Gliederung
1. Einleitung
2. Das Indische Wahlsystem - First Past The Post
3. Die Effekte des Mehrheitswahlrechts
4. Die indischen Regierungen 1951-2004
5. Das Parteiensystem auf Mandatsebene heute
6. Gründe für die zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems Indiens
7. Fazit
Anhang: National - und State Parties
Literaturverzeichnis
2
Einleitung
Indien ist mit ca. 600 Millionen Wahlberechtigten, von denen durchschnittlich 60% wählen, mit Abstand die größte Demokratie der Welt. Das Indische Parlament, die Lok Sabha, wird durch die relative Mehrheitswahl in Einerwahlkreisen 1 gewählt. Dieses Wahlsystem wurde von der verfassungsgebenden Versammlung ausgewählt, um die Fragmentierung des Parteiensystems zu verhindern, und um vor dem Hintergrund der heterogenen Bevölkerungsstruktur mit einer großen Armuts- und Analphabetisierungsrate stabile, regierungsfähige Mehrheiten in der Lok Sabha zu erreichen. Als Vorbild wurde das britische Wahlsystem herangezogen, welches auf Mandatsebene ein stabiles Zweiparteiensystem hervorgebracht hat.
Bis Ende der 70er Jahre konnte Indien mit der durchgängigen Herrschaft der Indian National Congress Party (INC) als dominantes Parteiensystem mit der Fähigkeit zur Bildung einer stabilen Regierung bezeichnet werden.
Seit 1977 hat die Lok Sabha jedoch immer wieder Schwierigkeiten eine stabile Regierungsmehrheit zu bilden, da das Parteiensystem auf der Mandatsebene zunehmend fragmentierter wird.
Es stellt sich somit die Frage, inwiefern und weshalb in Indien trotz des Mehrheitswahlrechts und entgegen der theoretischen Annahme, dass Mehrheitswahlsysteme Zweiparteiensysteme erzeuge n, das Parteiensystem so fragmentiert ist. Indien gilt als ein Ausnahmefall in der Wahlsystem- und Parteienforschung, der gerne herangezogen wird 2 , um die These, dass Mehrheitswahlsysteme Zweiparteiensysteme fördern 3 , zu widerlegen.
In diesem Essay wird zur Beantwortung dieser Fragestellung zunächst kurz theoretisch dargestellt, wegen welcher intendierten Effekte das Mehrheitswahlrecht in Indien von der verfassungsgebenden Versammlung eingeführt wurde, um, im Gegensatz dazu, die Zersplitterung des indischen Parteiensystems zu illustrieren.
1 Einerwahlkreis bedeutet, dass pro Wahlkreis nur ein Mandat vergeben wird.
2 vgl. z.B. Nohlen 2004, S.412
3 vgl. z.B. Lijphart 2001
3
Im zweiten Teil wird kurz chronologisch dargestellt, welche Parteien seit der Unabhängigkeit Indiens die Regierungen gestellt haben. Wegen der Vielzahl der Parteien kann nicht auf jede einzelne eingegangen werden. Vorweggenommen werden kann, dass die Regierungen seit 1977 wegen der nachlassenden Dominanz der Congress Party zunehmend instabil geworden sind. Wichtig ist ebenfalls, wie sich das Parteiensystem auf Mandatsebene historisch entwickelt hat. Anschließend werde ich versuchen, zu beantworten, warum es in Indien zu dieser Zersplitterung des Parteiensystem kam. Hierzu werden die Parteien, der Electoral Commission of India folgend, nach National, State und Regional Parties aggregiert dargestellt.
Das indische Wahlsystem - First Past The Post
Das indische Parlament besteht aus dem Präsidenten, der Lok Sabha (House of People) und dem Rajya Sabha (Council of States). Der Präsident ist das Staatsoberhaupt, er ernennt den Prime Minister, welcher vom Vertrauen des Parlaments abhängig ist. 543 Mitglieder der Lok Sabha, werden durch die indischen Wahlberechtigten in eben der gleichen Anzahl von Wahlkreisen durch die relative Mehrheit gewählt. Dieses Wahlsystem wird als First Past the Post (FPTP) bezeichnet. Der Präsident ka nn zwei Vertreter der englisch-britischen Gemeinschaft in die Lok Sabha berufen, falls diese inadequat vertreten sein sollte. Die indische Verfassung reserviert 120 der Mandate der Lok Sabha für die so genannten scheduled castes (79 Sitze) und scheduled tribes (41 Sitze), also die den unteren Kasten sowie den Unberührbaren, und den keiner Kaste zugehörigen Adivasi. In diesen Wahlkreisen dürfen nur Angehörige der scheduled castes beziehungsweise scheduled tribes kandidieren. (Election Commission of India 2004; Rangarajan 2002: 32-35)
Die Mitglieder des Rajya Sabha werden von den Landesregierungen mittels der Single Transferable Vote 4 gewählt. In diesem Essay wird jedoch nur auf die Lok Sabha eingegangen, da diese direkt von der Bevölkerung gewählt wird und die Fragestellung sich nur auf die Lok Sabha bezieht.
