1. Leben und Werk von Leopold von Sacher-Masoch
Da der Name des Autors Sacher-Masoch scheinbar auch in heutiger Zeit noch untrennbar mit dem sexualpathologischen Neologismus zur Bezeichnung der sexuellen Unterwerfung zwecks Lustgewinn, namentlich dem Masochismus, verbunden zu sein scheint, ist es beinahe unmöglich, einen biografischen Überblick über das literarische Schaffen des österreichischen Autors zu geben, ohne zugleich auf diesen Teil seines Werks besonders verweisen zu müssen.
Ich habe diesen Eindruck aus vielen, wenn nicht beinahe allen Quellen der Sekundärliteratur 1 gewonnen und möchte anfügen, dass jede Erwartung einer näheren Untersuchung jener berechtigten oder unberechtigten Namensverwendung durch den Psychiater Richard Krafft-Ebing unerfüllt bleiben wird. Denn wie auch immer die vor-handene Sekundärliteratur aufgenommen wird, läuft jede Beschäftigung mit Leopold von Sacher-Masoch letztlich auf eine ebensolche Reduktion seines Schaffens und den ewig schlecht beleumundeten Nachruhm in der Psychopathia sexualis 2 hinaus.
Der Aspekt der Judengeschichten, welcher in der vorliegenden Hausarbeit den eigent-lichen Kern bilden wird, kann natürlich nicht als einzelne Ghettonovelle ohne den Hintergrund von Aufstieg und Niedergang des Autors erörtert werden, wobei aufgrund der immensen Nachwirkung bis in die heutige Zeit leichtfertig der Eindruck entstehen kann, „Sacher-Masoch sei ein 'Pornograph', der gewissermaßen nebenbei auch noch einige Ghettogeschichten veröffentlicht hatte“. 3 Am Beispiel einer nicht ganz exemplarischen Novelle soll gezeigt werden, dass diese Auffassung gänzlich absurd ist und ohnehin dem Facettenreichtum Sacher-Masochs nur in einer Haltung von Neid und Niedertracht gerecht würde, obgleich beide Fragestellungen – die Rechtfertigung seiner Namensentwertung durch die Bezeichnung Masochismus und die Frage nach einem latenten Antisemitismus in der Figur des ‚Judenraphaels’ – auf den ersten Blick ohnehin keinen gemeinsamen Nenner im Gesamtwerk des Autors besitzen. Vornehmlich richtet sich zuerst der folgende biographische Abriss neben dem Lebens-weg des Autors auch auf die prägenden Aspekte seiner Herkunft, die einen Rückschluss auf die Haltung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen des Vielvölkerstaates der Habsburger k.u.k. Monarchie zulassen.
Als Leopold am 27. Januar 1836 4 im galizischen Lemberg 5 das Licht der Welt erblickt, erfüllt sich damit der Wunsch seiner bis dahin kinderlosen Eltern. Im Verlauf seiner Kindheit sollen
1 Ausnahmen sind hier insbesondere Horch (1989), Glasenapp (1996) sowie Farin (1985).
2 Krafft-Ebing. Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis, 1890.
3 Milojevic 1998, S. 25.
4 Alle biographischen Angaben vgl. Milojevic 1998, S.28 ff.
5 siehe Karte 90/91 „Europa nach dem Wiener Kongress 1815“ in: Leisering (Hg.) 1992, S. 90f.
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noch vier Geschwister folgen. Sein Vater, ebenfalls Leopold von Sacher Ritter von Kronenthal, ist als Stadthauptmann Lembergs Beamter seiner Majestät, seine Mutter Charlotte die Tochter des Medizinprofessors Franz von Masoch, der seinerzeit als Koryphäe gilt, womit beide Elternteile standesgemäß hohe Positionen im gesellschaftlichen Leben Lembergs bekleiden. Nur aufgrund fehlenden männlichen Nachwuchses in der Linie der von Masoch wird der Familie 1838 per kaiserlichem Dekret gestattet, den Doppelnamen von Sacher-Masoch zu führen, der insbesondere aufgrund des zweiten Teils, von dem Krafft-Ebing 1890 den Begriff des Masochismus ableitet, zum Stigma des damals zweijährigen Leopold wird.
