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Eurydike ist tot. Weiblichkeit und Tod am Beispiel der Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke

Hausarbeit, 2000, 18 Seiten
Autor: Monique Weinert
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Details

Veranstaltung: Das Geschlecht der Künste
Institution/Hochschule: Friedrich-Schiller-Universität Jena (Literaturwissenschaft)
Tags: Eurydike, Weiblichkeit, Beispiel, Sonette, Orpheus, Rainer, Maria, Rilke, Geschlecht, Künste
Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2000
Seiten: 18
Note: 1-
Literaturverzeichnis: ~ 13  Einträge
Sprache: Deutsch

Archivnummer: V36852
ISBN (E-Book): 978-3-638-36370-9

Dateigröße: 182 KB


Textauszug (computergeneriert)

Eurydike ist tot. Weiblichkeit und Tod am Beispiel
der Sonette an Orpheus von Rainer Maria Rilke

von: Monique Weinert

 


Eurydike ist tot

Weiblichkeit und Tod am Beispiel der „Sonette an Orpheus“1 von Rainer Maria Rilke Eurydike ist tot. Und „Orpheus singt“ (1./ I). Nein mehr noch, er klagt, klagt nach Eurydike, erschafft sie neu aus ihrem Tod heraus, erschafft sie und doch nicht sie, denn was er da ersingt, ist „fast ein Mädchen“ (1./ II), fast. Vielmehr ist es die Vorstellung, die Idee jenes Mädchens Eurydike, die da „ging hervor aus diesem einigen Glück von Sang und Leier.“ (1./ II) Glück? Glück, daß Eurydike tot ist? Glück, weil Eurydikes Tod den Gesang und die Leier vereinigt? Glück, weil diese Einigkeit Eurydike neu erschafft? „[...] Ein Mädchen fast...“ Warum klagt Orpheus? Beklagt er denn wirklich den Tod der Geliebten oder klagt er um des Klageliedes willen? Und als plötzlich jäh der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -, [...]2 Warum nur, Orpheus, hast du dich umgedreht? Ist die Anrufung einer toten Geliebten ein Versuch, sie künstlich gegen den Tod zu bewahren, oder ein Versuch, das Können des Dichters zu verewigen? Wessen Triumph ist es, wenn der Dichter eine tote Geliebte wiederbelebt und auferstehen läßt?3 Nun, ihr Triumph ist es nicht, denn sie wird nicht wirklich gegen den Tod bewahrt. Wir erinnern uns: Orpheus ist zwar in die Unterwelt gegangen, um seine Eurydike zurückzuholen, doch „er hat sich umgewendet“ und mußte deshalb ohne sie in die Welt der Lebenden zurückkehren. Was da gegen den Tod bewahrt wird, ist ihr Andenken, nicht sie. Dich aber will ich nun, Dich, die ich kannte [...] noch ein Mal erinnern [...]. (1./ XXV) Trotzdem geht die durch den Tod einer geliebten Frau inspirierte Dichtung über einen einfachen „Akt des Erinnerns“4 hinaus, denn sie „[geht] hervor“ (1./II) aus ihr, ist somit in ihrer Abwesenheit dennoch präsent. Die Tote wird idealisiert, ihr wird ein Denk- oder auch Grabmal gesetzt. Das Gedicht zum Gedenken einer toten schönen Frau fungiert [...] als „Sema“ oder Zeichen, das die Grabstätte einer „Heroine“ bezeichnet, in dem es den Körper der Verstorbenen ersetzt.5 Und genau darin liegt der zweite Grund, warum die Neuschaffung durch Dichtung ihr Triumph nicht sein kann, denn ihre Präsens geht nicht über die poetische Schöpfung hinaus.

„[Sie] schlief in mir.“ (1./ II Außerhalb der Dichtung ist und bleibt sie absent, sie ist sozusagen in der Dichtung konserviert, aber... [...] man weiß, daß die Konserve etwas ist, was in einer Büchse eingeschlossen ist, d.h. die Erhaltung bringt die Wiederholung, die Unbeweglichkeit mit sich, letztendlich berührt sie, was sie vermeiden will, nämlich den Tod.6 Eurydike ist tot und Eurydike bleibt tot. Und Orpheus mag singen, es wird sich nichts daran ändern. Doch scheinbar liegt das ja auch nicht im Interesse seines Gesangs. [...] wie hast du sie vollendet, daß sie nicht begehrte, erst wach zu sein? Sieh, sie erstand und schlief. (1./ II)

So wie sie jetzt ist, ist sie vollkommen. „Der Tod macht den Körper zu einer vollkommenen Version ihres einstigen Selbst.“7 In ihrem Tod, in ihrer Bewegungslosigkeit ist sie so makellos, so schön, denn weder durch Wort noch durch Tat könnte sie dieser Vollendetheit abruch tun. Diese Eurydike ist doch dem Orpheus näher, als es die echte, lebendige hätte jemals sein können, denn wer ist denn dieser Orpheus? Orpheus, der appollinisch-dionysische Gott, steht für den inneren Bezug von Auflösung und Ordnung, von Vergessen und Wissen, von Chtonischem und Reinem, Klaren, von Wandel und Bleiben [...].8 D.h., „Orpheus ist der Gott des kreisläufigen Für-sich-Seins.“9 Und wer ist wohl mehr für-sich als die tote, schlafende10 Eurydike, „die im Tode das verlorene Mädchentum, das unverzweckte Für-sich-sein, welches ihr der Mann genommen hat, wieder gewinnt“11?

[...]


1 R. M. Rilke. Sonette an Orpheus. S. 239ff.

2 R. M. Rilke. Orpheus. Eurydike. Hermes. S. 503.

3 Elisabeth Bronfen. Die tote Geliebte. S.524.

4 Elisabeth Bronfen. Die tote Geliebte. S.524.

5 Elisabeth Bronfen. Das „poetischste“... S.108.

6 Hélène Cixous. Wer singt... S. 69.

7 Elisabeth Bronfen. Szenen am Totenbett. S.133.

8 Annette Gerok-Reiter. Wink und Wandlung. S. 103.

9 Ernst Leisi. Rilkes Sonette an Orpheus. S.153.

10 Vgl. William Shakespeare. Hamlet. 3. Akt/ 5. Szene. „To die-to sleep, no more.“

11 Ernst Leisi. Wie Latentes ... S.28.


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