II
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 1
1.1 Einführung in das Thema 1
1.2 Forschungsstand und Literaturauswahl 6
2 Anfänge des Volleyballspiels 11
2.1 William G Morgan 11
2.2 Mintonette 17
2.3 Zusammenfassung 23
3 Wurzeln des Volleyballspiels 25
3.1 Hochballspiel vs Hin- und Rückschlagspiel Zuschlagspiel 25
3.2 Trigon 31
3.3 Von den indianischen Hochballspielformen zum Indiaca 33
3.4 Vom italienischen Pallone zu den deutschen Turnspielen 36
3.4.1 Pallone 36
3.4.2 Deutsches Faustballspiel 39
3.4.3 Exkurs: Vergleich der Weiterentwicklung von Faustball und
Volleyball 46
3.4.4 Tamburinball Trommelball 49
3.4.5 Ball über die Schnur 52
3.4.6 Prellball 54
3.5 Vom Federballspiel zum Badminton 59
3.5.1 Federballspiel 59
3.5.2 Badminton 62
3.6 Vom jeu de paume zum Tennis 65
3.6.1 jeu de paume 65
3.6.2 Tennis 68
3.7 Pelota handball fives Squash 70
3.7.1 Pelota 70
3.7.2 handball fives 73
3.7.3 Squash 76
3.8 Zusammenfassung 77
4 Auswertung 79
5 Anhang A: Das Volleyballspiel Eine Genealogie 83
6 Anhang B: Interview mit Manfred Kindermann 84
7 Literatur 88
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: William G Morgan 2
Abbildung 2: Abgrenzung von Spiel und Sport 17
Abbildung 3: Ausschnitt aus einem Wandbild der Beni Hassan-Gräber 26
Abbildung 4: Altmexikanische Ballspieler 28
Abbildung 5: Bikini-Mädchen beim Ballspiel im alten Rom 31
Abbildung 6: Indiaca 34
Abbildung 7: Das italienische Pallone 36
Abbildung 8: Faustballspielfeld 41
Abbildung 9: Tamburinballspielerin 49
Abbildung 10: Das Turnspiel Prellball 54
Abbildung 11: Flugball ein volkstümliches Prellballspiel 58
Abbildung 12: Federballspielende Mädchen in Deutschland um 1860 62
Abbildung 13: courte paume im Ballhaus im 16 Jahrhundert 67
Abbildung 14: Chistera Schlagholz für das Pelotaspiel 71
Abbildung 15: Pelotaspielfeld 72
Abbildung 16: handball in den USA 73
1
1 Einleitung
Das Volleyballspiel zählt heute zu den beliebtesten und am weitesten verbreiteten Sportspielen auf der ganzen Welt. Nicht etwa der Fußballweltverband FIFA (Federation of International Football Associations), wie vielfach angenommen wird, sondern der Weltvolleyballverband FIVB (Fédération Internationale de Volleyball) ist mit 218 nationalen Verbänden und 35 Millionen registrierten Spielern der größte Sport-Weltverband 1 . Zusätzlich zu den 35 Millionen registrierten Wettkampf-Volleyballspielern gibt es rund um den Erdball eine wohl noch weitaus größere Zahl von Hobby- und Freizeitvolleyballern, deren genaue zahlenmäßige Erfassung aufgrund der nicht vorhandenen Institutionalisierung nur schwer möglich ist. Im Jahre 2001 wurde die Zahl der Volleyballspielerinnen und Volleyballspieler auf der ganzen Welt von Fachleuten auf 800 Millionen geschätzt (HOLMAN 2001, 1242). Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, wie es zur Entwicklung der weltweit populärsten Sportart kam, scheint deshalb ein lohnendes und interessantes Thema zu sein.
Die Einleitung soll zunächst den heuristischen Prozess verdeutlichen, wie ich persönlich zu meinem Thema und der spezifischen Fragestellung gekommen bin. Darüber hinaus werde ich einen kurzen Überblick über den Aufbau meiner Arbeit geben, um damit meine Ziele und meine Vorgehensweise klar darzustellen und detailliert zu begründen. Durch die abschließende Darstellung des Forschungsstandes und der Literaturauswahl möchte ich einerseits aufzeigen, welche Aspekte meiner Arbeit schon einmal wissenschaftlich behandelt wurden und andererseits die Literaturgrundlage meiner Arbeit vorstellen.
1.1 Einführung in das Thema
Vom 10. bis zum 20. Februar 2004 besuchte ich am Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ein sportgeschichtliches Hauptseminar. Dieses Seminar mit dem Titel „Entstehung und Entwicklung einer europäischen Körper- und 1 Diese Zahlen stammen von der offiziellen Homepage des Weltvolleyballverbandes FIVB www.fivb.org; Zugriff am 07.09.2004.
Einführung in das Thema 2
Bewegungskultur: Leibesübungen, Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport“ wurde vom belgischen Gastprofessor für Sportgeschichte, Roland RENSON, in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Michael KRÜGER veranstaltet. Von eigenen Interessen ausgehend – ich bin seit mehreren Jahren aktiver Volleyballer in der ersten Herrenmannschaft des USC Münster – beschäftigte ich mich mit der Entstehung des Volleyballspiels, und somit entstand das Thema meines Referates: „Die Genese des Volleyballspiels“. In der Vorbereitung auf mein Referat stieß ich in vielen Volleyball-Lehrbüchern und Sportenzyklopädien auf den Namen des Amerikaners William G. Morgan. Er soll das Volleyballspiel im Jahre 1895 „erfunden“ haben. In einer persönlichen Vorbesprechung zu meinem Referat meldete Roland RENSON jedoch deutliche Zweifel an dieser angeblichen Urheberschaft Morgans an: „That’s bullshit“ 2 , sagte der Belgier wortwörtlich.