Den bereits zu Lebzeiten bekannten Mediziner und Großvater Franz von Masoch begleitet der Junge in seiner Kindheit oftmals zu den Hausbesuchen seiner Patienten. Unter anderem auch zu den Juden des Lemberger Ghettos und aufgrund dieser frühen Einführung in die hebräische Kultur vermuten nicht wenige Kritiker seine spätere Affinität zu Themen des jüdischen Alltagslebens und der überlieferten Bräuche des Volk Gottes.
Die Zeit der Restauration als Folge des Wiener Kongresses erlebt Sacher-Masoch nur als Kind, wobei meines Erachtens von den Straßenkämpfen im März 1848 ohnehin nur ein kümmerliches Echo bis in die entfernten Provinzen des Großreiches Habsburg gedrungen sein wird. Er ist aber einer der ersten Autoren in der Ära des nachmärz-lichen Österreich, nachdem Metternich, als Symbolfigur für das System der alten Ordnung, abdanken muss und im Mai 1848 eine verfassungsgebende Reichstageinberufung stattfindet.
Trotz der Niederschlagung diverser Aufstände in den nicht deutschsprachigen Teilen Österreichs findet hier doch früher als im verfeindeten Preußen eine moderne Haltung gegenüber dem Staat und seinen Aufgaben ihren Ursprung, die nicht zuletzt eine literarische Freiheit, wenn nicht gar Freizügigkeit nach sich zieht.
Dennoch schlägt Leopold von Sacher-Masoch vorerst einen seinem Stand entsprechenden Lebensweg ein, anstatt bereits als Jugendlicher seiner Vorliebe für das Theater und dem Schreiben vollends stattzugeben, indem er sich 1853 an der Universität von Prag nach der dort erworbenen Matura für das Studium der Geschichte einschreibt.
Es gilt als nicht einwandfrei belegt, dass er seinem Vater zuliebe ein Jurastudium vor-zog, weil dieser ihn gern in der ähnlichen Rolle des Staatsbeamten in seiner Nachfolge sehen möchte. Sacher-Masoch promoviert 1856, als er das zweite Lebensjahrzehnt noch nicht vollendet hat, an der Universität von Graz – nach einem weiteren Umzug, bedingt durch den Posten seines Vaters, die Mutter ist mittlerweile verstorben – und reicht dort noch im selben Jahr seine Habilitationsschrift ein.
Man kann Sacher-Masoch demzufolge ohne Übertreibung einen geisteswissenschaftlichen ‚Tausendsassa’ nennen, der früh in seinem Leben die Weichen stellt, wobei zweifelsohne die Herkunft und Rang seiner Familie dazu einen nicht unwesentlichen Anteil beitragen.
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1860 gibt er eine Stellung als Privatdozent auf, um sich nach dem Erfolg seiner ersten beiden Romane – „Graf Donski. Eine galizische Geschichte “ und „Der Emissär“ – ausschließlich dem Leben als freier Schriftsteller widmen zu können.
Nach einem literarisch außerordentlich produktivem Jahrzehnt erscheint 1869 die Novelle „Venus im Pelz“ als ein Abschnitt der als Zyklus angelegten Novellensammlung „Das Vermächtnis Kains“, in welcher die sechs essentiellen Themen Liebe, Eigentum, Arbeit, Staat, Krieg und Tod 6 in jeweils sechs Novellen behandelt werden sollten, jedoch nur fragmentarisch in den realisierten Abschnitten der ‚Liebe’ und zum Teil des Zyklus` ‚Eigentum’ vorliegen.
Sacher-Masoch schreibt viel, denn er muss seinen unsteten Lebenswandel, der zum Teil zu einer Vorverurteilung seiner Werke aus heutiger Sicht beiträgt, durch den mehr oder weniger konstanten Absatz von Literatur sichern, wobei die Nennung aller Bücher und der unzähligen Zeitschriftenbeiträge den Rahmen der Arbeit sprengen würde.
