Dem Betrachter fällt weiter auf, daß sich bei "Herr Jesu" in der Alt- und v.a. Baßstimme (dem fundamentum!) die Kreuzvorzeichen häufen. Es ist dies mit Sicherheit nicht als zufällig, sondern tonsymbolisch zu verstehen 5) : Die Hoffnung des Christen auf Erden ist im Heiland zu sehen, der die Menschheit durch seinen Kreuzestod erlöst hat.
Eine besondere und auffallende Gestaltung erfährt das Wort "Erden": Die eingezeichneten Ligaturen, die natürlich ausführungsbedingt sind, aber dennoch insbesondere den diasthematischen Verlauf von Ober- und Unterstimme direkt nachzeichnen, stellen eine Kreisform dar, und selbst innerhalb der beiden Systeme, also Sopran (weniger aber der Alt) sowie Tenor und Baß, verlaufen, für sich genommen, in dieser Kreisbahn (Oberstimmen mit Bogen nach oben, Unterstimmen mit Bogen nach unten). Wie besser kann die "Form" der Erde, die Kugel, tonsymbolisch nachgezeichnet werden? 6) Hinzuzufügen ist die Tatsache, daß der dritte Sopranton von "Erden" der einzige Ton im Satz ist, der über den gegebenen cantus-firmus-Rahmen um einen Ton hinausgeht. Dieser Ton ist zudem rhythmisch prolongiert (er ragt sogar über den Taktstrich hinaus) und harmonisch als Septime einer Dominante zu sehen, die ihre tonikale Auflösung erheischt. Diese erfolgt dann auf dem zweiten Viertel im vorletzten Takt der Zeile, als weiterem retardierenden Moment, noch nicht, sondern es wird eine sogen. "clausula sfuggità" 7) dazwischengeschaltet, sodaß die "clausula perfecta" erst im letzten Takt der Zeile erfolgen kann. 8)
II. DER "ABGESANG"
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Die erste, sehr auffallende Stelle des "Abgesangs" ist - wie bereits erwähnt, sein vierter, "unvollständiger" bzw. auf die Hälfte gekürzter Takt. Die Textstelle lautet "auf Erden ist kein Mensch gebor'n..." Es ist dies nun eine Stelle, bei der sehr deutlich wird, daß die ganzen angestrebten Deutungen und Analysen keine Spekulation sind, sondern vom Komponisten bewußt so beabsichtigt waren. Warum denn kürzt BACH den angegebenen 4/4-Takt ohne Anweisung zur Taktänderung auf die Hälfte? Der Takt ist damit "unvollständig", "unzulänglich" geworden - wie eben die Menschen, die auf Erden geboren sind, unzulänglich, fehlerhaft, sündig sind 9) .
5 ) Näheres hierzu siehe auch Rolf DAMMANN, Der Musikbegriff im deutschen Barock, 2.unv.Aufl., Laaber 1984. 6 ) Daß eine solche "bildhafte" Darstellung von Symbolen für die Barockzeit typisch ist, dazu haben PRAUTZSCH und DAMMANN in ihren o.a. Veröffentlichungen genügend Beweise erbracht.
7 ) vgl. Heinrich DEPPERT, Über bassbezogene Harmonie, in: Musik als Schöpfung und Geschichte, Festschrift Karl Michael KOMMA, Laaber 1989, S.69. Die "clausula sfuggità" kann man heute gemeinhin als "Trugschluß" bezeichnen. (Zu den Klauseln siehe u.a.auch WALTHER-Lex. von 1732, Art. "clausula" und folgende darauf bezogene). 8 ) Daß BACH das Wort "Erden" dermaßen hervorhebt, ist bezeichnend! Es ist ja bekanntlich die Crux aller Strophenlieder, daß die Aussagen der verschiedenen, gleich vertonten Textstellen nicht immer zur Musik passen. So dürften beispielsweise im vorliegenden Falle als textausdeutend-"passend" angesehen werden: Strophe I "Erden"
Strophe II "Herzen" (das Reue zeigt ob der Sünden)
"durch deinen Tod und Schmerzen" (der allumfassende Tod, die allumfassenden Schmerzen) Strophe III "wahren Christenglauben"
"mög inniglich anschauen" (als wiederum allumfassende Art zu glauben) Strophe IV "dem Vater aller Güte"
"der uns allzeit behüte" - man betrachte hier insbesondere die Ligaturen als die behütenden, umfangenden Hände! Nur also die wiederholte Zeile aus Strophe I ("werden") scheint nicht ganz auf diese Art der Hervorhebung zu passen. 9 ) Besagte Deutung des nicht vollständigen Taktes, aber in einer etwas anderen Richtung, läßt sich in ähnlicher Weise in der zweiten Strophe vollziehen: "daß du hast gnug für mich getan" - allerdings lassen sich für die dritte und vierte Strophe keine weiteren Textbezüge feststellen; hierzu siehe aber die Anmerkung in Fußnote 11).