Abbildung 1: William G. Morgan. (1870 – 1942) Aus: FIVB (Hrsg.) 1996: 100 Years of global Link, S. 16.
Diese Feststellung eines anerkannten Experten auf dem Gebiet der Sportgeschichte 3 weckte meine Neugierde. Ich wollte der Frage auf den Grund gehen, was es mit der umstrittenen Volleyball-Urheberschaft von William G. Morgan auf sich hat. Durch weitere Literaturrecherchen stellte 2 Wortwörtliche Aussage von Roland RENSON am 11.02.2004 in Münster.
3 Roland RENSON forscht und unterrichtet an der Katholischen Universität Leuven in Belgien (Faculty of P.E. and Physiotherapy, Department of Sport and Movement Sciences). Er ist Ehrenpräsident der „International Society for the History of Physical Education and Sport“. Im November 2003 wurde er vom „ICSSPE (International Council of Sport Science and Physical Education) mit dem “Sport Science Award of the IOC President“ ausgezeichnet. Das IOC würdigte damit seine kulturell vergleichenden Untersuchungen über die historische Entwicklung von Sport und Spiel (vgl. www.uni- muenster.de/Sportwissenschaft/Paedagogik/index.html, Zugriff am 30.08.2004)
Einführung in das Thema 3
sich bald heraus, dass Roland RENSON diese Meinung nicht alleine vertritt, und dass wissenschaftlich fragwürdige Erkenntnisse von Volleyball- Lehrbüchern und Sportenzyklopädien anscheinend ungeprüft übernommen wurden. FRIERMOOD, seit 1952 Präsident der USVBA 4 , bezweifelte schon vor fast 50 Jahren, dass das Volleyballspiel zum Zeitpunkt seiner „Erfindung“ eine neue Spielidee darstellte: „I am sure that there might have been early ideas about this kind of activity hundred years ago…“ (1955, 1). Für den anerkannten deutschen Sporthistoriker Carl DIEM liegt die ursprüngliche Idee des Volleyballspiels sogar noch deutlich weiter in der Kulturgeschichte zurück: „Der Spielgedanke eines Parteienspiels auf einem durch eine Grenzlinie halbierten Platz, auf dem ein Ball hin- und hergeschlagen wird, ohne daß er den Boden berühren darf, ist wahrscheinlich zu allen Zeiten ausgeführt worden“ (1971b, 769).
Dadurch wird der Hintergrund von RENSONS Aussage klar: Es wird nicht bezweifelt, dass die Person William G. Morgan für die Entstehung des modernen Volleyballspiels verantwortlich war. Dies kann historisch eindeutig belegt werden. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob das Volleyballspiel zum Zeitpunkt seiner Entstehung im ausgehenden 19. Jahrhundert als „Erfindung“ gewertet werden kann, oder ob William G. Morgan eine alte Spielidee nur modernisiert hat. Diese Frage wiederum kann nur geklärt werden, indem man überprüft, welche dem Volleyballspiel ähnlichen Spielformen es vor und zu Morgans Zeit bereits gegeben hat. Deshalb werde ich zunächst im zweiten Kapitel erörtern, welche die Grundelemente des Volleyballspiels sind, um daraufhin zu verfolgen, ob diese Grundelemente bereits früher in der Geschichte der Ballspiele nachzuweisen sind. Zu diesem Zweck werde ich einen kurzen Überblick über das Leben und Wirken des vermeintlichen „Erfinders“ William G. Morgan geben. Es erscheint sinnvoll, gerade seine Gedanken zur Genese des Volleyballspiels zu durchleuchten, um dem ursprünglichen Spielgedanken auf die Spur zu kommen. Morgan wurde bereits zu Lebzeiten von vielen Seiten vorgeworfen, das von ihm entworfene Volleyballspiel sei keine Erfindung im eigentlichen Sinne (vgl. BRANDEL 1988, 17). Er hat jedoch immer erklärt, dass die Idee des Volleyballspiels von 4 USVBA: United States Volleyball Association (Amerikanischer Volleyballverband).
Einführung in das Thema 4
ihm stamme. So soll er folgendes gesagt haben: „Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich zu keiner Zeit Kenntnis hatte von einem Spiel, das ähnlich wie Volleyball sein sollte“ (in BRANDEL 1988, 17-18). An dieser Stelle wird ein Problem der Untersuchung deutlich: Es sind keine von William Morgan persönlich verfassten Texte mehr verfügbar. Da Morgans Äußerungen über das Spiel und seine Motive zum Entwurf dieses Spiels nur in Sekundärliteratur erhalten ist, sollen weitere Quellen zur Klärung der Frage herangezogen werden. Deshalb werde ich die ursprünglichen Spielregeln vorstellen und genau auswerten, um präzise Aussagen über den ursprünglichen Gedanken bzw. die Grundelemente des Volleyballspiels bei seiner Erfindung treffen zu können.
