0. Einleitung
In Hagen von Tronje begegnet uns die vielleicht widersprüchlichste Figur der mittelalterlichen Literatur. Seine Beurteilung spaltet die Leserschaft des Nibelungenliedes in zwei Lager. Die einen bewundern seinen Mut und seine Konsequenz, die sich positiv von der Schwäche und dem Wankelmut der burgundischen Könige abheben und ihn zur stärksten Persönlichkeit an diesem Hof machen. Die anderen sehen in ihm nichts weiter als einen Schurken, den hinterhältigen Mörder Siegfrieds.
In der bildenden Kunst finden sich viele Darstellungen, die dieser negativen Sichtweise Rechnung tragen: Hagen als der Verschlagene, dessen finsteres und heimtückisches Wesen sich nicht nur in seiner Mimik und Gestik (gebückter Gang, grimmiger Blick, heimliche Blicke über die Schulter) sondern auch in seiner meist dunkel gehaltenen Kleidung äußert und ihn somit in starken Kontrast zu Siegfried, der Lichtgestalt, setzt. Zuweilen besteht sogar eine vage Ähnlichkeit Hagens mit dem Urbild des Verräters, Judas. Allerdings zeigt sich der oben angedeutete literaturkritische Dissens in der Interpretation seiner Rolle auch hier: den negativen Darstellungen stehen positive gegenüber, die ihn als „christlichen Ritter“ 1 oder als „Inkarnation heroischer und martialischer ‚Tugenden’“ 2 zeigen. Wie soll man diese Uneinigkeit verstehen?
Es braucht nicht eigens erwähnt zu werden, dass viele literarische Figuren nach ihrem ersten Erscheinen in der Literatur von den Schriftstellern späterer Jahrhunderte gerne in den unterschiedlichsten Kontexten und Ausformungen wiederaufgenommen werden. Die neuen Gestaltungen weisen dann aber in aller Regel trotz verschiedener Abweichungen von der Vorlage doch noch einige markante Charakterzüge auf, die an das Vorbild erinnern bzw. dazu dienen, sie einem bestimmten Typus zuzuordnen. Betrachtet man die Beurteilung Hagens in der Rezeption durch die Leser bzw. durch die Künstler, stößt man, wie oben schon erwähnt, auf eine ungewöhnliche Heterogenität. Ist diese dadurch zu erklären, dass die literarische Vorlage, also das Nibelungenlied, in diesem Bereich besonders viel Interpretationsspielraum lässt? Ist Hagen hier etwa ein „Mann ohne Eigenschaften“, dessen Figur je nach Belieben in diese oder jene Richtung hin gedeutet werden kann?
1 Wappenschmidt, Heinz-Toni: „Nibelungenlied und Historienmalerei im 19. Jahrhundert. Wege der
Identitätsfindung“, in: Heinzle, Joachim/ Waldschmidt, Anneliese: „Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein
deutscher Alptraum“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 1991, S. 222
2 Mattausch, Roswitha/ Schmidt-Linsenhoff, Viktoria, zitiert in: ebd. S. 222
2
Ich möchte im Folgenden die Rolle Hagens im Nibelungenlied darstellen. Dazu soll zunächst seine Funktion am burgundischen Königshof im ersten Teil unter Berücksichtigung seiner charakterlichen Besonderheiten untersucht werden. Danach soll seine Funktion im zweiten Teil erforscht und den vorhergehenden Untersuchungen gegenübergestellt werden. Anschließend wird die Frage nach der Ursache der Widersprüchlichkeit dieser Figur vor dem Hintergrund der Ergebnisse dieser Untersuchungen erörtert. Die Einteilung des Nibelungenlieds in einen ersten (bis zum Hortraub nach dem Tod Siegfrieds) und einen zweiten Teil (von der Brautwerbung Etzels bis zum Untergang der Nibelungen) erfolgt in Übereinstimmung mit der gängigen Forschungsliteratur.
I. Hagen von Tronje - Charakter und Status
Hagen von Tronje erscheint bereits der in der ersten aventiure des Nibelungenlieds bei der Einführung der wichtigsten Persönlichkeiten des Burgunderhofes. Sein Name wird in einem Atemzug mit dem der königlichen Gefolgsleute - seinem Bruder Dankwart, Ortwin von Metz, Volker von Alzey und den Grafen Gere und Eckewart - genannt 3 . Er erscheint hier also als bloßer Vasall der burgundischen Herrscher. Im Laufe des Geschehens stellt sich jedoch bald heraus, dass er nicht nur ein wichtiger Berater der Könige ist, auf dessen geistige Fähigkeiten sie angewiesen sind, sondern dass er sogar mit ihnen verwandt ist. Nicht zuletzt dank dieser Bindung genießt er das volle Vertrauen des Königshauses, weshalb Kriemhild ihm als ihrem „PkF“ auch das Geheimnis von Siegfrieds Verwundbarkeit anvertraut 4 . Ausschlaggebend für seine Sonderstellung am Hof sind aber vor allem seine strategische Begabung und sein Wissen.
