Eberhard-Karls-Universität Tübingen Deutsches Seminar WS 2000/2001
PS II: Erzähltexte in ihrer Zeit: Die Fünfziger und Sechziger Jahre (1950 - 1965)
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Stephan Rott
5. 2. 2002
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2.1. Der respektierte Außenseiter 3 2.2. Der „Große Mahlke“ 5
2.3. Mahlkes Makel: Das Adamsapfel-Motiv 6
2.4. Der Clown ohne Publikum 8
2.5. Mahlkes Leistungssucht 9 2.6. Zusammenfassung 13
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3.1. „Katz und Maus“ als Gesellschaftskritik 14
3.2. Religionskritik in der Novelle 14
3.3. Führertum und Mitschuld 17
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„Und aufgewachsen bin ich zwischen
1 dem Heilgen Geist und Hitlers Bild.“ (Günter Grass) Die folgende Arbeit soll sich mit der Figur Joachim Mahlke beschäftigen, dem Protagonisten der 1961 erschienenen Novelle „Katz und Maus“ von Günter Grass.
Im ersten Teil, der den Schwerpunkt dieser Arbeit bildet, wird versucht, die Figur Mahlke anhand einer Analyse des Textes greifbarer und nachvollziehbarer zu machen, als sie dem Leser auf den ersten Blick erscheint. Mahlke entbehrt auch heutzutage nicht einer gewissen Faszination, was wohl einerseits an der zeitlosen Thematik der Jugend- und Initiationsgeschichte liegt, andererseits aber auch auf die treffende Gestaltung des Stoffes durch den Autor zurückzuführen ist. Allerdings soll auf eine genauere Untersuchung der Struktur und sprachlichen Ausgestaltung der Novelle durch Günter Grass verzichtet werden. 2 Des weiteren wird im ersten Teil die Besonderheit der Erzählsituation außer Acht gelassen, da der Schwerpunkt auf der Figur Mahlke und ihren Eigenarten liegen soll. Der zweite Teil soll kurz darauf eingehen, inwiefern Mahlke nicht als Einzelfall, sondern als symptomatisch für Staat, Gesellschaft und Kirche gesehen werden kann.
1 „Ohrenbeichte. Lieber armer Freund Schlieker.“ Gedicht. In: Sprache im technischen Zeitalter, September 1962, S. 341 - 343. Zitiert nach: Hermes 1997
2 hierzu sei verwiesen auf: Piirainen 1968
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Im Umschlagtext zur Taschenbuchausgabe von „Katz und Maus“ schreibt Walter Jens:
„Ich halte die Figur des ‚Großen Mahlke’ für eine der ergreifendsten und glaubhaftesten Jungen-Gestalten der modernen Dichtung.“
Mahlke ist ein Sonderling, ein Einzelgänger, der aus der Gruppe der Gleichaltrigen heraustritt. Zunächst ist Mahlke ein unbeachteter Junge, der vollkommen unauffällig ist, sich nicht an den Freizeitaktivitäten seiner Altersgenossen beteiligt und nicht in die Gruppe integriert ist:
Als Joachim Mahlke kurz nach Kriegsbeginn vierzehn Jahre alt wurde, konnte er weder schwimmen noch Rad fahren, fiel überhaupt nicht auf und ließ jenen Adamsapfel vermissen, der später die Katze anlockte. Vom Turnen und Schwimmen war er suspendiert, weil er sich als kränklich ausweisen konnte, indem er Atteste vorzeigte. Noch bevor Mahlke das Radfahren lernte und steif verbissen, mit hochrot abstehenden Ohren und seitlich verbogenen, auf-und-untertauchenden Knien eine komische Figur abgab, meldete er sich während der Wintersaison im Hallenbad Niederstadt zum Schwimmen, wurde aber vorerst nur zum Trockenschwimmen mit Acht- bis Zehnjährigen zugelassen. Auch im folgenden Sommer war er noch nicht soweit. Der Bademeister der Anstalt Brösen, eine typische Bademeisterfigur mit Bojenleib und dünnen haarlosen Beinen unter dem stoffbespannten Seezeichen, musste Mahlke zuerst im Sand drillen und dann an die Angel nehmen. Doch als wir ihm Nachmittag um Nachmittag davonschwammen und Wunderdinge von dem abgesoffenen Minensuchboot erzählten, bekam er mächtigen 3 Auftrieb, schaffte es innerhalb von zwei Wochen - und schwamm sich frei. Mit der Pubertät - und der Herausbildung seines überproportionalen Adamsapfels - beginnt Mahlke, ein Individuum zu werden und auch damit erst eine Figur, die dem Erzähler schilderungswürdig erscheint. Indem Mahlke aus seiner Bedeutungslosigkeit heraustritt, gewinnt er aus der Sicht von Pilenz erst eine gewisse Signifikanz. Um noch einen Schritt weiter zu gehen, könnte man auch sagen, dass erst sein Heraustreten aus der Masse ihn zu einer literarischen Figur macht, welche sowohl für die Figur als auch für den Erzähler Pilenz zu einer wichtigen Person wird, über deren Schicksal es sich lohnt zu schreiben. Bevor Du schwimmen konntest, warst Du ein Nichts, das ab und zu aufgerufen wurde, 4 zumeist richtige Antworten gab und Joachim Mahlke hieß.