Nach Klärung der Grundelemente des Volleyballspiels werde ich im dritten Kapitel dieser sporthistorischen Arbeit versuchen zu ermitteln, wie, wo und wann diese Elemente entstanden sind und wie sie sich im Laufe der Zeit in verschiedensten Ausprägungen entwickelt haben. Deshalb wird in diesem Kapitel die über Jahrtausende zurückzuverfolgende Geschichte des Ballspiels im Mittelpunkt stehen. In diesem Rückblick auf die Geschichte werde ich natürlich nicht alle Arten von Ballspielen beschreiben, um die Wurzeln des Volleyballspiels nachzuzeichnen. Die Eingrenzung wird sinnvollerweise dahingehend erfolgen, dass nur die dem Volleyballspiel verwandten Spielformen näher erläutert werden. Dieses Kapitel 3 stellt den Schwerpunkt meiner Arbeit dar.
In einem Exkurs in Kapitel 3.4.3 werde ich dann – ausgehend vom ursprünglichen Volleyballspiel – einen kurzen Überblick über die Verbreitung und weitere Entwicklung des Volleyballspiels geben. Ziel dieser Arbeit kann nicht eine lückenlose Darstellung der globalen Verbreitung des Volleyballspiels sein. Vielmehr sollen hier einzelne Aspekte wie die Bedeutung der ersten Regeländerungen betont werden. Wie bei fast jedem Spiel gab es auch beim Volleyballspiel von Zeit zu Zeit Regelveränderungen bzw. verschiedene geografische Ausprägungen von Spielregeln. Diese sollen exemplarisch vorgestellt und ihre Hintergründe beleuchtet werden. Um die weltweite Verbreitung und Entwicklung des Volleyballspiels
Einführung in das Thema 5
nachzuvollziehen, erwies sich ein persönlicher Besuch des Weltvolleyballverbandes FIVB in Lausanne am 4. Juni 2004 als sehr hilfreich. 5 Diese 1947 gegründete Institution ist hauptverantwortlich für die globale Vereinheitlichung der Spielregeln, eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung und weltweite Verbreitung des Volleyballspiels von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute. Anlässlich meines Besuchs beim FIVB wurde mir u. a. eine zum 100-jährigen Jubiläum des Volleyballspiels 1995 erschienene Festschrift überreicht. Diese von der FIVB selbst herausgegebene Festschrift 100 Years of global Link stellt eine umfassende Quellensammlung dar, die einen guten Überblick über die Verbreitung und Entwicklung des Volleyballspiels auf der ganzen Welt von 1895-1995 gibt.
Zur weiteren Information über die Entwicklung des Volleyballspiels diente ein Experteninterview mit Manfred Kindermann, das ich am 23.8.2004 mit ihm in Münster geführt habe. Eine Verschriftlichung der für meine Arbeit relevanten Teile des Interviews ist im Anhang der Arbeit zu finden. Kindermann war von 1969 bis zum Jahre 2003 als Dozent am Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster tätig. Seine Schwerpunkte waren neben der Pädagogik und Didaktik der Leibeserziehung vor allem die Trainingslehre des Volleyballs. Er stand 71 Mal als Spieler im Aufgebot der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft und fungierte 1972 bei den Olympischen Spielen in München als Bundestrainer der deutschen Volleyball-Herren.
Das übergreifende Ziel dieser Arbeit wird es also sein, die Entstehung des Volleyballspiels und seine Entwicklungsgeschichte kritisch zu beleuchten. Der Schwerpunkt liegt dabei ganz klar auf der Frage nach der Urheberschaft, die bezüglich der Genese des Volleyballspiels zu klären ist. Mit dieser Zielsetzung soll die Vorgeschichte des Volleyballspiels eingehend untersucht werden. Als erhofftes Ergebnis möchte ich in Anlehnung an Professor 5 Nach einer Kontaktaufnahme per E-Mail, in der ich das Thema meiner Arbeit beschrieb, bekam ich eine Einladung, dem Sitz des FIVB in Lausanne am 4.6. 2004 einen Besuch abzustatten. Nach dem Empfang beim FIVB suchte ich die Bibliothek des Internationalen Olympischen Komitees auf (Bibliothèque du CIO, Comité International Olympique), um weitere französisch- und englischsprachige Literatur zu meinem Thema zu sammeln.
Einführung in das Thema 6
RENSONS Aufsatz The Roots of the game of Korfball - a Genealogy zu einer Genealogie des Volleyballspiels gelangen.
1.2 Forschungsstand und Literaturauswahl
Den theoretischen Hintergrund für diese Arbeit liefern einige Werke, die sich nicht ausschließlich mit dem Volleyballspiel beschäftigen. Hier ist vor allem der 2003 veröffentlichte Aufsatz The Roots of the game of Korfball - a Genealogy von Roland RENSON zu nennen. Er beschreibt die Vorgeschichte und die Entwicklungslinien der Entstehung des Korfballspiels und verfolgt somit einen ähnlichen Ansatz wie die vorliegende Arbeit. Wichtige historische Hintergrundinformationen über den Zeitraum der Entstehung des Volleyballspiels in den USA habe ich vor allem aus dem von John Allan KROUT 1929 herausgebrachtem Werk Annals of American Sport entnommen. Des Weiteren ist Hajo BERNETTS einflussreicher Aufsatz Die „Versportlichung“ des Spiels – dargestellt am Exempel der Entwicklung des Faustballspiels (1984) zu nennen. BERNETT beschreibt hier, wie das im ausgehenden 19. Jahrhundert erfundene Faustballspiel sich vom Schul- und Turnspiel zu einer Sportform entwickelt hat, bei der der moderne Wettkampfgedanke im Vordergrund steht. Die „Versportlichung“ des Spiels stellt er als übergreifende Veränderung dar, die nicht nur das Faustballspiel beeinflusst hat. Es wird zu klären sein, ob sich ähnliche Entwicklungstendenzen in der Genese des Volleyballspiels nachweisen lassen. Ein weiteres wichtiges Werk, das eine gute Grundlage zur – für diese Arbeit notwendige – Abgrenzung von Spiel und modernem Sport bietet, ist From Ritual to Record - The Nature of Modern Sports (1978) von Alan GUTTMANN.
