Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Das Continuatio-Problem 2
2.1 Die besondere Stellung der Continuatio 4
2.2 Strukturanalytische Betrachtungen 8
3. Die Stellung der Poetik im 17. Jahrhundert 10
4. Das Pillen-Gleichnis 12
4.1 Der Hülsen-Vergleich 15
4.2 Die Baldanders-Episode 17
4.3 Pflaumen und Kerne 20
4.4 Das Höhlen-Gleichnis 23
5. Schlußbetrachtungen 25
6. Literaturverzeichnis 27
7. Anhang 28
1. Einleitung
„Wenn es auf den ersten Blick auch scheint, als sei die Continuatio nur eine anekdotische
Weiterführung der Simplicianischen Lebensgeschichte, so läßt die eingehende Untersuchung
etlicher Episoden noch eine spezielle Bewandtnis erkennen. Die scheinbar einfache Erzählung
abenteuerlicher Geschehnisse und Taten erweist sich als durchsetzt mit poetologischen Motiven.
Diese sind so in die Ereigniserzählung integriert, daß sie kaum wahrgenommen werden können,
wenn man nicht beachtet, daß es sich um traditionelle, d.h. vom Mittelalter bis ins Barock
bekannte Deutbilder und Gleichnismotive der Poetik und Hermeneutik handelt.“ 1
Das Thema der vorliegenden Arbeit beschreibt die Stellung des viel diskutierten sechsten Buches, der Continuatio, in Grimmelshausens ‘Simplicissimus Teutsch’, welches sich bei näheren Untersuchungen durch Form, Inhalt und Funktionsdifferenzen von der scheinbar abgeschlossenen Konzeption des Romans abgrenzt.
Wurde die Continuatio in der bisherigen Grimmelshausenforschung häufig als ein rein kommerzielles Produkt betrachtet, gestützt durch die ungewöhnlichen Publikationsumstände, die bereits im fünften Buch abgeschlossenen thematischen Rundungen und der häufig auftretenden Widersprüche und Wiederholungen im sechsten Buch, versucht Hubert Gersch mit seiner „Geheimpoetik“, auf dessen Werk ich meine Arbeit stütze, mittels der Tradition der spirituellen Auslegungskraft des Mittelalters, einer Allegorisierung analog zur Bibel, die Continuatio als ein vom Autor verschlüsselter Kommentar, mit der Funktion eines erläuternden und rechtfertigenden Nachwortes zum gesamten Simplicissimus Roman, zu beschreiben.
Daher soll zu Anfang dieser Hausarbeit das sog. ‘Continuatio-Problem’, welches die Grimmelshausenforschung seit Jahrzehnten beschäftigt, aufgegriffen werden, um einen neuen Forschungsansatz herauszustellen. Es sollen unter anderem die, wie Gersch beweisen kann, zu unrecht ausgesprochenen Vorwürfe des plagiierens gegenüber dem Autor mittels inhaltlicher und strukturanalytischer Betrachtungen im zweiten Kapitel exemplarisch aufgeklärt und erläutert werden.
Die Continuatio soll hier aus einer allegorischen Perspektive betrachtet werden und so soll im Verlauf dieser Arbeit, mittels zahlreicher Beispiele und unter Hilfenahme des ‘sensus spiritualis’ in Anlehnung an die Bibelexegese, die Funktion der Continuatio aus einem anderen, auf den ersten Blick nicht zu erkennenden, Blickwinkel beurteilt werden.
1 Gersch, Hubert: Geheimpoetik. Die ‘Continuatio des abentheuerlichen Simplicissimi’ interpretiert als
Grimmelshausens verschlüsselter Kommentar zu seinem Roman. Tübingen 1973. S. 159. (künftig zitiert:
Gersch: Geheimpoetik).
Dazu ist es sinnvoll die Stellung der Poetik in der Welt des 17. Jahrhunderts im dritten Kapitel einmal genauer zu betrachten und die gewonnen Ergebnisse mittels nachfolgender Beispiele aus dem ‚Simplicissimus Teutsch‘ zu fundieren.
Die Kapitel sind als eine aufeinanderaufbauende Folge zu sehen und die Einteilung in Kapitel lediglich als formale Notwendigkeiten zu betrachten. Da es sich bei dieser Arbeit um die Herausstellung von wissenschaftlichen Thesen handelt ist es angebracht, um methodisch argumentieren zu können, die in der Seminararbeit erarbeiteten Punkte mit zahlreichen Zitaten zu fundieren. Die Werke von Grimmelshausen werden hier als vorausgesetzt betrachtet.