4 engl. für ein System übertragbarer Einzelstimmgebung.
4
Warum hat sich die verfassungsgebende Versammlung sich 1950 für das FPTP Wahlsystem entschieden? Welche Vorteile versprach sie sich von der Einführung des Mehrheitswahlsystems? Zu der Beantwortung dieser Fragen wird kurz auf die Unterschiede zwischen dem Mehrheits- und dem Verhältniswahlrecht eingegangen:
Die Effekte des Mehrheitswahlrechts
Den nachfolgenden theoretischen Ausführungen liegt die Annahme zugrunde, dass Wahlsysteme gesetzmäßige Auswirkungen auf Parteinsysteme haben. So wird davon ausgegangen, dass das Mehrheitswahlrecht zu Zweiparteiensystem führt. Diese Annahme lag auch der Entscheidung der verfassungsgebenden Kommission zugrunde, als deren übergreifendes Ziel die Etablierung eines regierungsfähigen Systems betrachtet werden kann. Wie bereits erwähnt, wurde hierbei auf die britische Verfassung rekurriert. Die Grundannahmen der Theorie eines Zusammenhangs zwischen Wahl- und Parteiensystem basierten auf den empirische Betrachtungen westlicher und relativ homogener Gesellschaften. Im Folgenden sollen diese theoretischen Annahmen differenzierter ausgeführt werden.
Das Ziel, welches mit der Einführung des Mehrheitswahlsystems verfolgt wurde, war die Generierung von Parlamentsmehrheiten, auch wenn diese auf der Unterstützung durch eine Minderheit der Wähler basiert. Diese durch das Wahlsystem bedingte und gewollte hohe Disproportionalität zwischen Stimmen und Mandaten kann dazu führen, dass eine geringe Veränderung der Stimmen eine große Veränderung bei den Mandaten herbeiführen kann. Bei der Untersuchung von Wahlsystemen muss zwischen den Anforderungen und den Effekten unterschieden werden. Folgende Anforderungen werden theoretisch von dem Mehrheitswahlrecht erfüllt: Das Mehrheitswahlrecht wirkt konzentrierend, das bedeutet, dass die Bildung einer mehrheitsfähigen Regierung um so möglicher wird, je weniger Parteien im Parlament vertreten sind. Es ist einfach zu verstehen und die Wähler können sich in den Wahlkreisen zwischen Individuen, nicht zwischen Parteien, entscheiden.
5
Arbeit zitieren:
Sven Diekmann, 2004, Warum ist Indien ein Ausnahmefall in der Wahl- und Parteiensystemforschung?, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Nachrichtenproduktion bei MSNBC Interactive
Medien / Kommunikation - Multimedia, Internet, neue Technologien
Facharbeit (Schule), 8 Seiten
Ist es möglich, für die Massenmedien, wenn man sie als soziales System...
Medien / Kommunikation - Medienethik
Hausarbeit, 28 Seiten
Why Africa is unlikely to achieve the Millennium Development Goals?
Politik - Internationale Politik - Region: Afrika
Hausarbeit (Hauptseminar), 31 Seiten
Die Entwicklung des pakistanischen Parteiensystems im Kontext von Inte...
Politik - Internationale Politik - Region: Südasien
Hausarbeit, 18 Seiten
Soziale Bewegungen in Mexiko am Beispiel der zapatistischen Revolution...
Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten
Seminararbeit, 30 Seiten
Asien: Die größte Demokratie - Indien - Staatsaufbau
Politik - Internationale Politik - Region: Südasien
Referat (Handout), 13 Seiten
Kommunikation in der Lebenswelt
Möglichkeiten der Kommunikatio...
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Zwei Staatsentwürfe - zwei Arten von Freiheit. Hobbes' Leviathan u...
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Hausarbeit, 18 Seiten
Kritik an Lijpharts Exekutive-Parteien-Dimension
Politik - Internationale Politik - Region: USA
Hausarbeit, 31 Seiten
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Referat (Handout), 14 Seiten
Klettern als Mittel der Wagniserziehung im mehrperspektivischen Sportu...
Sport - Sportpädagogik, Didaktik
Examensarbeit, 80 Seiten
Zur Problematik des Begriffs der Freiwilligkeit in prekarisierten Dien...
Seminararbeit, 25 Seiten
Der Gesellschaftsbegriff von Emile Durkheim und Max Weber im Vergleich
Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft
Hausarbeit, 21 Seiten
Strukturorientierte Clusteransätze unter besonderer Beachtung des Mode...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Hausarbeit (Hauptseminar), 26 Seiten
Sven Diekmann hat den Text Warum ist Indien ein Ausnahmefall in der Wahl- und Parteiensystemforschung? veröffentlicht
Sven Diekmann hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare