/Münte 2003, S. 9ff; Huber 2003a, S. 44ff. Ausführliche Informationen über die
Auswirkungen von traumatischen Erfahrungen auf die Hirnentwicklung: siehe auch: Hüther 2003, S.
94-104.
12
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
Syndrome wie Kleinhirn-Tumore oder Demenzerkrankungen sein, genauso wie ein traumatisches Ereignis. 31
Bei der psychogenen Amnesie liegt der Focus auf der plötzlich einsetzenden Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Sachen zu erinnern. Es handelt sich um ein psychisch bedingtes Ausblenden bestimmter Erinnerungen. Die psychogene Amnesie wird unterteilt in lokalisierte Amnesie und selektive Amnesie. Bei der lokalisierten Amnesie werden alle Ereignisse aus einer bestimmten traumatischen Erfahrung vergessen.
Bei der selektiven Amnesie werden nur einige der traumatischen Erfahrungen vergessen. Z.B. könnte das Vergewaltigungsopfer dem Polizisten erklären, wie der Täter aussah, während das Opfer bei einer lokalisierten Amnesie nicht mehr wüsste, wie der Täter aussah, geschweige denn, wie es überhaupt passiert ist. 32
Derealisierung:
Bei einer Derealisierung kann die Umgebung oder Teile davon nicht adäquat wahrgenommen werden, wie z.B. nicht richtig sehen oder hören können oder den Sinn nicht verstehen können, obwohl die Funktion der Wahrnehmungsorgane normal ist.
Die Derealisierung kann von großer Hilfe sein, wenn keine Bewältigungsstrategien, mehr helfen. Der Hippocampus ist vorübergehend abgeschaltet, um das Selbst des Opfers zu schützen. Die Amygdala 33 - Reaktion greift als „Feuerwehr“ ein. Das Opfer reagiert mit Verdrängung des traumatischen Stress. Die Betroffene ist nicht im Stande, das Ereignis zu glauben oder mit sich in Verbindung zu bringen. Später versucht das Gehirn, das Verdrängte wieder herbeizuholen, um die Erkenntnis zu ermöglichen, dass das, was passiert ist, real war. Dies gelingt aber nicht immer. Oft passiert es, dass sich das Gehirn weigert, das Verdrängte wieder herbeizuassoziieren. Dadurch kann es zu chronischen Derealisierung kommen, die im Rahmen der posttraumatischen Belastungsstörung (siehe 2.5) eine zentrale Rolle spielt. Die Betroffene reagiert auf etwas, indem
31 vgl. Huber 2003a, S. 58
32 Zimbardo/Gerrig 1996, S. 609
33 Amygdala: Feuerwehr. Bekämpft insbesondere (Todes)-Angst stattfindenden Erlebnisqualitäten,
indem sie diese aus der Verarbeitung herausgreift und sie in den Hirnregionen blockiert. Vgl. Huber
2003a, S. 46; Roth/Münte 2003, S. 9ff.
13
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
sie es als bedeutungslos wahrnimmt, oder sie zeigt eine Reaktion, die als Auslöser für traumatische Erinnerungen dienen kann. 34 Auslöser, sogenannte „Trigger“, können bestimmte Gerüche, ein bestimmtes Geräusch, eine bestimmte Situation, ein bestimmtes Wort, oder ein bestimmtes Verhalten sein, die die Betroffene an das traumatische Erlebnis wieder erinnern. 35
Beispiel für eine chronische Derealisierung:
Ein Mädchen, das über Jahre sexuell missbraucht wurde, kann stundenlang dasitzen und die Wand anstarren und bekommt dabei von ihrer Umwelt nichts mit. Um sich aus der Derealisierung zu befreien, um aufzuwachen, schneidet sie sich die Arme auf. 36 Dieses Beispiel zeigt, dass die Derealisierung, die dem Mädchen ursprünglich Schutz geboten hat, jetzt zu einem eigenen Problem geworden ist.