Als Schriftsteller aus Berufung und dennoch dieser Passion unterworfen, in dem Zwang lebend, in ihr permanent reüssieren zu müssen, spaltet sich die Meinung der Leserschaft seiner Erzählungen, die als reine Unterhaltungskunst wohl den höheren Ansprüchen genügen, früh in positive Urteiler – hier insbesondere in Frankreich, dass aufgrund der großen Revolution von 1789 als liberaler und fortschrittlicher gelten darf – sowie die Überzahl seiner lebenslangen Kritiker.
Zu nennen wäre exemplarisch Ferdinand Kürnberger als ein kritisch wohlwollender Betrachter seiner Texte. „Kürnberger had rejected Sacher-Masochs earlier work as worthless because, he claimed, it was 'manufactured', like all German literature since Goethe.“ 7 Daher rät er Sacher-Masoch, dieser besitze das eigentliche Talent, die volkstümlichen Geschichten seiner galizischen Heimat zu erzählen, was ihm zu einem „wahren Poeten“ 8 machen würde.
Im kurz darauf erscheinenden Buch „Das Vermächtnis Kains. Erster Teil“, welcher den Anfang des geplanten Novellenzyklus` bildet, der unter anderem neben den ‚pikant’ genannten Geschichten auch die Novelle „Don Juan von Kolomea“ enthält und somit zum ersten Mal das Leben der galizischen Juden fokussiert, zieht Kürnberger nun erneut seinerseits Goethe, diesmal unter wohlwollenden Vorzeichen, zum Vergleich mit Sacher-Masochs Erzählungen heran. Dessen Haltung gegenüber dem literarischen Schaffen Sacher-Masoch kann durchaus in den Verdacht des Wankelmuts gepaart mit dem vorschnellen Ansetzen der ‚Goethe-Messlatte’ geraten.
„Der Judenraphael“ erscheint nebst anderen Erzählungen wie zum Beispiel „Der Iluj“, einer Erzählung, die ebenfalls in die Betrachtung Sacher-Masochs als Autor des jüdischen Lebens
6 Vgl. O´Pecko 1998, S.475.
7 Ebd. S. 474.
8 Ebd. S. 475.
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integriert werden muss, erst 1882. Vergleichsweise spät, wenn man die permanente Produktion eines Berufsautors in ihrer Gesamtheit sieht.
Leopold von Sacher-Masoch steht zu diesem Zeitpunkt kurz vor seinem 25-jährigen Schriftstellerjubiläum (1883), so dass der Erfolg ihm in gewisser Hinsicht recht gibt. Daneben hat Sacher-Masoch im Privatleben zu diesem Zeitpunkt mehrere Affären und eine Ehe mit Aurora Rümelin beinahe hinter sich gelassen, denn sie werden erst 1886 geschieden. Besagte Aurora nennt sich nach Beginn ihrer Liaison Wanda von Dunajew. Analog zu der dominanten Frauenfigur in der Novelle „Venus im Pelz“, was in Kombination mit der Tatsache, dass Sacher-Masoch es vermutlich genoss, zumindest doch aber duldete, dass sie ihn manchmal nur maskiert empfing oder „ihn als ihren Sklaven bezeichnete und ihm mit furchtbaren Strafen drohte;“ 9 leicht Rückschlüsse auf den autobiographischen Anteil seiner Vita an der männlichen Figur des Severin Kusiemski zulässt. Seine Beziehung mit Aurora Rümelin ist an dieser Stelle nur eine logische Konsequenz aus seiner lebenslang devoten Haltung gegenüber Frauen. Aurora hingegen kennt die Novelle und spielt ihm die Geliebte, welche sich Sacher-Masoch mit der Feder selbst erschaffen hat. Er scheint somit ein moderner Pygmalion 10 zu sein, der kraft seiner Kreativität die Geliebte nach eigenem Wunsch formt und an der Realität scheitert. Doch die Wurzeln reichen tiefer in sein Leben hinein als die unausgewogene Beziehung zu Aurora vermuten lässt.