2. Das ‘Continuatio-Problem’
In der bisherigen Grimmelshausenforschung wurde die Sonderstellung der Continuatio
häufig mißdeutet, wenn nicht sogar nicht erkannt. Der Simplicissimus-Roman bestand 1868 bei seiner Erstausgabe lediglich aus fünf Büchern, welche 1869 durch die Continuatio erweitert wurden. Dieser Sachverhalt, die Publikation des Romans in Raten, riefen in der Forschung kontroverse Spekulationen hervor, die durch die Frage, in welchem Verhältnis die Continuatio zu den übrigen fünf Büchern steht, zusammengefaßt werden können.
Die näheren Publikationsumstände und die buchtechnische Aufmachung der Continuatio mit ihrem eigenen Titelblatt und der unterlassenen Seitenzählung, vermitteln vorerst den Eindruck einer vom Roman unabhängigen Publikation. Betrachtet man jedoch die näheren Erscheinungsumstände genauer, so wird auffällig, daß die Continuatio auf der Frankfurter Buchmesse im Jahre 1669 nicht als Einzeldruck vorgestellt wurde. Um die Zusammengehörigkeit des Romans (1668), der auf das Jahr 1669 vordatiert wurde, mit der Continuatio (1669) deutlich zu machen, hatte man das sechste Buch nicht vorausdatiert, sondern die zutreffende Jahreszahl 1669 belassen, so daß die beiden Teile des Buches dasselbe Erscheinungsjahr aufwiesen. Eine weitere Verklammerung ergab sich durch den Titel der Continuatio, der auf der Frankfurter Buchmesse (1669) als ‚Simplicissimus mit der continuation‘ und im Leipziger Katalog sogar als ‚Der abentheuerliche Simplicissimus mit der Continuation‘ von sich Reden machte.
Auch die Verlautbarungen des Autors, der die Continuatio keineswegs als autonomes Werk, sondern in engster Verbindung zu den ersten fünf Büchern des Romans gesehen haben wollte,
spiegeln den engen Zusammenhang der sechs Bücher wieder. Grimmelshausen gab zahlreiche Hinweise in Schriften und Werken, darunter ‚Das wunderbarliche Vogelnest‘ (1675), um auf die Zusammengehörigkeit der beiden Romanteile hinzuweisen.
“Sonsten wäre dieses billich das zehende Theil oder Buch deß Abentheuerlichen
Simplicissimi Lebens-Beschreibung / wann nemlich die Courage vor das siebende / der
Spring ins Feld vor das achte / und das erste part deß wunderbarlichen Vogel-Nests vor
das neundte Buch genommen würde / sintemahl alles von diesen Simplicianischen
Schrifften aneinander hängt / und weder der gantze Simplicissimus, noch eines auß den
obengemeldten letzten Tractätlein allein ohne solche Zusammenfügung genugsam
verstanden werden mag.“ 2
Dieses Zitat aus dem ‘Wunderbarlichen Vogelnest’ macht deutlich, daß die Continuatio keineswegs als autonomes ‘Tractätlein’ gesehen werden darf, sondern als sechstes Buch des ‘ganzten’ Romans gesehen werden muß. 3 Allein der Titel der Continuatio, „Des [...] Abentheuerlichen Simplicissimus Fortsetzung und Schluß“, und der Titel des 23. Kapitels, „Simplex, der Münch, die Historie beschleußt, darmit das End seiner sechs Bücher weist“ lassen das sechste Buch als integrierten Bestandteil des gesamten Romans erkennen. Auch die abschließenden Erzählungen des holländischen Kapitäns zu Ende der Continuatio, in denen er das nach Europa zu bringende Manuskript als den „ganzen Lebenslauf“ 4 des Simplicissimus beschreibt, ist nur einer von etlichen Hinweisen, die Grimmelshausen seinen Lesern gab. Auch unter inhaltlichen Aspekten kann die Continuatio als eine direkte Fortsetzung des fünften Buches betrachtet werden. Obwohl zum Endes des fünften Buches alle auf Erfüllung angelegte Erzählansätze und Vorausdeutungen als sinnvoll abgeschlossen erscheinen und kein weiterer Erzählansatz offen bleibt, offenbart die in der Continuatio beibehaltene Ich-Perspektive und das Wiederaufgreifen von Inhalten und Motiven eine direkte inhaltliche Weiterführung, „fahe demnach wiederum an, wo ichs am End des fünften Buch bewenden lasse[n]“ 5 , und demnach eine weitere Verbindung der Teile.
