E I N L E I T U N G
Die strukturalistische Tätigkeit Lacans dezentriert das Subjekt, demaskiert das Ich als Ill usion, entlarvt das Selbstbewusstsein als imaginäre Struktur... Das methodische Vorge hen, das Lacan hierzu anwendet, gestattet es dem Leser indes nicht auf zusammenhängende Argumentations- und Gedankengänge zu stoßen, um auf diesem Wege zu einem Erkennen zu finden, sondern mutet ein Wirrwarr von Gedanken zu, die umherkreisen, abreißen und wieder auftauchen, Klärung versprechen, wieder vernebeln und in Frustration zurückzula ssen...
Lacan vollzieht gewissermaßen in seinem Schreib - und Sprachstil die Auflösung von imaginärer Ganzheit und Einheit, die Auflösung von Ego - und Logozentrismus, indem er das Subjekt aus seiner selbstgenügsamen Haltung herauszustoßen sucht, welche der Täuschung unterliegt ein an sich bestehender Kern eines Selbst oder autonomer Gestalter seines Ve rhältnisses zur Welt zu sein.
Dies ist nun in der Tat eine der westlichen Denktradition verpflichtete sehr befremdliche und wohl auch nicht ganz willkommene Auffassung, aber ebendies fasziniert und gruselt zugleich und es drängt sich förmlich auf von hier aus an die indische Philosophie anzuknüpfen, was ich in einigen Fußnoten zur vorliegenden Auseinandersetzung auch tun we rde. Denn dem östlichen Denken ist die Annahme, dass das Erleben von Ich und Welt Wahncharakter hat seit alters her grundlegend und es ist durchaus die Absicht des Autors auf die vorliegende Arbeit, durch die hier nur angedeuteten Begegnung mit dieser Denktradition, einen inspirierenden Einfluss zuzulassen.
Im ersten Kapitel werden wir uns der Lacanschen Auffassung der conditio humana zuwe nden, in der er den Menschen als begehrendes Mängelwesen versteht, um uns von hier ausgehend in die Lacansche Theorie der Ich-Bildung einzulassen, indes das Spiegelstadium von signifikanter Bedeutung sein wird. In einem dritten Schritt werden wir uns der unb ewussten Struktur der Sprache und v. a. der sprachlichen Struktur des Unbewussten widmen, da Lacan gerade in dieser Auseinandersetzung die Bedingtheit und Gefangenheit des Menschen in seiner Selbsttäuschung aufdeckt und zu einer Sprache hinführen will, deren Sprechen befreit werden muss. In einer Schlussbetrachtung sollen die Ergebnisse der Arbeit noch einmal zusammengeführt und kommentiert werden.
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1. Im Anfang war der Mangel (und das Begehr)
Wir werden unfertig geboren, sind konstitutionelle Frühgeburten, unfähig uns fortzubewegen, uns zu ernähren und v. a. unfähig zwischen uns selbst und unserer Umwelt zu unterscheiden. Wir haben in der ersten Zeit unseres nachgeburtlichen Lebens dasselbe Verhältnis zum eigenen Finger wie zum Busen der Mutter. Alles gehört einfach so in unsere sy mbiotische Welt hinein. Bis wir glauben lernen, dass die Quellen unserer Bedürfnisbefriedigung außerhalb sind, vergeht einige Zeit. 1
Aus diesem Urzustand des Mangels heraus entsteht ein Begehr nach Ganzheit und Ident ität, die das kleine Mängelwesen nie hatte. Im Spiegel nun vermeint das Mensche nkind (s)eine (zumindest körperliche) Ganzheit zu finden. Diese jedoch ist eine Illus ion, denn das Selbst- und Welterlebnis ist kein einheitliches und entspricht nicht der im Spiegel geseh enen „orthopädischen Ganzheit“. Aber dennoch identifiziert sich das Kind mit dem Gegenüber im Spiegel (als realer Spiegel oder als Selbst -Objekt) und täuscht sich somit über seinen wahren Zustand hinweg. Im aus-langen nach der Ur-Erinnerung des symbiotischen Einheitserlebnisses - aus dem es sich als herausgefallen erlebt - nimmt das Kind sich selbst im Einheit verheißenden Bild des Spiegels als eine Ganzheit wahr, die es de facto niemals hatte. Dieses Geschehnis ereignet sich jedoch, so Lacan, um den Preis der Aneignung eines falschen Ich (moi), worauf wir später noch ausführlicher zu sprechen kommen werden (Kapitel II, imaginäres Ich).
