INHALTSVERZEICHNIS 3
4.1.2 Der Geist (hen-polla) 20
4.1.3 Die Seele (hen kai polla) 23
4.2 Die Emanation - Das Viele aus dem Einen 26
4.2.1 Die Vervielf altigung des Seins 26
4.2.2 Das Eine als Vorurs achliches 28
5 Gott als das Absolute bei Cusanus 30
5.1 Gott als das Undenkbare 30
5.2 Die Welt als explicatio 32
5.3 Gott als die unitas absoluta 33
5.3.1 Gott als die unitas trina 35
5.3.2 Das a-pollon als die absolute Einheit 36
Literatur 40
1 EINLEITUNG 4
1 Einleitung
Entwirft Platon in der Politeia die Gesellschaftsordnung eines idealen Staates, der aus meheren, aufeinander aufbauenden St¨ anden konzipiert ist, so liegt an der Spitze dieser Standesordnung, den Arbeitern und Kriegern voranstehend, der dritte und h¨ ochste Stand, die ” Philosophenk¨ onige“. Dieser, durch besondere
Begabung aus den beiden erstgenannten St¨ anden herausragende Stand soll die Position der W¨ achter des Staates einnehmen, um den Staat auf die von Platon geforderte Grundlage der Wahrheit und Idealit¨ at zu stellen. Der Philosoph ist f¨ ur ihn der Einzige, der die Wahrheit der Ph¨ anomene wie Farben, Formen oder Handlungen erkennt - dass auf dem Grund der Verschiedenheit der Dinge und Ph¨ anomene ein immer Gleiches existiert, existieren muss, um Vergleichbarkeit erst zu erm¨ oglichen. Der Philosoph ist somit derjenige, der hinter den Dingen die Ideen derselben erblickt, das Eine im Vielen, das Bleibende und Immerw¨ ahrende. Doch stellt sich nun die Frage, was den Philosophen zu dieser Erkenntnishaftigkeit bef¨ ahigt. F¨ ur Platon ist dies die Erkenntnis der Idee des Guten, die allem anderen vorausliegt, allem anderen Sein und Nutzen verleiht. Den Ausgang meiner Arbeit soll eine kurze Einf¨ uhrung in die platonische Ideenlehre, sowie eine anschliessende Analyse der im VI. Buch der Politeia enthaltenen Ausf¨ uhrung der Idee des Guten in Form des Sonnen- bzw. Liniengleichnisses bilden. Im folgenden schliesst ich eine Untersuchung der auf der platonischen Philosophie gr¨ undenden Idee des Einen von Plotin an, die sowohl Parallelen zur platonischen Lehre aufweist, dar¨ uber hinaus jedoch als deren Interpretation betrachtet werden kann, die bis in die christliche Mystik des Mittelalters ihre Auswirkungen zeigt, wie dies die Philosphie Cusanus belegt.
5
Teil I
Das Absolute in der Philosophie
Platons
2 Die Idee des Guten in der Politeia
2.1 Die Ideenlehre Platons
¨ Uber die gesamte Schaffensperiode Platons hinweg sieht sich seine Philosophie in einer st¨ andigen Periode begriffen, was sich letztlich auch auf die von ihm ent-worfene Ideenlehre auswirkt. So schreibt Giovanni Reale: ” Wahr ist auch, dass
sich in Platons kaleidoskopischen Darstellungen der Ideen in zahlreichen Dialogen Begriffe und Bilder, Logos und Mythos verschiedentlich kreuzen und die Leser in arge Verlegenheit bringen“ 1 .