Die in der Continuatio aufgebaute Fiktion, der gesamte Simplicissimus sei auf einer fernen Insel verfaßt worden, weist jedoch Diskrepanzen in der Erzählfiktion auf, da sich an einigen Stellen die Perspektive eines rückblickenden Ich-Erzählers erkennen läßt und so die
2 Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Das wunderbarliche Vogelnest. Hrsg. v. Rolf Tarot. Tübingen
1970. S. 150.
3 Weitere Hinweise auf die Zusammengehörigkeit der Romanteile gibt Grimmelshausen dem Leser des weiteren
in der Schrift „Rathstübel Plutonis“ (1672), in der auf die Julus- und Avarus-Episode im fünften bis achten Teil
der Continuatio verwiesen wird.
4 Grimmelshausen, Hans Jakob Christoffel von: Der abentheuerliche Simplicissimus. Frankfurt/ Main.
1983. S.707. (künftig zitiert: Grimmelshausen: Simplicis simus).
5 Grimmelshausen: Simplicissimus. S.596.
Zusammengehörigkeit der Teile in Frage gestellt werden könnten. Auch der symmetrische Aufbau der ersten fünf Bücher, in denen sich eine Art ‘motivischer Parallelismus’ erkennen läßt, z.B. in der Figur des Knans, die nur im ersten und im f ünften Buch auftaucht oder auch im Einsiedlermotiv, das eine Art Rahmen um die ersten fünf Bücher spannt, da es nur am Anfang und am Ende des Simplicissimus auftaucht, weist auf die besondere Stellung der Continuatio, die diesen symmetrischen Aufbau zerstört. „Der Dichter scheute übrigens nicht davor zurück, den so harmonischen Bau des fünfbuchigen Simplicissimus zu zerstören, um ihm eine aktuell gewordene Fortsetzung, die in der „Continuatio“ enthaltene Robinsonade, anzuhängen.“ 6
2.1 Die besondere Stellung der Continuatio
Erkennt man auch einen gewissen Bruch in der Erzähl-Motivation, inhaltliche Unstimmigkeiten in der Continuatio gegenüber der vorangegangenen Bücher, und betrachtet man die ungewöhnlichen Publikationsumstände und Buchaufmachungen, die f ür eine Sonderung der Continuatio sprechen würden, so wird doch immer wieder durch zahlreiche Hinweise motivischer und inhaltlicher Art auf den unbedingten Zusammenhalt der sechs Bücher gedrängt. Keines der fünf Bücher des ‘Simplicissimus Teutsch’ ist auch nur annähernd mit einer solchen Vielzahl von Leserhinweisen gespickt und so wird der Continuatio automatisch eine Sonderstellung eingeräumt, die mit einem distanzierenden Blickwinkel in Hinblick auf die fünf vorangegangen Bücher einhergeht.
„Erzählprinzip scheint eine zunehmende Distanzierung von der äußeren Handlung zu sein, erkennbar etwa an der durchaus ironischen Wiederholung von Motiven und Argumenten aus den Büchern I -V des ‚Simplicissimus Teutsch‘“. 7 Die immer wieder von der Forschung aufgegriffenen Unstimmigkeiten, Widersprüche und Wiederholungen, die hauptsächlich die Inhalte betrafen, wurden Grimmelshausen häufig als Unachtsamkeiten ausgelegt, in denen man keine Intention erkannte.
6 Scholte, Jan Hendrik: Der Simplicissimus und sein Dichter. Tübingen 1950. S. 209.
7 Breuer, Dieter: Sich verändern, sich verwandeln. Zu Grimmelshausens „Continuatio“. In: Literatur und
Gesellschaft. Festschrift für Theo Buck zum 60. Geburtstag. Hrsg. Von Frank-Rutger Hausmann. Tübingen
