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Hauptseminararbeit, 2005, 24 Seiten
Autor: Ulrike Büchsel
Fach: Geschichte - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Details
Institution/Hochschule: Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main (Historisches Seminar)
Tags: Frankfurter, Auschwitz-Prozess, Kontext, Vorgeschichte, Wirkung, Hauptseminar
Jahr: 2005
Seiten: 24
Note: sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 21 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-47332-3
Dateigröße: 180 KB
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Der 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess im Kontext
seiner Vorgeschichte und Wirkung
von: Ulrike Büchsel
Inhalt
Einleitung 1
1. Die deutsche Öffentlichkeit und die NS-Vergangenheit in den fünfziger Jahren 1
1 1. Die frühen fünfziger Jahre 1
1 2. Beginn eines Umschwungs 4
2. Auschwitz-Prozess in Frankfurt a. M. 1963-1965 6
2.1. Vorgeschichte 6
2.2. Der Prozess 9
2.3. Das Urteil 13
3. Der Auschwitz-Prozess und die deutsche Öffentlichkeit 14
3.1. Die Presseberichterstattung 14
3.2. Die Wirkung des Prozesses: Versuch einer Deutung 16
Schlusswort 19
Literaturverzeichnis 21
Einleitung
Der Auschwitz-Prozess war ein juristisches Großereignis der sechziger Jahre, das den weiteren Verlauf der „Vergangenheitsbewältigung“ sicher entscheidend beeinflusste. Er ist aber gleichzeitig in seiner Form und seinem Ergebnis Resultat einer komplexen Entwicklung der Haltung der deutschen Bevölkerung zur nationalsozialistischen Vergangenheit, und seine spezifischen Eigenheiten sind nur aus dieser heraus zu verstehen. Ziel dieser Arbeit ist es, den Prozess und seine unmittelbare Rezeption in der Öffentlichkeit vor dem Hintergrund jener Entwicklungen zu schildern. Dazu wird zunächst ein Überblick über den gesellschaftlichen, politischen und juristischen Umgang mit dem Nationalsozialismus in den frühen fünfziger Jahren gegeben, um dann die Entwicklung nachzuzeichnen, die dieser im letzten Drittel des Jahrzehnts durchmachte. Dann wird der Auschwitz-Prozess mit seiner Vorgeschichte dargestellt und ein Einblick in die juristischen Grundlagen des Urteils gegeben. Schließlich wird im dritten Kapitel die Presseberichterstattung zum Prozess kurz analysiert und der Versuch unternommen, die allerdings unzureichend dokumentierte Rezeption dieser Berichterstattung zu beschreiben und kurz zu deuten. Bei der verwendeten Literatur sind vor allem die Publikationen des Fritz Bauer-Institutes und Irmtrud Wojaks zu nennen, die den Auschwitz-Prozess am besten abdecken. Außerdem sei auf die Monographie von Gerhard Werle und Thomas Wandres hingewiesen, die neben einer umfassenden Zusammenfassung des Prozesses auch eine auszugsweise Dokumentation des Auschwitz-Urteils bietet.
1. Die deutsche Öffentlichkeit und die NS-Vergangenheit in den fünfziger Jahren
1.1. Die frühen fünfziger Jahre
Der gesellschaftliche und politische Umgang mit der „jüngsten Vergangenheit“ in der Nachkriegszeit war in Forschung und Publizistik Gegenstand heftiger Debatten, die zwischen einer völligen Leugnung jeglicher „Vergangenheitsbewältigung“ in der Nachkriegsgesellschaft einerseits, und der Annahme eines übertriebenen „Bewältigungseifers“ auf der anderen Seite oszillieren.1 Ohne dass die Kontroverse an dieser Stelle genau nachgezeichnet werden könnte, wird im Folgenden versucht, einen kurzen und eher groben Überblick über das Thema in Anlehnung an die gemäßigteren Beiträge der Forschung zu geben.