Auch in seinem Äußeren sticht Hagen in für das Nibelungenlied bemerkenswerter Weise von den anderen Personen ab. Zwar entsprechen seine schöne Gestalt 5 und sein Gang 6 dem Idealbild eines Ritters. Dennoch flößt er seinen Mitmenschen keine Sympathie ein. Schuld daran ist wohl sein schrecklicher Blick - ÄXQGHLVOvFKVHLQJHVLKHQH“ 7 - vor dem sich vor allem die Frauen fürchten. Die Tochter Rüdigers wechselt vor Angst die Farbe, als sie ihn,
3 „Das Nibelungenlied“, nach d. Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor, Reclam, Stuttgart, 1997, 9,1-4. Im
Folgenden wird das Nibelungenlied durch die Abkürzung „NL“ ersetzt.
4 ebd., 898
5 „mit schoenem libe“; ebd., 413; auch: „der helt was wol gewahsen“ (...), „grôz was er zen brusten“, (...) „diu
bein wâren im lanc“; ebd., 1734, 1-4
6 ebd., 1734
7 ebd., 1734, 4
3
den sie von Anfang an „YRUKWOvFK“ 8 findet, küssen muss 9 . Bei der Dienerin Brunhilds hinterlässt er einen ähnlichen Eindruck. Dies liegt daran, dass sich in Hagens Äußerem, genauer gesagt, in seinen Augen, die Seite seines Charakters spiegelt, die in der Folgezeit Eingang in die negativen Hagen-Darstellungen gefunden hat: sein Grimm und seine finsteren Pläne.
XQGGRFKPLWVFKRHQHPOvEH
YRQVZLQGHQVvQHQEOLFNHQ
HULVWLQVvQHQVLQQHQ
Er stellt somit das Gegenbild zu dem jungen, fröhlichen Siegfried dar, der im wahrsten Sinne des Wortes als „bildschön“ beschrieben wird:
VDPHUHQWZRUIHQZDHUH
GD]PDQKHOWGHKHLQHQ
Noch eine zweite wichtige Eigenschaft Hagens tritt in seinem Äußeren zutage. Im Gegensatz zu Siegfried oder auch Giselher, der ja oft den Beinamen ÄGD]NLQW³ trägt, ist Hagen ein älterer Mann, dessen Haar schon teilweise ergraut ist 12 . Dadurch soll seine Weisheit in den Vordergrund gerückt werden 13 . Diese „Tugend“ steht in jedoch in seltsamem Kontrast zu den beiden wohl markantesten Eigenschaften Hagens, mit denen er zu Beginn des
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Nibelungenliedes charakterisiert wird: seiner ÄEHUPHWH³ und seiner ÄKRFKYHUWH³ , also
seinem Übermut und seiner Überheblichkeit. Beides sind Untugenden, die nicht nur dem höfischen Ethos widersprechen, sondern die man auch eher einem jungen, unerfahrenen Ritter zuschreiben würde, da sie nicht so recht zu einem welterfahrenen Höfling passen wollen.
8 ebd., 1665, 4
9 ebd., 1666, 1-2
10 ebd., 413
11 ebd., 286, 1-4
12 ebd., 1734,3
13 Mackensen, Lutz: „Die Nibelungen. Sage, Geschichte, ihr Lied und sein Dichter“, Dr. Ernst Hauswedell &
Co., Stuttgart, 1984, S. 143
14 NL, 53
4
I.2. Funktion am Königshof I.2.1. Der Berater
Nichtsdestotrotz ist Hagen der wichtigste Berater des Königs. Dies zeigt sich schon bei der Ankunft Siegfrieds, als die Burgunden auf seine Kenntnisse zurückgreifen müssen, um den neuen Gast überhaupt identifizieren zu können. Gunther lässt nach Hagen schicken, denn
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Ä'HPVLQWNXQWGLXUvFKH XQGRXFKGLXYUHPGHQODQW³
Dieser erkennt Siegfried, ohne ihn jemals zuvor gesehen zu haben. Außerdem kennt Hagen Siegfrieds Geschichte und kann daher angemessen auf ihn reagieren: das Wissen um die Unbesiegbarkeit des Xantener Königssohns lässt ihn jeglichen Streit mit ihm vermeiden; das Wissen um seine Charaktereigenschaften machen es ihm in der Folgezeit leicht, Siegfried im Sinne der Burgunden zu manipulieren, ja, es erleichtert am Ende sogar die Durchführung des Mordplans.