1990. S. 65.
Eine dieser sogenannten Unstimmigkeiten läßt sich beispielhaft im 14. Kapitel der Continuatio finden, die in einer großzügigen Passage Gewässer und Naturwunder aus dem 14. Kapitel des fünften Buches wieder aufnimmt. 8 Bei einem genaueren Vergleich der beiden Passagen lassen sich Differenzen in den sprachlichen Darbietungen erkennen, doch sind die wörtlichen Anklänge offensichtlich und so ergibt sich, daß fast alle Angaben des Gewässerkataloges aus dem fünften Buch in der Continuatio wiederzufinden sind. 9 Diese Duplizität brachte Grimmelshausen häufig den Vorwurf eines Plagiators, der dasselbe
Vorlagenmaterial doppelt aufgegriffen hatte. „Von den Kommentatoren werden sie denn auch wie Versehen verbucht, bei deren Offensichtlichkeit es keiner weiteren Erörterungen bedarf.“ 10 Betrachtet man jedoch die Grundlagen seiner Quellen genau, so wird deutlich, daß es sich hier keineswegs um unbedachte Abschreiberei handelt, sondern um intendierte Wiederaufnahme und Wiederholung. Vergleicht man die beiden Gewässerkataloge, werden nicht nur die motivischen Übereinstimmungen sichtbar, sondern auch strukturelle Gegensätzlichkeiten bewußt. So fällt auf, daß die beiden Kataloge ihre identischen Motive in einer anderen Abfolge nennen.
Einen weiteren Unterschied erkennt man in den zahlreichen Erweiterungen des Gewässerkataloges in der Continuatio, der durch die Aufnahme von neuem Vorlagenmaterial die wiederaufgenommenen Motive beträchtlich erweitert. Die ungleiche Verteilung der Motive sind nach Gersch das Ergebnis verschiedenartiger Ordnungs- und Aussagetendenzen. Im fünften Buch wird der Leser nur mit einigen wenigen Naturwundern vertraut gemacht, die als glaubhaft und tatsächlich dargestellt werden sollen und daher nicht allzu exotisch wirken. Es stellt sich hierbei ein Ordnungsprinzip heraus, daß die einzelnen Motive nach Paaren von ähnlichen oder gegensätzlichen Eigenschaften gruppiert. Dieses Prinzip unterteilt die Gewässer in Rubriken von Quellen, Seen und Flüsse. „ Der See bei Zircknitz [...] hat nur Winterzeit Wasser, und im Sommer liegt er [...] trocken“ 11 wird zum Beispiel mit dem „Brunn bei Ängstlen“ 12 in der Continuatio gegenübergestellt. Dort wird hingegen nicht mehr auf die Glaubhaftigkeit geachtet - im Gegenteil, Grimmelshausen läßt Simplicissimus eine Vielzahl von Lügengeschichten auftischen, die durch exotische Beispiele aus der Naturkunde kenntlich werden. Wurde im fünften Buch noch bedacht und glaubwürdig berichtet, so ist die Continuatio auf Übertreibungen und Maßlosigkeit hin ausgerichtet. Um dennoch ein gewisses
8 Grimmelshausen: Simplicissimus. S. 542ff. und S. 660ff.
9 Zur näheren Erläuterung befindet sich im Anhang dieser Arbeit eine Gegenüberstellung der Gewässerkataloge
aus: Gersch: Geheimpoetik. S. 18.
10 Gersch: Geheimpoetik. S. 15.
11 Grimmelshausen: Simplicissimus. S. 543.
12 Grimmelshausen: Simplicissimus. S. 660.
Ordnungsprinzip in die phantastischen Beschreibungen des Gewässerkataloges zu bekommen werden auch hier die Motive in Rubriken unterteilt. Zuerst werden die Brunnen, die Palludes, der See, die Sümpfe, die Lachen und zuletzt der Fluß genannt. Innerhalb dieser Rubriken kann man dann wie im fünften Buch eine Anordnung von Ähnlichkeiten und Gegensätzlichkeiten wieder finden, wenn der Autor beispielsweise in der Rubrik der Seen auf den ‘See bei Zircknitz’ zurückgreift. Er betont bei dieser Ausführung die Fruchtbarkeit des Sees und stellt ihm das tote Meer in Judea gegenüber. Diese Differenzierungen innerhalb der beiden Kataloge läßt deutlich erkennen, daß es sich hier nicht um unbedachte Abschreiberei handelt, sondern eher um eine Art dichterische Variation, die einen Sinnzuwachs enthält.
Im fünften Buch ist der Gewässerkatalog durch seine Glaubwürdigkeit eng mit der fiktionalen Wirklichkeit des Romans verbunden, hingegen die Beschreibungen in der Continuatio einen völlig anderen Stellenwert aufweisen. Schon allein die Kapitelüberschrift in der Continuatio ‘Allerhand Aufschneidereien [...], die einem auch in einem hitzigen Fieber nicht seltsamer vorkommen können’ macht offenkundig, daß der hier aufgeführte Funktionswert, die hier beschriebenen Naturwunder nicht als Realitäten anzusehen, ein völlig anderer geworden ist als im fünften Buch.
