0. Inhaltsverzeichnis
Situation der Kinderliteratur in England zur Zeit Hodgson Burnetts...................... A Little Princess im Verhältnis zur übrigen viktorianischen Kinderliteratur.......
Wozu eigentlich Kinderliteratur? ......................................................................... Kolonialismus in
A Little Princess.......................................................................
Zwischen den Zeilen..............................................................................................
1. Einleitung
„To look at the Victorian children’s books still familiar today is in one way misleading but in another way illuminating: the survivors are far from representative of the entire output and come almost invariably from the minority that ignored, bent or broke the rules.“ 1
A Little Princess von Frances Hodgson Burnett gehört auch zu den Kinderbüchern aus der Viktorianischen Zeit, die heute noch sehr beliebt sind. Die Autorin wird ebenfalls zu denen gezählt, die eher fortschrittliche Ideen vertraten und sich nicht an bestimmte Viktorianische Werte halten wollte. Unter dem Gesichtspunkt „Kolonialismus in der Literatur des 19. Jahrhunderts“ soll in dieser Arbeit zunächst untersucht werden, inwiefern Hodgson Burnett mit ihrer Geschichte tatsächlich aus dem Rahmen des Üblichen fällt, bzw. ob sich nicht doch gewisse Parallelen zu den damals üblichen „Viktorianischen Kinderbüchern“ ergeben.
Weiterhin soll ein Einblick in die Problematik der Definition von Kinderliteratur gegeben werden, die die Frage nach dem Zweck bzw. dem Wert von Kinderliteratur aufwirft. Nachdem eventuelle kolonialistische Elemente in A Little Princess näher analysiert worden sind, soll in diesem Zusammenhang der Frage nach dem Wert bzw. nach einer Neubewertung des Buches nachgegangen werden. Dies soll auch unter dem Gesichtspunkt der Rolle des Kindes als (kritischer) Leser geschehen.
2. Die Geschichte: A Little Princess – Frances Hodgson Burnett
A Little Princess von Frances Hodgson Burnett erschien zum ersten Mal 1888 als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift St. Nicholas; A Magazine for Boys and Girls unter dem Titel Sara Crew; or, What happened at Miss Minchin’s. 2 1903 schrieb
Hodgson Burnett das Werk als Theaterstück um. Dieses erschien unter dem Titel The Little Princess und hatte so viel Erfolg, daß die Autorin die Geschichte noch einmal mit einigen neuen Charakteren, basierend auf dem Theaterstück, niederschrieb. Diese letzte Version, die 1905 unter dem Titel A Little Princess erschien, ist zur bekanntesten
A Little Princess
erzählt die Geschichte der kleinen Sara Crew, die von ihrem Vater, einem reichen britischen Offizier in Indien, nach England ins Internat geschickt wird. Als der Vater angeblich sein ganzes Vermögen im Geschäft mit einer indischen
Diamantenmine verliert und unerwartet stirbt, wird Sara von der Lieblingsschülerin zur Magd für alles degradiert. Trotz des schweren Lebens, daß sie nun zu führen hat, verliert Sara nicht ihre Freundlichkeit, Selbstbeherrschung und Selbstachtung. Schließlich stellt sich durch einen ehemaligen Freund Captain Crews heraus, daß dessen Vermögen doch nicht verlorengegangen war, sondern sich sogar noch vermehrt hat. Saras Leiden haben ein Ende und sie verläßt das Internat.
3. Situation der Kinderliteratur in England zur Zeit Hodgson Burnetts
Die Jahre zwischen Mitte des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren gekenn- zeichnet durch ein wachsendes Interesse an Abenteuergeschichten, die im Zusammenhang mit den britischen Kolonien standen:
„Thus the British public’s interest in thrilling deeds in faraway places, normally within the hegemony of British imperialism, helped create a cultural climate in which boys and girls wanted to read adventure stories in which the heroes and (less often) the heroines where young people like themselves.“ 3
Schwieriger gestaltete sich das Schreiben geeigneter Geschichten für Mädchen. Rowe Townsend bemerkt hierzu: „For girls a different kind of book was thought appropriate: the domestic dramas [...]“ 4 In diesen speziell auf Mädchen zugeschnittenen
Geschichten wurde die Heldin damit konfrontiert, bestimmte als weiblich angesehene Werte wie Disziplin, Entsagung, Gehorsam und Unterordnung zu erlernen. 5 Diese
Werte standen in engem Zusammenhang mit den sogenannten „Viktorianischen Werten“, die, um es kurz zu fassen, von Kindern im allgemeinen, Mädchen im besonderen, erwarteten, daß sie brav waren und handeln sollten, wie ihnen befohlen. Aber selbst Verfechter dieser Werte mußten wohl oder Übel erkennen, daß die Mädchen dieser Art von Büchern langsam überdrüssig waren und viel lieber die Abenteuergeschichten ihrer Brüder lasen. Die Autoren standen also vor der schwierigen Aufgabe, gleichzeitig modernere Geschichten für Mädchen zu schreiben, ohne dabei die alten Werte zu vernachlässigen. 6 Dies wurde zum Beispiel durch das Übertragen
militärischer Werte wie Kampfgeist zur Erhaltung von Ehre und Ruf auf den weiblichen Bereich versucht. Eine andere Möglichkeit war die Kombination damenhaften Verhaltens mit dem Verlangen der Mädchen nach Freiheit und eigenständigem Handeln im Kontext des britischen Imperiums. So fanden sich die Heldinnen der neuen Geschichten zum Beispiel oft nach dem Tod des Vaters, Bruders oder Ehegatten als
