INHALTSVERZEICHNIS
I Einleitung:
Karl Gutzkow und das Junge Deutschland - Problemstellung und Arbeitsansatz
II Karl Gutzkows Biographie bis zum Erscheinen der Wally
III Die folgenreichste jungdeutsche Veröffentlichung : Wally die Zweiflerin
IV Zusammenfassung:
Karl Gutzkow - ein typischer Repräsentant der jungdeutschen Strömung
Literaturliste
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I. Einleitung:
Karl Gutzkow und das „Junge Deutschland“ - Problemstellung und Arbeitsansatz
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Kernthema unseres Seminars - mit Karl Gutz-
kow und dem „Jungen Deutschland“. Der ursprüngliche Bezugspunkt der Lektüre und Vorarbeiten
lag in dem Beschluß der Bundesversammlung vom 10. Dezember 1835. Hier wurden zum ersten
Mal in der deutschen Geschichte sämtliche Arbeiten einer genau eingegrenzten Gruppe von Schrift- stellern verboten 1 . Betroffen waren „namentlich Heinr. Heine, Carl Gutzkow, Heinr. Laube, Ludolph
Wienbarg und Theodor Mundt“ - „eine literarische Schule“ 2 , die sich ihrer Existenz wohl erst durch
die angesprochene Verfügung bewußt wurde 3 . Auch in der literaturgeschichtlichen Forschung wer-
den Zusammenhang und Gemeinsamkeiten der hier genannten Schriftsteller sehr kontrovers bewer- tet 4 .
Beschäftigt man sich mit der Vorgeschichte des Bundesbeschlusses, so stößt man unweigerlich auf
die heftigen Auseinandersetzungen um Karl Gutzkows Roman „Wally, die Zweiflerin“. Der Literatur-
kritiker Wolfgang Menzel hatte das Buch im September 1835 einer vernichtenden Kritik unterzogen;
ausgedehnte persönliche, polemische Schimpfattacken verbanden sich hier mit moralischer, religiöser und politisch-nationaler Argumentation 5 . Dank der bedeutenden Stellung des Cotta’schen Literatur-
Blattes, dessen leitender Redakteur Menzel war, wurde die Aufmerksamkeit auf den Roman gelenkt
- in der Folge der Menzelschen Kritik fand das Buch eine beachtliche öffentliche Resonanz 6 . Es
wurde die „folgenreichste jungdeutsche Veröffentlichung“ 7 : Nicht nur daß er einen „literarischen Bür-
1 Windfuhr, M., Das junge Deutschland als literarische Opposition. Gruppenmerkmale und Neuansätze, in: Kruse, J. A. (Hg.), Heine-Jahrbuch 1983, Hamburg 1983, S.48 2 Protokolle der deutschen Bundesversammlung 1835, 31. Sitzung, § 515, Abs. 1, in: Ziegler, E., Literarische Zensur in Deutschland 1819-1848, München 1983, S.13 3 vgl. Kruse, J. A. (Hg.), Verboten ! Das Junge Deutschland 1835. Literatur und Zensur im Vormärz, Düsseldorf 1985, S.153; Haacke, W., Art. „Gutzkow, Karl Ferdinand“, in: NDB, Bd.7, Berlin 1966, S.355; Proelß, J., Art. „Gutz- kow, Karl Ferdinand“, in: ADB, Bd.10, Leipzig 1879, S.229 4 vgl. Koopmann, H., Das Junge Deutschland. Eine Einführung, Darmstadt 1993, S.1-13, wo der Zusammenhang der Literaten deutlich niedrig angesetzt wird; dem widerspricht die DDR-Historiographie: Kollektiv für Literaturge- schichte (Hg.), Vormärz. Erläuterungen zur deutschen Literatur, Berlin/O. 1977 (im folgenden: Kollektiv), S.193 f. 5 vgl. die Dokumentationen in Gutzkow, K., Wally, die Zweiflerin. Studienausgabe mit Dokumenten zum zeitge- nössischen Literaturstreit, Stuttgart 1979, S.274-291, sowie Estermann, A. (Hg.), Politische Avantgarde 1830-1840. Eine Dokumentation zum „Jungen Deutschland“, Bd. 1, Frankfurt/M. 1972, S.41-52 6 als zeitgenössisches Zeugnis vgl. Konfidentenbericht vom 25.11.1835: „Das Buch wird verschlungen; eine einzi- ge Lesebibliothek hat neun Exemplare, die fortwährend außer dem Hause sind; sogar aufs Land ist die Kunde von den in der „Wally“ ausgesprochenen unsittlichen Ansichten gedrungen“ (Gutzkow, S.265), außerdem Gutzkow, S.266, 268 u. 270 7 Hömberg, W., Zeitgeist und Ideenschmuggel. Die Kommunikationsstrategie des Jungen Deutschland, Stuttgart 1975 (im folgenden: Hömberg, Zeitgeist), S. 108
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gerkrieg“ 8 mit 84 Folgepublikationen 9 nach sich zog, die Auseinandersetzungen und insbesondere die Angriffe Menzels lieferten den reaktionären Bündnispartnern die Argumente für die Verbotsverfügung vom Dezember 1835 10 .