In ähnliche Richtung lassen sich auch die nun folgenden Aposiopesis-Figuren 10) , also die gehäuften Generalpausen deuten. Es ist wie ein Rufen nach dem Heiland, der helfen soll, und der Rufer wartet auf eine "Antwort". "Der mir aus Nöthen helfen kann": Wiederum vermehrt Akzidentiensetzung; die Stelle wird durch eine clausula dissecta (s.u.) beendet, während das folgende "ich ruf' dich an" mit einer clausula perfecta auf Stufe I zu Ende geführt wird. Eine besonders eindrucksvolle Stelle ist die Stimmkreuzung zu Beginn der letzten Choralzeile (der Tenor geht unter den Baß, also unter das fundamentum!). Indem der Tenor im Tritonus in diese heteroleptische Figur springt, erscheint das Ganze doppelt "gewagt": so eben kann der gläubige Christ handeln, wenn er ganz sein Vertrauen auf Christus setzt! 11)
Durch die Pausensetzung sowie die Taktverkürzung wurde aus den ursprünglich neun Choraltakten nunmehr dreizehn. Nach AUGUSTINUS/ PRAUZSCH 12) ist es die Zahl des Todes. Bekannt ist die Todessehnsucht der Barockzeit und ihre Deutungen, wie sie ähnlich etwa DAMMANN beschreibt. 13)
III. DIE "HARMONIK"
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Das Wort "Harmonik" ist nicht ohne Grund in Anführungszeichen gesetzt. Bieten doch BACH-Choräle gerade eine wunderhübsche Grundlage fürs Üben der funktionellen Harmoniebezeichnungen. Beschränkt sich dies auf solches Vorhaben, so mag das - entsprechend Robert SCHUMANNs berühmten (aber vielleicht auch ironisch gemeinten?) Wort "Ihr sollt euch eben üben, gleichviel um welchen Preis" - ja noch angehen. Der Leser wird aber sogleich bei der Verfolgung der im Notentext eingezeichneten Funktionsbezeichnungen sich ein Bild darüber machen können, daß diese unhistorische Vorgehensweise zu keinerlei brauchbaren Ergebnissen führt, die BACHs Choralsatz näher "erklären" könnten. Anderes und Schlüssigeres bietet da schon die Theorie der Zeit, wie sie etwa in H. DEPPERTs 14) Ausführungen beschrieben sind. Unter Zuhilfenahme der zeitgenössischen Betrachtensweise, läßt sich hier schlüssig machen, wie das spätere kadenzielle Denken RIEMANNscher Prägung sich aus der Klausulierungspraxis des 17.Jh. herauszuentwickeln begann. Dabei braucht man keineswegs diese komplizierte Gangart DEPPERTs beschreiten, gewissermaßen fast von Ton zu Ton der Melodiestimme nun die Klausellehre „anzuwenden“. Ohne durch die Vereinfachung zu Verfälschungen zu gelangen, kann man sich auf die Enden der Choralzeilen beschränken.
Geht man von den üblichen Formen der Diskant-/Alt-/Tenor- und Baßklausel aus, die hier durch Vorstellen eines zweistimmigen kontrapunktischen Satzes und dessen Ergänzung bis zur Vierstimmigkeit an einem konstruierten Fall vorgeführt wird, so läßt sich bereits am Ende der ersten Choralzeile zeigen, wie aus den Klauseln eine "klassische" Kadenz "entsteht":
10 ) siehe z.B. MGG Art. "Figuren".
11 ) Nebenbei sei die Auffälligkeit angemerkt, daß die Inhalte der zweiten und dritten Strophe auf den komponierten Satz d es "Abgesangs" ebenso gut "passen"! 12 ) PRAUTZSCH a.a.O. S.12.
13 ) Ziel des Christen der Barockzeit ist - wie in der ersten Choralzeile ja ausgedrückt - im Tode zu Christus zu finden. 14 ) in "Festschrift Karl Michael KOMMA", s.Fußn.7).
Arbeit zitieren:
Manfred Schwenkglenks, 2008, Zu den Klausulierungen und der textausdeutenden Setzweise im Bach-Choral "Allein zu dir, Herr Jesu Christ", München, GRIN Verlag GmbH
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