Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 4
2 Theoretische Aspekte 7
2.1 Stand der Forschung zum Thema
“Befindlichkeitsveränderungen durch Sporttreiben 7
2.1.1 Exkurs I: Emotion, Kognition, Motivation. 7
2.1.2 Entwicklung der Befindlichkeitsforschung 9
2.1.3 Wohlbefinden. 10
2.1.4 Wohlbefinden und Sport 11
2.1.5 Relevante Aspekte zum aktuellen und habituellen
Wohlbefinden. 14
2.1.6 Zur Bedeutung von Wohlbefinden. 16
2.2 Krankheitsbild der Schizophrenie. 16
2.2.1 Psychiatrische Pharmakotherapie. 23
2.2.2 Stellenwert des Sports im Rehabilitationsprozeß
psychisch erkrankter Menschen. 25
2.3 Zentrale Aspekte für eine Tauchausbildung mit schizophren
erkrankten Menschen im Rehabilitationsprozeß. 28
2.4 Exkurs II: Die Emotion Angst als entscheidender
Bedingungsfaktor 33
2.5 Das Problem einer eingeschränkten Tauchtauglichkeit und
Vorüberlegungen zur geplanten Studie. 37
3 Die Hypothese und Zielsetzung dieser Studie. 43
4 Methodik 47
4.1 Probanden. 47
4.2 Die Ausbildungskonzeption 48
4.2.1 Kurzdarstellung der neun Unterrichtseinheiten. 49
4.2.2 Prinzipien der Vermittlung 51
4.3 Methodentheorie und ausgewählte Meßverfahren. 52
4.3.1 Fragebogen zur Erfassung der Motivation zur
Teilnahme und der Erwartungserfüllung 54
4.3.2 Selbstbeurteilung der aktuellen Befindlichkeit durch
die “Basler-Befindlichkeits-Skala 56
4.3.3 Angstscreening, Selbsteinschätzung hinsichtlich
ängstlicher Empfindungen. 57
4.3.4 Herzfrequenzmessungen 58
4.3.5 Beobachtung der Teilnehmer während der
Unterrichtseinheiten. 60
4.3.6 Datengruppierung 60
4.3.7 Statistik 61
4.3.8 Schema zum Studienaufbau. 62
5 Ergebnisse. 64
5.1 Motivation und Erwartungserfüllung 64
5.2 Dimensionen der Befindlichkeit 67
5.3 Angstemotionen 73
5.4 Herzfrequenz 76
5.5 Beobachtung 78
6 Diskussion. 80
6.1 Zur Motivation und kognitiven Wertschätzung 80
6.2 Zur Befindlichkeit und Emotion Angst 88
6.3 Zum Herzfrequenzverhalten. 93
7 Kritische Reflexion 99
8 Zusammenfassung und Ausblick 100
9 Literaturverzeichnis 106
10 Abkürzungsverzeichnis. 112
11 Abbildungsverzeichnis 113
12 Tabellenverzeichnis 115
13 Anhang 116
Einleitung 4
1 Einleitung
“Da drüben geht eure Sonne auf” (PAEPKE, 1998). Das Zitat der Dichterin Lotte Paepke, welche zu Kriegszeiten an Schizophrenie erkrankte, beschreibt beispielhaft den “Verlust des Erlebens” als ein wesentliches Merkmal der schizophrenen Erkrankung. In diesem Fall erscheint der Prozeß visueller Wahrnehmung isoliert und von einem ganzheitlichen Erleben “abgespalten”. Die Ursachen einer schizophrenen Erkrankung sind vielfältig; gemeinsames Merkmal sind die Wahrnehmungsstörungen bzw. die gestörte Wahrne hmungsverarbeitung. AYRES (1998, 7) beschreibt die sensorische Integration als das “Ordnen der Empfindungen um sie gebrauchen zu können”. In einem übergeordneten Sinn läßt sich die Symptoma tik schizophren erkrankter Menschen als eine Beziehungsstörung zu sich, seinem/ihrem Körper und zur sozialen Umwelt verstehen. Sportliche Aktivität bietet die Möglichkeit, eine verzerrte Selbst- und Realitätswahrnehmung am eigenen Leib spürbar zu machen und Regulationsmöglichkeiten aufzuzeigen. Die Motivation zur Teilnahme an sportlichen Angeboten ist in der Regel eine notwendige Voraussetzung für erfolgreiche Lernprozesse, welche neben Verbesserungen im sportmotorischen Bereich nicht selten eine Verbesserung der Allgemeinbefindlichkeit zur Folge haben (vgl. HÖLTER 1994, 7ff.).
Schizophren erkrankte Menschen sind im Erleben der verschiedenen Facetten von Wohlbefinden individuell beeinträchtigt. Das beeinträchtigte Wohlbefinden läßt sich als Ausdruck einer unausgewogenen Bewältigung interner und externer Anforderungen begreifen (BECKER 1991, 43).
Bewegungstherapeutische Interventionen sind im Rahmen eines ganzheitlichen Rehabilitationskonzepts darauf ausgerichtet, eine größtmögliche Autonomie des Individuums (wieder-) herzustellen und verfolgen im Rehabilitationsprozeß psychisch bzw. schizophren erkrankter Menschen primär das Ziel einer Verbesserung psychischer und sozialer Funktionen, welches durch Veränderungen in der psychischen und sozialen Dimension der Be findlichkeit Ausdruck finden sollte.
Das subjektive Wohlbefinden ist generell ein zentrales Motiv des Sporttreibens in seinen vielfältigen breiten- und leistungssportlichen Varianten (ABELE, BREHM 1984). Bislang durchgeführte Studien zum Einfluß sportliche r Aktivität auf das Wohlbefinden beziehen sich vorwiegend auf den Fitnessbereich und die Spielsportarten. Unterschiedliche Sportarten haben z.T. verschiedenen Einfluß auf die psychische, physische und soziale Dimen- sion der Befindlichkeit.
Einleitung 5
Im therapeutische n Bereich durchgeführte Studien sind nicht sehr zahlreich. SCHWENKMEZGER (1985, 117ff.) hat z.B. eine positive Wirkung des Ausdauertrainings in der Depressionstherapie nachgewiesen. Er betont im Zusammenhang mit dem “inhärenten Verstärkungswert” der physischen Aktivität den Wert intrinsischer Motivation zur sportlichen Betätigung. Der Sport mit schizophren erkrankten Menschen sollte Verfahren zur Verbesserung einer realistischen Selbstwahrnehmung und positiven Beeinflussung der Wahrnehmungsstörungen in den Vordergrund stellen (DEIMEL 1990). Erlebnissportarten versprechen häufig außergewöhnliche, intensiv wahrgenommene Erlebnisse und Erfahrungen, welches einen hohen Aufforderungscharakter zu bedingen scheint. Gleichzeitig sind die Anforderungskriterien der Erlebnissportarten häufig so geartet, daß sie sich für die Vermittlung im Rehabilitationsbereich psychisch erkrankter Menschen nicht eignen.
Das Anforderungsprofil der Sportart Tauchen läßt sich dem Leistungsprofil der Teilnehmer unter entsprechenden Rahmenbedingungen (Schwimmbad) gut anpassen. Wahrne hmungsprozesse könnten durch den Aufenthalt “im artfremden Medium Wasser” bewußt werden. Der hohe Aufforderungscharakter könnte die allgemeine Sportpassivität überwinden und individuelle Erfolgserlebnisse die (gestörte) Handlungsmotivation nachhaltig positiv beeinflussen. Körpererleben und Bewegungshandlungen des Sporttreibenden sollten sich dabei mit dem konkreten Erleben von Sinnbezügen vollziehen. Die Eignung der Erlebnissportart Tauchen im Rehabilitationsprozeß psychisch erkrankter Menschen ist nicht näher untersucht. Verfasser tauchspezifischer Literatur haben beobachtet, daß scheinbar “gerade psychisch abnorme Persönlichkeiten” zum Sporttauchen drängen (GERSTENBRAND et al. 1995, 91). Nach einem Grund für das zu beobachtende Verhalten wurde bislang nicht geforscht.
Ein Ausschluß psychisch erkrankter Menschen vom Sporttauchen, auch für das Tauchen unter eingeschränkten Bedingungen, wird in der Regel damit zu rechtfertigen versucht, daß ein großer Teil der Tauchunfälle im regulären Tauchsport auf “psychische Fehlreaktionen” zurückzuführen ist.
