ÜBERSICHT
1. BÜROKRATIE, BÜROKRATIE...
2. LEGITIME ORGANISATIONSHERRSCHAFT
3. ENTBÜROKRATISIERUNG
4. HISTORISCH-KRITISCHES ZUM ´GANZEN HAUS´
5. HOHEITSGEWERBE...
6. SCHLEICHENDE VERSTAATLICHUNG
7. GEWISSENLOSE GEWISSENHAFTIGKEIT...
1. BÜROKRATIE, BÜROKRATIE...
Bürokratie ... wer wollte sie nicht kritisieren ... scheint es doch so, als sei unser Leben von einer allgegenwärtigen und besonderen Form regelgebundener, monotoner, routinisierter Verwaltung und Versorgung bestimmt; der Bürokratie, die zunehmend alle menschlichen Lebensbereiche durchdringt und unseren Alltag bestimmt. Und je mehr wir der Bürokratie bedürfen, auf sie angewiesen sind - desto ärgerlicher wird Bürokratie für uns, werden wir bürokratieverdrossen und nicht selten auch: bürokratiegeschädigt und bürokratiefeindlich. Grad so, als wäre Bürokratie - nach einem Wort des französischen Romanciers Honore de Balzac - tatsächlich ein gigantischer Mechanismus, den Zwerge
beherrschten - Angehörige eines besonderen Geschlechts von Organisationen mit Mitgliedern, die zu allem bereit scheinen: Bürokraten eben, Organisationsmenschen -„organisational men“-, die ihre Überlegenheit, Macht und Einfluß gegen den Rest der Welt einsetzten und jene unter ihre Knute brachten, die ihr nicht angehören, vielmehr von ihr abhängig, auf sie angewiesen und nicht selten auch: verworfen sind. Die Idee bürokratischer Herrschaft finden wir schon in einer der ältesten Quellen der Menschheit - im Alten Testament, So heißt es im Zweiten Buch Mose im 18 . Kapitel in einem Ratschlag des Jethro an Moses:
"Siehe dich um unter allem Volk nach redlichen Leuten, die Gott fürchten, wahrhaftig und dem Geiz feind sind; die setze über sie, etliche über tausend, über hundert, über fünfzig und über zehn, - daß sie das Volk allzeit richten; wo aber eine große Sache ist,
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daß sie dieselbe an dich bringen, und sie alle geringeren Sachen richten. So wird dir´s leichter werden, und sie werden mit dir tragen."
Und so alt wie die Bürokratie selbst ist auch die Kritik an ihr. Wie bekannt, war´n die schlimmsten Kritiker der Elche - meistens früher selber welche; und die Todfeinde der Molche, war´n auch früher selber solche [Strolche]. Und so sind denn wohl auch gerade die radikalsten Kritiker der Bürokratie und ihrer Leistungs- und Herrschaftsseiten heute typischerweise selbst ehemalige Organisationsmitglieder, frühere regelgebundene Sachwalter in administrativen Einrichtungen, ausgestiegene Bürokraten - Leute also, die sich in angesonnenen Funktionsweisen und wirklichen Funktionen von Verwaltungsapparaten auskennen müßten.
Bürokratie im modernen demokratischen Sozialstaat also - allgegenwärtig spürbarer und fundierter Ausdruck einer verwalteten Welt -, wer wollte sie nicht kritisieren in einer Zeit, in der ohne Staat und Bürokratie so gar nichts mehr zu gehn scheint: aber auch Auschwitz - bis heute unwiderrufliche Chiffre für das rational so schwer Faßliche einer "fabrikmäßig betriebenen Vernichtung von Menschen" und - so Hannah Arendt - "staatlich organisiertem Völkermord“ während des Zweiten Weltkriegs war ein bürokratischer Vorgang gigantischen Ausmaßes, von der Erfassung bis zum Trausport derer, die ein Staat mithilfe seiner bürokratischen Apparate ins Gas und damit in den Tod schickte - ein Gesichtspunkt, den H.G. Adler, selbst tschechischer Jude und nach Theresienstadt ´verbracht´, später in seinen "Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland" unter dem bezeichnenden Titel „Der verwaltete Mensch“ (1974) aufgearbeitet hat. So gesehen, vollzog sich in Auschwitz und in den anderen Menschenvernichtungslagern in der Tat ein Prozeß, den der Prager Jude und deutschsprachige Schriftsteller Franz Kafka schon viele Jahre vorher einmal in einem Gespräch über Beamte so gekennzeichnet haben soll:
"Ein Henker ist heute ein ehrsamer, nach der Dienstpragmatik wohlbezahlter Beamtenberuf. Warum sollte also nicht in jedem ehrsamen Beamten ein Henker stecken ? - Die Beamten bringen doch keine Menschen um ! - Und ob sie es tun ! - entgegnete Kafka: Sie machen aus den lebendigen, wandlungsfähigen Menschen tote, jeder Wandlung unfähige Registraturnummern.“ Obwohl Franz Kafka - Autor, Dichter und seit 1905 im ´´Brotberuf ´´ Sachbearbeiter in der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt für das Königreich Böhmen in Prag - in seiner Zeit noch keine empirisch voll ausgebildete moderne Bürokratie kennen konnte - so sah er doch, über den historischen Erfahrungsgegenstand der österreichischen k-u-k-Staatsbürokratie hinaus, Grundelemente bürokratischer Verwaltung und damit von Herrschaft über Menschen. Bürokratische Herrschaft ist nicht zuletzt auch Thema des 1914 geschriebenen Romans „Der Prozess“, in dem es auch um die scheinbare Unentrinnbarkeit des einzelnen geht, der als lebendiges Subjekt zum Objekt einer fremden, anonymen Machtder Bürokratie des Staates - wird. Die schließlich ausweglose und tödliche Verstrickung
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des Josef: K, im ´Prozess´ spricht unmittelbar staatsbürokratische Herrschaft an, die der einzelne als so unbegreiflichen wie unvermeidlichen Vorgang erfährt, genauer: als „vereinzelter einzelner“ (Carl Marx) so erfahren muß. Die - im Extremfall tödliche -Notwendigkeit von Bürokratie wird dem Angeklagten K. von einem Geistlichen als Verklärer bürokratischer Weltordnung in einem einfachen Glaubenssatz vermittelt: "Man muß nicht alles für wahr halten, man muß es nur für notwendig halten"lautet dieser Satz, den der Autor dann durch seinen dystopiesischen Opferhelden Josef K. anschließend so kommentiert: "Die Lüge wird zur Weltordnung gemacht."
2. LEGITIME ORGANISATIONSHERRSCHAFT
Doch lassen wir uns nach dieser so sensiblen wie radikalen frühen literarischen Kritik der Bürokratie zunächst auf ihre wissenschaftliche Begründung ein, um ihre Funktionsgrundsätze und Arbeitsweisen, ihren eigenen Ansprüchen gemäß, in Frage stellen zu können. Der prominente Sozialwissenschaftler Max Weber hat betont, daß sich Herrschaft als Verwaltung äußert und funktioniert, in seiner Herrschaftssoziologie auch "Wesen,
Voraussetzungen und Entfaltung der bürokratischen Herrschaft“ als Form der legitimen Herrschaft durch Organisation behandelt und dabei - es klingt wie ein dickes Lob der Bürokratie - die moderne Staatsbürokratie reinsten Typs zunächst mithilfe von zehn Merkmalen als Einrichtung von Einzelbeamten beschrieben, die
1. persönlich frei, nur sachlichen Amtspflichten gehorchen, 2. in fester Amtshierarchie, 3. mit festen Amtskompetenzen, 4. kraft Kontrakte, also (prinzipiell) auf Grund freier Auslese, 5. nach Fachqualifikation - im rationalsten Fall: durch Prüfung ermittelbar er, durch Diplom beglaubigter Fachqualifikation angestellt (nicht gewählt) sind, 6.entgolten sind mit festen Gehältern in Geld, meist mit Pensionsberechtigung, unter Umständen allerdings (besonders in Privatbetrieben), kündbar auch von Seiten des Herrn, stets aber kündbar von Seiten des Beamten; dies Gehalt ist abgestuft primär nach dem hierarchischen Rang, daneben nach der Verantwortlichkeit der Stellung, im übrigen nach dem Prinzip der ´Standesgemäßheit' , 7. ihr Amt als einzigen oder Haupt-Beruf behandeln, 8. eine Laufbahn: 'Aufrücken´ je nach Amtsalltag oder Leistungen oder beiden, abhängig vom Urteil der Vorgesetzten vor sich sehen, 9. in völliger Trennung von den Verwaltungsmitteln und ohne Appropriation der Amtsstelle arbeiten, 10. einer strengen einheitlichen Amtsdisziplin und Kontrolle unterliegen.
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Arbeit zitieren:
Dr. Richard Albrecht, 1989, „Lebendige Menschen“ als „tote Registraturnummern..." - Eine Bürokratie-Kritik nach Franz Kafka, München, GRIN Verlag GmbH
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