Zur über 100-jährigen Entwicklungsgeschichte des Volleyballspiels und zur Jahrtausende alten Vorgeschichte ist bereits viel geschrieben worden. Es gibt einige recht aktuelle und umfassende Sportartgeschichten für das Volleyballspiel, die einen guten Gesamtüberblick über seine Entwicklungsgeschichte liefern und einige wichtige Quellen zusammengetragen haben. Jedoch fehlt zumeist der genaue Nachweis dieser
Forschungsstand und Literaturauswahl 7
Quellen, weshalb diese Bücher als eher populärwissenschaftlich zu charakterisieren sind. In diese Kategorie fallen die Volleyball-Weltgeschichte (1988) von Christian BRANDEL und das 1995 veröffentlichte Buch von Klaus HELBIG Volleyball in Deutschland – Geschichte und Geschichten. Auch die zum 100-jährigen Jubiläum des Volleyballspiels vom FIVB herausgegebene Festschrift 100 Years of global Link hat einige wichtige historische Dokumente gesammelt und liefert einen guten internationalen Gesamtüberblick über die Entwicklung des Volleyballspiels. Dennoch ist auch dieses Buch aufgrund des unvollständigen Quellennachweises als populärwissenschaftlich zu kennzeichnen. Eine recht aktuelle, wissenschaftlich fundierte und ausführliche Beschreibung der Geschichte des Volleyballspiels von seiner Geburtsstunde 1895 an liefert die 1998 an der Deutschen Sporthochschule Köln verfasste, unveröffentlichte Diplom-Arbeit von Ulrike BLAICH: Volleyball in der olympischen Bewegung. Etwas älteren Datums ist eine weitere unveröffentlichte Diplomarbeit an der Deutschen Sporthochschule Köln, die sich mit der Geschichte des Volleyballspiels auseinandersetzt: Volleyball nun im Programm der Olympischen Spiele – vom einfachen Partnerspiel zum internationalen Mannschaftsspiel wurde von Peter RICHTER im Jahre 1962 verfasst.
Darüber hinaus gibt es einige gute wissenschaftliche Veröffentlichungen sowohl zur Vorgeschichte des Volleyballspiels als auch zu seiner Entwicklung seit 1895. Zuallererst ist hier die 1969 in Leipzig veröffentlichte Dissertation von Dieter SCHEIDEREIT zu nennen: Die Entwicklung des Volleyballspiels. Eine Studie über die sportlich-leistungsmäßige Entwicklung eines Ballspieles als Beitrag zur Trainingslehre und zur Geschichte der Sportspiele. Hier wird sowohl die Vorgeschichte des Volleyballspiels als auch seine Entwicklung zum Sportspiel umfassend untersucht. Einen ähnlichen Ansatz wie SCHEIDEREIT verfolgen, wenn auch in bescheidenerem Rahmen, zwei aktuellere Aufsätze: der 1985 veröffentlichte Aufsatz von Volker NAGEL Volleyball – Eine spielgenetische Betrachtung und der 1987 veröffentlichte Aufsatz von Giselher SPITZER 90 Jahre Volleyballspiel – Kennzeichen und Ursachen seiner Versportlichung. Mein Dank gilt an dieser Stelle Professor Roland RENSON für die Zusendung einer an seiner Hochschule im belgischen
Forschungsstand und Literaturauswahl 8
Leuven zum 100-jährigen Jubiläum des Volleyballspiels unter seiner Betreuung entstandenen Arbeit: Ontstaan en Ontwikkeling van de Volleybalsport in Belgie (Entstehung und Entwicklung des Volleyballsports in Belgien) von Patricia WAERNIERS (1995). Dieses Buch war mir eine wichtige Quelle, da im einleitenden Teil genaue Informationen über die Geburtsstunde des Volleyballspiels, seine ursprünglichen Regeln und das Leben von William G. Morgan gegeben werden. Meinen besonderen Dank möchte ich meiner guten Freundin Marijke Kenkhuis aussprechen, die freundlicherweise eine Übersetzung ins Deutsche dieses in flämischer Sprache verfassten Buches zusammen mit mir erstellte.