Bereits 1869 reist Sacher-Masoch mit seiner damaligen Lebensgefährtin Fanny von Pistoir sechs Monate lang durch Südeuropa und lebt während dieser Zeit verträglich festgelegt als ihr Sklave. 11 Michael O´Pecko sieht somit einen Ansatz für das literarische Schaffen: „Sacher-Masoch´s life and his fiction are confusingly intertwined […] it seems impossible to say with certainy whether 'Venus im Pelz' imitates an episode in his life or whether, inspired by his fiction, he determined to live out his fantasy.” 12 In diesem Lebensabschnitt lebt Sacher-Masoch seine Literatur aus, was man von seinen Judengeschichten nicht unbedingt behaupten kann, obwohl mehrmals die Vermutung laut geworden ist, er wäre aufgrund der intensiven Auseinandersetzung mit dem jüdischen Alltagsleben selbst jüdischer Herkunft. 13 Dies wiederum bestreitet er zeitlebens vehement, wobei ihm als Chronist des Lebens im Schtetl dieser Gedanke eigentlich nicht als Vorwurf hätte erscheinen dürfen. Er fragt allerdings zu Recht: „Wie hätte ich denn in meinen Werken so offen Partei für die Juden ergreifen können, die Juden mit so liebevoller Zärtlichkeit schildern dürfen, wenn ich selbst ein Jude wäre.“ 14
9 Milojevic 1998, S. 39.
10 Im antiken Mythos (überliefert in Vergils „Aeneis“ und Ovids „Metamorphosen“) schafft sich der Bildhauer Pygmalion seine eigene Geliebte. Er verfällt einer von ihm geschitzten Elfenbeinstatur so sehr, dass er die Götttin Venus bittet, diese möge so werden wie seine einstige Frau. Hernach wird die Statur lebendig und anschließend Pygmalions neue Gattin.
11 Vgl. Milojevic 1998, S. 101f.
12 O´Pecko 1998, S. 481.
13 Vgl. Opel 1987, S. 457.
14 Sacher-Masoch, zitiert nach: Farin 1985, S. 357.
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Nach der Scheidung von Aurora Rümelin heiratet Sacher-Masoch Hulda Meister, die Übersetzerin seiner Texte für die Zeitschrift „Auf der Höhe“, und verlebt mit ihr recht unspektakulär seinen Lebensabend im hessischen Lindheim. 1891 erscheint die dritte Kurzgeschichtensammlung „Jüdisches Leben in Wort und Bild“, die für eine Untersuchung der Sacher-Masoch´schen Haltung gegenüber den Juden seiner Zeit zusätzlich herangezogen wird.
Leopold von Sacher-Masoch stirbt am 9. März 1895, wobei den zahlreichen Nachrufen in-und ausländischer Zeitungen etwas Tragisch-Komisches anhaftet, nachdem die Kölnische Zeitung bereits ein Jahr zuvor seinen Tod vermeldet und dieser Meldung zufolge bereits im April 1894 viele Zeitungen Europas Artikel über Leben und Werk des Autors Sacher-Masoch veröffentlicht haben. 15
2. Die Situation der galizischen Juden um 1880
Damit eine Vergleichsmöglichkeit zwischen der von Sacher-Masoch real erlebten Judenbevölkerung Galiziens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und seiner Fiktion gegeben ist, will ich an dieser Stelle die Umstände der damaligen Bevölkerungsgruppen, insbesondere die der Juden in Ostgalizien, kurz umreißen, bevor ich anschließend auf die einzelnen Elemente der Novelle „Der Judenraphael“ eingehe.
Zur Lage Lembergs innerhalb der Habsburger k.u.k Monarchie habe ich bereits im ersten Abschnitt auf eine historische Karte verwiesen, die anschaulich macht, in welcher geographischen Distanz zu Wien, dem damaligen Zentrum der Macht und des kulturellen Lebens, Galizien liegt.