Aussagen zu den Empfindungen beim Tauchen wie, z.B. “Das Schweben im dreidimensionalen Raum und die Stille unter Wasser sind auch als eine Art Meditation, als ein Kontrast zum hektischen Alltag der meisten Zeitgenossen zu verstehen”, sind nicht emp irisch geprüft. Die Sportart Tauchen steht im Verdacht, Auslöser eines besonderen “Wachbewußtseinszustands” (SCHARFETTER 1995, 103) zu sein.
Einleitung 6
Die vorliegende Studie untersucht die Wirkungsmechanismen einer Grundausbildung im Tauchen und der damit verbundenen Unterwasseraufenthalte auf das Befindlichkeitsverhalten schizophren erkrankter Menschen im Rehabilitationsprozeß. Dadurch werden Aussagen zur Eignung der Sportart Tauchen unter entsprechenden Rahmenbedingungen ermöglicht. Desweiteren ergeben sich Hinweise für eine Begründung des scheinbar “besonders” großen Interesses dieser Zielgruppe am Tauchsport.
Im theoretischen Teil dieser Arbeit werden die Erkenntnisse der allgemeinen Befind lich-keitsforschung vorgestellt, welche sich aufgrund der spezifischen Merkmale dieser Studie nicht ohne weiteres übertragen lassen. Sie bieten allerdings eine ausreichende Orie ntierung zur Herleitung der Hypothese und Einordnung der Ergebnisse. Desweiteren wird die Verflechtung kognitiver, emotionaler und motivationaler Prozesse als Kennzeichen dessen beschrieben, was allgemein als “Psyche” bezeichnet wird. Die Emotion “Angst” hat auf das Zusammenspiel der genannten Prozesse und der damit zusammenhängenden subjektiven Bewertung des Wohlbefindens einen besonderen Einfluß. Das auf die Emotion “Angst” bezogene Kapitel stellt eine Verbindung zum beschriebenen Krankheitsbild der Schizophrenie und den aufgeführten Merkmalen der Erlebnissportart Tauchen dar.
Die Fragestellung bezieht sich auf einen sehr komplexen Sachverhalt, welches eine emp irische Überprüfung erschwert. Eine interdisziplinäre Betrachtungsweise erscheint notwendig. Der methodische Teil ist von dem Bemühen um unterschiedliche Zugänge geprägt, wobei der Schwerpunkt in der Selbstbeurteilung der Probanden hinsichtlich ihrer Befindlichkeit liegt. Die Ergebnisse der Selbstbeurteilung werden, durch das wiederholte Erfassen des psychophysiologischen Parameter Herzfrequenz in standardisierter Situation, auf eine potentielle Korrelation bezüglich vegetativer Reaktionsweisen geprüft. Desweiteren sind die Beweggründe für die Teilnahme an einer Tauchausbildung von besonderem Interesse.
Die Ergebnisse bieten Ansatzpunkte für weiterführende Untersuchungen zum Zusammenhang erlebnisbezogener sportlicher Aktivität und Wohlbefinden sowie der Effektivi- tät sportlicher Angebote in therapeutischen Situationen.
Theoretische Aspekte 7
2 Theoretische Aspekte
Im theoretischen Teil dieser Arbeit werden relevante Erkenntnisse aus separaten Wissenschaftsgebieten in komprimierter Form dargestellt. Dabei lassen sich zahlreiche Berührungspunkte herausarbeiten und z.T. aus unterschiedlicher Perspektive betrachten.
2.1 Stand der Forschung zum Thema “Befindlichkeitsverände-
rungen durch Sporttreiben”
Der Begriff “Wohlbefinden” repräsentiert physisches, soziales und psychisches Befinden. Die einzelnen Dimensionen der Befindlichkeit sind voneinander abhängig und es bestehen zahlreiche Wechselwirkungen, so daß eine Gesamtbetrachtung hinsichtlich des Befindlichkeitsverhaltens notwendig erscheint.
Für die Einordnung und ein übergeordnetes Verständnis von Wohlbefinden ist ein kurzer “Exkurs” vorangestellt, welcher zugleich die Funktion einer Einführung in die Gesamtproblematik übernehmen soll. Eine der Thematik übergeordnete Sichtweise setzt sich im Kapitel “Die Emotion Angst als entscheidender Bedingungsfaktor” (Exkurs II) fort und knüpft inhaltlich an die Ausführungen zu “Emotion, Kognition, Motivation” an.
2.1.1 Exkurs I: Emotion, Kognition, Motivation
Der Begriff “Befinden” repräsentiert Emotionen. PEKRUN (1987, 99) definiert Emotionen als ganzheitliches Erleben, welches sich aus drei Komponenten zusammensetzt; einen für die jeweilige Emotion spezifischen Erlebensanteil (affektive Komponente), spezifische Kognitionen (kognitive Komponente) und Wahrnehmungen physiologischer und expressiver Abläufe (körperperzeptive Komponente). Entscheidend ist, daß affektive Anteile der Emotionen keine Sachverhalte repräsentieren. Hunger und Durst sind bedürfnisbezogene Gefühle und vergleichbar mit den Schmerzgefühlen für den Körper repräsentatorische Gefühle. Die Emotionen sind demnach als nicht repräsentatorische Gefühle zu begreifen. Desweiteren ist es wichtig, die Emotionen klar von den Motivationen zu trennen, da es sich um zwei unterschiedliche Kategorien psychischer Prozesse handelt. “Emotionen bestehen (primär) im Erleben affektiver Erregung, die physiologisch gesehen an bestimmte subkortikale Zentren des zentralen Nervensystems gebunden ist. Bei der Motiva- tion handelt es sich hingegen um spezifische deklarative Kognitionen (Handlungswün-
Theoretische Aspekte 8
sche, Absichten) und um Aktivierungen von Verhaltensprogrammen” ( PEKRUN 1987, 100).
Im Gehirn entsteht das, was der Mensch als Psyche bezeichnet. Die zentrale Annahme der “Affektlogik” nach CIOMPI (1982) besteht darin, daß Fühlen und Denken, also affektive und kognitive Prozesse untrennbar, zusammengehören und unabhängig voneinander gar nicht vorkommen. Dabei stellen die Prozesse “Fühlen” und “Denken” die Verarbeitung von Information bzw. Reaktionsweisen des psychischen Systems im Austausch mit dessen Umwelt dar. Die Prozesse lassen sich als gleichwertige Erfassungsweisen der begegnenden Umwelt begreifen:
“In ihrem Zusammenspiel orten (bzw. ordnen) beide Erfassungsweisen die begegnende Wirklichkeit optimal ökonomisch wie zwei Schnittlinien einer Peilung: Das phylogenetisch ältere, körpernahe, deutlich trägere und unschärfere aber viel umfassendere `Fühlsystem´ auf der einen Seite verleiht dem entstehenden `Bild´ der Wirklichkeit gewissermaßen Tiefe und Ganzheitlichkeit, während das phylogenetisch jüngere, körperferne, abstraktere, präzisere aber auch viel punktuellere `Denksystem´ zu seiner Schärfe beiträgt. Es is t klar, daß die resultierende `Tiefenschärfe´ imminent im Dienst des Überlebens, d.h. der Autopoiese steht” (CIOMPI 1986 b, 382).
Globalintegrativ betrachtet setzt sich das geistige Leistungsvermögen aus den drei Leistungsdimensionen Denken (Kognition), Erleben (Emotion) und Wollen (Motivation) zusammen, welche untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Denkweise ist bis auf ARISTOTELES zurückzuführen. Das Denkvermögen stand jahrhundertelang im Brennpunkt des Interesses. Die elementare Bedeutung der Dimensionen “Wollen” und “Erleben” ist erst später erkannt worden. Anatomisch gesehen ist das emotionale Teilsystem der größte Bereich im Altgroßhirn, das sich nach dem Gesetz der Wechselwirkungen an praktisch allen globalintegrativen Erlebnismustern beteiligt (vgl. GSCHWEND 1998). Psychische Störungen lassen sich nicht generell hirnpathologisch begründen. Zum g egenwärtigen Zeitpunkt erübrigt sich eine anatomische Darstellung der Gehirnareale, welche mit bestimmten psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden. Die Tradition der sog. “Hirnpsychiatrie” gegen Ende des letzten Jahrhunderts bot die Grundlage für einen um sich greifenden Sozialdarwinismus, der die Isolierung der psychisch Kranken zur Folge hatte. Dabei wurde die Krankheit als unabwendbares Schicksal aufgefaßt. Heutige elektroenzephalographische Untersuchungen an Patienten mit der Diagnose Schizophrenie zeigen zwar zum Teil bedeutsame Abweichungen, diese sind jedoch so
Theoretische Aspekte 9
unterschiedlich, daß sich bislang keine sinnvollen Hypothesen formulieren ließen (vgl. DÖRNER 1994, 172).