Einen guten weltweiten historischen Überblick über Ballspiele im Allgemeinen bietet Siegfried MENDNERS umfassende Quellensammlung Das Ballspiel im Leben der Völker von 1956. Daher stellt dieses Buch eine wichtige Grundlagenliteratur für die Vorgeschichte des Volleyballspiels dar. Diese konnte ich sinnvoll mit einem an der Deutschen Sporthochschule Köln erhältlichen undatierten Manuskript von Erwin MEHL ergänzen: Die Weltgeschichte der Ballspiele. Darüber hinaus waren verschiedenste Werke für die Beschreibung der Volleyball-Vorläuferspiele wichtig: Die Weltgeschichte des Sports von Carl DIEM (1971) in 2 Bänden, ein umfassendes Werk von über 1200 Seiten, erwies sich als sehr hilfreiche Quelle, um Genaueres über die Geschichte der Vorläuferspiele des Volleyballs - wie z.B. „jeu de paume“ oder das Federballspiel – in den verschiedenen Epochen auf der ganzen Welt zu erfahren. Wichtige Hinweise nicht nur für die deutschen Spiele lieferte ein klassisches Werk der deutschen Körperkultur: das Buch Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes von J. C. F. GUTSMUTHS (1796). Hier finden sich unter anderem ausführliche Beschreibungen des italienischen Pallone und des Federballspiels. Der 1901 publizierte 3. Band des Handbuchs der Ballspiele mit dem Titel Die Rückschlagspiele von Hermann SCHNELL bietet ebenfalls detaillierte Beschreibungen von Spielen wie Pallone, Faustball und Tamburinball. Allerdings erschwerte ein Kopierverbot die Arbeit mit diesem Buch, das ich per Fernleihe nach Münster bestellt hatte. Alte Regelhefte der deutschen Turnspiele erwiesen sich dagegen als hervorragende Primärquellen.
Forschungsstand und Literaturauswahl 9
Sehr hilfreich war das 1929 von Heinrich FEY veröffentlichte Buch Vier Ballspiele: Faustball, Trommelball, Prellball und Ball über die Schnur. Auch das von den beiden deutschen Turninspektoren August HERMANN und Fritz SCHRÖDER verfasste Handbuch der Bewegungsspiele für Mädchen (8. Auflage 1922) weist ebenso wie das Buch Turnspiele von KOHLRAUSCH & MARTEN von 1909 detaillierte Beschreibungen und Regelwerke sowohl von den deutschen Turnspielen als auch vom Lawn-Tennis auf. Ein vom historisch bedeutenden „Zentralausschuß zur Förderung der Volks- und Jugendspiele in Deutschland“ 1910 in sechster Auflage herausgegebenes Regelheft für Tamburinball war eine gute Primärquelle, um den Spielgedanken dieses Turnspiels herauszustellen, der sich vom Wettkampfgedanken moderner Sportspiele deutlich unterscheidet.
Ferner war für meine Arbeit die Recherche in Volleyballzeitschriften hilfreich. Allerdings ist die Zahl der Veröffentlichungen zu entwicklungsgeschichtlichen Aspekten des Volleyballspiels eher gering, da viele dieser Zeitschriften wie z. B. das Volleyball-Magazin oder Lehre & Praxis Volleyball eher über Spielergebnisse berichten oder spezifische Trainingsmöglichkeiten vorstellen. Hier stellt das Jahr 1995, das 100-jährige Jubiläum des Volleyballspiels, eine Ausnahme dar: In diesem Jahr sind in Volleyballzeitschriften einige Veröffentlichungen zu finden, die sich explizit mit der Entwicklungsgeschichte des Volleyballspiels beschäftigen. In der Zeitschrift International Volley Tech gibt Berthold FRÖHNER 1995 eine Retrospektive auf 100 years of volleyball. In derselben Ausgabe ist ein Aufsatz von Pierre BERJAUD, dem langjährigen Vorsitzenden der Regelabteilung des FIVB, zur Entwicklung der Spielregeln des Volleyballspiels zu finden. Ein viel beachteter Aufsatz von HUßMANN und KOMMA ist in der Zeitschrift Volleyball von 1975 erschienen: Die Entwicklung des Volleyballspiels vom Freizeitspiel zum internationalen Wettkampfsport. Anhand der Veränderung der Spielregeln wird hier die Entwicklungsgeschichte des Volleyballspiels aufgezeigt.
Die Recherche in alten Turnzeitschriften brachte ebenfalls einige Zusammenhänge der Entwicklung des Volleyballspiels in Deutschland ans
Forschungsstand und Literaturauswahl 10
Licht. Hier möchte ich vor allem das Heft 23 der Deutschen Turnzeitung aus dem Jahre 1937 herausstellen. In diesem Heft wird ein Spiel als „volkstümliches Prellballspiel“ dargestellt, das deutliche Ähnlichkeiten mit dem uns bekannten Volleyballspiel hat.
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2 Anfänge des Volleyballspiels
In diesem Kapitel werde ich auf die Genese des Volleyballspiels im ausgehenden 19. Jahrhundert eingehen, um die grundlegenden Prinzipien des Volleyballspiels herauszustellen. Die Fachliteratur ist geteilter Meinung bei der Frage, welcher Spielgedanke dem Volleyballspiel bei seiner Entstehung zu Grunde lag. Erneut sind hier vor allem die Volleyball-Lehrbücher und Sportenzyklopädien zu nennen, die Volleyball zum Zeitpunkt seiner Entstehung als „recreational game“ (HOLMAN 2001, 1242), also als Freizeit- und Erholungsspiel ansehen. Aus diesem Freizeitspiel sei dann im Laufe der Zeit ein Wettkampfsport geworden. Giselher SPITZER (1987, 19) ist nicht der einzige, der das anders einschätzt: Er sieht ganz klar den „Wettkampfcharakter“ und den „sportlichen Geist“, in dem das Volleyballspiel bereits in seiner Anfangszeit gespielt wurde. Die Schwierigkeit der Beantwortung dieser Frage spiegelt sich u. a. darin wider, dass sich selbst anerkannte Volleyballfachleute wie Pierre BERJAUD nicht für einen bestimmten Spielgedanken des ursprünglichen Volleyballspiels festlegen wollen: „It [Volleyball in the beginning stage] could be regarded as a game or a sport as well as an educational or recreational activity“ (1995, 10).
