1. Einleitung
Der Begriff parasoziale Interaktion ist vor allem aus Studien im Uses and Gratifications Ansatz bekannt. Dort wird parasoziale Interaktion jedoch nur als eine mögliche Gratifikation bzw. funktionale Alternative betrachtet, und nicht als eigenständige Aktivität der Rezipienten. Die Zahl der empirischen Studien, die parasoziale Interaktion an sich untersuchen, ist relativ gering, so dass auch die Operationalisierung des Phänomens noch nicht ausgereift ist 1 . Deshalb scheint es interessant, die Vorteile und Defizite der bisherigen empirischen Umsetzungen durch einen Vergleich zweier bedeutender Arbeiten herauszustellen. Eine der ersten Studien, die parasoziale Interaktion nicht nur als Gratifikation oder Motiv betrachteten, ist die Arbeit von Nordlund 2 zur sogenannten „media interaction“ 3 . Die am häufigsten verwendete Skala zur Erfassung von parasozialer Interaktion wurde 1985 von Rubin et al. 4 ausgearbeitet 5 , so dass sich diese beiden Studien gut für einen Vergleich eignen.
2. Das Konzept der parasozialen Interaktion
Der Begriff der parasozialen Interaktion stammt von den Soziologen Horton und Wohl, die 1956 in dem Essay „Masscommunication and parasocial Interaction: Observations on Intimacy at a distance“ 6 versuchten, dieses Phänomen zu definieren und zu erklären. Nach Horton und Wohl ist parasoziale Interaktion ein interpersonales Geschehen zwischen abgebildeten Personen, also den Medienakteuren, und den Zuschauern, im Sinne eines gegenseitigen Aufeinander-Bezugnehmens 7 .
1 Vgl. Gleich, Uli: Parasoziale Interaktionen und Beziehungen von Fernsehzuschauern mit Personen auf dem Bildschirm, Landau 1997, S.110.
2 Nordlund, Jan-Erik: Media Interaction, in: Communication Research, Jg. 5 (1978), S.150-175.
3 Vgl. Gleich 1997, S.94f.
4 Rubin, Alan M./Elizabeth M. Perse/Robert A. Powell: Loneliness, parasocial interaction, and local television news viewing, in: Human Communication Research, Jg. 12 (1985), S.155-180.
5 Vgl. Gleich 1997, S.99.
6 Horton, Donald/R. Richard Wohl: Mass communication and para-social interaction: Observations on intimacy at a distance, in: Psychiatry, Jg. 19 (1956), S.215-229. Die Jahres- und Seitenangaben im weiteren Verlauf des Textes beziehen sich auf den Nachdruck des Artikels in Gumpert, Gary/R. Cathcart (Hrsg.): Inter / Media: Interpersonal communication in a media world, New York ²1982, S.188-211.
7 Vgl. Gleich 1997, S.45
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2.1 Medienspezifische Angebotsweisen
Horton und Wohl bezogen sich ausdrücklich auf die Medien Radio, Fernsehen und Film 8 , später wurde ihr Konzept jedoch hauptsächlich mit dem Medium Fernsehen in Verbindung gebracht 9 . Eine wichtige Voraussetzung für parasoziale Interaktion ist, dass die neuen Medien die Illusion eines Face-to-Face Kontakts mit den Fernsehakteuren vermitteln 10 . Eine Besonderheit von Hörfunk und Fernsehen ist, dass sie - im Gegensatz zu Theater und Film - nicht nur fiktive Welten erschaffen, sondern auch die Wirklichkeit präsentieren 11 . Insbesondere das audio-visuelle Fernsehen, das auch Mimik und Gestik, wichtige Bestandteile der realen sozialen Kommunikation, zeigen kann, bietet ein sehr wirklichkeitsnahes Abbild der Realität 12 . Durch technische Mittel kann diese Realitätsnähe und der Eindruck eines unmittelbaren Kontakts zu den Fernsehakteuren noch verstärkt werden. So besteht zum Beispiel die Möglichkeit, die Kamera durch eine spezielle Kameraführung zu „Augen des Zuschauers“ zu machen, und den Zuschauer dadurch noch stärker in das Programm zu integrieren 13 . Auch Nahaufnahmen der Akteure können dazu führen, dass die Zuschauer näher am Geschehen sind, so dass die Illusion eines Face-to-Face Kontakts zusätzlich forciert wird 14 . Speziell das Fernsehen ist also hervorragend geeignet, parasoziale Interaktion hervorzubringen und zu erhalten.
2.2 Die Rolle der Medienakteure
Horton und Wohl beziehen ihre Ausführungen vor allem auf non-fiktionale Shows, wie z.B. Spiel- oder Talkshows. Dabei legen sie besonders Wert auf die Rolle der Medienakteure, also der Moderatoren, die sie als Personae bezeichnen. Nach Horton und Wohl sind diese Fernseh- oder Radioakteure meist typisch für das soziale Milieu, das im Fernsehen bzw. Radio präsentiert wird 15 . Das Bild, das die Rezipienten von einer Persona haben, wird zwar unter Umständen in der Vorstellung der Zuschauer ergänzt, da es
8 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.188.