Bisher fehlt eine Integration der Einzelbefunde in ein umfassendes Modell der menschlichen Informationsverarbeitung.
CIOMPI (1988 b) vergleicht das Gehirn bzw. die Psyche mit einem anfänglich nur rud imentär angelegten Wegsystem, welches durch den Gebrauch selbst entsteht und sich in der Interaktion mit der Umwelt zu einem immer komplexer hierarchisierten Gefüge von “Haupt- und Nebenstraßen” entwickelt. Diese Gefüge seien als offene Systeme mit kognitiven und affektiven Anteilen zu verstehen. Sie stellen das eigentliche Gedächtnis dar, indem sie sich im jeweiligen Kontext aktualisieren und das Wahrnehmen und Verhalten entsprechend der angelegten Muster kanalisieren. Persönlichkeit bezeichnet er deshalb als weitgehend stabil gewordenes Muster von affektlogischen Bezugssystemen, quasi als “Muster von Mustern”.
2.1.2 Entwicklung der Befindlichkeitsforschung
Die Philosophen der griechischen Antike beschäftigten sich bereits mit der Bedeutung der “persönlichkeitsbeeinflussenden” Wirkung des Sports (PLATON, ARISTOTELES et al.). Sie sollen die belebende Wirkung moderater körperlicher Aktivität zur Steigerung kognitiver Prozesse genutzt und ihre Vorlesungen zum Teil beim Spazierengehen gehalten haben. Die Kerngedanken der meisten psychologischen Theorien zum Wohlbefinden gründen in einer bis in die Antike zurückreichenden philosophischen Tradition. Verschiedene Philosophen der Gegenwart charakterisieren Glück und Wohlbefinden als Ergebnis gelungener Selbstverwirklichung (BECKER 1991, 14). Neben den physiologischen Anpassungsprozessen sind die psychologischen Auswirkungen des Sporttreibens bzw. körperlicher Ertüchtigung bis heute von besonderem Interesse. Die unter der Thematik “Sportliche Aktivität und Persönlichkeit” zusammenzufassenden Forschungsfragestellungen sind vielfältiger Art. Bis heute ist nicht belegt, ob die Teilhabe an Institutionen des Sports die Individuen prägt (Sozialisationshypothese), oder ob sich ganz bestimmte Individuen einer Form des Sportengagements zuwenden, welches zu ihrer Persönlichkeitsstruktur paßt (Selektionshypothese).
Theoretisch erscheint eine wechselseitige Beeinflussung von Sport und Persönlichkeit am sinnvollsten, allerdings fehlen zur Untersuchung der Wechselbeziehungen sowohl Sportwissenschaftlern, als auch Psychologen geeignete empirische Instrumente und Un- tersuchungspläne. Dadurch fallen die einzelnen Forschungsfragestellungen zum Kom-
Theoretische Aspekte 10
plex “Sport und Persönlichkeit” meistens einfacher aus, als es theoretisch erforderlich ist (vgl. MUMMENDEY 1983, 10).
Eine präzise Definition ist weder für den Begriff Sport, noch für den Begriff Persönlichkeit möglich. Frühere Forschungsergebnisse (NEUMANN, GABLER, SACK, BIELEFELD et al.) sind insgesamt sehr widersprüchlich und lassen sich wegen ihrer unterschiedlichen, oft globalen Fragestellungen und Untersuchungsdesigns kaum vergleichen. MUMMENDEY (1983, 21) faßt zusammen, daß aus “tertiäranalytischer” Perspektive von gültigen empirischen Antworten auf die Frage nach der Beziehung zwischen sportlicher Aktivität und Persönlichkeit keine Rede sein kann. Aufgrund der heterogenen Ergebnisse in der Vergangenheit neigt die gegenwärtige Forschung dazu, spezielleren Fragestellungen nachzugehen. Die situationsabhängige Befindlichkeitsdiagnostik (vgl. HOBI 1985, MAYRING 1987) hat in der sportwissenschaftlichen und allgemein-psychologischen Forschung einen hohen Stellenwert eingenommen. Die Fragestellungen sind differenzierter: einzelne Sportarten werden hinsichtlich ihrer Wirkung auf das Wohlbefinden untersucht. MAYRING (1991) beklagt allerdings auch in diesem Zusammenhang ein unübersehbares Feld von Meßinstrumenten und häufig nicht adäquate Erhebungsmethoden der heutigen Befindlichkeitsforschung.
2.1.3 Wohlbefinden
Der Begriff des Wohlbefindens läßt sich mit Bezug auf das Strukturmodell des Wohlbefindens von BECKER (1991) definitorisch präzisieren. Wohlbefinden ist demnach als Prozeß aufzufassen, wobei zwischen aktuellem und habituellem Wohlbefinden zu unterscheiden ist. Der variable Zustand des aktuellen Wohlbefindens charakterisiert das momentane Erleben, wogegen das relativ stabile habituelle Wohlbefinden die für eine Person “typische” Grundgestimmtheit darstellt (vgl. BÄSSLER 1995, 246). ABELE/BREHM (1984) differenzieren in ähnlicher Form; sie nennen die Vermutung kur zfristiger Effekte auf die momentane Stimmung “Befindlichkeitshypothese” und eine auf längerfristige Veränderungen bezogene Annahme, “Veränderungshypothese”. Zur besseren Übersichtlichkeit und zur Vermeidung begrifflicher Unklarheiten werden für die weitere Charakterisierung nachfolgend die Begriffe aktuelles Wohlbefinden (AW) und habituelles Wohlbefinden (HW) benutzt.
Theoretische Aspekte 11
2.1.4 Wohlbefinden und Sport
Der allgemeine Begriff Wohlbefinden kennzeichnet psychisches, physisches und soziales Befinden (in Anlehnung an die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation). Durch sportliche Aktivität werden physisches und psychisches Befinden immer gleic hzeitig beeinflußt, während das soziale Befinden mit angesprochen wird, wenn die sportliche Aktivität soziale Interaktion beinhaltet.
Das subjektive Wohlbefinden ist ein zentrales Motiv des Sporttreibens in seinen vielfältigen breiten- und leistungssportlichen Varianten. Es werden Auswirkungen regelmäßigen Sporttreibens auf die psychische Stabilität und die Persönlichkeit angenommen, so daß Sport als Mittel zur Erreichung eines positiv bewerteten Zustands gilt (ABELE, BREHM 1984).
Es liegen zahlreiche Studien vor, die relativ übereinstimmend positive Effekte sportlicher Aktivität auf das Wohlbefinden der Sporttreibenden nachweisen ( ABELE/BREHM 1984, 252ff./ ALFERMANN/LAMPERT/STOLL/WAGNER-STOLL 1993, 21ff./ BERGER/OWEN 1987, 286-302/ FUCHS/LEPPIN 1992, 13ff./ GABLER/KEMPF 1987, 171-183/ OTTO/STEMMAN 264-278 1986, 1991, 288ff./ SCHWENKMEZGER 1985, 117-135/ TSCHAKERT 1986, 206ff./ WEBER 1982, 1984 et al.).