Alexander Guttry schreibt im „Reiseführer Österreich“ 1916 über jenes Gebiet, „[d]as Kronland Galizien bildet den breiten Nordostrand der österreich-ungarischen Monarchie und ist mit den angrenzenden Kronländern nur durch das obere Weichseltal und einige Karpatenpässe verbunden. Im Norden grenzt es an Kongreß-Polen, im Süden lehnt es sich an die Beskiden und die Karpaten an, im Westen grenzt es an Österreichisch- und Preußisch-Schlesien, im Osten und Nordosten an Wolhynien und Podolien, im Südosten an die Bukowina.“ 16 In der Darstellung Guttrys erfahren wir heute nebenbei viel über die Struktur und Bedeutung einiger Gebiete Mitteleuropas vor der Neuordnung infolge des Ersten Weltkrieges, der das Ende der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn nach sich zieht.
15 Vgl. Milojevic 1998, S. 54f.
16 Guttry. Galizien, Land und Leute, in: Klanska 1990, S. 26.
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Die Angaben über die Aufteilung der multiethnischen Bevölkerung des jüngsten Kronlandes gehen bezüglich der jüdischen Bevölkerungsanteile stark auseinander, so dass keine gesicherte Aussage über den tatsächlichen Stellenwert der jüdischen Bevölkerung innerhalb der Gesamtpopulation gemacht werden kann.
Josef Buszko nennt in seinem Aufsatz „Zum Wandel der Gesellschaftsstruktur in Galizien und in der Bukowina“ die Zahl von 7,32 Prozent, welche die Juden an der Gesamtzahl von viereinhalb Millionen Bewohnern stellen, und beruft sich in seinen Angaben auf das „Statistische Jahrbuch Galiziens“ aus dem Jahr 1887. 17 Da diese ethnographischen Angaben stets nach der Konfession und nicht anhand der Sprache aufgestellt werden, denn Juden zählten allgemein auch zur polnisch sprechenden Bevölkerung, sind die Daten nur unter Vorbehalt anzunehmen. Maria Klanska geht in ihrem Vortrag zum nationalen Spannungsfeld Galizien von 12,1 Prozent jüdischer Bewohner innerhalb der galizischen Bevölkerung bis zur letzten Feststellung 1910 aus. Sie räumt hierbei jedoch vorab die „lückenhaften Ergebnisse der militärischen Zählungen“ 18 ein.
Das erscheint angesichts der jüdischen Militärverpflichtung seit dem Jahr 1778 wiederum seltsam, da bereits ein Jahrhundert zwischen dem Erlass zur Einziehung der Juden und den letzten ernstzunehmenden Volkszählungen gelegen haben muss. Aufgrund der Bedeutung für die Novelle „Der Judenraphael“ sei an dieser Stelle noch zum Aspekt des Militärs hinzugefügt, dass Schmidl zu dieser kaiserlichen Verordnung schreibt, sie „[wurde] von den überwiegend orthodoxen Juden strikt abgelehnt, da sie nicht zu Unrecht befürchteten, die Eingezogenen würden während ihrer Zeit beim Militär, wo es in keiner Weise möglich war, religiöse Vorschriften zu befolgen, dem Judentum völlig entfremdet. [...] Die Bandbreite der Reaktionen reichte von dem Versuch der Bestechung, d.h. sich vom Militär loszukaufen, bis zur Flucht meist ins russische Ausland.“ 19 Sacher-Masoch geht demnach mit den erfundenen Streichen in der Novelle auf solche real existenten sozialen Probleme ein und verwendet diese nicht allein als literarisches Possenspiel.
Einigkeit herrscht innerhalb der Forschung in der Annahme der Verteilung der insgesamt doch selbst mit gutem Willen gering einzustufenden jüdischen Bevölkerung von circa einem Zehntel der Gesamtbevölkerung als einen beträchtlichen Teil der Stadtbevölkerung, deren Grundstock gemeinhin die jüdische Bevölkerung war.
Buszko sieht in den 21,03 Prozent in Städten lebenden Bevölkerungsanteilen an der Gesamtpopulation ein deutliches Indiz für die Rückständigkeit, größtenteils sich durch die fast ausschließlich agrarische Nutzung manifestierend, und wirtschaftliche Unterentwicklung der gesamten Region, und benennt gleichzeitig die Juden als geburtenschwächste Gruppe
17 Vgl. Buszko 1978, S. 5.
18 Klanska 1990, S. 27.
19 Vgl. Schmidl. Davidstern und Doppeladler. Jüdische Soldaten in Österreich-Ungarn,
in: Glasenapp 1996, S. 154.