„Induzierte Derealisation und Depersonalisation sind autoaggressive Veränderungen oder Zerstörungen der eigenen Wahrnehmung, die aktuell autoprotektiv sind, aber mittel- und langfristig problematisch werden. Denn durch die Dissoziation sind traumatische Körpererfahrungen engrammiert 37 worden, für die es keine bildliche und verbale Repräsentanz gibt.“ 38
Depersonalisierung:
Bei der Depersonalisierung kann die Betroffene ihr Selbst oder Teile davon nicht adäquat wahrnehmen. Das bedeutet, dass einzelne Körperteile oder gar der ganze Körper nicht gespürt werden kann. Die betroffene Person empfindet keine Schmerzen während der traumatischen Ereignisse und kann sogar aus ihrem Körper heraustreten und das Geschehen ohne jegliche Gefühle beobachten. Herman nennt ein Beispiel, in dem ein Vergewaltigungsopfer seinen Körper verlassen hat: „Da verließ ich meinen Körper. Ich stand drüben, neben dem Bett, und schaute dem Ge-
34 vgl.Huber 2003a, S. 60f; siehe auch Sachsse 2002, S. 47f
35 vgl. Ackermann 2002, S.40
36 vgl. Huber 2003a, S. 61f
37 Engramm ist eine Bezeichnung für Veränderungen des Gewebes, als Folge länger dauernder oder
wiederholter Reizung. Vgl. Fröhlich 1998, S.146
38 Sachsse 2003, S. 47
14
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
schehen zu... Ich löste mich von der Ohnmacht. Ich stand neben mir, und auf dem Bett lag nur die Hülle.“ 39 Diese Beispiel verdeutlicht, dass die Betroffenen keinen Zugang zu ihrem Selbst haben. 40 Die Dissoziationsfähigkeit hilft die extreme Bedrohung in dem Moment zu überleben.
Fugue:
Der Begriff kommt aus dem lateinischen und bedeutet fliehen. Die klinische Definition lautet: „Sich körperlich von einem Ort an einen anderen begeben und sich dort wiederfinden, verbunden mit Amnesie.“ 41 Eine Fugue - Reaktion stellt eine verspätete Flight Reaktion dar, weil die traumatische Stresseinwirkung bereits vorüber ist. Während des traumatischen Erlebnisses kann die Person nicht fliehen und verschiebt die Flucht auf einen späteren Zeitpunkt. Teilweise wird dieses Verhalten von der Polizei als Unfallflucht gedeutet, kann aber auch eine Fugue Reaktion sein. 42
Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeitsanteile): Die dissoziative Identitätsstörung „[...] ist eine dissoziative Störung, bei der in einem Individuum zwei oder mehr unterschiedliche, eigenständige Persönlichkeiten existieren. Zu jedem Zeitpunkt dominiert immer eine dieser Persönlichkeiten das Verhalten.“ 43
Die einzelnen Persönlichkeiten sind sich über die Existenz der jeweils anderen Persönlichkeiten bewusst. Sie verfügen über eine eigene Identität, über einen eigenen Namen, eigene soziale Beziehungen und über eigene Verhaltensmuster. Es können sich ganz plötzlich viele Charaktere entwickeln, um dem Individuum bei der Bewältigung einer schwierigen Lebenssituation/Stresssituation zu helfen.