F¨ ur Platon existiert ein Seiendes nie an sich, sondern lediglich als qualitativ bestimmtes Sein in der Welt der sinnlichen Wahrnehmung. Doch ¨ uber die Welt
dieser Ph¨ anomene und Erscheinungen, wie Platon sie nennt, sei kein wirkliches Wissen und keine wahre Erkenntnis m¨ oglich, sondern sie verleite zu einer blossen Meinungsbildung, die die Wahrheit nicht erfassen k¨ onne. Der Begriff des zu bestimmenden Seienden, der als Zusammenschau aller Exemplare dieses Seienden verstanden werden muss, bezeichnet f¨ ur ihn die Idee, die nicht wie deren einzelnes Abild einem st¨ andigen Werden und Vergehen unterworfen ist, sondern ewig, unver¨ anderlich und vollkommen vorliegt. Ausgehend davon erkl¨ art Platon die Idee als das wahrhaft Seiende. Die Zweiteilung in Abbild und Idee wiederum findet ihre Verbindung in dem Gedanken der Teilhabe (methexis), der besagt, dass
1 G. Reale, Zu einer neuen Interpretation Platons, S. 155
2 DIE IDEE DES GUTEN IN DER POLITEIA 6
jedes Abbild Teil an der ihr ¨ ubergeordneten Idee hat: ” Denn mir scheint, wenn
etwas anderes sch¨ on ist ausser dem Sch¨ onen selbst, dies wegen nichts anderem sch¨ on zu sein, als weil es teilhat an jenem Sch¨ onen; und ebenso behaupte ich es von allen anderen‘“ 2 . Das Bestreben, das Seiende in seinem Wesen anzusprechen f¨ uhrt Platon immer wieder auf die Ideenlehre zur¨ uck, wenn er schreibt:
Denn es ist jetzt vom Gleichen nicht in h¨ oherem Maße die Rede als auch vom
”
Sch¨ onen selbst und dem Guten selbst und dem Gerechten und Frommen und, wie ich sage, von allem, das wir mit dem Begriff ” das selbst, was ist“ bezeichnen,
sowohl in den Fragen die wir stellen, als auch in den Antworten, die wir geben.“ 3 .
Im Gegensatz zu den Ver¨ anderungen, denen ein Seiendes in der Sinnenwelt unterliegt, besitze die Idee ein ewig unver¨ anderliches Sein: ” Das Gleiche selbst, das
Sch¨ one selbst, jedes selbst, was ist, das Sein, nimmt doch wohl niemals eine Ver¨ anderung an, welcher Art auch immer? Oder verh¨ alt sich nicht jedes von ihnen, das ist, als ein f¨ ur sich Einf¨ ormiges immer dieselbe Weise und gleich und nimmt niemals, nirgends und nicht im mindesten irgendeine Ver¨ anderung an?“ 4 . Die Idee aber sei nicht wie ihr Abbild durch die sinnliche Anschauung zu erfassen und k¨ onne nur im Denken erkannt werden:
Und diese Dinge kannst du wohl ber¨ uhren und sehen und mit den anderen Sinnen
”
wahrnehmen, die sich immer gleich verhalten, hingegen kannst du wohl niemals auf andere Weise erreichen als durch das Denken des Geistes, sondern unsichtbar sind diese und werden nicht gesehen.“ 5 .
2 Platon, Phaidon, 100c 4ff.
3 ebenda, 75c 9ff.
4 ebenda, 78d 5ff.
5 ebenda, 79a 1ff.
2 DIE IDEE DES GUTEN IN DER POLITEIA 7
2.2 Das Gute als die h¨ ochste Idee
Die bereits in der Einleitung genannte F¨ ahigkeit des Philosophen, den Bereich der rein sinnlichen Anschauung hinter sich zu lassen, die Ideen als den Grund alles Seienden zu erkennen, f¨ uhrt Platon wie oben erw¨ ahnt, auf die Idee des Guten zur¨ uck, die er im siebten Buch der Politeia mit Hilfe dreier Gleichnisse n¨ aher erl¨ autert, die nun im folgenden dargestellt werden sollen. In Platons Theorie konkurrieren zwei gegenl¨ aufige Tendenzen, die vor allem in den ersten beiden Gleichnissen explizit ihren Ausdruck finden. Einerseits soll das Gute in einen Bereich jenseits der Erfahrungswirklichkeit, ja auch jenseits der Ideen verlegt werden, so dass es zu einer Idee besonderer Art wird, die sich zu den ¨ ubrigen
Ideen ¨ ahnlich verh¨ alt wie diese zu den Seienden. Andererseits bedarf das Gute einer n¨ aheren inhaltlichen Bestimmung um den von Platon geforderten Weg der Erkenntnis in seinem Wesen erfassen zu k¨ onnen.