In der amerikanischen Literatur der 70er Jahre wurden Stimmungsveränderungen durch Sport unter den Stichworten “feel-better-phenomen” und “runner´s high” diskutiert (SACHS 1984). Das “feel-better-phenomen” bezeichnet die generell gehobene Stimmung, die nach sportlicher Aktivität relativ häufig auftritt. Das Phänomen des “runner´s high” beschreibt vornehmlich euphorische Zustände währ end des Laufens. Frühere Studien beschäftigten sich hauptsächlich mit dem Laufen, später wurden auch andere Sportarten und Bewegungsformen berücksichtigt. Die Stichproben der Untersuchungsgruppen sind dem Breitensport zuzuordnen. Im englischsprachigen Raum wurden die POMS (profile of mood scales, MC NAIR et al. 1971) zur Stimmungsmessung verwendet, wohingegen in neun der zwölf deutschsprachigen Studien die BFS (Befindlichkeitsskalen, ABELE & BREHM 1986) zur Auswertung bevorzugt wurden (vgl. ABELE 1991, 281). Bislang durchgeführte systematische Untersuchungen und Studien zu Befindlichkeitsveränderungen durch Sport sind Aktivitäten aus dem Fitnessbereich (Laufen, Schwimmen, angeleitete Fitnesskurse) und Spielsportarten zuzuordnen. Aktuelles Wohlbefinden (AW) wird entweder direkt durch positive Erfahrungen (z.B. Erfolgserlebnisse) erreicht oder indirekt durch die Beseitigung oder Reduktion aversiver Zustände (z.B. Angst, Hilflosigkeit). Die Förderung des Wohlbefindens mittels sportli-
Theoretische Aspekte 12
cher Aktivität resultiert unter anderem aus positiv bewerteten Erfahrungen (sensorischen Eindrücken) durch die motorische Aktivität. Zudem bestätigen gelungene Handlungen das “Ich”, welches von positiven Emotionen begleitet wird. Die Erfolgserlebnisse können darüber hinaus, soweit sie als bedeutsam eingeschätzt werden, zu einer Erweiterung der subjektiv wahrgenommenen Handlungsmöglichkeiten führen. Eine spezifische Form von AW bezeichnet CSIKSZENTMIHALYI (1985) als “flow-Erlebnisse”. Dabei führen intrinsisch motivierte, autotelische Tätigkeiten zum “flow- Erlebnis”, wenn die Person die Handlungen und die Umwelt unter Kontrolle hat und klare Rückmeldungen über den Erfolg des Handelns erhält. Entscheidend ist dabei eine Korrespondenz von Handlungs-anforderungen und Handlungsfähigkeiten. Die Anforderungen müssen dabei über einem individuell mittleren Niveau liegen.
BECKER (1991) erwähnt die “Phantasietätigkeit” als weitere Möglichkeit das AW zu erhöhen (z.B. Tagträume). Dabei überlagern sich reale und vorgestellte Ereignisse. Extreme Formen der Vermischung von Realität und Wunschdenken seien bei psychotischen Patienten zu beobachten, wobei sich solche Störungen zu einem gewissen Teil auch als verzweifelte Versuche zur Aufrechterhaltung von AW verstehen lassen. ABELE, BREHM, GALL (1991) machen folgende zusammenfassende Aussagen zur Kennzeichnung eines Ergebnistrends hinsichtlich aktuellem Wohlbefinden:
Psychisches Wohlbefinden:
• Personen mit eher schlechter Ausgangsstimmung profitieren mehr von sportlicher Aktivität als Personen mit eher guter Ausgangsstimmung, d. h. das “Ausgangsniveau der Stimmung” vor der sportlichen Aktivität beeinflußt die Stimmungsänderung.
• Zwischen den “Einstellungen zum Sport” und den Stimmungsveränderungen besteht kein Zusammenhang.
• Das Wohlbefinden nach der sportlichen Aktivität ist für den Teilnehmenden größer, wenn er mit der eigenen sportlichen Leistung zufrieden ist (ABELE & BREHM 1986).
• Die Teilnehmer fühlen sich nach der sportlichen Aktivität wohler, wenn die eigene Anstrengung als “mittlere Belastung” erlebt wurde (ABELE & BREHM 1986, 1989, BERGER & OWEN 1988). Die Stimmungsverbesserungen sind bei individuell mittlerer Belastung größer als bei hohen Belastungen (GALL 1987). Sportliche Aktivität, die einen unteren physiologischen Belastungsschwellenwert überschreitet, baut Spannungen ab und reduziert (State-) Angst. Dieser Zustand hält etwa 2-4 Stunden an (MORGAN 1987).
Theoretische Aspekte 13
• Die Befindensveränderungen sind größer, wenn der “Erlebnis- und Spaßaspekt” in den Sportstunden berücksichtigt wird ( ABELE & BREHM 1989, BERGER & OWEN 1988).
Physisches Wohlbefinden:
Das Wohlbefinden des Menschen ist neben zahlreichen anderen Faktoren (Persönlichkeit, sozialer Rückhalt, Umwelt, Arbeit, etc.) in starkem Maße von der Bewegungsaktivität abhängig. Ein gesunder Organismus folgt der Tendenz, Körpersysteme und körperliche Fähigkeiten (Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit) an körperliche Beanspruchungen anzupassen. Die Anpassungsprozesse sind durch Dosierungen der Belastungen (Intensität, Umfang, zeitliche Abfolge) optimierbar (vgl. WEINEK 1988, 22f.). Bleiben entsprechende Belastungen aus und wird die körperliche Funktionstüchtigkeit gestört, kann dieses “Mißbefinden” in vielfältiger Form zur Folge haben (vgl. ABELE, BREHM, GALL 1991). Körperliches Wohlbefinden und objektive Gesundheitskriterien müssen nicht zwingend übereinstimmen (ARGYLE 1987).
Trotz des Wissens um die Bedeutung der sportlichen Aktivität für die Gesundheit und das Wohlbefinden treiben nur etwa 15 Prozent der Bevölkerung mit einer Regelmäßigkeit Sport, die präventive Wirkungen erwarten läßt (vgl. OLDRIDGE 1984, 467f.). Die Wahrscheinlichkeit zu diesen 15 Prozent zu gehören, korreliert in erheblichem Maße mit positiven Erfahrungen des Wohlbefindens und der Befindensregulation beim Sporttreiben (vgl. ABELE & BREHM 1990). Untersuchungen zum Schulsport zeigen ebenfalls, daß der “Spaß” an der Bewegung für die Schüler ein überdauernderes Motiv zum Sporttreiben ist als das Bewußtsein, etwas für die eigene Gesundheit zu tun. Medizinische Studien belegen eindrucksvoll, daß durch ein an der individuellen Situation orientiertes, regelmäßiges Training positive Veränderungen zentraler körperlicher Fähigkeiten wie Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit in überschaubaren Zeiträumen geplant erreichbar sind (vgl. WEINEK et al. 1988). Die psychischen und physischen Veränderungsprozesse sind nicht klar trennbar. Auf der Grundlage der Wahrnehmung der verbesserten körperlichen Fähigkeiten erhöht sich auch die Einschätzung des subjektiven “Sich fit fühlen”. Die Verbesserungen auf körperlicher Ebene durch regelmäßiges Fitnesstraining führen demgemäß zu einer Verbesserung hinsichtlich der Einschätzung der “Fi tness”, des “Aussehens” sowie des “Gewichtes” (vgl. BREHM, PAHMEIER 1990). Es sei angemerkt, daß der multikausale Erklärungsansatz für Wohlbefindenseffekte eben- falls physiologische Prozesse als Faktoren der Befindlichkeitsveränderungen berücksic h-
Theoretische Aspekte 14
tigt. Es gibt sehr interessante Untersuchungsergebnisse zur Wirkung verschiedener Neurotransmitter. Körperliche Belastung oder sportliche Aktivität verändern neurochemische Prozesse (vgl. BORN et al. 1987), welche einen Einfluß auf die Emotionsregulation haben. Die Psychopharmaka greifen direkt in die Regulation zentral- nervöser Funktionen ein, darauf wird im Zusammenhang mit der Medikation für schizophren erkrankte Menschen etwas näher eingegangen.
Soziales Wohlbefinden:
Soziale Beziehungen sind im Zusammenhang mit Wohlbefinden der relevanteste Um-weltfaktor (vor Lebensstandard und Arbeitsbedingungen).