39 Herman 2003, S. 66
40 vgl. Huber 2003a, S. 62; Fröhlich 1998, S. 116; Smith/Cox/Saradjian 2000, S. 48
41 Huber 2003a, S. 62
42 vgl. Huber 2003a, S. 63
43 Zimbardo/Gerrig 1996, S. 610
15
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
2.4 Ziele und das Dilemma von Dissoziation in Bezug auf
selbstverletzendes Verhalten
Bei einer Dissoziation sind Körper und Empfinden vom Selbst abgespalten. Der Körper kann dadurch wie ein äußeres Objekt verwendet werden. 44 Wenn Gefühle nicht wahrgenommen werden können ergibt sich daraus ein mangelndes Körpergefühl. Dieser Depersonalisationszustand tritt häufig im Zusammenhang mit bedrohlichen Gefühlen auf. 45 „Depersonalisation, Derealisation und Betäubung gehen einher mit unerträglicher Unruhe und dem zwanghaften Drang, den Körper anzugreifen.“ 46 Junge Frauen, die sich in die Haut schneiden 47 , haben in solchen Momenten keinen Bezug zum eigenen Körper. Durch das Schneiden wollen sie wieder eine Beziehung zur Realität herstellen. 48 Sachsse bezeichnet diese Fähigkeit zur Dissoziation als grundlegend für die menschliche Realitätsbewältigung. 49 „Der eigene Körper ist vom Selbst abgespalten und wird als fremdes, bedrohliches, verhasstes Objekt schlecht bemuttert. Er wird nicht liebevoll-zärtlich gestillt und umsorgt, sondern rabiat zum Schweigen gebracht.“ 50 Vor dem Schneiden ist die Abspaltung vom Körper besonders stark. Die jungen Frauen sind in diesen Momenten sehr weit entfernt von ihrem Körper. 51 Sie haben nicht nur Angst davor ihr Selbst zu verlieren, sondern sie wissen auch nicht ob ihr Körper noch zu ihnen gehört. Die Abspaltung erhält damit die Funktion, das Gesamtselbst vor der völligen Desintegration zu bewahren. Ein Teil des Gesamtselbst wird geopfert, um das Ganze zu retten. 52 Mit dem Abspalten vom eigenen Körper wird eine Strategie wiederholt, die den jungen Frauen früher dabei geholfen hat, ihre bedrohlichen Erlebnisse zu überleben. Das bedeutet, der Körper wird abgespalten, weil die körperlichen Empfindungen nicht mehr unter eigener Kontrolle liegen und somit nicht
44 vgl. Hirsch 2002, S. 41
45 vgl. Ackermann 2002, S. 40
46 Herman 2003, S. 152
47 Ich verwende den Begriff des „Schneidens“, da ich die Begriffe wie „Ritzen oder Schnippeln“ als
eine Verharmlosung empfinde, da sich die jungen Frauen tiefe Wunden in ihrer Haut zufügen.
48 vgl. Teuber 1999, S. 64; Smith/Cox/Saradjian 2000, S. 48
49 vgl. Sachsse 2002, S .47
50 Sachsse 1998, S. 100
51 vgl. Teuber 1999, S. 64
52 vgl. Hirsch 1998, S. 5; siehe auch Herman 2003, S. 152
16
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
ertragbar sind. Dieser ehemals erforderliche Mechanismus blockiert die Wahrnehmung aller Gefühle, die sich körperlich manifestieren, auch wenn der Körper in der Phase des Schneidens nicht mehr durch eine andere Person bedroht wird. Während der Selbstverletzung scheint der eigene Körper als Träger der Schmerzen real. Das Schneiden in die Haut lenkt von der psychischen Bedrohung ab. Die Abspaltung, die früher dazu diente, das Selbst zu schützen, ist zur eigentlichen Bedrohung geworden. Durch das Schneiden holen sich die Frauen in die Realität zurück, um ihr Selbst wieder zu gewinnen. 53 Durch den Schmerz können sie sich wieder selber spüren. Der dissoziative Zustand wird über das Schneiden für kurze Zeit relativiert, da das selbstverletzende Verhalten das beste Anti-Dissoziativum ist. 54 Auf längere Sicht gesehen bleibt die Abspaltung im Sinn eines Abwehrmechanismus bestehen, da die jungen Frauen durch das Schneiden kein neues Körpergefühl aufbauen. Der Körper wird zum Instrument der Abwehr, das die Angst vor der Selbstauflösung reduzieren soll. 55
2.5 Die posttraumatische Belastungsstörung als Folge traumatischer Ereignisse
„Das charakteristischste Symptom der PTB 56 ist das ungewollte Wiedererleben von Aspekten des Traumas. Die Betroffenen haben die gleichen sensorischen Eindrücke (z.B. Bilder, Geräusche, Geschmack, Körperempfindungen) und gefühlsmäßigen und körperlichen Reaktionen wie während des Traumas [...]“. 57
Huber 58 kennzeichnet ein schweres Trauma durch:
Psychische und/oder physische Todesnäheerfahrung Überwältigt sein von unerträglichen Geschehnissen nicht davor fliehen können und nicht dagegen ankämpfen können