Hagens Stärke wird durch die Schwäche seines Herrschers unterstrichen. Diese zeigt sich vor allem bei der Kriegserklärung der Sachsen: während Gunther von dieser niederschmetternden Nachricht wie gelähmt scheint 16 , reagiert Hagen geistesgegenwärtig. Er schätzt die Lage -anders als beispielsweise Gernot - zu Recht als bedrohlich ein und denkt im Gegensatz zu den anderen sofort daran, Siegfried, den Krieger mit den übermenschlichen Kräften, um Hilfe zu bitten. Mehrere Stellen im Nibelungenlied beziehen sich auf Gunthers Schwäche: sein Unvermögen, Brunhild zu unterwerfen 17 ; sein Wankelmut, der ihn trotz anfänglichen Widerstrebens zunächst in das Mordkomplott gegen Siegfried 18 und später in den Plan des Hortraubes einwilligen lässt 19 . Hier erscheint Hagen als der eigentlich Handelnde. Nicht umsonst steht er für viele Forscher im Mittelpunkt des Nibelungenliedes: in ihren Augen ist
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ÄGHU6WlUNVWHXQG7DSIHUVWHDP%XUJXQGHQKRI+DJHQXQGQLFKW*XQWKHU³
Hagen könnte seine Stärke ohne weiteres auch gegen die Könige einsetzen. Hier kommt aber eine seiner positiven Eigenschaften zum Tragen: seine Loyalität. Er hat seine Fähigkeiten
15 ebd., 82
16 ebd., 148 und 153
17 ebd., 637 ff.
18 ebd., 867
19 ebd., 1131
20 vgl. Saran, zit. in: Rollnik-Manke, Tatjana: „Personenkonstellationen in mittelhochdeutschen Heldenepen“,
Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M., 2000, S. 8
5
ganz in den Dienst der Könige gestellt. Sein gesamtes Handeln ist auf den Schutz und den Vorteil der burgundischen Herrscher ausgerichtet.
I.2.2. Der Intrigant
Im Nibelungenlied werden die eben genannten Eigenschaften Hagens - sofern sie überhaupt kommentiert werden - oft positiv bewertet, wie z.B. in indirekter Form durch den oben zitierten Ausspruch Ortwins über das Wissen und die Weltläufigkeit seines Onkels. Ganz anders verhält es sich mit dem Mord an Siegfried, für den die Beteiligten wiederholt kritisiert
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VROGHQLPPHUPDQJHSIOHJHQ³
Dass das Komplott gegen Siegfried vor allem durch Hagen vorangetrieben wird, betont der Dichter an mehreren Stellen. Als Hagen Brünhild weinen sieht, unterbreitet er ihr den Racheplan selbständig, ohne von ihr oder von den Königen darum gebeten worden zu sein 22 . Kurz danach versucht er, seine Herren für den Plan zu gewinnen. Als ihm das wegen Giselhers Widerstand nicht gelingt, beschränkt er sich in der Folge - als alle anderen seinen Vorschlag schon längst vergessen haben - auf Versuche, Gunther umzustimmen, wovon er sich (womöglich aufgrund von dessen Wankelmut) mehr Erfolg verspricht. Er setzt dabei auf zwei Argumente, die bei Gunther offensichtlich nicht ohne Wirkung bleiben: materieller Gewinn durch Siegfrieds Ländereien 23 und Rache für die Beleidigung der Königin 24 . Diese Hartnäckigkeit Hagens - das Nibelungenlied betont eindeutig, dass niemand außer ihm an dem Plan, Siegfried zu töten, festhält 25 - wirft die Frage nach seinem Motiv auf. Siegfried hat seine Unschuld durch seinen Eid bekräftigt 26 und Kriemhild für ihr Verhalten bestraft 27 . Die Beleidigung wurde somit gesühnt. Weshalb hält Hagen also an seinem Mordplan fest? Hegt er eine persönliche Abneigung gegen den Xantener König, wie man sie beispielsweise Ortwin unterstellen könnte, den Siegfried ja einst durch seine Weigerung, mit ihm zu kämpfen, beleidigt hatte 28 ? Handelt es sich vielleicht um Geldgier, ein Vorwurf, der häufig in Zusammenhang mit dem Hortraub gegen ihn erhoben wird 29 ?
21 NL, 858,4; auch: „meinraete“, 906,3
22 ebd., 864,3
23 ebd., 870,1-4
24 ebd., 873,3
25 ebd., 870,1
26 ebd., 860
27 ebd., 894,2
28 ebd., 118
29 vgl. Mackensen, S. 145
6
Arbeit zitieren:
2001, Die Rolle Hagens im Nibelungenlied, München, GRIN Verlag GmbH
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