Das “Erleben sozialer Einbindung und Unterstützung” im Kontext sportlicher Aktivität ist ein zentrales Motiv für die Teilnahme an den sportlichen Aktivitäten (vgl. BREHM 1986, KURZ 1988). Untersuchungsergebnisse zum Thema Sport und Verein unterstützen die Aussage, daß dem Faktor “Geselligkeit” ein hoher Stellenwert beizumessen ist. Dem “Erleben von sozialem Einfluß” (z.B. im Sportspiel) wird hinsichtlich des Befindlichkeitsverhaltens ebenfalls große Bedeutung zugemessen. In einer Untersuchung von FUCHS/LEPPIN (1992) werden die Effekte von Sport und sozialer Unterstützung auf die seelische Gesundheit simultan untersucht (vgl. den passungstheoretischen Ansatz in der Allgemeinpsychologie). Die Stichprobe der Langzeitstudie setzte sich aus Personen zusammen, die einem streßreichen Lebensereignis (Arbeitslosigkeit) ausgesetzt waren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, daß “Sport vor allem dann ein Puffer gegen die negativen seelischen Auswirkungen von Arbeitslosigkeitsstreß ist, wenn sonst kein anderer Schutz wie etwa guter sozialer Rückhalt verfügbar i st. Ist der Rückhalt gut, wirkt sich der Sport weiterhin günstig auf das psychische Wohlbefinden aus, aber dann nicht mehr im Sinne eines Streßpuffers, sondern direkt im Sinne eines Haupteffekts” (FUCHS/LEPPIN 1992, 17).
2.1.5 Relevante Aspekte zum aktuellen und habituellen Wohlbefinden Es ist anzunehmen, daß einer Veränderung des HW, Veränderungen des AW (bzw. kumulative Effekte der AW-Veränderungen) vorausgehen. Das HW läßt sich entsprechend dem AW differenziert betrachten. Habituelle Zufriedenheit mit der psychischen Verfassung, der physischen Verfassung und der Zufriedenheit mit dem sozialen Netzwerk bilden die Struktur des HW.
HW ist von relativ stabilen Person- und Umweltbedingungen abhängig. Es gibt verschie- dene Betrachtungsweisen: Personzentrierte Ansätze sind geprägt von motivationstheore-
Theoretische Aspekte 15
tischen, temperamentstheoretischen und kompetenztheoretischen Grundannahmen. Der passungstheoretische Ansatz betrachtet den Bedingungskomplex des Wohlbefindens weniger isoliert, so daß die “optimale Passung” zwischen Person und Umwelt im Mittelpunkt steht. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, bei der Untersuchung der Bedingungen des HW und bei der Planung von Maßnahmen zur Förderung von HW von komplexen Person-Umwelt-Interaktionen auszugehe n (BECKER 1991, 30). Durch regelmäßiges Sporttreiben hervorgerufene körperliche Veränderungen können zu einem positiven HW beitragen. Der Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität und gehobenem HW wurde zunächst in therapeutischen Situationen untersucht, wobei sich Tendenzen positiver Auswirkungen der sportlichen Aktivität auf Depression und (trait-) Angst zeigen (vgl. SCHWENKMEZGER 1985/ BERGER & OWEN 1987). Der Vergleich eines aeroben mit einem nicht aeroben Training zeigt, daß es scheinbar keine unterschiedliche Wirkung auf das HW gibt (vgl. WILLIAMS & GETTY 1986). Eine Korrelation zwischen dem Selbstkonzept Jugendlicher und der Einschätzung der subjektiven Wichtigkeit von Sport weisen BRETTSCHNEIDER/BRANDL-BREDENBECK (1997, 190) in einer interkulturell vergleichenden Studie über die USA und Deutschland nach. Die Jugendlichen, die Sport als “sehr wichtig” einschätzen, beurteilen ihr “generelles Selbst” signifikant höher, als die Jugendlichen, denen Sport nicht wichtig ist. Allgemeingültige Rückschlüsse lassen sich jedoch weder für die Dominanz der Selektions- noch für die Sozialisationshypothese finden.
ABELE, BREHM, GALL (1991) folgern aus bislang vorliegenden Untersuchungsergebnissen, daß physische Belastung zwar eine notwendige, keinesfalls jedoch eine hinreichende Bedingung für die Verbesserung des HW ist. Physiologische Veränderungen korrespondieren nicht notwendigerweise mit psychologischen Veränderungen. Desweiteren stellen sie fest, daß die Programmgestaltung eine wichtige Moderatorvariable zu sein scheint. Niveaulose Fitnessprogramme oder die Aufforderung zur Durchführung von Trainingsprogrammen zu Hause, ließen keine Befindlichkeitsveränderungen erkennen (vgl. BERGER & OWEN 1988).
BECKER (1991) beschreibt unter Berufung auf SOLOMON (1980), die sog. “Theorie entgegengesetzter Prozesse”. Im Falle eines positiven Verstärkers sähe die Sequenz so aus, daß auf die positive Wirkung zunächst ein lustvoller Zustand folgt, der nach Abklingen der Wirkung von einem negativ getönten Zustand abgelöst wird, woraufhin dann der Ausgangszustand wieder erreicht wird (vergleichbar mit der Wirkung psychotroper Sub- stanzen, Drogen). SOLOMON (1980) vertritt die Hypothese eines Affektkontrollsystems
Theoretische Aspekte 16
mit einer negativen Feedbackschleife. Demzufolge ist das Gehirn von Säugetieren so geartet, daß es automatisch Prozesse starker emotionaler Erregung sowohl aversiver als auch angenehmer Natur abschwächt und durch entgegengesetzte Prozesse ablöst. BECKER et al. (1989) fanden ebenfalls Hinweise auf kompensatorische Prozesse nach Befindlichkeitsveränderungen. Menschen mit einer bipolaren affektiven Psychose neigen zu besonders starken Schwankungen in der Befindlichkeit und extremen emotionalen Kontrastphänomenen, welches ebenfalls auf kompensatorische Prozesse hindeutet.
2.1.6 Zur Bedeutung von Wohlbefinden
LAZARUS et al. (1980) betonen die Bedeutung positiver Emotionen im Zusammenhang mit der Bewältigung von Anforderungen (coping). Reize und Aktivitäten die von AW begleitet werden, finden bereits bei Neugeborenen verstärkte Aufmerksamkeit und werden nach Möglichkeit aufgesucht. Auf der anderen Seite setzt Unzufriedenheit Antriebskräfte zur Verbesserung individueller und kollektiver Lebensbedingungen frei. BECKER (1989) stellt im Hinblick auf die Dauer intensiver Gefühle und Aufmerksamkeitszentrierung eine “Lust-Unlust-Asymetrie” fest. Intensive Gefühle des Wohlbefindens scheinen nur von kurzer Dauer zu sein, während starke Unlustgefühle wie Angst oder Schmerz über längere Zeiträume bestehen können. Die dauerhafte Zentrierung der Aufmerksamkeit auf die Ursachen negativer Befindlichkeit scheint den Prozeß zur Beseitigung dieser Störfaktoren zu beschleunigen, soweit die Möglichkeit dazu besteht. HW läßt sich übergeordnet als Ausdruck der Fähigkeit zur ausgewogenen Bewältigung von externen und internen Anforderungen begreifen (vgl. BECKER 1991).
2.2 Krankheitsbild der Schizophrenie
Schizophren erkrankte Menschen sind im Erleben der verschiedenen Facetten von Wohlbefinden individuell beeinträchtigt. Das Krankheitsbild der Schizophrenie läßt sich unter den psychiatrischen Erkrankungen am wenigsten eingrenzen. Die Bedingungen, die im Zusammenhang mit einer schizophrenen Erkrankung bislang beobachtet wurden, werden nachfolgend kurz beschrieben und relevante Aspekte aufgegriffen.
Die Übersetzung des Begriffs Schizophrenie ist “Spaltungsirresein” (DÖRNER 1994, 155). Dieser Begriff gibt bereits einen Hinweis auf die Symptome der Krankheit, welche sich mit Zersplitterung und Zerfahrenheit umschreiben lassen. Psychopathologische Sympto-
Theoretische Aspekte 17
me sind nicht unbedingt als krankhaft zu bezeichnen. Die Begriffe normal, gesund, ab-norm und krank werden häufig in sozial diskriminierender Weise benutzt. Dabei sind Normen von der gesellschaftlichen Entwicklung abhängig und dienen der Aufrechterha ltung von Sozialstrukturen. Als Krankheitszeichen sind die Symptome erst dann zu bezeichnen, wenn sie in einer bestimmten Dichte und Häufigkeit auftreten, so daß das Ind ividuum darunter leidet und dadurch im sozialen Leben und der Bewältigung des Alltags im entsprechenden Kulturkreis behindert wird (DSM-III-R, 1989, 276ff.). In psychiatrischen Krankenhäusern stehen die Patienten mit der Diagnose Schizophrenie mit 20-25% an zweiter Stelle der Erstaufnahme, und gleichzeitig sind mehr als die Hälfte der chronisch hospitalisierten Patienten solche, die ursprünglich die Diagnose Schizophrenie erhalten haben (vgl. DÖRNER 1994, 171). Etwa 1-2% der Bevölkerung (verschiedener Kulturen) begeben sich im Verlauf ihres Lebens aufgrund schizophrener Erkrankung in psychiatrische Behandlung. Das Erkrankungsalter liegt in der Regel zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr.