Peter Steinbach bezeichnet in seiner Studie zum öffentlichen Umgang mit der NS-Gewaltverbrechen in der Nachkriegszeit die fünfziger Jahre als gekennzeichnet durch ihre „Ambivalenz, ihre Stellung zwischen Vergangenheit und Zukunft“. 2 Auf der einen Seite stand der staatliche Neubeginn und die Konsolidierung einer demokratisch-freiheitlichen Verfassungsordnung, damit eng verbunden auch die Eingliederung in die westliche Staatengemeinschaft. Diese erforderten eine eindeutige Abgrenzung vom Nationalsozialismus, einen „normativen Bruch mit der NS-Vergangenheit“.3 Auf der anderen Seite stand das Millionenheer der ehemaligen Nationalsozialisten, Befürworter des Nationalsozialismus wie Mitläufer, die es in den neuen Staat zu integrieren galt.4 Diese „bestimmten nun allein schon aufgrund ihrer Masse die Bedingungen ihrer Integration zu einem erheblichen Teil selbst“, wie Norbert Frei feststellt.5
Unbestritten ist das Bedürfnis nach einem völligen Neuanfang und dem „Ruhenlassen der Vergangenheit“, das in den ersten Jahren der Bundesrepublik in einen breiten gesellschaftlichen Konsens des Schweigens mündete. Die individuelle Beteiligung jedes „Volksgenossen“ an der Aufrechterhaltung des Unrechtsregimes wurde im Sinne der gesellschaftlichen Integration konsequent verdrängt.6 Der Großteil der deutschen Bevölkerung hatte zu gewissen Zeiten die Nazi-Herrschaft unterstützt und war nun nicht zu einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit fähig. Statt dessen wurde die Schuld in der Regel einer verbrecherischen Nazi-Clique um Hitler zugeschoben, die die deutsche Bevölkerung, einschließlich des kompletten Staatsapparats sowie der Wehrmacht, gewaltsam unterdrückt habe.7
Die Meinungsumfragen der Zeit spiegeln zudem eine hohe Kontinuität in der persönlichen Einstellung zum Nationalsozialismus und das Fortdauern eines latenten Antisemitismus in weiten Teilen der Bevölkerung wieder. So hielten 1948 noch 57 Prozent der Deutschen den Nationalsozialismus für „eine gute Idee, die nur schlecht ausgeführt wurde“, und 1955 befanden noch 48 Prozent der Befragten, dass Hitler ohne den Krieg einer der größten deutschen Staatsmänner gewesen wäre. Dass es „besser für Deutschland wäre, keine Juden im Land zu haben“, verneinten 1952 nur 20 Prozent der Teilnehmer, dagegen stimmten immerhin noch 37 Prozent offen zu, während die Mehrheit sich in dieser Frage nicht festlegen wollte.8 Obwohl solche Daten nur stichprobenartige Stimmungsbilder darstellen, vermitteln sie doch zumindest einen groben Eindruck der öffentlichen Meinung zum Nationalsozialismus und seinen Ideen in der Nachkriegszeit.
[...]
1 Vgl. etwa: Ralph Giordano, Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein. Hamburg 1987; sowie als anderes Extrembeispiel: Manfred Kittel: Die Legende von der „Zweiten Schuld“. Vergangenheitsbewältigung in der Ära Adenauer. Frankfurt am Main/Berlin 1993
2 Peter Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen. Die Diskussion in der deutschen Öffentlichkeit nach 1945. Berlin 1981, S. 42
3 Clemens Vollnhals: Zwischen Verdrängung und Aufklärung. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der frühen Bundesrepublik. In: Ursula Büttner (Hrsg.): Die Deutschen und die Judenverfolgung im Dritten Reich. Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte Band 29, Hamburg 1992. S. 357-392, hier S. 382
4 Steinbach: Nationalsozialistische Gewaltverbrechen, S. 43
5 Norbert Frei: Das Problem der NS-Vergangenheit in der Ära Adenauer. In: Heinrich Oberreuter (Hrsg.): Freundliche Feinde? Die Alliierten und die Demokratiegründung in Deutschland. Akademiebeiträge zur politischen Bildung Bd. 29, Tutzing 1996. S. 181-193, hier S. 188
6 Siehe z.B. Hartmut Berghoff: Zwischen Verdrängung und Aufarbeitung. Die Bundesdeutsche Gesellschaft und ihre nationalsozialistische Vergangenheit in den Fünfziger Jahren. In: GWU 2/98 S. 96- 114, hier v.a. S. 101-103; S. 104-106; S. 111, oder auch Vollnhals: Zwischen Verdrängung und Aufklärung, S. 383
7 Berghoff: Zwischen Verdrängung und Aufarbeitung, S. 108
8 Umfrageergebnisse zitiert nach: Edgar Piel: Spuren der NS-Ideologie im Nachkriegsdeutschland. I In: Heinrich Oberreuter (Hrsg.): Freundliche Feinde. Die Alliierten und die Demokratiegründung in Deutschland. Akademiebeiträge zur politischen Bildung Bd. 29, Tutzing 1996. S. 145-160
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