53 vgl. Teuber 1999, S. 64
54 vgl. Sachsse 2002, S. 52; siehe auch Teuber 1999, S. 64
55 vgl. Teuber 1999, S. 65
56 PTB ist die Abkürzung für Posttraumatische Belastungsstörung; vgl. Ehlers 1999.
57 Ehlers 1999, S. 3; siehe auch Huber 2003a, S. 68
58 vgl. Huber 2003a, S. 67
17
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
Abspaltung des Unerträglichen ins Traumagedächtnis, das unabhängig ist vom biografischen Gedächtnis
Die posttraumatischen Belastungsstörungen sind langfristige Folgen einer schweren Traumatisierung. Man bezeichnet sie auch als eine chronische Form der dissoziativen Störung, da der Organismus zuvor noch versuchte, das Trauma zu integrieren. 59
Ich möchte nun einige traumatische Ereignisse aufzeigen, durch die eine posttraumatische Belastungsstörung entstehen kann: Kriegshandlungen
Kriminelle Geschehnisse (wie sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Misshandlungen, Folter, Kidnapping, Raubüberfälle, Mord, Okkulte, Rituale 60 )
Natur- und Verkehrskatastrophen (wie Feuer, Erdbeben, Tornados, Überschwemmungen, Verkehrsunfälle, andere schwere Unfälle) Krankheiten (z.B. Krebs, Aids) Plötzlicher Verlust einer geliebten Person
Bei diesen Ereignissen können nicht nur die direkt betroffenen Personen traumatisiert werden, sondern auch Zeugen solcher Taten können traumatische Erfahrungen machen. 61
Welche Folgen haben derartige Ereignisse und was bedeuten sie für die Persönlichkeit?
2.5.1 Posttraumatische Belastungsreaktion
Huber 62 unterteilt die Reaktionen abhängig von der Dauer der Symptome, in posttraumatische Belastungsreaktionen und in posttraumatische Belastungsstörungen. Liegt die Dauer der Symptome unter vier Wochen, wird von einer Belastungsreaktion gesprochen, dauert sie länger als vier Wochen wird von einer Belastungsstörung ausgegangen. Es ist zu beachten, dass ein Mensch nach einem Trauma lange Zeit das Gefühl haben kann, dieses Ereignis gut
59 vgl. Huber 2003a, S. 67
60 Mehr Informationen über Rituelle Gewalt entnehmen Sie bei Huber 2003a, S. 173ff
61 vgl. Kraemer 2003, S. 45; Ehlers 1999, S. 5
62 vgl. Huber 2003a, S. 68ff
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2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
integriert zu haben. Doch nähert sich der Jahrestag des Traumas oder wird die Person erneut traumatisiert, kann eine posttraumatische Belastungsstörung ausbrechen. 63
Wie kommt es, dass einige Menschen in vergleichbarer Situation symptomfrei bleiben und andere mit Traumasymptomen reagieren? Kraemer 64 gibt hierzu folgende Erklärung:
Die Schwere eines Ereignisses wird von verschiedenen Menschen subjektiv beurteilt und daher auch unterschiedlich empfunden. Eine wichtige Rolle spielt hierbei das persönliche Verhaltensrepertoire, bestehend aus Flucht, Ausweichen oder Angriff. 65 „Wenn jemand mit Flucht, Ausweichen oder Angriff auf eine potenziell traumatisierende Situation reagieren kann, verhält er sich aktiv und kann seine Kraft und Aggression zu ihrer Bewältigung nutzen, so dass er mehr oder weniger unbeschadet daraus hervorgeht.“ 66 Nicht jeder Mensch ist in der Lage mit Flucht, Ausweichen oder Angriff zu reagieren. Daher kommt es zu unterschiedlichen Symptomen. Typische Folgen von schrecklichen Ereignissen können sich psychisch wie folgt ausdrücken: Verstörtsein, Durcheinandersein Nichts mehr fühlen können, wie z.B. starke Schmerzen Nichts mehr spüren, wie z. B. seinen eigenen Körper Nichts mehr Wahrnehmen, wie z. B. Gerüche, Geräusche Nichts mehr Wissen, wie z.B. raumzeitliche Einordnung Bei solchen Erstreaktionen versucht das Gehirn, automatisch die abgespalteten Inhalte wieder zu integrieren. Es muss damit fertig werden, dass es dissoziiert hat und es extreme Verwirrtheitszustände gab. Eine solche integrative Arbeit braucht Zeit und ist mit körperlichen und seelischen Irritationen ver-bunden. Dieser Zustand kann wochenlang anhalten und wird als posttraumatische Belastungsreaktion identifiziert. 67
Die Symptome von posttraumatischen Reaktionen werden in drei verschiedene Kategorien unterteilt: 68
63 vgl. Huber 2003a, S. 70
64 vgl. Kraemer 2003, S. 46
65 vgl. 2.2 Organische/Körperliche Reaktionen bei einer Traumatisierung.