Die Diagnose der schizophrenen Psychose hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich. Der Psychiatrieforscher KRAEPELIN faßte Ende des 19. Jahrhunderts eine Gruppe von psychischen Erkrankungen als “Dementia praecox” zusammen, welche zuvor als vonein-ander unabhängige Krankheiten gesehen wurden. Heute weiß man, daß schizophrene Psychosen keinen vorzeitigen Verlust des Verstandes, der Denk- und Wahrnehmungsprozesse bewirken. Sie gelten zudem nicht mehr als unheilbar! Die Vulnerabilitätshypothese von ZUBIN (1963 u. 1990, nach WIENBERG 1995), welche besagt, daß vor allem schizophrene Psychosen durch das Zusammenwirken einer besonderen Verletzlichkeit oder Vulnerabilität des Individuums und unspezifischen Belastungen (Stressoren) entstehen, findet sich heute durch Langzeitstudien bestätigt. Bei individuell sehr ausgeprägter Verletzlichkeit bedarf es nur geringer Stressoren, um eine akute Psychose auszulösen. Diese Hypothese impliziert, daß letztlich jeder Mensch psychosefähig ist, wenn die entsprechenden Belastungen “ausreichend” sind (vgl. WIENBERG 1995, 21). Endogene Faktoren spielen als Auslö ser psychotischer Episoden allerdings auch eine Rolle; sie bestimmen den Grad der Verletzlichkeit mit. ZUBIN sieht prämorbide Persönlichkeit und soziales Netzwerk als die “Moderator-Variablen” einer schizophrenen Erkrankung. Demnach ist es auch vom Bewältigungsverhalten (coping) der Betroffenen abhängig, ob es angesichts der jeweiligen Belastungen zur psychotischen Krise kommt.
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KATSCHNIG (nach WIENBERG 1995) kennzeichnet das zentrale schizophrene Syndrom, das bei Kranken überall in der Welt anzutreffen ist, durch das Erleben der Eingebung von Gedanken und des Gedankenentzugs, durch Stimmen, die der Betreffende über sich sprechen hört, oder die seine Handlungen und Gedanken begleiten, durch eine insgesamt veränderte Wahrnehmung.
Das sog. Drei-Phasen-Modell schizophrener Psychosen (nach CIOMPI 1982) charakterisiert den Prozeß einer schizophrenen Erkrankung folgendermaßen: Phase 1: Entwicklung der Krankheit durch Zusammenwirken der zwei Faktoren
• Angeborene und erworbene biologische Einflüsse
• Psychosoziale Einflüsse,
Phase 2 (Akute Erkrankung): Ausbildung der schizophrenen Psychose. Phase 3 (Langzeitentwicklung): Völlige Heilung, zeitweise Rückfälle oder Chronifizierung der Erkrankung.
Vor diesem Hintergrund versteht CIOMPI (1984, 200ff.) die schizophrene Psychose “nicht als ein Absolutum, sondern als Resultante von immer wieder neuen und von Fall zu Fall anderen Konstellationen, in welchen biologische, psychologische und soziale Faktoren in wechselnder Kombination zusammenspielen”.
Die Merkmale der Verletzlichkeit sind Störungen der Informationsverarbeitung. Diese lassen sich nach WIENBERG (1995) wie folgt charakterisieren: Störungen sensorisch-perzeptioneller Kategorie:
• Quantitative und qualitative Beeinträchtigungen der Reizerkennung und -speicherung
• Erhöhte Ablenkbarkeit und Kontextabhängigkeit bei der Informationsaufnahme
• Verringerte Aufnahmekapazität und Verarbeitungsgeschwindigkeit
• Probleme bei der Integration unterschiedlicher sensorischer Reize
• Schwierigkeiten bei der Auswahl relevanter und der Hemmung irrelevanter Reize
• Verminderte Fähigkeit der Aufmerksamkeitszentrierung
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Störungen konzeptioneller Kategorie:
• Beeinträchtigte Abstraktionsleistungen und “auffällige” Konzeptbildung
• Störungen in der Organisation des Kurzzeitspeichers und beim Zugriff auf den Langzeitspeicher
• Gestörte Suchprozesse im Kurzzeitspeicher
Nach WIENBERG (1995) zeigen schizophren erkrankte Zwillinge signifikant ausgeprägtere Störungen als ihre nicht erkrankten Geschwister. Insgesamt werden die oben beschriebenen Störungen als hochspezifisch für schizophreniegefährdete Menschen angesehen. Die Störungen gelten als relativ “objektiv” erfaßbare Merkmale der Verletzlichkeit.
Das Phänomen der Reizüberflutung, welches schizophrene Menschen häufig beschreiben ist darauf zurückzuführen, daß die Fähigkeit beeinträchtigt ist, abgespeicherte Erfahrungen “alter” bzw. erlernter Reize zur Orientierung in neuen Situationen benutzen zu können.
Die sog. Basisstörungen als subjektives Erleben der schizophrenen Verletzlichkeit lassen sich nach WIENBERG (1995) in folgender Form zusammenfassen:
Tab. 1: Subjektiv empfundene Störungen und ihre Folgen im Zusammenhang mit einer schi-
zophrenen Erkrankung (nach WIENBERG 1995)
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Bedingungsfaktoren der schizophrenen Verletzlichkeit
Die Einflußbedingungen sind generell nicht obligatorisch; sie stehen in Wechselbeziehung zueinander und die jeweilige Gewichtung ist interindividuell verschieden. Zur Diskussion stehende Bedingungsfaktoren sind:
• Biologische Bedingungsfaktoren:
a) Genetische Bedingungen: Dabei geht man von einer nicht-dominanten, polygenetischen Vererbung aus, wobei das Erkrankungsrisiko in der Verwandtschaft Schizophrener proportional zum Verwandtschaftsgrad erhöht ist. (Anmerkung: Mit ca. 60% weist die Mehrheit der Betroffenen einen völlig unbelasteten Stammbaum auf.)
b) Erworbene biologische Bedingungen, welc he sich schädigend auf das sich entwickelnde kindliche Gehirn auswirken (Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen) sind: Strukturelle Gesichtspunkte in Form der im Durchschnitt erweiterten Hirnzwischenräume. Die Bedeutung dieser Feststellung wurde in der Vergangenheit überschätzt. Als relativ hoch spezifisch für Schizophrenieerkrankungen werden Störungen im Bereich des temporalen Kortex, insbesondere im limbischen System beschrieben. Funktionelle Gesichtspunkte berücksichtigen schizophrene Störungen durch einen Überschuß an Dopamin in bestimmten Gehirnregionen. Die antipsychotische Wirkung von Neuroleptika, die den Dopaminstoffwechsel hemmen, unterstützt diese Argumentationsweise.
• Psychosoziale Bedingungsfaktoren:
Die psychosozialen Bedingungsfaktoren sind weniger klar nachweisbare Aspekte, als die Fakten biologischer Natur. Auffällig sind Umweltbedingungen in der frühen kindlichen Entwicklung schizophrener Menschen. Eine zu lange andauernde, überprotektiv-symbiotische und unklare Beziehung zur Mutter, zeigt einen Zusammenhang zur Erkrankungswahrscheinlichkeit. Desweiteren ist die Erkrankungsrate in unteren sozialen Schichten erhöht (vgl. WIENBERG, 1995).