In Kapitel 2.2 werde ich versuchen, eine Lösung dieser Streitfrage zu präsentieren, um eine für diese Arbeit wichtige detaillierte Charakterisierung des ursprünglichen Volleyballspiels vornehmen zu können. Zunächst möchte ich die Hintergründe der Entstehung des Volleyballspiels dadurch beleuchten, dass ich an dieser Stelle die wenigen Literaturbeiträge über die Person Morgans zusammenfasse.
2.1 William G. Morgan
William G. Morgan wurde am 23. Januar 1870 in Lockport im Staate New York geboren (vgl. WAERNIERS 1995, 36). Sein Vater George Henry Morgan kam gebürtig aus Wales und war Inhaber einer Schiffswerft, bei der William schon mit 14 Jahren arbeitete. Doch diese Tätigkeit erfüllte ihn nicht so recht
William G. Morgan 12
(vgl. BRANDEL 1988, 16), so dass er sich entschied, die Mount Herman School, eine weiterführende Schule in Massachusetts, zu besuchen. Hier lernte er nicht nur seine spätere Ehefrau Mary King kennen, sondern machte auch im Jahre 1891 die Bekanntschaft des Sportlehrers James Naismith, wie WAERNIERS (1995, 36) beschreibt. Naismith trainierte die Footballmannschaft der Schule, in der Morgan, ein kräftiger Mann von 1,90 m Größe (vgl. FIVB (Hrsg.) 1996, 16), die Center-Position spielte. James Naismith war zu dieser Zeit auf der Suche nach einem adäquaten Wintertraining für seine Footballspieler. Auf gefrorenem Rasen bei Minusgraden war das Footballspiel nicht gerade eine Freude für seine Spieler, und bisher wurde im Winter in der Halle nur Gymnastik betrieben, bei dem die Footballspieler den Wettkampfgedanken vermissten, wie WAERNIERS (1995, 35) darstellt: „In de winter stond toen voornamelijk gymnastiek op het programma. Bij het gymnastiekwerk misten de Noordamerikanen echter het competitie-element, dat diep geworteld zat in hun maatschappij“.
1892 veröffentlichte Naismith die Regeln eines Spiels, das er anscheinend bewusst als Gegenpart zum American Football entwickelt hatte: das Basketballspiel. „Under the caption, ‘A New Game’ its rules first appeared in Triangle, the school paper of the Y.M.C.A. 6 Training College at Springfield, Massachusetts, in January 1892” (KROUT 1929, 266). Bei genauerem Hinsehen fallen einige Elemente des Basketballspiels auf, die meiner Ansicht nach genau der Anforderung entsprechen, ein Gegenpart zum American Football zu sein: Anstelle eines eiförmigen Spielgerätes sah Naismith einen Ball vor. Um zu punkten, musste dieser Ball in vergleichsweise kleine Körbe geworfen und nicht in eine relativ große Endzone transportiert werden. Es kam also mehr auf Genauigkeit als auf Kraft und Schnelligkeit an. Anstatt den Bodenkontakt des Spielgeräts wie beim American Football zu vermeiden, musste beim Basketball der Ball gedribbelt werden.
Der Erfinder des Basketballspiels, James Naismith, bewegte William G. Morgan dazu, sich bei ihm zum „physical director“, also zum Sportlehrer an 6 Young Men’s Christian Association. Entspricht dem deutschen CVJM (Christlicher Verein Junger Männer).
William G. Morgan 13
der „School for Christian Workers“ in Springfield/Massachusetts ausbilden zu lassen (vgl. BRANDEL 1988, 16). Dieses College war 1885 von der YMCA gegründet worden (vgl. WAERNIERS 1995, 34). Im Jahre 1892 (vgl. WAERNIERS 1995, 36) begann Morgan also an diesem College, das später unter dem Namen „Springfield College“ als Entstehungsort von Volleyball und Basketball in der ganzen Welt berühmt wurde, seine Ausbildung .
Morgans Ausbildung zum „physical director“ fiel in die wohl „bedeutendste Periode amerikanischer Leibeserziehung“ (BRANDEL 1988, 16), die im ausgehenden 19. Jahrhundert den Beginn der so genannten ‚Spielplatzbewegung’ (public playground movement) einläutete. In dieser Zeit wurden in den USA eine ganze Reihe von Mannschaftsspielen nicht nur erdacht und weiterentwickelt, sondern waren auch Gegenstand des Sportunterrichtes an Schulen und Colleges (vgl. BRANDEL 1988, 16). Somit war ein idealer Nährboden für ihre Verbreitung geschaffen. Hier ist eine Parallele zu der in Deutschland Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Spielbewegung zu erkennen, die zu einem deutlichen Aufschwung für Turnen, Spiel und Sport in Deutschland um die Jahrhundertwende führte (vgl. KRÜGER 1993a, 157). Dieser Aufschwung ging vor allem von der Gründung des „Zentralausschuß zur Förderung der Jugend- und Volksspiele“ im Jahre 1891 in Berlin aus. Dieser Ausschuss machte es sich zur Aufgabe, über Werbetätigkeiten Geldmittel „für Spielplätze, -hallen, -geräte, zur Durchführung von Spiellehrgängen und zur Herausgabe von Schriften“ zu beschaffen (RÖTHIG et al. (Hrsg.) 2003, 487). „Das Spielgut wird nun propagiert und methodisiert, geordnet und kodifiziert“ (BERNETT 1984, 144). So war es möglich, dass in Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert Turnspiele wie Faustball, Tamburinball oder Ball über die Schnur entworfen wurden und ziemlich bald eine weite Verbreitung und Popularität erlangten.