Was war das spektakuläre, das gefährliche an dem Roman und seinem Autor ? Warum mußte der Deutsche Bund besorgt sein, daß „die Grundpfeiler aller gesetzlichen Ordnung“ durch Gutzkow und Co., bzw. durch ihre Schriften, gefährdet würden ? Dieser Frage soll im folgenden nachgegangen werden. Anhand der Biographie Gutzkows bis zum Erscheinen der „Wally“ und durch eine textim- manente Analyse eben dieses Romans sollen wesentliche Charakteristika des „Jungen Deutschlands“ erarbeitet werden.
Hierbei soll explizit keine Aussage zur angedeuteten „Gruppen“-Problematik gemacht werden. Karl Gutzkow gehört zum harten Kern des „Jungen Deutschlands“, wie immer man den Begriff auch auf- fassen mag - darüber waren sich schon die Zeitgenossen einig 11 , und die moderne Forschung sieht das nicht anders 12 . Da sich unser Hauptinteresse im Seminar auf ihn konzentrierte, da er zudem mit der „Wally“ den Anlaß zum Verbot lieferte, bietet sich seine Person und eben dieser Roman zur ex- emplarischen Analyse an. Inwiefern die so erarbeiteten Charakteristika typisch für das „Junge Deutschland“ (bzw. für die unter dieser Bezeichnung zusammengefaßten Autoren) sind, wird ab- schließend zu zeigen sein.
8 Ziegler, S.157
9 Verzeichnis bei Gutzkow, S.436-441 10 Hömberg, Zeitgeist, S. 112; Koopmann, S.99; Kruse, S.37; Proelß, S.229; Ziegler, S.161; Wülfing, W., Junges Deutschland, München 1978, S.171; Müller, G., Deutsche Literatur im 19. Jahrhundert, Bd.1, Bern 1990, S.138 11 vgl. Gutzkow in einem Brief an L. Börne vom 2.10.1835: „Jetzt soll das Junge Deutschland eine Mischung aus republikanischen, St. Simonistischen und in der Form goethisierenden Tendenzen sein, ich werde sein Haupt genannt“ (Gutzkow, S.241) 12 Koopmann, S.4; Müller, S.139
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II. Karl Gutzkows Biographie bis zum Erscheinen der „Wally“
Karl Ferdinand Gutzkow, Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker, wurde am 17. März 1811 als Sohn eines preußischen Hofangestellten in Berlin geboren 13 . Der gesellschaftliche Kontext, in wel- chem er lebt und arbeitet, ist demnach die Reaktionsepoche zwischen Wiener Kongreß und 48er Revolution. Rainer Funke hat den historischen Erfahrungshorizont Gutzkows und seiner Zeitgenossen treffend zusammengefaßt: „Die politische und sozio-kulturelle Gesamtsituation war zwar einerseits gekennzeichnet von jenem unerträglichen Maß an politischer Stagnation, Restitution des fürstlichen Partikularismus und bürokratisch - obrigkeitsstaatlichen Restriktionen [...]; doch zugleich war sie auch geprägt von tiefgreifender sozialer Dynamik, verstärktem Nationalbewußtsein, von technischem Fortschritt, liberalem Konstitutionalismus, von gesellschaftlichem Aufstieg und von Proletarisierung gleichermaßen“ 14 . Kurz: eine Zeit der Gegensätze, des Umbruchs und der Veränderung. Gutzkow kommt aus ärmlichen Verhältnissen, erhält jedoch über Freunde schon als Kind einen Ein- blick in das Leben wohlhabender Familien: „Früh reifte er [...] zu einem empfindsamen Beobachter sozialer Unterschiede“ 15 . Auf dem Gymnasium kommt er mit burschenschaftlichen Ideen in Berüh- rung 16 . Nach dem Abitur beginnt er im Alter von 18 Jahren das Studium an der Berliner Universität, gegen den Willen seiner Eltern. Zunächst widmet er sich hier der Philosophie, wechselt dann in finan- zieller Not zur stipendiengeförderten Theologie, und kehrt nach zwei Jahren zur Philosophie zurück. Wulf Wülfing 17 macht nähere Angaben zu den genaueren Studieninteressen Gutzkows; demnach besucht er hauptsächlich Vorlesungen der Philosophie und Theologie, der Geschichte, Altphilologie und des neuen Faches Germanistik. Scheiermacher und Hegel, Raumer, Neander und Lachmann gehören zu seinen Dozenten.