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Entwicklung akuter schizophrener Psychosen
WIENBERG (1995) beschreibt unter Berufung auf eine nordamerikanische Untersuchungsgruppe (DOCHERTY et al. 1978), welche insgesamt 16 Phasenmodelle unterschiedlicher Autoren zusammengestellt und analysiert hat, folgende fünf Phasen der psychotischen Dekompensation:
1. Diffuse Überforderung (Überstimulation, Angst, Ablenkbarkeit)
2. Eingeengte Wahrnehmung und Informationsverarbeitung (Antriebslosigkeit, Apathie, sozialer Rückzug)
3. Unkontrollierte Bewältigungsversuche
4. Psychotische Desorganisation mit
• Destrukturierung der externen Welt
• Destrukturierung des “Selbst” und Verlust des Identitätsgefühls (Angst, Panik)
• totaler Zusammenbruch mit Verlust der Selbststeuerung (ggf. katatone Symptome)
5. Psychotische Re-Stabilisierung (interindividuelle Verlaufsformen)
Im Zusammenhang mit der Entstehung einer akuten schizophrenen Psychose berichten Betroffene über Frühwarnzeichen, welche sich nach WIENBERG (1995, 61, beruhend auf den Ergebnissen einer Studie von GAEBEL, 1993) der Priorität nach auflisten lassen: Schlafstörungen (83%), Ruhelosigkeit (81%), Konzentrationsstörungen (77%), Angespanntheit/Nervosität (76%), Interessensverlust (59%) und Depressivität (51%). Ein Erkennen der Frühwarnzeichen birgt ggf. die Möglichkeit, das Auftreten einer schizophrenen Psychose zu verhindern oder sic h darauf einzustellen. Das Wahrnehmen dieser Anzeichen ist sehr individuell, die Bedeutung für die Betroffenen liegt vornehmlich in der Übernahme einer “aktiven Rolle” zur Krankheitsbewältigung. Die Vielfalt der Bewältigungsversuche (coping) läßt sich in vier Dimensionen zusammenfassen: a. Kognitive Auseinandersetzung, b. Rückzug bzw. Passivität, c. Hilfesuche,
d. Ablenkung (ebd. 1995, 64, nach Studienergebnissen von ENGLER et al.). Die meisten schizophren Erkrankten berichten von coping- Bemühungen.
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Zusammenfassend läßt sich sagen, daß die langfristige Entwicklung von einmal schizophren erkrankten Menschen von einer Vielzahl von Bedingungsfaktoren beeinflußt wird, welche mit den Bedingungsfaktoren der Lebensläufe nicht psychisch Erkrankter durchaus vergleichbar sind. WIENBERG (1995) beschreibt fünf Gruppen von Einflußbedingungen die im Lebenslauf schizophren verletzlicher Menschen von besonderer Bedeutung zu sein scheinen:
• Die Einstellungen und Erwartungshaltungen der Betroffenen selbst und ihres sozialen Umfeldes,
• Behandlungs-, Betreuungs- und Rehabilitationseinflüsse,
• Selbsthilfe- und Bewältigungsfähigkeiten und
• Soziale und gesellschaftliche sowie
• Biologische Einflüsse (insbesondere neuronale Bahnung und Prägung). Im Zusammenhang mit der neuronalen Bahnung/Prägung ist denkbar, daß das Erleben jeder akuten Psychose die Wahrscheinlichkeit erhöht, erneut zu erkranken. Interessant erscheinen daher Lernprozesse, die das Selbstbild der Erkrankten verändern, welches Veränderungen in anderen Bereichen provozieren könnte. Diese Annahme wird im Kapitel der Hypothesenentwicklung ausführlicher beschrieben.
SCHARFETTER (1995, 164) stellt fest, daß im Vergleich zur Masse von kognitionspsychologischen Experimenten das Selbstkonzept schizophrener Menschen wenig untersucht ist. Er verweist auf eine Erhebung des Selbstkonzepts (nach DEUSINGER 1986) mit 108 schizophren erkrankten Menschen. Sie zeigen demnach ein weniger positives Selbstbild als “psychisch unauffällige” Menschen. Zwische n Selbstwertgefühl und Krankheitsbewußtsein besteht eine negative Beziehung, denn je mehr ein Patient sich selbst als psychisch krank annimmt, um so weniger positiv scheint sein Selbstbild zu sein.
Die Störung der selektiven Aufmerksamkeit läßt sich auch als besondere Sensibilität der Wahrnehmung betrachten. Während die “Schizophrenen ... die Welt eher so sehen, wie sie wirklich ist, wirft der Gesunde vielleicht allzu oft das Netz seiner geistigen Orientierung über die Welt” (KLINE, nach WIENBERG 1995). Die Perspektive des Betrachters, welche ihrerseits durch den kulturellen Kontext bedingt ist, spielt bei der Beurteilung psychischer Erkrankungen generell eine große Rolle. WATZLAWICK (1996) gibt in seinem Buch “Wie wirklich ist die Wirklichkeit?” zahlreiche Beispiele für die unterschiedliche Wahrnehmung der gleichen Situation durch verschiedene Individuen. Die aufgenomme-
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nen Informationen werden oft sehr unterschiedlich verarbeitet. Er faßt zusammen, daß die Wahrheit nicht von uns entdeckt, sondern vielmehr von uns erschaffen wird. Der kurz dargestellte Überblick der psychiatrischen Forschung wird von der sogenannten “Antipsychiatrie” nicht nur angezweifelt, sondern die Erkrankungsmerkmale werden vollkommen anders interpretiert. COOPER (nach SCHARFETTER 1995, 200): “Schizophrenie ist unser aller Los ..., denn die Psychose selbst ist ein ideologisches Produkt der kapitalistischen Gesellschaft.” Damit ist nicht mehr der einzelne Leidende der Kranke, sondern krank ist die Gesellschaft an sich. Ein geschichtlicher Rückblick liefert zwar einige Aspekte, die Sichtweise ausschnittweise als nachvollziehbar zu betrachten, jedoch lassen sich zahlreiche Argumente zur Widerlegung dieser handlungsunfähig machenden Perspektive finden (s.o.).
2.2.1 Psychiatrische Pharmakotherapie
Der psychiatrischen Pharmakotherapie kommt im Rahmen der theoretischen Vorüberlegungen für die vorliegende Arbeit eine besondere Bedeutung zu. Sie hat sowohl einen Einfluß auf das Wohlbefinden als auch auf die Merkmalsausprägung der Schizophrenie. Neuroleptika (NI) haben nach SCHARFETTER (1995, 223) statistisch gesehen eine beträchtliche Verminderung der Hospitalisationsnotwendigkeit gebracht. Viele Patienten werden durch die Neuroleptikabehandlung überhaupt erst wieder für andere Therapie-formen zugänglich. Die Behandlung mit NI ist allerdings problematisch und sollte sehr kritisch betrachtet werden. DÖRNER (1995, 527) führt aus, daß es zunehmend Patienten gibt, die lieber an den Symptomen der Erkrankung leiden, als an den Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Für eine entsprechende “compliance” bedarf es umfassender Aufklärungsarbeit. Er beklagt weiterhin die “Verschreibungswut” im Zusammenhang mit Neuropharmaka, welche den Komfort des sofortigen, aber in der Regel nur scheinbaren Leidensabbaus bieten (das gilt im besonderen für Tranquilizer, weniger für NI). Neuroleptika machen weder körperlich noch psychisch abhängig, wobei sie jedoch einen Einfluß auf die Reduktion des Angsterlebens haben.
Die NI, welche hier von besonderem Interesse sind, gehören innerhalb der Gruppe der Neuropharmaka zu den dämpfenden Mitteln. Ihre Wirkungsweise wurde im Rahmen tierexperimenteller Studien zur Suche nach Antihistaminika und anderen Mitteln eher zufällig entdeckt und sie werden seitdem (ca. 1951) in psychiatrischen Kliniken einge- setzt.
