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Hauptseminararbeit, 2001, 26 Seiten
Autor: M.A. Sibylle Meder Kindler
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Freie Universität Berlin (Institut für Theaterwissenschaft)
Tags: Theater der 90er, Organspende, Theater und Film, Theater im TV
Jahr: 2001
Seiten: 26
Note: 1,0
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-12582-6
ISBN (Buch): 978-3-638-63849-4
Dateigröße: 262 KB
Arbeitsbereich Theater und die ander Künste / Medien Inszenierung in der Medizin. Textgrundlage: Baureithel, Ulrike / Bergmann, Anna: Herzloser Tod. Das Dilemma der Organspende.182 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Zweifellos ist es wünschenswert, zu sterben, ohne daß man selbst es merkt, aber es gilt auch als erwünscht, zu sterben, ohne daß es die Umgebung gewahr wird. Um es genau zu sagen, man weiß nicht mehr, was man damit anfangen soll. Denn es ist heute nicht normal, tot zu sein, und das ist neu. Für uns, die wir keinen wirksamen Ritus zur Absorption des Todes und seiner gewaltigen Energie mehr haben, bleibt das Phantasma des Opfers und des gewaltsamen künstlichen Eingriffes des Todes. Geht man davon aus, dass dem Tod als Ereignis in unserer Gesellschaft und Kultur etwas mit dem alltäglichen Lebensablauf Unvereinbares anhaftet, und geht man weiter davon aus, dass dieses Unvereinbare des Todes (die Verneinung des Lebens selbst) in irgendeiner Form in dieses (Leben) (re-)integriert werden und in diesem eine Bedeutung oder zumindest Einordnung erhalten muss, dann entsteht hier ein konfliktgeladener Schnittpunkt zwischen Leben und Tod. Diesen Schnittpunkt nennt man gewöhnlich Sterben. Die Notwendigkeit der Integration des Todes in das Leben ergibt sich aus seiner Unvermeidbarkeit und Häufigkeit. Zugleich besitzt dieses Phänomen eine weitere recht spektakuläre Eigenschaft, die seine Interessantheit um ein Vielfaches erhöht: Es mag zwar jeden Menschen betreffen, ist aber eine einmalige Angelegenheit. Und die Qualität des Ereignisses lässt sich aufgrund einer bisher unüberwindlichen Kommunikationsunterbrechung nicht kommunizieren. Doch nicht nur bei dem, was dem und der Einzelnen im Sterben bevorsteht, bestände ein Bedarf an Vermittlung. Für den nicht unmittelbar Beteiligten, Zeugen im weitesten Sinne, ist eine Übereinkunft über das Ereignis offenbar noch eher vonnöten. Der vage Prozess des Sterbens und der ihn beendende Zustand Tod bedürfen offenbar einer Rückbindung an den Bereich des Lebens, um diesem ein Signal zu geben, eine Rückkopplung geradezu. Das Leben benötigt das Minus, um zu verbuchen, das ein Teil sich verabschiedet hat.
Textauszug (computergeneriert)
Todeszeichen
Analysen zur Darstellung
des Sterbens auf der Bühne
Inhalt
1. Die Vermittelbarkeit des Todes
2. Todesbeweise als Teil zweier Zeichensysteme
3. Exkurs:
Ethischer Konflikt -
der nachgetragene Sinn im Tod des Organspenders
4.1 Zeichen des Todes im Film: Waffen, Blut, Maschinen...
4.2 Zeichen des Todes auf der Bühne:
Ironische Nachahmung ...und Stillstand
5. Exkurs: Problematik des Sterbens als Prozess
6.1 Dantons Tod - lang erwartet und doch immer präsent
6.2 Lears Tochter, tot "wie die Erde"
6.3 Der Tod findet nicht statt -
... jedenfalls nicht hier auf der Bühne
7. Repetition, Nachtrag und Schluss
Literaturverzeichnis
1. Die Vermittelbarkeit des Todes
Zweifellos ist es wünschenswert, zu sterben, ohne daß man selbst es merkt, aber es gilt auch als erwünscht, zu sterben, ohne daß es die Umgebung gewahr wird.
Um es genau zu sagen, man weiß nicht mehr, was man damit anfangen soll. Denn es ist heute nicht normal, tot zu sein, und das ist neu.
Für uns, die wir keinen wirksamen Ritus zur Absorption des Todes und seiner gewaltigen Energie mehr haben, bleibt das Phantasma des Opfers und des gewaltsamen künstlichen Eingriffes des Todes.
Geht man davon aus, dass dem Tod als Ereignis in unserer Gesellschaft und Kultur (aber möglicherweise auch bei anderen) etwas mit dem alltäglichen Lebensablauf Unvereinbares anhaftet, und geht man weiter davon aus, dass dieses Unvereinbare des Todes (die Verneinung des Lebens selbst) in irgendeiner Form in dieses (Leben) (re-)integriert werden und in diesem eine Bedeutung oder zumindest Einordnung erhalten muss, dann entsteht hier ein konfliktgeladener Schnittpunkt zwischen Leben und Tod. Diesen Schnittpunkt nennt man gewöhnlich Sterben.