Lacan zeigt, dass der Weg, den das Subjekt zu gehen hat, zwischen zwei Mauern des Unmöglichen verläuft. In diesem Sinne spricht er von einer Struktur des Aufklaffens zwischen der realen Befriedigung auf der einen und der imaginären Erfüllung auf der anderen Seite. Diese Suche verwehrt es dem Menschen einsam zu bleiben. Denn der Trieb ist auf ein Gegenüber, die begehrte und begehrende Andere angewiesen. Der Drang des Triebes treibt uns unentwegt voran, so der Trieb sich als Begehren erweist, das nach einem Mehr an Lust drängt. Es besteht zwischen dem, was die Realität bietet, und dem verloren geglaubten Glück, wonach das Menschenwesen trachtet, eine unüberbrückbare Kluft. Ins ofern uns das Reale als die eine Schranke des Unmöglichen begegnet. 2 Denn in der „realen Objektwelt“ wohnt per se nicht die Möglichkeit inne diesen Durst zu löschen.
1 Vgl. Lemke, Gemma. Narzisstische Störungen. Online -Text: http://premiumlink.net/narzissmus_premium.html . S.2
2 Vgl. Pagel. S.76.
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„Es ist sogar das Charakteristische des Lustprinzips, daß das Unmögliche in ihm so gegenwärtig ist, daß es als solches nie erkannt wird (...) unterscheidet man am Ausgangspunkt der Di alektik des Triebes die Not vom Bedürfnis - so geschieht dies deshalb, weil kein Objekt irgendwelcher Not/besoin imstande wäre, den Trieb zu befriedigen.“ 3
D. h. der Trieb resultiert aus einem Mangelerleben heraus und ist somit verhaftet an eine Not. Dieser Mangel wiederum lässt den Trieb in seiner Not nach einer Ganzheit und e inem Wohl trachten, was im Erleben des Subjekts nicht ist. Insofern ruft die dem Trieb verhaft ete Not das Auftauchen eines Gegenüber, einer andern auf den Plan und zwar als eine, der ich ein Begehrenswerter bin - und meinem Trieb nicht allein als bedürfnisbefriedige ndes Objekt dient.
Demzufolge das Bild vom wilden Tier, das, vom Bedürfnis gedrängt, seine Höhle auf der Suche nach einem Objekt verlässt, das es verschlingen kann, um sodann befriedigt zu se inem Ausgangspunkt zurückzukehren, nicht passt. 4 Dies bedeutet, dass der Trieb sich nicht allein auf den Vollzug der aktiven Bedürfnisbefriedigung richtet, sondern v. a. auch nach imaginärer Erfüllung im begehrt werden durch die andere drängt, um auf diesem Wege Ganzheit und Einheit zu erlangen.
Ergo bezieht sich die zweite Mauer des Unmöglichen auf die Einlösung des imaginären Liebesanspruchs. Es wechselt hier der unstillbare Trieb seine Objekte, verschiebt das Ziel und verlagert es gewissermaßen ins Unendliche, in eine Offenheit der ZuKunft, indes der Trieb vielleicht einst einmal seine Erfüllung gefunden und zur Ruhe gekommen sein wird... 5
Die Unmöglichkeit Bedürfnis und Begehren zur Deckung zu bringen, schreibt der Trie bstruktur eine unaufhebbare Negativität ein, die die Seinserfahrung des Me nschen als die des Mangels, des Entzugs an Sein, bestimmt. In diesem „Seinsverfehlen“ sieht Lacan die conditio humana verankert. Doch wie Lacan deutlich macht, lässt sich der Mangel an Sein nicht reduzieren auf eine biologische Mangelausstattung, wie sie in der anthropologischen Bestimmung des Menschen als Mängelwesen impliziert ist. Ihm liegt als Antrieb skraft