66 Kraemer 2003, S. 47
67 vgl. Huber 2003a, S. 68f
68 vgl. Herman 2003, S. 56ff; Huber 2003a, S. 69
19
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
Übererregung: Die Erwartung einer Gefahr wird ständig widergespiegelt. Die betroffene Person reagiert extrem schreckhaft auf unerwartete und spezifische Reize.
Intrusion: Es werden einzelne Elemente aus dem traumatischen Geschehen in Albträumen und in Tagtraumsequenzen wieder erlebt. Konstriktion: Erstarrung als Reaktion auf die Niederlage. Sind diese drei Elemente intensiv und dauern sie länger als vier Wochen an, wird von einer posttraumatischen Belastungsstörung ausgegangen. 69
2.5.2 Posttraumatische Belastungsstörung
Junge Frauen, die sich selber verletzen, erlebten oft traumatische Erlebnisse (z.B. sexuelle Gewalt) in ihrer Kindheit. Aus diesen Erfahrungen können posttraumatische Belastungsstörungen entstehen. Zum besseren Verständnis von SSV 70 , werde ich in Kapitel 3.2 näher auf die Erfahrungshintergründe junger Frauen eingehen.
Das DSM IV 71 nennt hierzu folgende Kriterien, die für solche Störungen ausschlaggebend sind:
A. „Die Person wurde mit einem traumatischen Erlebnis konfrontiert, bei dem die beiden folgenden Kriterien vorhanden waren:
B. Das traumatische Ereignis wird beharrlich auf mindestens eine der folgenden Weisen wiedererlebt:
69 vgl. Huber 2003a, S. 69; vgl. auch Kraemer 2003, S. 46
70 SSV: Selbstverletzendes Verhalten
71 Das DSM IV (Diagnostic and statistical manual of mental disorders) ist im Auftrag der American
Psychiatric Association erarbeitetes Klassifikationssystem psychischer Störungen, welches weltweit
verwendet wird. Vgl. Fröhlich 1998, S. 128
20
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
C. Anhaltende Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma verbunden sind, oder eine Abflachung der allgemeinen Reagibilität 74 (vor dem Trauma nicht vorhanden). Mindestens drei der folgenden Symptome liegen vor: (1) bewußtes [sic] Vermeiden von Gedanken, Gefühlen oder Gesprächen, die mit dem Trauma in Verbindung stehen, (2) bewußtes [sic] Vermeiden von Aktivitäten, Orten oder Menschen, die Erinnerungen an das Trauma wachrufen. (3) Unfähigkeit, einen wichtigen Aspekt des Traumas zu erinnern, (4) deutlich vermindertes Interesse oder verminderte Teilnahme an wichtigen Aktivitäten,
(5) Gefühle der Losgelöstheit oder Entfremdung von anderen,
72 Flashback: Erinnerungen die ausgelöst wurden, durch Gerüche, Geräusche, die an das Traumae-
reignis erinnern. Weiß erklärt den Begriff folgendermaßen: Ein Flashback ist ein psychischer Zustand,
in welchem Gedächtnisinhalte aus einer vergangenen Stresssituation Macht über Erleben und Verhal-
ten in der Gegenwart bekommen wie z.B. Geräusche, Bilder, Gerüche und die gleichen Gefühle emp-
finden wie in der Situation. (vgl. Weiß 2004, S. 47)
73 Intoxikation: Vergiftung (Mackensen 1983, S. 544)
74 Reagibilität: auf einen Reiz antworten ( Mackensen 1983, S. 861)
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2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
(6) eingeschränkte Bandbreite des Affekts (z.B. Unfähigkeit, zärtliche Gefühle zu empfinden),
(7) Gefühle einer eingeschränkten Zukunft (z.B. erwartet nicht, Karriere, Ehe, Kinder oder normal langes Leben zu haben).