9 Vgl. z.B. Gleich 1997, S.35ff.; Levy, Mark R.: Watching TV News as parasocial interaction, in: Journal of Broadcasting, Jg. 23 (1979), S.69-80; Houlberg, Rick: Local television news audience and the parasocial interaction, in: Journal of Broadcasting, Jg. 28 (1984), S.423-429; Rubin et al. 1985
10 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.188.
11 Vgl. ebd., S.189f.
12 Vgl. ebd., S.188f.
13 Vgl. ebd., S.193.
14 Vgl. Gleich 1997, S.39
15 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.190.
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nur bruchstückhaft ist, es basiert jedoch auf objektiver Beobachtung, ist also nicht fiktiv, sondern zum großen Teil real 16 . Der Charakter einer Persona ist genau ausgearbeitet und verändert sich möglichst wenig, was ihr Verhalten für die Rezipienten vorhersehbar macht. Dadurch wird die Rezeption erleichtert, da den Zuschauern die Umstellung auf eventuelle neue bzw. unerwartete Charakterzüge erspart bleibt 17 . Außerdem tritt die Persona regelmäßig auf, und kann so ohne Schwierigkeiten in den Alltag der Rezipienten eingeplant werden 18 . Durch eine regelmäßige Interaktion über längere Zeit häufen sich schließlich gemeinsame „Erlebnisse“, die sich auf die aktuelle Interaktion auswirken können. Vor allem Anspielungen der Persona auf Ereignisse in früheren Sendungen, die nur für regelmäßige Zuschauer verständlich sind, geben den Rezipienten das Gefühl, die Persona besser zu kennen als andere Rezipienten, die diese Anspielungen nicht verstehen 19 . Solche Anspielungen auf frühere Sendungen sind eine von vielen Möglichkeiten für die Persona, einen Anschein von Intimität zu schaffen, was eine wichtige Voraussetzung für das Entstehen von parasozialer Interaktion ist 20 . Die einfachste Art, diese Illusion zu erzeugen, ist es, die Gestik und den Stil eines informellen Face-to-Face Gesprächs nachzuahmen 21 , und die Rezipienten direkt anzusprechen, z.B. bei der Begrüßung oder am Schluss der Sendung mit einem Hinweis auf das nächste „Treffen“, also den Termin der nächsten Sendung 22 . Außerdem versucht eine Persona nach Möglichkeit, die Grenze zwischen ihr und dem Publikum zu verwischen, was unter anderem durch das Einbeziehen des Studiopublikums in den Ablauf der Show geschieht. Durch die direkte Interaktion mit dem Studiopublikum bricht der Moderator in gewisser Weise aus dem Rahmen der Show aus, indem er die Bühne verlässt und sich unter das Publikum mischt 23 . Eine weitere Möglichkeit, diese Grenze zu verwischen, besteht darin, die Mitarbeiter und Assistenten als gute Freunde zu behandeln, und so in die Show zu integrieren. Dadurch wird wieder die Illusion von Intimität verstärkt, da die Zuschauer diese Vertrautheit innerhalb des Teams erweitern und auf sich selbst beziehen 24 . Insgesamt liegt es also zum großen Teil an der Persona, die Rezipienten einzubeziehen, und eine parasoziale Interaktion überhaupt zu ermöglichen 25 .
16 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.190.
17 Vgl. ebd., S.191.
18 Vgl. ebd., S.190.
19 Vgl. ebd., S.190f.
20 Vgl. ebd., S.190f.
21 Vgl. ebd., S.191f.
22 Vgl. Gleich 1997, S.36f.
23 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.192.
24 Vgl. ebd., S.192.
25 Vgl. ebd., S.193.
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Das Konzept der Persona, das sich, wie schon erwähnt, ausschließlich auf Moderatoren von non-fiktionalen Shows bezieht, wurde später von verschiedenen Autoren auch auf fiktionale Sendungen übertragen. Wulff bezeichnet das mediale Gegenüber in solchen Sendungen, in Abgrenzung zur Persona, als Paraperson 26 . Dabei geht er von einer Charaktersynthese zwischen der fiktiven Figur, also der Rolle, und der Person des jeweiligen Schauspielers aus. Die Eigenschaften der Rolle werden also von den Rezipienten auf die Person des Schauspielers übertragen, und umgekehrt beeinflusst das Wissen der Rezipienten über den Schauspieler und dessen Image die Rezeption seiner Rolle 27 .