3 Lacan. Sem XI, S.175. Zit. n. Pagel. S.77.
4 Vgl. Pagel. S.77.
5 Von der Lacanschen Interpretation der Triebe ausgehend, fällt es leicht Anknüpfungspunkte in der ind ischen Philosophie zu finden. Im Buddhismus bspw. bieten die vier edlen Wahrheiten die Möglichkeit die existentielle Situation zu verstehen; zu erkennen, dass wir infolge unseres Begehrens leiden und zu sehen, dass wir uns des Begehrens frei machen müssen, um den Mangel zu beseitigen und somit Leidfreiheit zu erlangen. Der achtfache Pfad gilt als Vorgehensweise zur Auflösung des Begehrens als Ursache von Leiden.
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vielmehr das Erleben des Mangels und das hieraus resultierende Begehren als das fund amentale Verlangen nach Liebe, Ganzheit und Erfüllung zugrunde. 6 Folglich ist die Kreisbahn des Triebes nicht an den Organismus geschmi edet, sondern nimmt ihren Anfang am Ort des Begehrens des anderen. Das Kind selbst will, im Modell der Psychoanalyse, Phallus/Lustobjekt der Mutter sein, so das Begehren der Mutter der Phallus ist, das Kind im Begehren selbst begehrt zu werden, Phallus sein will. Die Leerstelle der Mutter (der fehlende Penis) lässt folglich aus dem Mangelerleben des Kindes heraus den Wunsch entstehen, ihr diesen zu ersetzen, um den brennenden Durst im gegenseitigen Begehren zu löschen. Denn das Kind sucht in der Mutter seine Einheit und Vollkommenheit. Doch seine Idealvorstellung von der vollkommenen Mutter - mit der es eins sein will, sein will, was sie begehrt, um ihr in diesem Sein ihre Vollkomme nheit zu bestätigen und daran teilhaben zu können - findet sich negativiert. Diese Negation schreibt sich als das Erfahrungsmoment der Kastration ein, als ein „Habens- bzw. Seinsverfehlen“, dessen Merkmal sich für Junge und Mädchen, gemäß Lacan, gleichermaßen a nzeigt. 7 Wenn Freud nun die Gleichung Penis = Kind aufstellt, dann deshalb, weil er davon ausgeht, dass der unbewusste Wunsch niemals verloren geht, sondern, nach den Gesetzen der Verschiebung, durch einen anderen ersetzt wird. 8
Lacan bezeichnet den Phallus als den Signifikanten, der an einer Leerstelle am Ort der a nderen seinen Platz einnimmt, womit er die Ableitung Freuds zu bestätigen scheint, dass das Begehren der Mutter der Phallus ist und das Kind, um dieses Begehren zu befriedigen, selbst Phallus sein will, folglich die Gefühle der Mutter geprägt sind von jenem verdrän gten Begehren nach dem naturgegebenen Penis des Mannes und das Kind ihr diesen unbewussten Wunsch zu erfüllen vermeint.
Freilich ist es hierbei wichtig im Auge zu behalten, dass Lacans Festhalten am phallischen Aspekt der Kastration jeden Bezug auf einen biologisch-anatomischen Mangel weit von sich weist. Mehr noch: „Das Begehren um den Phallus kann sich weder an objektiven Re alitäten befriedigen, noch kann es sich erfüllen im imaginären Anspruch an den anderen, z. B. an die Mutter.“ 9
Denn anders als Freuds Herleitung des Kastrationskomplexes geht es hier nicht mehr um die Annahme der Geschlechtlichkeit gemäß der Alternative: Den Phallus besitzen oder seiner beraubt zu sein. (...) Eingebettet in die Struktur des Begehrens lässt sich der „Sign i- 6 Vgl.Pagel. S.78.
7 Vgl. Pagel. S.104f.
8 Vgl. Pagel. S.90.
9 Pagel. S.91.
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Arbeit zitieren:
Klaus Itta, 2005, Zur Konzeption des Ich bei Jacques Lacan, München, GRIN Verlag GmbH
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