2.2.1 Das Sonnengleichnis (Pol, 507a - 509b)
Im ersten Gleichnis wird von Platon das Gute in Wesen und Wirkung mit der Sonne verglichen. Die Sonne tritt innerhalb des Gleichnisses in der Funktion eines Mittlers auf, d.h. sie spendet das Licht, durch das das Sehverm¨ ogen erm¨ oglicht, der Gegenstand sichtbar wird. Sie schafft somit die Grundlage der visuellen Wahrnehmung des Menschen. Platon r¨ uckt dieses Bild in den Bereich des geistigen Erkennens und setzt darin die Idee des Guten der Sonne gleich, da das Gute in gleicher Weise f¨ ur die Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt im Erkenn-tisvorgang von existentieller Bedeutung ist. Im Gegensatz zur Verarbeitung der sinnlichen Reize, die zu einem blossen ” Meinen“ bzw. ” Vermuten“ f¨ uhrten, seien die durch das Gute wahrgenommenen Dinge in ihrem Wesen erkannt, der Erkenntnis und Wahrheit“ ¨ uberf¨ uhrt. Das Gute sei demnach Grund und Ursa-
”
che der Vernunft sowie der Wahrheit, als drittes jenseits von ihnen, beiden zwar zugewandt, beiden jedoch vorranstehend und ¨ ubergeordnet:
2 DIE IDEE DES GUTEN IN DER POLITEIA 8
Wie es aber im Vorigen in Bezug auf Licht und Gesichtssinn richtig war, sie wohl
”
f¨ ur sonnenhaft zu erkl¨ aren, falsch dagegen, sie f¨ ur die Sonne selbst zu halten, so steht es auch hier mit der Erkenntnis und Wahrheit: sie beide f¨ ur guthaft halten ist recht, sie aber [...] f¨ ur das Gute selbst zu halten, ist nicht recht, vielmehr steht das Gute selbst seiner ganzen Beschaffenheit nach auf einer noch h¨ oheren Stufe.“ 6
Den zweiten Teil des Gleichnisses bildet die Analogie der sch¨ opferischen Kraft der Sonne bzw. des Guten. In gleicher Weise, wie die Sonne nicht nur Licht ausstr¨ omt, ohne einer Ver¨ anderung oder einer Verlusthaftigkeit zu unterliegen, sondern vielmehr lebensspendend das Wachstum und Werden der Dinge f¨ ordert und erst erm¨ oglicht, so verleihe das Gute den Ideen und somit allen Seienden, die, aus der platonischen Ideenlehre begr¨ undet, erst durch das Vorhandensein einer ¨ uberge-ordneten Idee ” sind“, ihre Existenz. Somit ragt f¨ ur Platon das Gute nicht nur uber die Erkenntnis und Wahrheit, sondern auch ¨ uber das Sein als solches hinaus. ¨
Nur das existiert, nur das ” ist“, was am Guten Teilhabe besitzt.