D. Anhaltende Symptome erhöhten Arousals 75 (vor dem Trauma nicht vor-handen). Mindestens zwei der folgenden Symptome liegen vor: (1) Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen, (2) Reizbarkeit oder Wutausbrüche, (3) Konzentrationsschwierigkeiten, (4) übermäßige Wachsamkeit (Hypervigilanz), (5) übertriebene Schreckreaktion.
E. Das Störungsbild (Symptome unter Kriterium B, C und D) dauert länger als 1 Monat.
F. Das Störungsbild verursacht in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen. Bestimme, ob:
Akut: Wenn die Symptome weniger als 3 Monate andauern. Chronisch: Wenn die Symptome mehr als 3 Monate andauern.
Bestimme, ob:
Mit Verzögertem Beginn: Wenn der Begriff der Symptome mindestens 6 Monate nach dem Belastungsfaktor liegt.“ 76
2.6 Die Borderline Persönlichkeitsstörung
Die Borderline-Störung wird als eine dissoziative bzw. traumabedingte Störung bezeichnet. 77 Huber 78 ist der Auffassung, dass diese Störung so wie
75 Arousal: Erregung ( Fröhlich 1998, S. 157)
76 DSM IV 1996, S. 491f, vgl. Huber 2003a, S. 69f, vgl. Ehlers1999, S. 3f
77 vgl. Huber 2003a, S. 145
22
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
andere Persönlichkeitsstörungen 79 , durch traumatisierende Beziehungen entstehen kann.
In Zusammenhang mit Selbstverletzung wird oft die Diagnose der Borderline-Störung als eine Untergruppe genannt. 80 Laut Gneist 81 deutet diese Diagnose auf eine Grenzstörung zwischen Psychose und Neurose. Für Menschen mit einer Borderline-Störung sind Grenzen nicht vorhanden oder es sind unklare Grenzen. Meines Erachtens hilft selbstverletzendes Verhalten jungen Frauen ihre körperlichen Grenzen wieder zu erfahren. Sie gelten als Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl und unberechenbaren Gefühlen, die nur unbeständige zwischenmenschliche Beziehungen haben. 82
Ich werde nun anhand der DSM IV Kriterien für die Borderline Persönlichkeitsstörung, aufzeigen:
„Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in verschiedenen Lebensbereichen. Mindestens fünf der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:
(1) Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden.[...]
(2) Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Be-
(3) Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.
(4) Impulsivität in mindestens zwei potentiell selbstschädigenden Be-
(5) Wiederholte suizidale Handlungen, Selbstmordandeutungen oder
78 vgl. Huber 2003a, S. 146f
79 Zu den Persönlichkeitsstörungen werden neben der dissoziativen Störung Depressionen, Essstörun-
gen, Panikstörungen, Persönlichkeitsstörungen, manisch-depressive Erkrankungen und Süchte dazu
gezählt; vgl. Huber 2003a, S. 145.
80 vgl. Plaßmann 1989, S. 150; vgl. Smith/Cox/Saradjian 2000, S. 39
81 vgl. Gneist 1997, S. 10
82 vgl. Smith/Cox/Saradjian 2000, S. 39; vgl. auch Herman 2003, S. 173
23
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
(6) Affektive Instabilität infolge einer ausgeprägten Reaktivität der
(7) Chronische Gefühle von Leere.