2.3 Die Rolle der Rezipienten
Das Angebot der Medien, speziell der Persona, eröffnet nun den Rezipienten die Möglichkeit, durch parasoziale Interaktion darauf zu reagieren. Damit dieses Angebot auch angenommen wird, muss vor allem die Voraussetzung erfüllt sein, dass der einzelne Zuschauer auch in der Lage ist, angemessen zu reagieren. Dazu sollte die Rolle, die implizit von der Persona gefordert wird, möglichst dem durchschnittlichen Zuschauer der jeweiligen Sendung entsprechen 28 . Die impliziten Rollenvorgaben entstehen vor allem aufgrund der Erfahrung, die der Zuschauer aus seinem Alltagsleben hat. Die Per-formance der Persona orientiert sich an typischen Rollen, z.B. in der Familie oder unter Freunden, und bleibt offen, so dass von den Rezipienten eine Antwort bzw. eine Reaktion gefordert wird 29 . Trotz dieser Rollenvorgaben bleibt den Rezipienten ein großer Handlungsspielraum, da sie auf das Interaktionsangebot der Persona individuell reagieren können. Die Freiheit der Rezipienten besteht zum einen darin, dass sie das Kommunikationsangebot der Persona nicht annehmen müssen, bzw. eine begonnene parasoziale Interaktion jederzeit abbrechen können, da sie keine Verpflichtungen haben 30 . Zum anderen haben die Zuschauer die Kontrolle über den Inhalt und das Ausmaß ihrer Reaktion, da sie ihre eigene Identität wahren, und sich nicht mit einer oder mehreren beobachteten Rollen identifizieren 31 . Die Möglichkeit, eine Rolle frei von Verpflichtungen und
26 Vgl. Wulff, Hans J.: Charaktersynthese und Paraperson. Das Rollenverhältnis der gespielten Fiktion, in: Vorderer, Peter (Hrsg.): Fernsehen als "Beziehungskiste". Parasoziale Beziehungen und Interaktionen mit TV-Personen, Opladen 1996, S.29-48, hier S.30f.
27 Vgl. ebd., S.31ff.
28 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.196f.
29 Vgl. ebd., S.194.
30 Vgl. ebd., S.189.
31 Vgl. ebd., S.194.
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ohne die Gefahr von gesellschaftlichen Sanktionen übernehmen zu können, ist nach Horton und Wohl auch eine der Funktionen, die parasoziale Interaktion für Rezipienten hat 32 . Außerdem bietet parasoziale Interaktion die Gelegenheit, Rollen zu erfahren, die man im wirklichen Leben nicht oder noch nicht einnehmen kann. Eine weitere Funktion einer derartigen Rollenübernahme kann die Bestätigung in der eigenen Rolle, z.B. als guter Ehemann oder Angestellter, oder ein idealisiertes Durchspielen einer tatsächlich gelebten Rolle mit der Persona als „perfektem“ Gegenüber sein. 33 Horton und Wohl verstehen diese Funktionen der parasozialen Interaktion ergänzend zum normalen sozialen Leben, und nicht pathologisch. Obwohl sie parasoziale Interaktion insgesamt als normales Alltagshandeln auffassen, berücksichtigen Horton und Wohl jedoch die Möglichkeit von extremer parasozialer Interaktion. Vor allem, wenn parasoziale Interaktion einem Rezipienten als Ersatz für reale soziale Kommunikation dient, ist dies nach Horton und Wohl nicht mehr im normalen Rahmen, sondern pathologisch 34 . Auch dieses Bedürfnis nach extremen persönlichen Beziehungen zu Medienakteuren wird jedoch teilweise von den Medien bedient, wie z.B. durch die Radiosendung „The Lonesome Gal“, bei der die Hörer direkt als Geliebte der Darstellerin angesprochen wurden 35 .
2.4 Unterschiede zwischen parasozialer Interaktion und Face-to-Face Kommunikation
Horton und Wohl verstehen parasoziale Interaktion als soziales Handeln der Zuschauer in bezug auf Medienakteure, das mit sozialem Handeln in realen Situationen vergleichbar ist 36 . Allerdings fehlt in ihrer Arbeit eine genaue Definition des Begriffs der Interaktion, der in der Soziologie als eine Beziehung zwischen mindestens zwei Personen, die sich gegenseitig wahrnehmen, sich aneinander orientieren und aufeinander reagieren, definiert ist 37 . Diese Definition bezieht sich eindeutig nur auf Face-to-Face Kommunikation und ist auf eine Interaktion zwischen Zuschauern und Medienakteuren nicht anwendbar. Voraussetzung für einen Face-to-Face Kontakt sind also reale Zweiseitigkeit und unmittelbarer Blickkontakt. Bei realer sozialer Interaktion ist außerdem wichtig,
32 Vgl. Horton/Wohl 1982, S.198.
33 Vgl. ebd., S.198f.
34 Vgl. ebd., S.200.
35 Vgl. ebd., S.200ff.
36 Vgl. ebd., S.188.
37 Vgl. Gleich 1997, S.46.
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Alexandra Sirtl, 2000, Die Operationalisierung von parasozialer Interaktion. Ein Vergleich zweier Studien., München, GRIN Verlag GmbH
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