Familienoberhaupt wieder, und dies nicht mehr nur im Kontext der „kleinen britischen Familie“, sondern als Hausherrin über große Ländereien o.ä. So konnte eine Frau gleichzeitig als ordentliche Dame den Haushalt führen, aber dies auf einer höheren Ebene, mit mehr Freiraum und Selbständigkeit. 7
Die Literatur von Mädchen und Jungen ähnelte sich, zumindest im Hinblick auf die erhofften Abenteuer in fernen exotischen Ländern, also zunehmend. Das beweisen auch diverse Magazine, die sowohl für Jungen als auch für Mädchen geschrieben wurden. Darunter fällt auch das Magazin St. Nicholas, in dem Hodgson Burnetts Geschichte zum ersten Mal veröffentlicht wurde. Dieses Magazin wurde nicht nur von Kindern in England, sondern auch von (englischen?) Kindern in China oder Indien gelesen. 8 Die
Geschichte Toomai of the Elephants von Kipling war die erste in St. Nicholas über Indien. Sie wurde später als das berühmte The Jungle Book veröffentlicht. Derselbe Zeichner, der Kiplings Geschichte illustrierte, und über dessen Bilder sich Kipling beschwerte, weil er nie in Indien gewesen sei, zeichnete auch die Bilder zu Hodgson Burnetts Little Lord Fauntleroy und Sara Crew. 9
Interessant scheint es hier noch zu erwähnen, daß St. Nicholas nicht nur Geschichten und Gedichte veröffentlichte, sondern auch eine Art Hintergrundwissen in Form von Artikeln über die Wissenschaft, über technischen Fortschritt, Biographien von Autoren oder Buchbesprechungen. Eines der Themen bildete zum Beispiel auch der Hintergrund zu The Arabian Nights. 10
4. A Little Princess im Verhältnis zur übrigen viktorianischen Kinderliteratur
Bis hierhin wurde in groben Zügen die Situation der Kinderliteratur in England von Mitte des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts dargestellt. Auch ein kurzer Einblick in die Zeitschrift, in der Hodgson Burnett ihre Geschichte zum ersten Mal veröffentlichte, wurde gegeben. Im folgenden soll nun analysiert werden, ob sich die Autorin mit Sara Crew bzw. A Little Princess an die Normen der damaligen Kinderliteratur anpaßte, oder ob sie eher aus dem Rahmen fiel.
Wie bereits in dem vorangegangenen Kapitel erwähnt, erschien Hodgson Burnetts Geschichte zuerst in einer Zeitschrift, welche sich, wie viele andere zu dieser Zeit auch, hauptsächlich exotischen (Abenteuer-) Geschichten widmete. Die kleinen Leser hatten also demnach auch eine bestimmte Erwartungshaltung an das Magazin, und es ist daher
anzunehmen, daß die Verleger versuchten, möglichst keine oder wenige Geschichten zu veröffentlichen, die ganz und gar aus dem Rahmen fielen. Da Hodgson Burnett mit ihrer Geschichte Erfolg hatte, scheint sie zumindest einige der Kriterien erfüllt zu haben, die damals gute Kinderliteratur ausmachten.
Dennis Butts macht den Versuch, ein Grundschema für damalige Abenteuer- geschichten herauszuarbeiten:
„Usually, as a result of a domestic crisis, sometimes because of the death of a parent or a decline in the family fortunes, the hero leaves home and undertakes a long and hazardous journey – to seek other relations, or to repair his fortunes elsewhere.“ 11
Hier zeigen sich schon erste Parallelen zur Geschichte der kleinen Sara Crew. Auch ihr „Abenteuer“ beginnt mit dem Tod ihres Vaters und dem Verlust ihres Vermögens. Ihre Reise findet aber nicht in ferne Länder, sondern eher in ihrer Imagination statt. Butts führt weiter aus:
„The hero often aquires a faithful companion during the journey, sometimes in the shape of a surrogate father, [...], or sometimes a friendly native, [...].“ 12
Auch hier widerfährt Sara Crew Ähnliches: Mr Carrisford, der Freund ihres verstorbenen Vaters, wird für sie eine Art Ersatz-Vater, Ram Dass, dessen indischer Diener, stellt den „freundlichen Eingeborenen“ dar, der beide in gewisser Weise erst zusammenbringt. Butt beendet sein Grundschema schließlich folgendermaßen:
„Normally the hero survives, and the end of the story sees him rewarded with wealth and honour. This is sometimes more than the conventional ‚happy ending’, however, as if the author, having shown how the hero has proved himself through enduring various trials on his quest, and discovered his real worth [meine Hervorhebung], deserves symbolic proof of it.“ 13
Genauso muß auch Sara zunächst beweisen, daß ihr wahrer Wert in ihr selbst liegt, und daß sie auch ohne Vermögen eine Prinzessin ist. Nach dieser Prüfung kann sie aber „getrost“ wieder eine reiche Prinzessin sein.
Obwohl A Little Princess wohl nicht als eine Abenteuergeschichte im klassischen Sinne bezeichnet werden kann, scheint es zumindest gewisse Parallelen in der Grundstruktur zwischen letztgenannten und der Geschichte Sara Crews zu geben. Butts führt als weiteres Charakteristikum der untersuchten Abenteuergeschichten an, daß sie sich sehr von traditionellen Volksmärchen inspiriert hätten. 14 Das gleiche kann
man auch von A Little Princess sagen. Ihre Geschichte erinnert sehr an Märchen wie
Arbeit zitieren:
Nadia Cohen, 2001, A Little Princes - Francess Hodgson Burnett, München, GRIN Verlag GmbH
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