Auch unter strukturellen Gesichtspunkten, Gersch spricht hier sogar von einer Schlüsselposition, wird die Gewässerpassage des sechsten Buches mit ihrem Aussageanspruch hervorgehoben. Der Gewässerkatalog befindet sich in der Mitte des 1 4. Kapitels und gleichzeitig auch, da die Continuatio 27 Kapitel umfaßt, in der Mitte des sechsten Buches. Untersuchungen der Grimmelshausenforschung haben ergeben, daß gerade den Mittelteilen der Grimmelshausenbücher große Bedeutung zuteil werden muß. „ Es ist eine Kompositionstendenz des Dichters, in den Buchmitten Episoden anzusiedeln, die über sich selbst hinausweisen, indem sie als Allegorien oder zumindest in einem uneigentlichen Sinn funktionieren.“ 13 Dieser Variationscharakter wurde von der bisherigen Forschung übersehen, da nicht erkannt wurde, daß die inhaltliche Wiederaufnahme von konstanten Elementen aus dem fünften Buch konträr zu denen aus der Continuatio angelegt wurden, um den Inhalt des vorangegangenen Buches in frage zu stellen und ihn als Fiktion zu enthüllen.
Einen weiteren Leserhinweis mittels inhaltlicher Wiederaufnahme gab Grimmelshausen durch die Erwähnung der Wunderpflanze ‘Borametz’ im 22. Kapitel des fünften Buches sowie im 11. Kapitel der Continuatio. Ein Vergleich der beiden Textpassagen deckt einen Widerspruch
13 Gersch: Geheimpoetik. S.27.
in den Erzählungen auf. Berichtet Simplicissimus noch im fünften Buch von Der Pflanze ‘Borametz’, die strukturell wie der Gewässerkatalog im fünften Buch einen Teil der Romanwirklichkeit ausmacht, so leugnet er bereits in der Continuatio die Pflanze jemals mit eigenen Auge gesehen zu haben. Beachtet man die Analyseergebnisse der Gewässerkataloge, so wird man zwischen diesen beiden Phänomenen eine Strukturlinie bemerken, da auch bei der ‘Boarmetz’-Erwähnung die planmäßig angelegte Funktion der Enthüllung zu erkennen ist. Auch hier soll wieder durch das konträre Aufgreifen ein und desselben Motivs der Fiktionscharakter des fünften Buches kenntlich gemacht werden und so wird deutlich, daß der ‘Simplicissimus Teutsch’ ab dem Zeitpunkt der Wiederaufnahme nicht mehr als vorerst angestrebter Erlebnisbericht betrachtet werden darf, sondern als dichterische Fiktionalität angesehen werden muß.
Schon früh erkannte man die gegensätzlichen Charaktäre der Bücher, doch blieben strukturanalytische Untersuchungen der Romanteile, die den Vorwurf der unbedachten Schreiberei hätten verwerfen können, aus.
Analysen autobiographischer, chronikalischer und topographischer Art haben Strukturlinien und deren Bedeutung aufgedeckt und den Beweis erbracht, daß die Continuatio planmäßig und funktionell angelegt wurde.
2.2 Strukturanalytische Betrachtungen
Grimmelshausen vermittelt durch die durchgehende Ich-Erzählform in den ersten fünf Büchern seines Romans dem Leser den Eindruck eines autobiographischen Erlebnisberichts. Dieser Kunstgriff, durch die Ich-Erzählung ein nicht-fiktionales historisches Werk schaffen zu wollen, suggeriert eine autobiographische Illusion und es scheint, als wäre alles Vorgetragene selbst erlebt und erfahren. „Das bestätigt sich schon anhand des Kommentars zur postumen Ausgabe von 1683/84, in dem Romanheld und Romanautor identifiziert werden, und wird auch noch darin deutlich, daß die Grimmelshausen-Forscher des 19. Jahrhunderts weitgehend der Meinung waren, ein Erlebnisbuch zu lesen, aus dem sich der Lebenslauf des Verfassers ableiten ließe.“ 14
Ebenso erwecken die durchgehend in den ersten fünf Büchern genannten historischen Ereignisse des dreißigjährigen Krieges und die exakt beschriebenen Ortsangaben den Anschein eines realen, historischen Werkes. Der Fiktionscharakter wird daher im
14 Gersch: Geheimpoetik. S. 37.
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Steffi Funnekötter, 1998, Die verschlüsselten Kommentare in der Continuatio des abentheurlichen Simplicissimi, München, GRIN Verlag GmbH
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