Nach zweijähriger Ausbildung ging Morgan als 24-jähriger Sportlehrer im Jahre 1894 zunächst für ein knappes Jahr an das YMCA-College in Auburn/Maine (vgl. WAERNIERS 1995, 36). Im Sommer des Jahres 1895 kehrte er dann nach Massachusetts zurück, um am YMCA-College in Holyoke „neben anderen Sportarten auch das Basketballspiel“ zu lehren
William G. Morgan 14
(SPITZER 1987, 12). Das Basketballspiel schien ihm ein hervorragender Sport für junge, belastbare Männer zu sein. Die Teilnehmer an seinen Abendkursen in Holyoke waren allerdings alles andere als in guter körperlicher Verfassung. Es waren zum Großteil Geschäftsleute, für die das Basketballspiel zu anstrengend und folglich mit einem zu hohen Verletzungsrisiko verbunden war. Deshalb erkannte Morgan die Notwendigkeit, seinen gestressten Geschäftsleuten ein nicht zu anstrengendes Spiel anzubieten, das ihnen die nötige Entspannung und Erholung bieten konnte: „The middle-aged businessmen, who had neglected physical exercise for several years, should have a mild type of sport“ (DHANARAJ 7 1991, 1).
Dabei kam ihm zunächst Lawn-Tennis in den Sinn, wovon er aber wegen der notwendigen Ausrüstung (Schläger, Netz, Bälle etc.) und den damit verbundenen Materialkosten abkam (vgl. SPITZER 1987, 12). Offensichtlich erschien ihm aber die Idee eines Rückschlagspiels über ein Netz sinnvoll, denn bei seinen ersten Experimenten mit dem neuen Spiel erhöhte er das Lawn-Tennis-Netz auf 6’6’’(ca. 1,98 m), so dass es einen durchschnittlich großen Mann gerade überragte (vgl. RAYNAL 1977, 10). Morgans Idee war es, zwei Mannschaften einen Ball über dieses hohe Netz hin- und herschlagen zu lassen. Da seine Kurse von einer großen Zahl von Teilnehmern besucht wurden, sollte das neue Spiel für möglichst viele Teilnehmer gleichzeitig spielbar sein (vgl. BRANDEL 1988, 16-17). Um es zu einem echten Spiel zu machen, legte Morgan einige erste Regeln fest (BRANDEL 1988, 17).
Schwierigkeiten gab es bei der Auswahl eines geeigneten Balles. Morgan probierte zunächst einen Basketball aus, der aber zu groß und zu schwer für ‚sein’ Rückschlagspiel war. Es traten Handverletzungen bei den Spielern auf. Deshalb versuchte er es mit der Blase eines Basketballs, die wiederum zu leicht war und zu langsam flog (vgl. IOC (Hrsg.) 1985, 5). Schließlich beauftragte er die Firma Spalding, die bereits für diverse Ballsportarten Bälle herstellte, einen weichen, kalbsledernen Ball mit einem Gewicht von etwa „9- 7 Der Inder Dr. Hubert DHANARAJ machte seinen Abschluss in „Physical Education“ am YMCA-College in Springfield, Massachusetts, um daraufhin Professor am YMCA-College für Leibeserziehung in Madras zu werden (vgl. DHANARAJ 1991, Einband des Buches).
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12 Unzen“ 8 (BRANDEL 1988, 17) zu produzieren. Diese Sonderanfertigung
eines Balles im Jahre 1895 (vgl. IOC (Hrsg.) 1985, 5) ermöglichte nun zur Freude von Morgan das zügige Hin- und Herschlagen des Balles ohne Verletzungsrisiko: „Ce ballon le satisfait“ (IOC (Hrsg.) 1985, 5).
Dadurch war der Grundstein für das neue Spiel gelegt, und die Begeisterung in Morgans Kursen für dieses Spiel wuchs von Tag zu Tag. William Morgan nannte ‚sein’ Rückschlagspiel „Mintonette“. Hierfür gibt es in der Fachliteratur die verschiedensten Interpretationen: SPITZER (1987, 13-14) versucht, den Namen etymologisch herzuleiten: „Mint“ bedeutete seinerzeit unter anderem „Versuch zu schlagen“ 9 , und bei dem Rest des Namens handele es sich „um einen Füllvokal und eine gefällige Endung ‚nette’.“ Andere Deutungen (TREVITHICK 1996, 1142) leiten Mintonette von Badminton ab, da es zunächst über ein Badminton-Netz gespielt worden sei. Eine weitere Variante ist, dass Morgan Mintonette „in Anlehnung an das von David McConaughy, einem Briten, in die USA gebrachte Rückschlagspiel Minton“ benannt haben soll (BRANDEL 1988, 17; ebenso in FIVB (Hrsg.) 1996, 16). Letztendlich kann keine dieser Deutungen exakt belegt werden, weil Morgan sich nicht explizit über die Beweggründe seiner Namensgebung geäußert hat. Die Antwort auf die Frage, warum Morgan ‚sein’ Spiel „Mintonette“ nannte, muss dadurch offen bleiben.