Die Notwendigkeit der Integration des Todes in das Leben ergibt sich aus seiner Unvermeidbarkeit und Häufigkeit. Empirische Untersuchungen ergäben, bisher unwiderlegt, eine hundertprozentige Todesquote, und selbst wenn man annähme, dass die momentan gerade existierenden sechs Milliarden nicht-toten Menschen auch niemals sterben werden, wird man nicht nur täglich eines Besseren belehrt, sondern ihnen gegenüber stände eine weitaus größere Anzahl von bisher Verstorbenen, die auch aus rein rechnerischer Sicht den Tod als Zukunftsprognose ziemlich wahrscheinlich macht. Soviel also zur Unvermeidbarkeit.
Die Häufigkeit wiederum leitet sich aus der Enge des uns zur Verfügung stehenden Lebensraumes im räumlichen wie im informationellen Sinn ab und bedeutet schließlich, dass selbst wenn ein Mensch niemanden persönlich kannte, der inzwischen verstorben ist, diese Lücke spätestens durch mediale Vermittlung gefüllt wird: Viele der Menschen, über deren Existenz zu wissen von Notwendigkeit sein soll, sind bereits tot. (Cäsar, Napoleon, Marlene Dietrich, Hitler, Lady Di, Gandhi, Tut-ench-Amun, Roosevelt, Elvis - um nur eine völlig willkürliche Auswahl zu nennen.) Tod ist also ein gesellschaftliches Phänomen, das - so abstrakt es auch vermittelt sein mag - in seiner Bedeutung zumindest in Folge der Quantität seines Auftretens unbestritten sein dürfte.
Zugleich besitzt dieses Phänomen eine weitere recht spektakuläre Eigenschaft, die seine Interessantheit um ein Vielfaches erhöht: Es mag zwar jeden Menschen betreffen, ist aber eine einmalige Angelegenheit. Und die Qualität des Ereignisses lässt sich aufgrund einer bisher unüberwindlichen Kommunikationsunterbrechung nicht kommunizieren. Diese These ist natürlich vage, genauso wie gegenteilige Behauptungen über Ereignisse, die sich über dieses Phänomen hinweggesetzt haben sollen. Beispiele für solche Behauptungen finden sich in Religionen, Esotherik (da sind ja die Grenzen fließend), medizinischen und psychologischen Berichten. Man kann aber wohl von ihnen allen behaupten, dass sie auch auf ihrem Gebiet jeweils den Status von Verheißungen oder Vermutungen haben. Üblich und Teil eines Allgemeinwissens wie etwa Straßenverkehrsregeln, UN-Konventionen oder z.B. auch Geburtsvorbereitungskurse, sind solche Annahmen bisher nicht.
Dennoch, das ist unbestritten, besteht ein gewisser Informationsbedarf zu diesem Thema. Und der Vergleich mit den Schwangerschaftskursen ist nicht zufällig angebracht, denn diese Situation menschlichen Lebens kommt in Bezug auf ihre Existenzialität als Vergleich am ehesten in Frage. Bleibt aber zu beachten, dass in den seltensten Fällen - bisher ist mir zumindest keiner bekannt - dem Neuzugebärenden und nicht den Eltern ein Kurs angeboten wird. Und sollte eine ins Unendliche ausgedehnte pädagogische Vorhut auch hier in Zukunft ihre Bemühungen um Fragen à la "Wie lernt mein Baby schon im Bauch Französisch?" auf den Bereich "Was Sie während Ihrer eigenen Geburt beachten sollten" ausdehnen, wird sie auch hier wieder an die Grenzen der Kommunizierbarkeit stoßen.
Doch nicht nur bei dem, was dem und der Einzelnen im Sterben bevorsteht, bestände ein Bedarf an Vermittlung. Für den nicht unmittelbar Beteiligten, Zeugen im weitesten Sinne, ist eine Übereinkunft über das Ereignis offenbar noch eher vonnöten. In unserer Kultur nennt man diese Übereinkunft "Totenschein", je nach gesellschaftlichem Bezugsrahmen auch "Todesanzeige", "Nachruf", "Einladung zur Beerdigung", "Grabstein". (Die Liste lässt sich natürlich fortführen und ausweiten zu "Eintrag im Reader′s Digest", "Retrospektive" oder "Best of Collection - posthum".) Der hier evidente Bedarf an Verbreitung einer Todesnachricht ließe sich in Verbindung setzen mit der Bedeutung des Todes einer Person für ihr unmittelbares Umfeld, die Ergebnisse ihres Lebenswerkes, die Bewertung desselben. Ich möchte auf eine andere Facette der Nachricht hinaus, eine Facette, die stärker orientiert ist am physischen Geschehen und gleichwohl noch den Bezug zur Umwelt im Auge behält:
Der vage Prozess des Sterbens und der ihn beendende Zustand Tod bedürfen offenbar einer Rückbindung an den Bereich des Lebens, um diesem ein Signal zu geben, eine Rückkopplung geradezu. Das Leben benötigt das Minus, um zu verbuchen, das ein Teil sich verabschiedet hat.
2. Todesbeweise als Teil zweier Zeichensysteme
[...]
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