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gegenüber dem polnischen Landadel, Bürgern und der ukrainischen Bauernschaft. 20 Dennoch darf angesichts dieser Land-Stadt-Gegenüberstellung nicht der Eindruck gewonnen werden, dass die Juden aufgrund ihrer geringen Zahl und dem beinahe Privileg zu nennenden Stadtleben, beziehungsweise eher Schtetl-Dasein, deshalb in der Lage gewesen wären, ein angenehmes Leben zu führen.
Ungeachtet der jüdischen Traditionen und der Schutzfunktionen durch die totale Abschirmung gegenüber den nichtjüdischen Bevölkerungsanteilen, existiert in den Städten ein jüdisches Proletariat, besonders in den Familien der kleinen Handwerksbetriebe, die als Bäcker, Schuster oder Schneider vom Handel mit der umliegenden Region abhängig sind. Der Autor nennt an die 700.000 Menschen 21 und spricht in diesem Zusammenhang auch von einer pauperisierten Dorfbevölkerung, wobei hier nicht deutlich wird, welche Anteile Buszko der jüdischen Bevölkerung dabei zumisst.
Es muss zu Grunde gelegt werden, dass die Juden Galiziens im 19. Jahrhundert in ihrer großen Mehrzahl nicht das Klischee vom wohlgenährten Schacherjuden wieder-geben können, obgleich sich nach unterschiedlichen Angaben bis zu zwei Drittel aller Handel- und Handwerksbetriebe am Ende des 19. Jahrhunderts in jüdischer Leitung befinden 22 . Angesichts jener wenig humanen Umstände ergreift Sacher-Masoch in seinem Aufsatz über die jüdischen Sekten 23 in Galizien dann auch Partei für die Chassidim, die man aus heutiger Sicht als fundamentalistische Juden bezeichnen könnte, und will deren Anhänger trotz der mystischen Lehre und ihrer Scharlatanerie nicht als Betrüger bezeichnen. Seiner Meinung nach könne eine solche Glaubensvereinigung ohne die in Galizien vorherrschenden Umstände nicht existieren oder sich derart ausbreiten. „Da haben sie nun die kleinen Städte, in denen die polnischen Juden wohnen, die düsteren Straßen, die kleinen traurigen Häuser mit ihren engen, dunklen Stuben. [...] Und denken sie nun in dieser Einöde, ferne der Welt, ferne der Zivilisation, ferne der Eisenbahn und dem Telegraphen, in einem kleinen, dumpfen Verschlag ohne Sonne einen Mann, der einen großen Geist hat, der den Drang hat, zu forschen, die Welt zu erkennen, die Geheimnisse der Schöpfung zu ergründen, eine glühende Phantasie besitzt und ein warmes Herz und zwischen seinen Wänden eingesperrt ist wie ein Gefangener, wie eine getrocknete Blume in einem Herbarium und keine Quelle des Wissens hat, aus der er schöpfen kann, als seinen Talmud und seine Kabbala, und Sie werden verstehen, daß dieser Mensch, indem er immerfort sucht und grübelt, endlich zum Phantasten, zum Schwärmer wird, daß er die Stimme Gottes zu hören glaubt, daß er überzeugt ist, mit Engeln und Dämonen zu verkehren.“ 24
20 Vgl. Busko 1978, S. 11ff.
21 Ebd. S. 21.
22 Vgl. Ebd. S. 21f.
23 Vgl. Sacher-Masoch. Die jüdischen Sekten in Galizien, in: Opel (Hg.) 1989, S. 13-24.
24 Sacher Masoch. Die jüdischen Sekten in Galizien, in: Opel (Hg.) 1989, S. 23f.
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Johannes Temeschinko, 2004, Leopold von Sacher-Masoch, München, GRIN Verlag GmbH
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