Mit 19 Jahren, 1830, wird Gutzkow für eine Arbeit über antike Schicksalsgottheiten („De diis fatali- bus“) mit einem Preis der Philosophischen Fakultät ausgezeichnet. An eben diesem Tag erhält sein Leben zwei weitere Impulse: Zum ersten Mal nimmt er eine politische Zeitung zur Hand, und durch
13 Zu den biographischen Daten Gutzkows vgl. Haacke, S.354-357, bzw. die ältere Darstellung von Proelß, S.227- 236; außerdem Kruse, S.70-72; Wülfing, S.119-124; zur Sichtweise der DDR-Historiographie: Kollektiv, S.204-211 14 Funke, R., Beharrung und Umbruch 1830-1860. Karl Gutzkow auf dem Weg in die literarische Moderne, Frank- furt/M. 1984, S.25 f.; vgl. Hömberg, W., Literarisch-publizistische Strategien der Jungdeutschen und Vo rmärz- Literaten (im folgenden: Hömberg, Strategien), in: Glaser, H. A./Witte, B. (Hgg.), Vormärz: Biedermeier, Junges Deutschland, Demokraten, Reinbeck 1980, S.83 f.
15 Haacke, S.355 16 Wülfing, S.119 17 ders., ebd.
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die Lektüre erfährt er von der Julirevolution in Frankreich. In der Schrift, in der Gutzkow von diesem Tag berichtet, beschreibt er auch die Wirkung der Nachrichten aus dem Nachbarland: „Ich gestehe, daß ich zwei Monate vor der Julirevolution keinen Begriff von europäischer Politik hatte“, beginnt er, um nach der Schilderung der Zeitungslektüre festzustellen: „Die Wissenschaft lag hinter, die Ge- schichte vor mir“ 18 .
Der andere Impuls, der Kontakt zum Medium „Zeitung“, fand noch im gleichen Jahr seinen Nieder- schlag in Gutzkows Zukunftsplanung. Am 1. September beantragt er die Lizenz zur Herausgabe einer Zeitschrift. Das „Forum der Journalliteratur“, eine „antikritische Quartalschrift“, erscheint von Januar bis September 1831 in 15 Ausgaben - und entpuppt sich als gewaltiger Flop. Zwar deuten sich hier wesentliche Punkte des späteren Arbeitsprogramms Gutzkows an; so wird z.B. die Trennung von „Leben“ und „Literatur“ beklagt 19 . Aber an dieser Trennung scheitert auch ihr Kritiker, „und zwar in der unverständlichen Schulsprache der Hegelschen Philosophie“ 20 . Gutzkow hatte sein ehrgeiziges Ziel, die kritische Analyse der Literaturkritik anderer Zeitschriften, zu hoch gesteckt. Bis 1840 zahlt er an den Schulden für das gescheiterte Projekt.
Doch das „Forum“ zeitigt nicht nur negative Folgen - über seine Zeitschrift tritt er in Kontakt mit Wolfgang Menzel, jenem Literaturkritiker, mit dem er später über „Wally“ streiten wird. Ihm sollte er später öffentlichen Aufstieg und Bekanntheitsgrad, aber auch persönliche Verfolgung und Verbot publizistischer Arbeit verdanken. Die Erstausgabe seiner „antikritischen Quartalschrift“ sendet Gutz- kow am 25. Januar 1831 dem einflußreichen Literaturkritiker. Mit dem enthaltenen Aufsatz „Wolf- gang Menzel und die über ihn ergangenen Urteile“ huldigt er ihm und berichtet in einem Begleitschrei- ben „von der unbegränzten Verehrung, die mich beim Lesen ihrer Schriften für Sie erfüllt hat, von dem regen Drange, nur in Ihnen leben und weben zu wollen“ 21 . Die DDR-Geschichtsschreibung hebt hervor, daß Menzels „auf deutschtümelnden Freiheitsprinzipien begründete Literaturauffassung“ und seine „leidenschaftliche Polemik gegen jeden Ästhetizismus“ Gutzkow besonders beeindruckte 22 . Auch Wülfing betont jedoch die „glühendste Wärme für die Würde des Christenthums“ und das „wahrhaft deutsche“ Gemüt als entscheidende Momente der Anziehungskraft Menzels auf Gutz- kow 23 . Genau diese Punkte führen später zum Eklat.
18 Gutzkow, K., 3. August 1830, in: Koopmann, S.14 f.
19 vgl. Wülfing, S.120 20 Kollektiv, S.205 21 zitiert bei Wülfing, S.122; vgl. Haacke, S.355; Proelß, S.228 22 Kollektiv, S.205 23 ders., ebd.
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Arbeit zitieren:
Jan Jansen, 1998, Karl Gutzkows Biographie und "Wally, die Zweiflerin": Eine Annäherung an das "Junge Deutschland", München, GRIN Verlag GmbH
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Kurzvortrag zu: Gutzkows Wally, "Die Zweiflerin"
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