(8) Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, die Wut zu
(9) Vorübergehende, durch Belastungen ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.“ 83
Diese Symptome sind miteinander verwandt und stehen in wechselseitiger Beziehung zueinander, so dass ein Symptom ein weiteres auslösen kann. 84 Besonders unter dem Kriterium 5 wird der Zusammenhang zwischen selbstverletzendem Verhalten und der Borderline Persönlichkeitsstörung deutlich. Untersuchungen ergaben, dass ein enger Zusammenhang zwischen selbstverletzendem Verhalten und der Borderline Diagnose existiert, bei dem schwere Traumatisierungen entscheidend sein können. 85 Hermans 86 Forschungsergebnisse zur Borderline Persönlichkeitsstörung zeigen, dass bei 81% der Fälle schwere Traumata durch Missbrauch in der Kindheit entstanden sind. Sie betont, dass der Missbrauch meist in der frühen Kindheit begann und über einen sehr langen Zeitraum erlebt wurde. Daraus ergibt sich ein enger Zusammenhang zwischen der Borderline Persönlichkeitsstörung und der Posttraumatischen Belastungsstörung, die ihren gemeinsamen Ursprung in einem psychischen Trauma haben. 87 Sachsse 88 betont, dass die posttraumatische Belastungsstörung psychodynamisch verantwortlich für die Borderline Störung sei. Des Weiteren, würde eine „Komplexe chronifizierte Posttraumatische Belastungsstörung“ das selbstverletzende Verhalten am besten erklären. Trotzdem leidet nicht jede junge Frau, die sich selber verletzt, unter einer Borderline Persönlichkeitsstörung. „Selbstverletzung gilt
83 DSM IV 1996, S 739
84 vgl. Kreismann/ Straus 1992, S. 25
85 Sachsse/Eßlinger/Schilling 1997, S. 12
86 vgl. Herman 2003, S. 175
87 vgl. Herman 2003, S. 175f; vgl. Sachsse/Eßlinger/Schilling 1997, S. 35
88 vgl. Sachsse 2002, S. 56
24
2. Zusammenhänge von Traumata und selbstverletzendem Verhalten
nicht als eigene psychische Erkrankung, sondern ist Symptom einer solchen.“ 89
Sachsse stellt fest, dass die Selbstverletzungssymptomatik bei verschiedenen Persönlichkeitsstrukturen auftreten kann. 90 Viele seiner Patientinnen waren in Phasen der Stabilität mit einer pathologisch-narzisstischen Persönlichkeitsstörung, in Krisen Borderlinepatientinnen und in schweren Krisen waren sie präpsychotisch. Auch können die Patientinnen die Strukturen wechseln. „In der einen Phase arbeite ich mit einer klassischen Borderlinepatientin, deren Spaltungsmechanismen ganz ihre Therapie und ihre aktuellen Lebensbezüge bestimmen. Dieselbe Patientin ist wenig später eine Patientin mit pathologischem Narzissmus 91 , die ihre Symptomatik im Sinne eines neurotischen Stolzes hoch besetzt hat und deren Abwertung alles Schwachen, Weichen, Unvollkommenen die Therapie und ihre Beziehung prägen.“ 92 Dieses zeigt, wie schwer es ist, Selbstverletzung diagnostisch einzuordnen.
2.7 Bindungsstörungen und Trauma
Ein Säugling ist von der Geburt an genetisch darauf programmiert sich mit seinen Bezugspersonen zu verbinden. Diese sollten zu „Bindungsobjekten“ in seinem weiteren Leben werden. Es muss nicht der leibliche Vater oder die leibliche Mutter sein, sondern es können Adoptiveltern, Personen aus Pflegefamilien oder ihm näher stehende Personen sein, die es liebevoll umsorgen. 93 Das Kind wird sich in einer Angstsituation an die Bezugspersonen wenden, um Geborgenheit und Schutz zu suchen. Wenn Kinder in den ersten Lebensjahren über einen längeren Zeitraum traumatische Erfahrungen gemacht haben, entwickeln sie nicht nur eine des-organisierte Bindung 94 , sondern zudem eine Bindungsstörung. 95 Den unter-
89 Koch/Resch 2002, S. 160
90 vgl. Sachsse 1998, S. 105
91 In Kapitel 3.5.1 werde ich narzisstisches Regulativ näher erläutern.
92 Sachsse 1998, S. 105
93 vgl. Huber 2003a, S. 87f
94 Desorganisierte Bindung: Diese Kinder sind zutiefst verstört, weil sie entweder früh verlassen, ver-
nachlässigt, gequält, sexuell missbraucht wurden. Sie haben Angst vor Menschen, denen sie sich von
Natur aus zuwenden müssen. Sie entwickeln keine verlässliche Bindungsrepräsentation in ihrem spä-teren Leben.
95 vgl. Brisch 2003, S. 108; vgl. Huber 2003a, S. 101
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Dipl. Gritli Bertram, 2004, Selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen als Bewältigungsstrategie im Umgang mit Traumatisierungen. Verstehensmöglich-keiten und Handlungskompetenzen in der Sozialen Arbeit., München, GRIN Verlag GmbH
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