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Die Hypothese der biochemischen Störung (s. o.) bei schizophren erkrankten Menschen leitet sich vom Wirkprinzip der Blockierung der Dopamin-Rezeptoren ab. NI sind hir nwirksame Pharmaka, die vorwiegend am Stammhirn angreifen und damit Veränderungen des extrapyramidalen und vegetativen Systems bewirken. Sie besitzen psychomotorisch dämpfende und Symptome schizophrenen Handelns unterdrückende Wirkung. Hinsichtlich der Wirksamkeit der NI sind drei Gruppen zu unterscheiden:
• Hochpotente Neuroleptika (Nebenwirkungen: überwiegend im Bereich der Bewe-gungssteuerung/Willkürmotorik)
• Niederpotente NI (Nebenwirkungen: primär vegetative Störungen)
• Mittelpotente NI (Kombination der Nebenwirkungen von hoch- und niederpotenten NI: vegetative Störungen und Auswirkungen auf die Bewegungssteuerung in geringerem Ausmaß)
Die Wirkung der NI beruht auf einer Besetzung der postsynaptischen Rezeptoren für Dopamin, wobei die Anwendung der verschiedenen NI-Klassen sich nach der Notwendigkeit der “antipsychotischen” Wirkung richtet. In der akuten schizophrenen Phase werden sie zur Unterdrückung der Symptome benutzt und in der Langzeitanwendung sollen sie vor dem Wiederauftreten neuer psychotischer Phasen schützen bzw. vorbeugend wirken. Die Zufuhr von Dopamin ist ein wesentlicher Bestandteil in der Therapie von Menschen mit der Parkinson-Krankheit (MIKETTA 1991, 50), hier werden die Symptome eines Dopamin-Mangels erkennbar. Die Parkinson-Symptome sind auch als Nebenwirkungen der Neuroleptika-Medikation bekannt. Durch die Verabreichung von “Antiparkinson-Mittel” kommt es zum spontanen Abklingen der Symptome, allerdings scheint die Ausbildung von Spätdyskinesien durch parallele Medikation erhöht zu sein. Viele Betroffene unterbreche n die Neuroleptikabehandlung wegen der erlebten Nebenwirkungen oder setzen die Medikamente ganz ab. In vielen Fällen fühlen sich die Betroffenen aufgrund der rasch abklingenden Nebenwirkungen schnell besser. Ein zeitversetztes Wiederauftreten der psychotischen Phase bringen sie oft nicht mehr mit dem Absetzen der Medikamente in Verbindung. Die positive Wirkung der Medikamente wird oft nicht erkannt, da die Wirkung vielfach verzögert eintritt. Für den Sport mit psychisch erkrankten Menschen sind verschiedene extrapyramidal-motorische und vegetative Veränderungen von Bedeutung. Neben dem hypokinetischen Syndrom (Parkinson symptomatisch) treten Frühdyskinesien hyperkinetischer Form auf, allerdings meistens in Verbindung mit zu schneller Dosissteigerung hochpotenter NI. Die
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Akathisie äußert sich in quälender Unruhe und der Unfähigkeit ruhig zu stehen oder zu sitzen (DÖRNER 1995, 390ff.).
Im vegetativen Bereich beschreibt DÖRNER (1995) blutdrucksenkende Nebenwirkungen mit kompensatorischer Tachykardie, ferner sind Temperaturregulationsstörungen zu beobachten. Die Auflistung potentieller Nebenwirkungen läßt sich unschwer fortführen, die Reaktionsweisen auf die einzelnen Medikamente sind interindividuell verschieden und eine vertretbare “Einstellung” auf die richtige Dosis und das “richtige” Medikament läßt sich häufig nur durch Probieren finden.
Aufgrund der persönlichkeitsverändernden Wirkung, einschneidender Verhaltensänderungen und den zahlreichen Nebenwirkungsmöglichkeiten der NI gibt es auch scharfe Kritiker der NI-Behandlung. ( ZEHENTBAUER/STECK 1986, et al.), welche die NI-Behandlung als “chemische Zwangsjacke” bezeichnen. Es ist jedoch festzustellen, daß es bislang an effektiven, alternativen Behandlungsmöglichkeiten mangelt. Sehr bedenklich sollte jedoch die Aussage einiger Betroffener stimmen, daß sie sich mit dem Auftreten psychotischer Schübe insgesamt “wohler” fühlen als unter dem Einfluß neuroleptischer Medikamente.
NI sind keine Heilmittel! Sie besitzen jedoch symptomunterdrückende Wirkung und bieten auf diesem Wege die Möglichkeit von Ansatzpunkten rehabilitativer Maßnahmen. Das Wissen um die Funktionszusammenhänge im Hirnstoffwechsel ist noch sehr begrenzt, entsprechend verantwortungsvoll sollte die Verschreibung neuroleptischer Medikamente nur nach individueller Abwägung der Nutzen-Risiko-Aspekte und soweit mö glich zeitlich begrenzt erfolgen (DÖRNER 1994, WIENBERG 1995).
2.2.2 Stellenwert des Sports im Rehabilitationsprozeß psychisch er-
krankter Menschen
Im Rehabilitationsprozeß psychisch erkrankter Menschen ist Sport in der Regel als ein Bestandteil der therapeutischen Maßnahmen zu begreifen. Der Begriff Sport steht dabei zusammenfassend für unterschiedlich bezeichnete bewegungstherapeutische Angebote. Der Rehabilitationsprozeß umfaßt die Heilung, Besserung und Verhütung einer Verschlimmerung der Krankheit, sowie eine entsprechende soziale und berufliche Wiedereingliederung. Die rehabilitativen Maßnahmen bieten einen Schutz vor Rückfällen und mindern die Krankheitsfolgen.
Ausgehend von der Gesamtheit der medizinischen Maßnahmen, die im Jahre 1990 nach ausgewählten Diagnosehauptgruppen festgestellt wurden (vgl. HÖLTER 1994, 6), sind
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psychische Erkrankungen im engeren Sinn bei Männern mit 12% und bei Frauen mit 16% am Gesamt der medizinischen Maßnahmen beteiligt. Die Menschen, welche auf-grund psychisch bedingter Erkrankung behandlungsbedürftig sind, bilden den drittgrößten Anteil an den Gesamterkrankungen. Die sportlichen Angebote sind im Vergleich zu Angeboten für Menschen mit Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems (ca. 18% der Gesamterkrankungen) oder Erkrankungen des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes (ca. 47% der Gesamterkrankungen) relativ gering. Das liegt zum einen sicherlich an der geringen gesellschaftlichen Anerkennung einer psychischen Erkrankung als behandlungsbedürftiger Erkrankungsform, zum anderen ist die professionelle Ausbildung von Sportlehrern bisher dominant auf funktionelle Aspekte der Bewegung ausgerichtet (vgl. HÖLTER 1994).
Das vorangegangene Kapitel bestätigt ausschnittweise, daß die Zusammenhänge von sportlicher Betätigung und Wohlbefinden auf empirischem Wege nicht einfach nachzuweisen sind. Die Existenz von Zusammenhängen wird allerdings nicht nur gemeinhin angenommen, sie findet sich bereits partiell bestätigt und die Bedeutung sportlicher Aktivität erschöpft sich nicht in der organischen Anpassung an trainingswissenschaftlich dosierte Belastungen und in koordinativen Verbesserungen.
In der sportpädagogischen Diskussion zur Legitimation von Schulsport bezeichnet KURZ (1988, 16ff.) eine individuelle Handlungsfähigkeit des Schülers als übergeordnetes Ziel von Sportunterricht. Die verschiedenen “Perspektiven” von Sport beschreibt er pragmatisch mit den Worten Eindruck, Ausdruck, Spannung, Leistung, Miteinander und Ge-sundheit. Damit sind körperliche, motorische, kognitive, emotionale, motivationale und soziale Aspekte angesprochen, welche im jeweiligen Kontext eine unterschiedliche Gewichtung erfahren können. Die Vielfalt der Sinngebungen ist ein Prinzip für die Gestaltung von Sportangeboten. Diese Aspekte lassen sich auf den sinnvollen Einsatz von Sport im therapeutischen Bereich weitgehend übertragen, sie sollten jedoch eine, auf die Symptomatik der jeweiligen Erkrankung, ausgerichtete Gewichtung erhalten. Die erzieherische und präventive Funktion des Sports wird daher durch rehabilitative bzw. therapeutische Absichten ergänzt.
Der Sport mit psychisch erkrankten Menschen ist von Verfahren zur psychischen Beeinflussung, zur körperlichen Wiederherstellung bzw. Reaktivierung und zur sozialen Integration gekennzeichnet.
Die antidepressive Wirkung von Sport, speziell des Ausdauersports, ist unter anderem auf die angenommene Ausschüttung von Endorphinen und die Aktivierung des dopami-
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Frank Dunschen, 1998, Befindlichkeitsveränderungen schizophren erkrankter Menschen durch Tauchen, München, GRIN Verlag GmbH
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