Die Experimente mit dem neuen Spiel wurden im YMCA-College in Holyoke weitergeführt, bis Morgan auf eine YMCA-Sportlehrerkonferenz in Springfield vom 07. Juli bis zum 16. Juli 1896 (vgl. FIVB (Hrsg.) 1996, 17) eingeladen wurde, um in einem Demonstrationsspiel von zwei Mannschaften ‚sein’ neues Sportspiel ‚Mintonette’ vorzustellen. Diese Einladung an das Springfield College war für Morgan als ehemaligen Absolventen natürlich eine große Ehre (vgl. BRANDEL 1988, 17), der er sehr gerne nachkam. Zwei Mannschaften bestehend aus jeweils fünf Spielern traten bei diesem Demonstrationsspiel 1896 vor den versammelten Konferenzteilnehmern gegeneinander an, und diese Demonstration gefiel den Anwesenden sehr (vgl. 8 Neun Unzen entsprechen 255 g, zwölf Unzen 340 g.
9 Das etymologische Wörterbuch Oxford English Dictionary Online, new edition 2002 führt “an attempt to strike” als dritte von 4 Bedeutungen für das Substantiv “mint“ auf.
William G. Morgan 16
FIVB (Hrsg.) 1996, 17). Kurz nach dieser Vorführung bekam das Spiel seinen neuen Namen – nicht etwa von Morgan selbst, dem nachgesagt wurde, alles andere als ein guter Redner zu sein (vgl. FIVB (Hrsg.) 1996, 17), sondern von Alfred T. Halstead, einem Lehrer am Springfield College. Nachdem Halstead das Demonstrationsspiel beobachtet hatte, stellte er fest, „daß es aussehe, als ob die Spieler den Ball über das Netz hin und her fliegen ließen und da der Ball nach den Regeln ständig im Flug (englisch:
volley) gehalten werden müsse, sollte man das Spiel […] lieber Volleyball nennen“ (BRANDEL 1988, 17).
Morgan war mit dieser Umbenennung einverstanden (vgl. FIVB (Hrsg.) 1996, 17). Das Volleyballspiel war unter seinem bis heute bekannten Namen geboren.
Nur kurze Zeit nach der Entwicklung und Vorstellung seines ‚neuen’ Spieles verließ Morgan die YMCA-Bewegung und nahm einen kaufmännischen Beruf auf (vgl. SPITZER 1987, 12). Es gibt keine Hinweise darauf, dass Morgan die Entwicklung des von ihm entworfenen Spieles weiter beeinflusste, die einen äußerst dynamischen Verlauf nahm und von vielen Regeländerungen gekennzeichnet war (siehe Kapitel 3.4.3). Eine vergleichbare Situation findet sich in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Faustballspiels. Der Begründer Georg Heinrich WEBER nahm zunächst keinen Einfluss mehr und äußerte sich erst wieder im hohen Alter nach einigen Jahren rasanter Regel- und Spielentwicklung im Faustballspiel. Dabei kritisierte er die Veränderung seines Spieles zum Sportspiel aufs heftigste (vgl. BERNETT 1984, 153). Vergleichbare Äußerungen von Morgan über die Weiterentwicklung des Volleyballspiels sind hingegen nicht nachzuweisen. Die Frage, ob Morgan seinem Spiel möglicherweise lieber eine andere Entwicklungsrichtung gegeben hätte, bleibt offen. Am 28. Dezember 1942 starb William G. Morgan im Alter von 72 Jahren (vgl. WAERNIERS 1995, 36).
17
2.2 Mintonette
Im Folgenden werden die ursprünglichen Spielregeln mit dem Ziel analysiert, die Grundelemente des Volleyballspiels definieren zu können. Als theoretischer Hintergrund für die Analyse der ersten Regeln des Volleyballspiels soll hier Alan GUTTMANNS Werk From Ritual to Record - The Nature of Modern Sports (1978) dienen, weil es eine sinnvolle Abgrenzung von Spiel und Sport bietet.
Abbildung 2: Abgrenzung von Spiel und Sport (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an GUTTMANN 1978, S. 9).
Warum ist es wichtig, an dieser Stelle Spiel und Sport zu definieren? Die Volleyball-Literatur ist geteilter Meinung darüber, ob das Volleyballspiel als reines Freizeitspiel oder als Sportspiel entstanden ist (siehe Kapitel 2). Um diese Frage entscheiden zu können, muss man also zunächst darüber Klarheit gewinnen, was ein Spiel zu einem Freizeitspiel und was es zu einem Sportspiel macht. Hier erweisen sich GUTTMANNS Ausführungen (1978, 1-14) als äußerst hilfreich, die in der Abbildung 2 als Überblick zusammengefasst sind. Hieraus lässt sich ablesen, dass es der Wettkampfgedanke („contest“) ist, der ein Sportspiel von einem Freizeitspiel unterscheidet (vgl. auch RÖTHIG et al. (Hrsg.) 2003, 538). Wäre das Volleyballspiel also ein Sportspiel, so würde es unter die Kategorie „physical contests (SPORTS)“ fallen. Wäre es hingegen ein Freizeitspiel, so fiele es unter die „noncompetitive games“, also die Spiele ohne Wettkampfgedanke. Im Folgenden sollen die ersten Spielregeln genau
Arbeit zitieren:
Studienreferendar Lars Friese, 2004, Genese und Genealogie des Volleyballspiels, München, GRIN Verlag GmbH
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