2.2.2 Das Liniengleichnis (Pol, 509c - 511e)
Der bei der Betrachtung des Sonnengleichnisses auftretenden Frage, inwieweit das Gute, getrennt von Erkenntnis und Sein stehend, dennoch Ursache beider sein kann, n¨ ahert sich Platon im sich anschliessenden Liniengleichnis. Darin verweist er erneut auf die bereits im Sonnengleichnis geforderte Unterscheidung der Wirklichkeit in eine intelligible und eine wahrnehmbare Welt und ordnet diese fortschreitend, einer immer kleiner werdenden Segmentierung entsprechend, in vier Bereiche auf einer Linie an. In gleicher Weise also, wie dem gr¨ osseren Bereich des Wahrnehmbaren, den Schatten- bzw. Spiegelbildern, ein kleinerer Bereich der nat¨ urlichen Dinge folgt, ergibt sich eine entsprechende Aufspaltung des denkbaren Bereichs in Form der Gegenst¨ ande der Wissenschaft als ein g¨ osseres, den Ideen als ein kleineres Segment. Dem Menschen sei es nach Platon
6 Platon, Politeia, 508e 6ff.
2 DIE IDEE DES GUTEN IN DER POLITEIA 9
nun m¨ oglich, die Ph¨ anomene, die Inhalte der sinnlichen Wahrnehmung, die in ihrem bildhaften Wesen als Vermutung, als eigentlich Seiendes lediglich als ¨ Uberzeugung erkannt werden k¨ onnen, in den intelligiblen Bereich zu ¨ ubertragen und
sie als Gegenst¨ ande der wissenschaft durch die Vernunft in die wahre Erkenntnis der Idee, die Vernuntferkenntnis zu ¨ uberf¨ uhren. Diesen von Platon mehr oder
minder konkret ausgef¨ uhrten Weg der Erkenntnis deutet er bereits im Phaidon in Ans¨ atzen an:
Stimmen wir nun nicht ¨ uberein, daß jemand, wenn er etwas sieht und bemerkt:
”
das, was ich jetzt sehe, will zwar so sein wie etwas anderes von dem, was ist, es mangelt ihm aber daran und es vermag nicht, so zu sein wie jenes, sondern es ist schlechter - daß notwendig dieser, der das bemerkt, jenes vorher kennen muß, dem wie er sagt, das andere zwar ¨ ahnlich sei, das aber mangelhafter ist als es?“ 7
Platon beruft sich in der Politeia auf Beispiele aus der Mathematik und erl¨ autert anhand geometrischer Grundfiguren, die in seiner Argumentation als Ideen angesehen werden, den fortschreitenden Weg der Erkenntnis. So bediene sich das Ver-standesdenken eines sinnlich wahrgenommenen, gezeichneten Dreiecks, beziehe sich jedoch nicht auf dieses, aufgrund seiner Ungenauigkeit, unzul¨ angliche Dreick, sondern auf das dem Verstand aufgrund seiner wesenspr¨ agenden Eigenschaften gedachten Dreieck. Die sich anschliessende Leistung der Vernunftseinsicht sei es nun, in Umkehrung der Blickrichtung und damit in g¨ anzlicher L¨ osung von der sinnlichen Wahrnehmung zu den Vorraussetzungen des Verstandesdenkens, den Ideen selbst, vorzudringen und sie zum Gegenstand zu machen. Dieser letzte Schritt jedoch, ein Seiendes durch die Vernunft zu erfassen, erm¨ ogliche allein die Idee des Guten, die zwar jenseits des Verstandes, nicht aber der Vernunft selbst steht und somit zur h¨ ochsten Form der Erkenntnis f¨ uhre 8 .
7 Platon, Phaidon, 74d 9ff.
8 Eine vergleichbare Bedingung f¨ ur die Erkenntnis von Seiendem, d.h., dass die Wahnehmung vermittels der Sinne nur in Einheit mit dem Denken m¨ oglich sei, entwirft Platon im The¨ atet: Vermittels welchen Werkzeugs wirkt eigentlich die F¨ ahigkeit, die dir bei allen und auch bei
”
Arbeit zitieren:
Martin Endres, 2002, Das Absolute - Die höchste Idee bei Platon und Plotin, München, GRIN Verlag GmbH
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