3 S. 8f (Alle Seitenzahlen ohne weitere Angaben beziehen sich auf folgende Ausgabe: Grass, Günter: Katz und Maus. Eine Novelle. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999.) 4 S. 33
4
Mahlke lernt also zugleich, sich aus eigener Kraft über Wasser zu halten und auch, sich in der Flut von Menschen freizuschwimmen, sich einen eigenen Platz zu suchen, um aus der Anonymität herauszutreten. Allerdings bleibt Mahlke, obwohl er nun von der Gruppe wahrgenommen wird, ein Außenseiter, der aufgrund seines Aussehens und Verhaltens von den anderen nicht akzeptiert wird.
Zwar bewunderten wir Mahlke; doch mitten im verquollenen Getöse schlug die Bewunderung um: wir fanden ihn widerlich und zum Weggucken. Dann tat er uns, während ein tiefliegender Frachter einlief, mäßig leid. Auch fürchteten wir Mahlke, er gängelte uns. Und ich schämte mich, auf der Straße mit Mahlke gesehen zu werden. Und ich war stolz, wenn Hotten Sonntags Schwester oder die kleine Pokriefke mich an Deiner Seite vor den Kunstlichtspielen oder auf dem Heeresanger traf. Du warst unser Thema. Wir wetteten: „Was wird er jetzt machen? Wetten wir, der hat schon wieder Halsschmerzen! Jede Wette gehe ich ein: Der hängt sich irgendwann mal auf oder kommt ganz groß raus oder erfindet 5 was Dolles.“
Diese Textstelle macht den Zwiespalt deutlich, mit dem ihm die anderen Gleichaltrigen gegenüberstehen. Seine Schwächen machen ihn angreifbar und verletzlich, was ihn für die Gruppe als Sündenbock und Projektionsfigur für die eigenen Unzulänglichkeiten prädestiniert. Gerade unter pubertierenden Jugendlichen ist so eine Person von sehr wichtiger Bedeutung, da sie im Prozess ihrer Identitätsfindung auf eine Gruppe von Gleichgesinnten angewiesen sind: Für das Klassenkollektiv ist Mahlke ein störender Fremdling, der den Kollektivinstinkt 6 beleidigt, weil er kollektives Verhalten nicht mitmacht.
Doch der Störfaktor Mahlke ist in Wirklichkeit gar nicht unerwünscht, sondern wird von den anderen sogar benötigt. Der Außenseiter, der ihnen in seiner körperlichen Entwicklung voraus ist, erzeugt bei ihnen Minderwertigkeitsgefühle, die sie durch ihr Verhalten gegenüber dem Einzelgänger zu vertuschen und zu kompensieren versuchen. Deshalb sind sie auf Mahlke angewiesen, was ihm wiederum eine besondere Machtposition einräumt:
[...] als armer Adam, den das Kollektiv zur Projektionsfigur gemacht hat, beherrscht er auch 7 das Kollektiv; Mahlke ist dem Kollektiv, das Kollektiv aber auch Mahlke verhaftet. Während also die Gruppe Gleichaltriger die vielzitierte „Katze“ aus dem Titel der Novelle darstellt, ist Mahlke die ungeschützte „Maus“, die dem Kollektiv unwillentlich als Spielzeug und Jagdobjekt dient. Die Tiermetaphorik lässt sich
5 S. 78f
6 Emil Ottinger: Zur mehrdimensionalen Erklärung von Straftaten Jugendlicher am Beispiel der Novelle „Katz und Maus“ von Günter Grass. In: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform 1962. Carl Heymanns Verlag, Köln. S. 175 - 183. Zitiert nach Ritter 1977, S. 117 7 Kaiser 1971, S. 17f
Arbeit zitieren:
Stephan Rott, 2002, Mahlke – Weder Hitler noch Heiliger, München, GRIN Verlag GmbH
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